Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2002. In der FAZ erklärt Sir Simon Rattle, dass er und die Berliner Philharmoniker das Orchester des 21. Jahrhunderts werden wollen. In der FR erzählt Susan Sontag, wie sie einmal Thomas Mann zum Tee besuchte. In der SZ argumentiert Richard Rorty gegen einen Krieg mit dem Irak. Die NZZ denkt über den Zeitgeist nach. Die taz erklärt bayerische Kulturpolitik.

FAZ, 07.09.2002

Heute Abend dirigiert Sir Simon Rattle sein erstes Konzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. In seiner ersten Spielzeit will er nicht nur dirigieren, sondern auch als Pianist mit den Philharmonikern im Quartett musizieren, erzählt er im Interview Eleonore Büning. "Ich hoffe sehr, dass ich, wenn ich dann später wieder oben auf diesem Kasten stehen muss, der so scheußliche Dinge mit dem Ego anstellt, trotzdem weiterhin Kammermusik mit den Philharmonikern mache. Mit einigen von ihnen werde ich wieder das 'Quatuor' von Messiaen spielen, das ich übrigens auch schon mit den Wiener Philharmonikern gespielt habe. Messiaen hatte diesen Part für sich selbst komponiert, er war kein viel besserer Pianist als ich. Dieser Kammermusikabend soll eine kleine Geste sein: Hallo, ich bin jetzt Teil dieser Familie." Und für die Zukunft kündigt Sir Simon an: "Die Philharmoniker und ich sind uns einig darüber, dass wir das Orchester des 21. Jahrhunderts werden wollen - was immer das sein mag."

Florian Illies stellt die Männer vor, die für den Posten des nächsten Kulturministers in Betracht kommen: Bei der CDU Norbert Lammert und Christoph Stölzl (im Gespräch sei allerdings auch Hans Belting). Bei der FDP Florian Langenscheidt. Bei der SPD wird es wohl Julian Nida-Rümelin bleiben, wenn sich die Aktivitäten von Monika Griefahn tatsächlich darauf beschränken, "mehr Pressemitteilungen zu den kulturellen Folgen der Flutkatastrophe" zu verschicken als Nida-Rümelin, wie Illies schreibt.

Weitere Artikel: Paul Ingendaay beobachtete in einem Tross von Journalisten den Einzug der Gäste zur Hochzeit von Ana Aznar Botella, der Tochter des spanischen Regierungschefs: "Die Minister der Aznar-Regierung ... gehören zu den ersten Gästen. Sind ihre Frauen schön, machen wir großen Lärm. Die Minister halten inne, drehen sich, zeigen ihre Frauen wie eine Trophäe, besonders, wenn es die zweite ist, und schreiten weiter." Jochen Schmidt berichtet, dass heute das Jagdschloss von Erich Mielke in Berlin versteigert wird. Marcel Reich-Ranicki gratuliert Peter Wapnewski zum Achtzigsten. Abgedruckt ist die Laudatio von Peter von Matt auf Goethe-Preisträger Marcel Reich-Ranicki.

Besprochen werden die Ausstellung "Vierzig Jahre: Fluxus und die Folgen" in Wiesbaden, der Episodenfilm "11/09" bei den Filmfestspielen in Venedig und Marleen Gorris' Film "Lushins Verteidigung". Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Herbert Grönemeyer, Laurie Anderson, das Duo "Badesalz" und eine CD, auf der Heiner Goebbels kompositorisches Material von Hanns Eisler bearbeitet hat.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius "flußbild mit engel" von Kathrin Schmidt vor:

"ein ausgepeitschter engel quirlt die spree
sie kniet sich tiefer in die stadt und strudelt
die fetten raten sind mit tod besudelt 
und werfen schatten in den pappelschnee

ich weiß es noch wie wir den engel peitschten
der so nach holz und schöpfung roch und lachte
weil uns der gott von monowitz bewachte
der gott der deutschen und der eingedeutschten

FR, 07.09.2002

Die FR stand heute morgen nicht im Netz und muss darum kursorisch abgehandelt werden. Hier ein Link aufs Feuilleton, falls die Zeitung heute noch aktualisiert wird.

In seiner Kolumne aus Venedig bespricht Daniel Kothenschulte den Episodenfilm "11 09 01". Petra Kohse begleitet Christoph Schlingensief bei seinen Wahlkampfspektakeln. Christian Thomas macht sich Gedanken zum Tag des Denkmals. Aus Peter Michalziks Biografie über Siegfried Unseld darf man das Kapitel über das Jahr 1968 lesen. Der Historiker Rudolf von Thadden spricht mit Christian Schlüter über Europa als Erinnerungslandschaft. Adam Olschewski bespricht Herbert Grönemeyers CD "Mensch". Und der amerikanische Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker Geoffrey Hartman trägt auf einer ganzen Seite seine Nachgedanken zum 11. September vor.

