Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2002. In der SZ wirft Salman Rushdie seinem Kollegen V.S. Naipaul vor, Stimmung gegen die Moslems zu machen. Die FR fand die allgemein sehr gelobte Leipziger Buchmesse mal wieder "ostig schnuckelig". Die NZZ kommt (wie die FAZ) auf den Eklat beim Pariser Salon du Livre zurück. In der taz porträtiert Gabriele Goettle den Direktor der Wiener Wasserwerke. Die FAZ sieht den Bundesrat als Fürstenkongress.

SZ, 25.03.2002

Nur ganz kurz, weil die Zeitungen es noch nicht melden konnten. Die Oscars sind vergeben. Bester Film ist "A Beautiful Mind". Aber als größtes Ereignis dürften die Oscars für Halle Berry als beste Schauspielerin und Denzel Washington als bestem Schauspieler gelten. Halle Berry ist die erste schwarze Schauspielerin, die den Preis bekommt. "I'm so honored and I thank the Academy for choosing me to be the vessel for which His blessing may flow", sagte sie in ihrer Dankesrede. Ute Thon hat uns zu den Oscars einen Link des Tages geschickt, den wir in der nächsten Stunde auf unsere Seiten stellen.

Und jetzt zum Tageswerk:

Ist V.S. Naipaul der Cheerleader indischer Nationalisten? Salman Rushdie wirft in der SZ dem Nobelpreisträger V.S. Naipaul eben dies noch einmal vor (das erste Mal hat er es in einem Artikel in der Washington Post getan). Im Interview mit Andrian Kreye erklärt Rushdie, warum: "Naipaul war bei so einer literarischen Veranstaltung in Delhi, wo man seinen Nobelpreis gefeiert hat, und da hat er behauptet, dass die Invasion der Moslems, die ungefähr im Jahre 1000 nach Christus begann, die Kultur Indiens zerstört hätte, und dass sie in Indien eine Zivilisation der Sklaven installiert hätten. Das ist zwar vollkommener Blödsinn, aber genau so hat er das gesagt. Und dann hat er den Aufstieg des Hindu-Nationalismus, den die Hindupartei BJP und ihre finsteren Handlanger vertreten, als Rückkehr zum Selbstbewusstsein der Nation der Hindu bezeichnet. Eine Woche später wurden dann diese Greueltaten an den Moslems begangen. Mit seinen Äußerungen hat sich Naipaul auf die Seite der Hindufaschisten gestellt, die in Indien Menschen verbrennen und moslemische Gebäude zerstören. Damit schändet er den Nobelpreis." Da hätten wir jetzt aber gern und ganz schnell auch ein Interview mit Mister Naipaul.

Einem Skandal apokalyptischen Ausmaßes sieht Alexander Kissler die katholische Kirche ausgesetzt. Vornehmlich in den USA haben sich "offenbar in den letzten Jahrzehnten Hunderte von Pfarrern an Tausenden von Kindern sexuell vergangen." Allein seit Jahresbeginn wurden 55 amerikanische Priester ihres Amtes enthoben, weil sie der Macht des Bösen erlegen sind. "Die Sünde erhebt machtvoll ihr Haupt im Innern der Kirche, und niemand dürfte unverwandelt aus diesem Sturm hervorgehen."

Weiteres: Zum Abschluss der Leipziger Buchmesse resümiert Ijoma Mangold, "dass es der Stadt und ihrer Messe von Jahr zu Jahr mit größerem Erfolg gelingt, zwischen Lektüreeinsamkeit und Massenevent eine Form zu finden, in der Bücher eine mittlere Öffentlichkeit zu mobilisieren verstehen, ohne sich dabei selbst zu verleugnen". Jürgen Berger sucht nach Wegen aus der Finanzmisere der deutschen Theater, und Jonathan Fischer gratuliert - respect, sister! - Aretha Franklin (mehr hier) zum siebzigsten Geburtstag, was ziemlich uncharmant ist: sie wird heute nämlich erst 60, brother!

