Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2002. Die NZZ analysiert die "debakulöse Lage" im Marthaler-Streit. In der FAZ kritisiert Hans-Ulrich Gumbrecht sowohl den europäischen als auch den amerikanischen Standpunkt zum möglichen Irak-Krieg. Die FR staunt über die Nabokov-Verfilmung "Lushins Verteidigung". Die taz macht Kino und Musik zum Schwerpunkt. Die SZ erkennt: Architekten sind auch nicht klüger.

NZZ, 06.09.2002

Barbara Villiger Heilig analysiert die "debakulöse Lage" im Streit zwischen Christoph Marthaler und dem Zürcher Stadtrat und stellt die Frage nach weiteren Perspektiven : "Und nun? So viel: Wer das Ausnahmetheater des Künstlers Christoph Marthaler und seiner Leute wünscht, soll großzügig mit offenen Posten rechnen. Wer enger rechen will, muss auf dieses Theater außerhalb der bekannten Normen verzichten. - Das bedeutet aber auch, und dessen sind sich die betroffenen Theatermacher vielleicht gar nicht voll bewusst: Ihr Kunstprojekt reklamiert einen Sonderstatus, etwas wie - eben - Denkmalschutz."

Im Lokalkulturteil berichtet "ked.", wie die Marthaler-Fans Geld auftreiben wollen, um einen Verbleib des Schauspielchefs zu ermöglichen. "Pi." berichtet, wie der Stadtpräsident mit Marthaler-Sympathisanten vermittelt. Und in einem Kommentar schreibt "sir.", die Defizite des Schauspiels seien schlimmer als die der Expo 02. "Dort wächst das Defizit täglich, aber die Zuschauer kommen in Scharen. Im Schauspielhaus wächst das Defizit auch täglich, aber die Zuschauer sind in den letzten zwei Spielzeiten nicht einmal zum Nulltarif in Scharen gekommen."

Das Wiener Obdachlosenheim in der Meldemannstraße wird geschlossen, berichtet Paul Jandl, und wir lernen daraus, dass das Heim, in dem Hitler seine Boheme-Jahre als talentloser Maler verbrachte, bis heute in Betrieb war: Finanziert wurde es seinerzeit "vom privaten 'Kaiser-Franz- Joseph-I.-Jubiläumsfonds für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen', der wiederum sein Geld vorwiegend von jüdischen Spendern erhielt. Mit seinen Einzelkojen, seinen sanitären Anlagen und seiner schieren Größe war das Institut epochal, eine Art sozialer Hotellerie, die sich als 'Wunder an Eleganz und Billigkeit' anpreisen ließ. Irgendwann muss das Gebäude stolz gewesen sein, mit seinen fünf Stockwerken und dem Versuch, den nüchternen sozialen Zweck durch zartes Ornament zu verschönern. Jetzt hat man ihm den Neubau des Technikums in die Straße geklotzt und die ganze Umgebung umgegraben."

Weiteres: Hubertus Adam begibt sich zur Floriade 2002, einer Gartenschau, die alle zehn Jahre in den Niederlanden stattfindet. Tobias Hoffmann annonicert einen Intendantenwechsel in Freiburg im Breisgau. Besprochen werden eine Hendrick-Goltzius-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle und das Akzente-Heft über Tradition (mehr hier).

Auf der Filmseite unterhält sich Alxandra Stäheli mit Michael Huber und Stephen Beckner, deren Film "Birdseye" in Locarno von sich reden machte. Bespochen wird Sam Mendes' Film "Road to Perdition".

FAZ, 06.09.2002

Hans-Ulrich Gumbrecht (mehr hier) kritisiert in der Debatte um den möglichen Irak-Krieg sowohl den europäischen als auch den amerikanischen Diskurs wegen moralischer Vernebelung: "Das Problem der moralisierenden Menschheitsdiskurse ist, dass sie es nicht zulassen, konkrete Interessengegensätze und Interessenkonvergenzen zu identifizieren. Das Aufeinanderprallen des europäischen und des amerikanischen Moraldiskurses kann auf beiden Seiten nur Irritation und Gesten leerer Entrüstung hervorrufen." Zugleich stellt Gumbrecht eine Entsolidarisierung der Europäer mit Amerika fest: "Wolken von Moral und sanfter Friedensgestimmtheit umgeben die neue Solidarität, aus der beispielsweise eine von Bombenattentaten unbeeindruckte kollektive Sympathie mit den Palästinensern entstanden ist." In einem zweiten Artikel zum 11. September will der israelische Historiker Gadi Taub aus dem Ereignis immerhin eine Hoffnung auf Klärung der Verhältnisse im Nahen Osten ziehen.

