Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2002. "Als ein herrliches Sonnenrad rauscht das Orchestertutti". Die FAZ und die SZ feiern mit dem Antrittskonzert Simon Rattles als Chef der Berliner Philharmoniker den Beginn einer neuen Ära. Die NZZ enthüllt, womit sich die New Yorker zum Jahrestag des 11. Septembers beschäftigen - mit ihren Fingernägeln. Die taz resümiert die Documenta.

FAZ, 09.09.2002

Ach, Berlin. Als Musikstadt schlägt dich so leicht keine: "Es war ein großer Jubel und Glanz um ihn", schreibt Eleonore Büning über Simon Rattle, der am Samstag mit Mahlers Fünfter sein Antrittskonzert als neuer Chef der Philharmoniker gab. Büning schildert ihr "Deja entendu": "Als ein herrliches Sonnenrad rauscht das Orchestertutti zum Hauptthema des zweiten Satzes auf. Brucknerischen Kinderglauben zelebriert dann später der Blechbläserchoral, und das folgende Scherzo wird vollends versinnlicht zu einer veritablen Hornkonzert-Show, wozu der obligate Solohorn-Spieler nach vorne an die Rampe kommt. 'Geistige Transzendenz' contra 'dreidimensionales Musizieren' - 'romantische Individualität' contra 'Brillanz' und 'Objektivität': In diesen Gegensätzen fassten Karl Holl und andere dereinst maßgeblich den Unterschied zwischen Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan. Dies lässt sich auch, bestürzenderweise, auf Abbado und Rattle anwenden, bei allen Unterschieden der Erscheinung. Ja, man könnte ohne weiteres alte Kritiken hernehmen und die eignen, heutigen wie ein Abziehbild darüber legen. Es passt." Da außer der SZ alle anderen der von uns ausgewerteten Zeitungen schweigen, verlinken wir auch auf die Kritik im Tagesspiegel, auf die Markierung einer "ernsten Grenze" in der Berliner Zeitung und die Begrüßung in der Welt.

Weitere Artikel: Zwei Artikel auf der Aufmacherseite (denn das historische Rattle-Konzert wird auf Seite 3 verbannt) befassen sich mit Bildung. Jürgen Kaube erzählt, was McKinsey (jene Agentur, die den Enron-Konzern zu Tode inspirierte) zu den Problemen im deutschen Bildungswesen sagt). Christoph Albrecht besuchte den BundesschülerInnenkongress in Darmstadt. Dieter Bartetzko besucht die Architekturbiennale in Venedig. Gerhard R. Koch macht deutlich, dass es trotz Berlin auch anderswo aufregende Konzerte gibt und berichtet ganz begeistert über Mark-Anthony Turnages Concerto grosso "Scorched", das in Frankfurt Jazz- und E-Musik aufeinanderprallen ließ. Michael Althen fasst die letzten Tage beim Filmfestival von Venedig zusammen (während die Perlentaucher-Kolumne bereits die Preise kommentiert). Heinrich Wefing besucht den Flugzeugfriedhof in der amerikanischen Mojave-Wüste. Kerstin Holm liefert kurze Impressionen von der Moskauer Buchmesse, bei der vor allem Neuerscheinungen über den gloriosen Präsidenten Putin vorgestellt wurden. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, in denen es um das Thema des Rechtsextremismus geht. Eva Menasse berichtet über einen Nachlass aus der Verwandtschaft Egon Schieles, in dem zwar keine Bilder aber ein Tagebuch mit Klatsch entdekct wurde.

Auf der letzten Seite stellt Hans-Joachim Neubauer ein künstlerisches Wohnprojekt in Berlin-Hellersdorf vor, das ein wenig Leben in die Plattenbaustadt bringen soll. Michael Martens porträtiert den serbischen Schauspieler Velimir Zivojinovic, der an Stelle des in Den Haag verhinderten Milosevic in den Wahlkmapf ziehen soll. Und Heinrich Detering kolportiert einen dänischen Streit um modernisierte Fassungen von Andersens Märchen. Nun hat der Grandseigneur der dänischen Literatur, Villy Sorensen, eine Fassung vorgelegt, die allgemein auf Zustimmung stößt. Auf der Medienseite berichtet Zhou Derong über eine immer schärfere Medien- und Internetzensur in China. Bert Rebhandl erinnert sich an legendäre Kanzlerduelle in Österreich. Und Michael Hanfeld trifft den österreichischen RTL-Mann Gerhard Zeiler, der erklärt, was deutschen Kanzlerduellen (im Gegensatz zu österreischischen) fehlt.

Besprochen wird außerdem Ulla Wagners Kinodebüt "Anna Wunder".