Im Magazin empfehlen wir Jörn-Jacob Rohwers eher biografisch gehaltenes Gespräch mit Susan Sontag, die ein neues Klima der Repression in den USA beklagt und erzählt, wie sie im Alter von 14 Jahren bei Thomas Mann anrief, als dieser noch in Los Angeles lebte, um sich frech zum Tee einladen zu lassen: "Als ich erwähnte, wie sehr ich den 'Zauberberg' liebte, verfiel er in einen langsamen, fast pompösen Tonfall und sagte: 'Ja, ich glaube, das ist mein bestes Buch.' Sehr langsam, fast feierlich, aber einfach hinreißend." Ferner im Magazin ein Text des Autors Kevin Baker über seine Erlebnisse in New York am 11. September.

TAZ, 07.09.2002

Ira Mazzoni informiert - die wahlkampfwirksame Eröffnung der Pinakothek der Moderne steht bevor - den Rest der Republik darüber, wie Kulturpolitik in Bayern aussieht - und eben deshalb bald auch bundesweit aussehen könnte. Historisch: "Bayerns Herrscher hatten schon eh und je den Bauwurm." Und heute: "Unsere Kultur ist gleichermaßen der veredelnde Schmelz über dem Hightech-Land." Sagt der bayerische Kultusminister Zehetmaier. Mazzoni formuliert das so: "Bayerische Kulturpolitik ist museal. Im Vordergrund stehen die Aufgaben: erhalten, bewahren und pflegen. Von zeitgenössischer Kunst, wie sie im Vordergrund der Bundeskulturstiftung steht, findet sich in den Verlautbarungen des bayerischen Kulturministers relativ wenig, auch wenn er sich wünscht, dass es in seinen Opernhäusern und Theatern wenigsten einmal im Jahr richtig kracht!" Übrigens steht in der Verfassung Bayerns schwarz auf weiß: "Bayern ist ein Kulturstaat."

Ein Interview gibt es mit Kevin Cummins, der jetzt einen Fotoband über die immerhin seit 1987 nicht mehr existierende Band The Smiths veröffentlicht hat. Aber von wegen vorgestrig: "Wenn man sich im Internet umschaut, sind die Smiths lebendiger denn je. Man stößt dort schnell auf abertausende von Morrissey- und Smiths-Fans, die offensichtlich nichts anderes tun, als sich Tag und Nacht über die Texte von Morrissey zu unterhalten." Stimmt, stimmt, stimmt, stimmt.

Christina Nord berichtet aus Venedig, heute ausschließlich vom Kompilationsfilm "11 09 01 - September 11", der im Vorfeld bereits den schrecklichen Verdacht des Antiamerikanismus auf sich gezogen hat.

Und Tom.
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NZZ, 07.09.2002

In der Beilage "Bilder und Zeiten" schreibt Ralf Konersmann einen Essay über den "großen Verführer", den Zeitgeist. Der Zeitgeist lehrt die Menschen, "was sie lieben, was sie richtig und geschmackvoll finden sollen, und ebenso, was sie zu missbilligen und zurückzuweisen haben. So wacht der Zeitgeist über correctness und incorrectness, und sichert nach außen, was wir als geistige Heimat empfinden. Tatsächlich stiftet er Identitäten - und hat das, zum Leidwesen seiner Verächter, schon immer getan, selbst in der Antike. Wovon alle überzeugt sind, konnte vor rund zweieinhalb Jahrtausenden Aristoteles mit entwaffnender Knappheit konstatieren, das nennen wir wirklich." Und dann holt Konersmann richtig aus: von den Griechen geht es zur Renaissance, über Bacon zu den französischen Enzyklopädisten und dann zu Herder, Hegel und Adorno.

Weitere Artikel: Peter Urban-Halle erinnert an die fünf Jahre, die der 1927 verstorbene dänische Essayist und Literaturkritiker Georg Brandes in Berlin verbracht hat. Und Richard Wall vergegenwärtigt Antonin Artauds Reise auf die irischen Aran-Inseln 1937, die "katastrophal" endete und ihn "schließlich in die geschlossene Anstalt" führte.

Im Feuilleton macht sich Florian Harms Gedanken über den "Krieg der Bilder" zwischen Israel und den Palästinensern. Andrea Köhler berichtet, wie sich New York auf den 9. September vorbereitet. Rolf Urs Ringger schreibt über das "Septembre musical 02" in Montreux-Vevey. Und Roman Hollenstein annonciert die Eröffnung der 8. Architekturbiennale von Venedig.