Frank Schirrmacher höchstselbst bespricht Peter Michalziks Biografie über den Verleger Siegfried Unseld und polemisiert dabei gegen den SZ-Artikel seines ehemaligen Feuilletonchefs Ulrich Raulff, der ausgeplaudert habe, "dass Unseld momentan so krank sei, dass ihm nichts mehr von öffentlichen Diskussionen mitgeteilt werde, und dass er überhaupt so gut wie nichts mehr mitbekomme. Das ist voreilig. Unselds Leben ist groß und stark; es sprengt jeden Satz dieser Biografie."

Weitere Artikel: Brigitte Kronauer setzt die Reihe der Schriftsteller-Antworten auf den Chandos-Brief fort. Ilona Lehnart freut sich, dass das Sommerhaus von Max Liebermann am Großen Wannsee restauriert wird. Wiebke Hüster resümiert den Berliner "Tanz im August". Dirk Schümer schreibt in seiner Kolumne von der Mostra unter anderem über die Filme "Un viaggio chiamato amore", "Der Kuss des Bären" und "Dolls" (siehe auch Robert Mattheis' Pelentaucher-Kolumne). Und Georg Imdahl verfolgt den Rechtsstreit des Lisstzky-Erben Jen Lissitzky um sein Erbe.

Für die letzte Seite schreibt Christian Schwägerl über die Londoner Kew Gardens, einen der größten und besten botanischen Gärten der Welt, der zu einer Weltzentrale des Artenschutzes wird. Felicitas von Lovenberg versucht, den Erfolg der Bestsellerautorin Diana Gabaldon zu verstehen. Und Andreas Platthaus schreibt ein kleines Profil über den Comic-Autoren Art Spiegelman. Auf der Medienseite erfahren wir von Siegfried Stadler, dass ARD und ZDF im Hinblick auf den fünfzigsten Jahrestag gleich drei Fernsehfilme über den 17. Juni planen.

Besprochen werden eine Wilhelm-Busch-Ausstellung in Hannover und Julio Medems Film "Lucia und der Sex".

TAZ, 06.09.2002

Kino und Musik sind die heutigen Schwerpunkte. Daniel Bax untersucht im Aufmachertext "die Gratwanderung der Proll-Komödie in multikulturellen Zeiten". Anlässlich des Kinostarts der erfolgreichen englischen Komödie "Ali G. Indahouse" stellt er zum Genre "Migranten-Comedy" allgemein fest: Zwar lasse "sich aus den Missverständnissen und Absurditäten des multiethnischen Alltags, den kleinen und großen Reibereien der urbanen Kulturen durchaus allerhand satirisches Material abschöpfen. Nur erschöpft sich gelegentlich der Witz darin, sich schlicht über die Andersartigkeit des Anderen zu mokieren. (...) Dann siedelt auch der vermeintliche so fortschrittliche Multikulti-Witz manchmal recht nahe am gewöhnlichen Ressentiment.

Weitere Artikel: Christina Nord berichtet von den Filmfestspielen in Venedig, wo Takashi Kitano mit seinem Bunrako-Melodram "Dolls" endlich "eine Serie von Enttäuschungen" unterbrach. Eva-Maria Schnurr richtet den documenta11 spot heute auf die Arbeit "Transaction" der litauischen Künstler Nomeda und Gediminas Urbonas. Besprochen werden Herbert Grönemeyers neues Album "Mensch" ("in erster Linie Trauerarbeit"), außerdem ein Album der US-Rockband Queens Of The Stone Age und Thomas Groetz' Studie zum Thema "Deutscher Punk und New Wave in der Nachbarschaft von Joseph Beuys" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Schließlich Tom.
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FR, 06.09.2002

"Das Ding funktioniert, treppauf, treppab", schreibt Ulf Erdmann Ziegler - fast ein bisschen erstaunt - über Marleen Gorris' Verfilmung des Nabokov-Romans "Lushins Verteidigung". Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen einem Schachspieler und einer jungen Frau aus besseren russischen Kreisen, gespielt von John Turturro und Emily Watson - "er das autistische Genie, sie die entflammte Jungfer" - im Berlin der Exilrussen der 20er Jahre. "Gedreht an Schauplätzen in Italien und Ungarn, bedient der Film das komplette Spektrum einer Alten Welt, mit Herren und Dienstboten, schweren Vorhängen und geschwungenen Freitreppen, guten Partien und gefallenen Mädchen ... So haben wir hier einen Kostümfilm mit dem Pathos eines gestärkten Stehkragens, in dessen filigranem Ambiente der Eigensinn in Form lebensgroßer, hochfragiler Figuren in Erscheinung tritt." (Hier zwei Kostproben von Nabokovs Schachproblemen.)