NZZ, 09.09.2002

Die kroatische Autorin Dubravka Ugresic ("Lesen verboten") schickt einige bunte, aber höchst amüsant zu lesende Impressionen aus New York vor dem Jahrestag. Zum Beispiel gibt es gerade eine Mode der Fingernagelbemalung: "Wenn New York das Zentrum der Welt ist, woran ich als provinzielle Osteuropäerin nicht zweifle, dann kann man aus dessen Blickwinkel sagen, dass die Nägel ihren absoluten Modeboom erleben. Sogar Studenten der Kunstakademien machen damit ihren kleinen Profit. 'Obwohl ich nicht religiös bin, habe ich mich auf Madonnen spezialisiert', erklärte in einer New Yorker Zeitung eine Studentin der Malerei, die sich etwas dazuverdient, indem sie die Nägel ihrer Kunden mit Madonnenfigürchen schmückt." Und vor dem MoMA geschah folgendes: "Unglaubliche Warteschlangen sah ich vor der Gerhard-Richter-Ausstellung im MoMA. Die Ostdeutschen pflegten lange nach Südfrüchten anzustehen. Als wollten sie das wieder gutmachen, stehen die New Yorker jetzt noch länger an, um die Bilder eines ehemaligen Ostdeutschen anzusehen."

Martin Walder denkt noch mal über den Zürcher Marthaler-Streit nach und plädiert letztlich, trotz mancher Kritik, für den Regisseur als Chef des Schauspiels: Das Marthaler-Theater... ist ein Team-Theater, das in Zürich eine große Energie verströmt. Im Einzel-Gastspiel ist die nicht zu haben. Diese Energie ist Teil einer Theatersprache, die längst den deutschsprachigen Raum vernetzt hat. Auch in Zürich. Insofern stellt sich nun wohl drängender auch die Frage nach einer Zürcher Theaterpolitik, die die unterschiedlichen Bedürfnisse differenziert ins Auge nimmt. Mit Marthaler."

Weitere Artikel: Alfred Zimmerlin porträtiert die Komponistin Olga Neuwirth, die gerade Composer in Residence beim Lucerne Musikfestival ist. Marli Feldvoss resümiert das Festival von Venedig und findet Moritz de Hadelns Einstand durchaus gelungen. Marc Zitzmann stellt die neue Saison am Pariser Chatelet vor. Besprochen werden ein Abend des Theatermanns Stephan Müller bei der Expo, eine Ausstellung über den jüdischen Widerstand im Berliner Kronprinzenpalais, Mahlers Siebte unter Franz Welser-Möst in Zürich und das Tanzstück "Under Construction" von Gilles Jobin bei den Berliner Festspielen.

FR, 09.09.2002

Christian Thomas stellt deutsche Modelle auf der Architekturbiennale in Venedig vor. Rüdiger Suchsland schreibt über Takeshi Kitanos Liebesmelodram "Dolls" und andere magische Momente beim Festival von Venedig. Ein unbekannter Autor (jedenfalls im Internet) wundert sich über ein pyrotechnisches Großereignis, nämlich die "Schlossbeleuchtung" in Heidelberg. Besprochen werden "Hochwassertheater", nämlich Beaumarchais' "Der tolle Tag" in Dresden und Horvaths "Der jüngste Tag" im Festspielhaus Hellerau und politische Bücher, darunter drei Bände zum 11. September (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 09.09.2002

Niklaus Hablützel resümiert die Documenta11, die in dieser Woche zu Ende geht. "Enwezors Konzept hat die Wahrnehmung der gegenwärtigen Kunst keineswegs auf politisch korrekte Botschaften verengt ... es neigt vielmehr dazu, diese Wahrnehmung überhaupt überflüssig zu machen. Denn wichtiger als das tatsächlich wahrnehmbare Werk scheint Enwezor in der Regel seine verbale Interpretation, so als sei selbst ein optisches Spielzeug wie "FluxSpace3.0/Mspace" des New Yorker Architektenteams Asymptote nur die Illustration eines Fachvortrags. Das Ergebnis ist ein unentschlossenes Durcheinander von möglichen Beispielen möglicher Antworten auf mögliche Fragen. Das genaue Gegenteil also einer gelungenen politischen Demonstration. Niemand soll überzeugt werden, die Kunstwerke nehmen eher die Stelle jener berüchtigten Zettel aus den Selbsterfahrungsgruppen des mittleren Managements ein, auf denen man seine Wünsche, Schwächen und Stärken aufschreiben muss."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels war bei einer Lesung zum Auftakt der Büchersaison im Literarischen Colloquium Berlin, wo ihm vor allem auffiel, wie schwer sich die Autoren taten, ihre Arbeiten eingehender zu analysieren. Cristina Nord erklärt, warum die Wettbewerbsfilme es in diesem Jahr in Venedig so schwer hatten: Sie mussten gegen die Klassiker in der Michelangelo-Antonioni-Retrospektive bestehen. Und in der Reihe "personal der wahl" porträtiert Detlef Kuhlbrodt die PDS-Politikerin Petra Pau.