Besprochen werden ein Gastspiel des Concertgebouworkest Amsterdam beim Lucerne Festival und Bücher, darunter Andreas Schendels Roman "Fluchtpunkt", Christian Tilitzkis Studie über die deutsche Universitätsphilosophie 1918-1945, ein Band mit Martin Heideggers Vorlesungen der Jahre 1933/34 und die große Halldor-Laxness-Biografie von Halldor Gudmundsson (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

SZ, 07.09.2002

Nun mischt sich auch der amerikanische Philosoph Richard Rorty (seine Homepage in Stanford) ein in die Diskussion um den möglichen Krieg gegen den Irak - seine Position ist unzweideutig: "Niemand weiß genau, weshalb sich die Regierung den Irak als nächstes Ziel ausgesucht hat. Die simpelste Hypothese lautet: Man hat der amerikanischen Öffentlichkeit bereits beigebracht, dass Saddam Hussein 'schlimmer als Hitler' ist; daher bedarf ein Angriff auf den Irak keiner langen Entschuldigung." Und Gerhard Schröder hat einen neuen Freund: "Europhile wie ich sind natürlich entzückt, dass Bundeskanzler Schröder und andere europäische Politiker solchen Zweifeln immer wieder Ausdruck geben. Wir teilen die Betroffenheit, mit der Europäer die abenteuerliche Arroganz betrachten, die unsere Regierung seit dem Amtsantritt von Bush an den Tag gelegt hat."

Tobias Kniebe singt, im zweiten Teil der Kolumne zur Zukunft des Internet, ein Loblied auf Google, unser aller Lieblingssuchmaschine (70 Prozent aller Anfragen, erfahren wir, werden Google anvertraut): "Googles Erfolg ist unaufhaltsam, weil er unaufhaltsame Kräfte nutzt. Weil Kontrolle abgegeben wird an einen, der es besser weiß: das Kollektiv der User, das von Einzelnen nicht manipulierbar ist. Weil selbst Werbekunden für viel Geld die Bedeutung einer Suche nicht verfälschen können. Weil zum ersten Mal der Versuch gelungen ist, Komplexität vom Benutzer fern zu halten - es gibt bekanntlich nur ein Eingabefenster - aber zugleich eine höhere Ordnung der Komplexität zu schaffen." Dass es auch kritische Stimmen zu Google gibt, berichteten wir neulich in der Magazinrundschau.

Außerdem: Ganz passend in der Münchner Residenz ist die Ausstellung "Pracht und Zeremoniell" (hier die Website) zu sehen, Dorothe Müller war dort. Alex Rühle macht sich, mit Kafka, Gedanken zum, gähn, TV-Duell. Ira Mazzoni klagt über den falschen Umgang mit dem Tag des offenen Denkmals. Jürgen Oelkers berichtet von der in den USA stattfindenden Liberalisierung der Schulwahl - und prophezeit sie auch für Deutschland. Tilman Spengler bescheinigt dem Mediävisten Peter Wapnewski zum 80. Geburtstag "hohen muot" und "höveschkeit".

Während alle Welt nach Venedig guckt, ist Susan Vahabzadeh ins französische Deauville gefahren, wo alljährlich die größte Leistungsschau des amerikanischen Films (Website) stattfindet. Die Stars, von Tom Hanks bis Gwyneth Paltrow, wegen Venedig ohnehin in Europa, waren auch da. Tobias Kniebe wiederum berichtet aus Venedig, und zwar wie die anderen auch vom Kurzfilm-Sampler "11 09 01 September 11". Gescheitert ist dagegen die Architektur-Biennale in Venedig, findet jedenfalls Jörg Häntzschel. Dazu gibt's ein - kurzes - Interview mit dem Biennale-Chef Deyan Sudjic.

In der SZ am Wochenende widmet man sich heute vor allem einem Datum in vielen Ausfertigungen:

Robin Detje erinnert sich an den 11. September - und zwar den des Jahres 1982: "Und dann am 11. September 1982 das große Friedenskonzert zum 'Krefelder Appell' in Bochum, vor über 100.000 zahlenden, natürlich kommunistisch gesteuerten Zuschauern. Die Reporterin Marie Hüllenkremer beobachtete gerührt, wie Tausende Feuerzeuge und Wunderkerzen aufflammten, und 'da schlug Clown Jango Edwards seine Purzelbäume, und die polnische Jüdin Esther Bejareno stimmte gemeinsam mit drei Palästinensern jüdische und palästinensische Lieder an'."

Rebecca Casati und Michael Cornelius haben eine Weltchronik zusammengestellt, am Leitfaden aller wichtigen 11. September, die sie auftreiben konnten. Schlacht bei Cressingham, Geburt Adornos und Beckenbauers, Tod Allendes: Pop-Journalismus. Eine sehr persönliche Bilanz gibt es, das eine Jahr resümierend, das in New York vergangen ist seit dem 11. September, nur wer sie zieht, das verrät die SZ dem Internet-Leser leider nicht.

Aber es finden sich auch andere Themen, ein Interview mit Peter Gabriel zum Beispiel, über Dämonen, seine vor allem. Und eine Kurzgeschichte von Sibylle Lewitscharoff.

Besprochen werden unter anderem eine Biografie Simon Rattles und eine Anthologie mit 110 New Yorker Geschichten zum 11. September. Und Gustav Seibt bespricht Bände aus der neuen Thomas-Mann-Ausgabe. (Mehr in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr.)