Besprechungen widmen sich: dem "Parsifal" in der Inszenierung von Claudio Abbado und Peter Stein bei den Salzburger Osterfestspielen. Penderecki, der in München Penderecki dirigierte und nur schnellen Applaus bekam. Der 25. Kunstbiennale in Sao Paulo, bei der deutsche Gegenwartskünstler offenbar einen starken Auftritt haben: Dem Animationsfilm "Ace Age" (einer Art prähistorischer "Schneewestern"). Lukas Bärfuss' Stück "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" in München. Einem Gastspiel des Nederlands Dans Theaters ebendort sowie der deutschen Premiere von Jon Fosses "Winter" in Zürich.

Und Bücher: Michael Hardts und Antonio Negris Manifest "Empire. Die neue Weltordnung", Karl Heinz Bohrers neue Schrift "Ästhetische Negativität" sowie Sheryl Wudunns und Nicholas Kristofs Studie über den neuen Aufstieg Asiens "Ferner Donner". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

Auf der Medien-Seite berichten Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott, dass Bayerns Minsiterpräsident Stoiber im Fall Kirch den Banken freie Hand gegeben hat. "Die Landesbank und die anderen Kreditinstitute sollen den Patriarchen zum freiwilligen Aufgeben überreden und sein Medienreich übernehmen. Und zwar schnell. 'Bis Karfreitag müssen wir durch sein', betont ein Insider, der zu den Verhandlungsführern zählt." Und Christopher Keil sieht durch den Grimme-Preis an Peter Kloeppel, Anchorman bei RTL, die Nachrichtenwelt aus den Fugen geraten: "Auch nicht öffentlich-rechtliche Sender können angemessen informieren."

Hinzweisen ist außerdem auf das heute beiliegende jetzt-Magazin: Acht Autoren reisen ihren Lieblingsbüchern nach.

FR, 25.03.2002

Zum Ende der Leipziger Buchmesse findet Marius Meller, dass es trotz der "unsagbaren Peinlichkeit" der Fernsehgala wieder "schön ostig schnuckelig" gewesen ist. "Die Leipziger Messe wird den Kommerzialisierungsdrall verkraften, wie sie den Umzug in die neuen Hallen verkraftet hat. Dass es mit dem Bücherpreis nicht so weitergeht, hat auch Günter Grass bereits zugegeben. Vielleicht sollte man für nächstes Jahr den Trash-Effekt noch verstärken, etwa mit Thomas Gottschalk als Moderator, mit Heino, dem Naabtal-Duo und den wiederbelebten Fischer-Chören. Denn im Grunde war die Deutsche Bücher-Preis-Gala das größte Kunstwerk seit der Erfindung der Fischsuppe."

Besprochen werden: Edith Clevers Inszenierung von Becketts "Glückliche Tage" in Wien sowie Claudio Abbados und Peter Steins Aufführung des "Parsifal" bei den Salzburger Osterfestspielen und politische Bücher, darunter William Julius Wilsons Band über "Soziale Ungleichheit in den USA" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 25.03.2002

Der Monat ist fast vorbei, am letzten Montag schreibt wie gewohnt Gabriele Goettle. Diesmal lässt sie den Direktor der Wiener Wasserwerke, Hans Sailer, erzählen, der sein Reich wie der Drache den Schatz gegen alle Privatisierungsinteressen verteidigt. "'In Deutschland sagt man Daseinsfürsorge - das ist ein höchst interessantes Wort, auch wenns ein hässliches Kunstwort ist, es trifft was. Das muss der Staat dem Bürger garantieren können, und zwar was die Nachhaltigkeit betrifft. Aber die neoliberalen Bestrebungen zielen aufs Gegenteil. Na ja, das ist eine Ideologiefrage natürlich ... wir leben nun mal momentan in der Ideologie des Neoliberalismus ... das ist nun einmal so! Ich meine, die sind von ihrer Ideologie geprägt, genauso ...', er lacht, 'wie ich von der 68er-Ideologie geprägt war. Sie demontieren den Staat', er lacht, 'aber eben anders als von den 68ern erhofft'."