Schließlich Tom.

SZ, 09.09.2002

"Was für ein Auftritt!" jubelt Wolfgang Schreiber über Sir Simon Rattles Antrittskonzert mit Thomas Aedes "Asyla" und Mahlers Fünfter. "Der neue Chefdirigent der Berliner vollbringt mit seinem Orchester, das er übrigens ab Mitte der Achtziger immer wieder dirigiert hat, Wunder an Transparenz und Ekstase, Klangschärfe, Doppelbödigkeit: Mahler ist hier gezielt ein Künstler der Moderne. Hat man den ersten Satz schon so widerborstig gehört in den Tonflächenreibungen, den Choral darin so aufgewühlt, das Scherzo, mit Solo-Hornist neben dem Dirigenten, in den Stimmen so gesplittert, das sentimental verhunzbare Adagietto so zerquält im Mittelteil? Eine Symphonie wie eine offene Wunde, leidend am verzweifelten Willen zur Schönheit."

Petra Steinberger erklärt, wie im drohenden Krieg gegen den Irak die Rollen zwischen Militär und Politik in den USA neu verteilt werden. Das "geliebte Klischee 'Militär gleich konservativ gleich Republikaner'" gelte nicht mehr. "Auf einmal, scheint es, stellt sich ein Großteil des Militärs und der Veteranen gegen ihre üblichen parteilichen Fürsprecher. Sie warnen vor einem übereilten Schlag ohne Koordination mit und Unterstützung durch die Verbündeten, sie fragen nach der Exit-Strategie, warnen vor 'mission creep' oder zweifeln die Stichhaltigkeit einer akuten Bedrohung durch Saddam Hussein gleich ganz an." Alles Lehren, die die Militärs aus dem Vietnamkrieg gezogen haben. Die Neokonservativen dagegen, angeführt von Eliot Cohen, Professor für strategische Studien an der Johns Hopkins Universität, fordern, dass der Zivilist die "politische Zielsetzung" bestimmt, "das Militär befasst sich dann mit der Strategie. Und keiner mischt sich ein in die Belange des anderen."

Weitere Artikel: Wolfgang Koydl stellt "zahllose" Neuerscheinungen zum Jahrestag der Terroranschläge vor, die alle nicht nach den Hintergründen des Terrors fragen. Jens Bisky hat zugehört, als letzten Freitag Jürgen Kluge, der Chef von McKinsey Deutschland, auf einem Berliner Kongress ein bildungspolitisches Manifest vorgestellt hat. Obwohl es durchaus "vernünftige" Vorschläge gab, war Bisky äußerst unwohl dabei: "Gut laufen soll es, die Ausführung übernehmen Experten und Inspektoren. So ergeht es einer Gesellschaft, die über ihre wichtigen Angelegenheiten nicht mehr streiten will: Sie fällt in die Hände der Berater und Agenturen."

Christine Dössel berichtet, dass die Entlassung Christoph Marthalers verschoben wird, wenn es ihm gelingt, "bis Ende September 3,5 Millionen Franken (das sind 2, 4 Millionen Euro) von privater Seite aufzubringen". Sonja Zekri hat den Moskauer Kleinverlag "Ad Marginem" (homepage) besucht, der nicht nur wegen Wladimir Sorokin unter politischen Druck geriet. Jonathan Fischer erklärt, warum der deutsche HipHop in seiner schwersten Krise steckt. Christian Kortmann begab sich für die Reihe "Heimatkunde" an die Bar. Und Rainer Gansera schreibt aus Venedig über die Filme von Stephen Frears und Lee Chang-Dong - und den Auftritt Antonionis, der seine Standing Ovations im Parkett entgegennahm: Die Stufen zur Bühne schaffte er zwar nicht mehr, "aber immer noch hat er diesen 'Kopf eines römischen Kaisers', wie ihn Alfred Andersch beschrieb: '... mit den beiden bitteren Falten, die von den Nasenflügeln zum Mund führen, dem genauen Verhältnis von Nasen-Dreieck zu strenger Mund-Horizontale'."

Besprochen werden zwei überflutete Theateraufführungen in Dresden, die an den Bauzaun der Topographie des Terrors gepinnte Foto-Ausstellung "Vor aller Augen" (mehr hier), die die öffentliche Deportation deutscher Juden dokumentiert. Lessings "Miss Sara Sampson" in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Hamburger Thalia Theater, Marc Fosters Film "Monster's Ball" und Bücher, darunter ein Bild- und Dokumentarband zu Thomas Bernhard und ein Jenisches Wörterbuch (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).