Weitere Artikel: Guido Graf beklagt die Pläne, in Bargfeld, dem ehemaligen Wohnort von Arno Schmidt eine riesige Geflügelmastfarm zu errichten. Hans-Klaus Jungheinrich lobt die Einrichtung des Composers-in-Residence beim Lucerne Festival, die in diesem Jahr Pierre Boulez und Olga Neuwirth beherbergte. Und in der Kolumne Times mager erzählt Frank Keil, wie er neulich eine Diashow von und mit Christo und Jeanne-Claude besuchte und offenbar nicht laut "Kitsch" gesagt hat, obwohl es ihm "immer wieder" auf den Lippen lag. Und Slavoj Zizek erläutert in einem Essay seine These, wonach die USA seit dem 11. September mit ihrem "Krieg gegen den Terror" "ihr moralisches Kapital verspielt" habe.

Besprochen werden Kathryn Bigelows U-Boot-Drama "K-19", Marc Fosters Südstaatendrama "Monster's Ball" und die CD der Woche, das Album "Zoomer" von SchneiderTM, bürgerlich Dirk Dresselhaus aus Bielefeld.

SZ, 06.09.2002

Volker Breidecker betreibt anlässlich des nahenden Jahrestages am 11. September "Spökenkiekerei" und resümiert noch einmal die Katastrophen-Algebra, die nun wieder zur Anwendung kommt: "Anstatt dass die Leute sich auf einen Tag des Eingedenkens einstimmen, steht die Frage im Vordergrund, ob ein 'Terror-Feiertag' mit 'Jubiläumsattentaten' bevorstehe." Allerdings gibt er zu bedenken: "Da sämtliche magischen Rechenoperationen seit dem 11. September 2001 aber immer wieder auf die Zahl 23 kommen, sollte man sich in diesem Jahr vielleicht doch mehr vor dem 23. September fürchten, der in Deutschland der Tag nach den Wahlen sein wird."

Im Zusammenhang mit dem Berliner "Weltkongress der Architektur" (SZ vom 22. Juli) wurden Architekten als "kommunikationsgestörte Autisten" beschrieben. In seinem Diskussionsbeitrag über die Zukunft des Berufsbildes stellt Wolfgang Pehnt, Architekturkritiker und Lehrbeauftragter für Baugeschichte in Bochum, fest, den Beruf müsse man nicht neu erfinden. Er wäre allerdings froh, wenn der Architekt "täte, was seines Amtes ist. Vor Überforderungen, die nur Depressionen erzeugen, sollte man ihn bewahren. Wirklich, er muss sich nicht mit der jeweils aktuellen Philosophie ausrüsten, vorgestern mit Virilio Dromologie betreiben, gestern mit Deleuze Rhizome hegen, heute mit Ulrich Beck immanente Transzendenz einüben. (...) Die Enttäuschung (...) scheint mir von der altmodischen Heilserwartung gespeist, dass der Architekt es besser wissen müsse als der Großteil der Gesellschaft. Nein, muss er nicht, weiß er nicht. Er ist auch nicht klüger als wir anderen."

Weitere Artikel: Sonja Zekri beschreibt Potsdamer Begegnungen in Moskau: Ein "intellektuelles Gipfeltreffen" von Architekten und Stadtplanern "im Schatten neuer Stalingotik". Christine Dössel berichtet über die Proteste in Zürich gegen den Rausschmiss von Christoph Marthaler. Holger Liebs wirft einen Vorabblick in die Münchner Pinakothek der Moderne, die, das war Herrn Stoiber sehr wichtig, am 16. September pünktlich vor der Wahl eröffnet wird. Reinhard J. Brembeck begrüßt Simon Rattle, ab morgen neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, als "Erlöser". Joachim Riedl hat ein bislang unbekanntes Manuskript gelesen, das bizarre Details aus dem Leben des Malers Egon Schiele erzählt: "Innerhalb seiner Verwandtschaft galt der Querkopf als nur schwer erträgliches Ekel". Rainer Gansera berichtet von den Filmfestspielen in Venedig über Beiträge von Takeshi Kitano, Michele Placido und Arturo Ripstein. Claus Koch räsoniert über die Katastrophe und das "Maß ihres Gelingens" und kommt zu dem Schluss, dass "Naturkatastrophen zu nichts nütze" sind.

Besprochen werden eine Ausstellung zur habsburgischen Vergangenheit der Oberlausitz in Zittau, eine halbszenische Parsifal-Inszenierung von Claudio Abbado in Luzern, John McKays Film "Heiraten für Fortgeschrittene" (Originaltitel: "Crush") mit Andie MacDowell und Bücher, darunter eine deutsche Neuausgabe von "Alice im Wunderland", ein Roman von Graham Lord über die Leiden leitender Angestellter und ein Standardwerk über den britischen Kolonialismus (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).