Wie daneben noch ein zweiter Text Platz gefunden hat, ist zwar ein Rätsel, dennoch liefert Gerrit Bartels ein Ranking von der Leipziger Buchmesse (mehr hier): "Grass vor Wolf, dann Kempowski".

Schließlich Tom.
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NZZ, 25.03.2002

Auch Jürgen Ritte berichtet über den Eklat auf dem Pariser Salon du Livre und hält die Worte des italienischen Delegations leiters Vittorio Sgarbi fest, der die Messe verließ: "Der italienische Pavillon ist manu militari von Kommunisten und globalen Bewegungen besetzt worden, die Nazis und Faschisten sind (. . .). Es gibt keinerlei Ordnungsdienst. Ich bin Kunstkritiker und Schriftsteller, ich habe schon alle möglichen Buchmessen besucht. Hier konnte ich mir keine Bücher anschauen. So etwas ist mir noch nie passiert, nicht einmal in Kuba. Frankreich ist kein demokratisches Land." Aber eine Republik!

Weiteres: Joachim Güntner beschreibt die wichtigsten Trends der Leipziger Buchmesse - neben dem Ostrevival, kleptomanischen Lesern und dem aus allen Nähten platzenden "Leipzig liest" sind es vor allem Nischenprodukte mit "zweistelligen Wachstumsraten": Hörbücher und Comics (Mangas!). Lilo Weber schickt eine lange Reportage aus dem Senegal, wo die Tänzerin Germaine Acogny eine in Afrika einzigartige Schule für professionelle Tänzer betreibt, die Ecole des Sables, an der auch schon Susanne Linke unterrichtete. Ludger Lütkehaus schreibt zum Tod des deutschen Psychoanalytikers Johannes Cremerius. Klaus Englert meldet, dass Rem Kohlhaas Pläne fürs Ruhrgebiet (nämlich die Essener Zeche Zollverein und einen die Henrichshütte in Hattingen) hat. Kritiken widmen sich Jossi Wielers Inszenierung von Jon Fosses "Winter" in Zürich, dem "Parsifal" an den Osterfestspielen Salzburg, dem Lucerne Festival Ostern (dessen Pläne für den Sommer in einem nebenstehenden Kasten vorgestellt werden) und einer Zinsstag-Uraufführung mit dem Orchestre de la Suisse romande.

FAZ, 25.03.2002

Patrick Bahners hat am Wochenende nicht geruht und einen äußerst versierten Artikel über das Verfassungsorgan Bundesrat vefasst. Zwar will er keine Antwort auf die Frage geben, ob die Abstimmung des Landes Brandenburg für das Zuwanderungsgesetz gegen das Votum seines Innenministers nun gültig ist oder nicht. Aber immerhin informiert er uns: "Deutsche Verfassungen sind föderative Verfassungen. Charakteristisch für den deutschen Föderalismus ist, dass die Glieder an der Willensbildung des Gesamtverbundes mitwirken und zwar dergestalt, dass sie bei der Formierung des Gesamtwillens ihren Einzelwillen unvermischt und unverkennbar zur Geltung bringen. In diesem Sinne haben sich die Väter des Grundgesetzes für den Bundesrat und gegen die 'Senatslösung' entschieden, gegen eine von den Landesparlamenten nach Parteienproporz beschickte zweite Kammer." Und übrigens, meint Bahners, hat der Ministerpräsident eines Landes bei der Abstimmung wohl doch das letzte Wort: "Der Bundesrat wäre dann ein Fürstenkongress.".

Tilman Spreckelsen ist zufrieden. Vor der Leipziger Buchmesse war die Stimmung schlechter als hinterher: "Am Ende bewährte sich Leipzig aufs neue als Publikumsmesse von Gnaden, stellte mit siebenundsiebzigtausend Gästen einen neuen Besucherrekord auf und ließ auch die besorgten Standesvertreter wieder strahlen. Dieter Schormann, der Vorsteher des Börsenvereins, hatte die erwünschte 'Aufbruchstimmung' unter den Verlagen ausgemacht, und auch die Zuschauer waren es zufrieden."

Joseph Hanimann resümiert den Pariser Salon du livre mit seinem Italienschwerpunkt aus Pariser Sicht: "Wie funktioniert Kultur, wenn die Politiker das Feld schon geräumt haben? Als Zwischenergebnis darf gemeldet werden: Sie funktioniert vorzüglich." Und Dirk Schümer erklärt aus italienischer Sicht den Eklat des Rückzugs der italienischen Delegation. Selbst linke Politiker hätten vergrätzt auf die Arroganz reagiert, mit der die eingeladenen Ehrengäste von den Pariser Moralprofis abgefertigt wurden.

Weiteres: Gerhard Stadelmaier feiert Jutta Lampe in Edith Clevers Wiener Inszenierung von Becketts "Glücklichen Tagen" (und verliert auch ein paar Worte über Jossi Wielers Inszenierung von Jon Fosses "Winter" in Zürich). Gerhard R. Koch sah Claudio Abbado und Peter Stein mit dem "Parsifal" in Salzburg scheitern Andreas Kilb bringt Eindrücke von der Trauerfeier für die Gräfin Dönhoff mit und sah den letzten Hauch des Preußentums aus der Zeit schwinden, "als ein Artikel des Chefredakteurs Joffe mit dem eingerückten Bild des Autors erschien, ein Verhalten, dessen Anmaßung Gräfin Dönhoff, wie man sie kannte, mit starken Worten verdammt hätte". (Kaum ist die Gräfin tot, da tanzt die Nachkommenschaft auf den Tischen!) Edo Reents gratuliert Aretha Franklin zum Sechzigsten. Martin Walser verwahrt sich gegen die Behauptung Günter Grass', er wolle Hegel in den schwäbischen Dialekt rückübersetzen. Maria Kijowska gratuliert dem Autor Wieslaw Mysliwski zum Siebzigsten. Dietmar Polaczek schildert Eindrücke von der Riesendemonstration gegen Berlusconi in Rom am Wochenende.

Auf der Medienseite unterrichtet uns Michael Ludwig über Unregelmäßigkeiten und die Rolle der Medien im ukrainischen Wahlkampf. Jörg Thomann gibt dem ZDF recht und will nichts an "Wetten dass..." ändern. Sandra Kegel berichtet von der Verleihung der Grimme-Preise. Auf der letzten Seite schildert Andreas Rosenfelder den Fall des Siegener Gesamtschullehrers Bernhard Nolz, der ein kleines Friedensinstitut leitet und von seiner Schule versetzt wurde, als er die amerikanische Außenpolitik kritisierte und seine Schüler zur Wehrdienstverweigerung aufforderte. Ilona Lehnart stellt uns Hortensia Völckers vor, die der Bundeskulturstftung als Künstlerische Leiterin vorsteht. Und Gina Thomas wundert sich über eine ungezähmte Margaret Thatcher, die in ihrem jüngsten Buch für einen Austritt Großbritanniens aus der EU plädiert, nun aber von einem Schlaganfall dahingestreckt wurde und sich auf Anraten ihrer Ärzte aus der Politik zurückziehen soll.

Besprechungen gelten einer Ausstellung über den Prinzen Shokotu, der im sechsten Jahrhundert das moderne Japan prägte im Städtischen Museum Nagoya, Michael Tilson Thomas' Uraufführung seiner eigenen "Poems of Emily Dickinson" in San Francisco, Volker Brauns Stück "Limes. Mark Aurel" in Kassel und einem Konzert der der auf Tournee befindlichen amerikanischen Gruppe "Jimmy Eat World".