Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2002. In der FAZ erklärt der Evolutionsbiologe Ernst Mayr, warum der liebe Gott kein Problem mit einem Klon hat. Die taz besucht Hermann Kant. In der FR schreibt Karl Schlögel über Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang". Die SZ wundert sich über Salman Rushdie, der V.S. Naipaul vorwarf, den Nobelpreis geschändet zu haben.

FAZ, 12.03.2002

Nachdem die Los Angeles Times im "bislang spektakulärsten Pressecoup dieses Jahres" am Wochenende geheime Pläne des Pentagon (Nuclear Posture Review, als pdf-Dokument mit Rumsfelds Unterschrift hier) zu einer neuen Atombewaffnung veröffentlicht hat, sieht Heinrich Wefing die Welt an der Schwelle eines neuen Atomzeitalters. "Es ist, als hätten die Offiziere und Rüstungsfachleute George W. Bushs grimmiges Versprechen, Amerika werde seine Feinde verfolgen, wohin sie sich auch wendeten, und die Löcher 'ausräuchern', in die sie sich vergraben würden, als präzisen Handlungsauftrag verstanden. Als Bitte des Präsidenten, ihm Zündhölzer und Räucherstäbchen in die Hand zu geben, mit denen sich viel Qualm machen lasse. Und viel Feuer. Sie haben den Auftrag erfüllt." Geplant ist unter anderem die Entwicklung kleiner Nuklearsprengköpfe mit reduzierter 'Nebenwirkung'. Damit, so Wefing, wächst die Verführung, sie tatsächlich einzusetzen.

In einem langen Interview schmettert der 97-jährige Evolutionsbiologe Ernst Mayr (mehr hier) alle Versuche der FAZ-Redakteure Christian Schwägerl und Joachim Müller-Jung ab, ihn in eine ethische Debatte zu verwickeln. Mit dem Klonen hat der bekennende Atheist gar kein Problem: "Die Gefahren durch das Klonen werden immer furchtbar übertrieben. Wenn ein Paar unter Fruchtbarkeitsproblemen leidet oder eine Frau einige schwierige Schwangerschaften hinter sich hat, warum soll man zum Beispiel vom ersten Kind keinen Klon erzeugen? Dann geht das Paar eben ins Cloning-Zentrum und lässt sich von seinem kleinen Andy eine genetische Kopie anfertigen. Das wird doch ein geliebtes Kind. Das Klonen ist also nicht notwendigerweise ein Übel. Wir sind doch inzwischen weggekommen von der Idee, dass ein lieber Gott genau im Moment der sexuellen Befruchtung die Seele in den Menschen steckt. Wenn Gott wirklich der Allmächtige ist, dann steckt er sie im Moment des Klonens eben in den Klon."

Weitere Artikel: Der zimbabwische Autor Chenjerai Hove erklärt im Interview, warum es in Zimbabwe zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. "Die meisten sind angewidert von dem politischen und wirtschaftlichen System. Fast alle Wahlkreise wurden das letzte Mal von der Opposition gewonnen. Nicht, weil die Bevölkerung für die Opposition war, sondern weil ihr nicht gefiel, was Mugabe tat." Der Lehrer Wilhelm Goller, der in Beit Jala an einer Privatschule unterrichtet, erzählt, wie er die israelische Panzerinvasion in der Bethlehem-Region erlebt hat. Camilla Blechen beschreibt die neuen Künstler-, Sammler- und Museumsräume in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Eleonore Büning hat zugehört, als Harry Kupfer seinen Abschied von der Komischen Oper mit Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" gab. Wiebke Hüster hat zugeguckt, wie das Leipziger Ballett Choreographien von George Balanchine einstudiert, die "das Eleganteste, Schnellste, Brillanteste und Schönste (sind), was man auf Spitze tanzen kann". Martin Halter berichtet über Schwierigkeiten des Basler Literaturhauses und seiner Intendantin Margit Manz. Dda schreibt den Nachruf auf den Künstler Mati Klarwein. Und im Aufmacher des Feuilletons schreibt Siegfried Lenz den Nachruf auf Marion Gräfin Dönhoff. Auch Roger de Weck hat eine Erinnerung an die Gräfin geschrieben.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite beschreibt Harald Hartung "einige Erfahrungen beim Schreiben von Lyrik". Und auf der Medienseite beschreibt Jordan Mejias einen "sensationellen" Dokumentarfilm der Brüder Naudet vom 11. September, der am Sonntag abend auf CBS ausgestrahlt wurde. Jules Naudet, ein filmischer Amateur, war am 11. September im WTC eingeschlossen. "Als vielleicht größte Überraschung von Ə/11' kann gelten, dass die Bilder, besonders eindringlich gerade in ihrer spasmodischen Absichtslosigkeit, Konkurrenz bekommen. Schnipsel der Tonspur, wenn sie nicht, wie allzu häufig, von getragenen Weisen und Worten überlagert wird, lenken gegen jede Erfahrung von der Bilderflut ab. Im Gegensatz zur Feuerwolke ist eben der Knall, der sie begleitet, noch nicht im kollektiven Gedächtnis bekömmlich gespeichert." Weniger gefallen haben Mejias die CBS-Zutaten. Dazu gehörte ein Auftritt von Robert de Niro, der die Zuschauer "vor dem ungepflegten Vokabular der Feuerwehrleute" warnte.

Besprochen werden die Ausstellung "Archäologie in Deutschland" im Japanischen Palais Dresden, ein "Don Carlos" in Dresden, eine Ausstellung mit Werke des brasilianischen Künstlers Helio Oiticica im Kölnischen Kunstverein, ein Film über den englischen Künstler Andy Galsworthy, ein Konzert der "Sofa Surfers" im Berliner SO 36 und Bücher, darunter ein Band über chinesische Mythen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 12.03.2002

Der Historiker Karl Schlögel beschäftigt sich noch einmal mit Günter Grass' Erzählung "Im Krebsgang". Er erinnert daran, dass der Kölner Historiker Andreas Hillgruber bereits 1986 mit seinem Essay "Zweierlei Untergang" einen "nachdenklichen und sorgfältig formulierten Text" vorgelegt habe, der für Schlögel etwas leistet, das Grass nicht vermochte: "wie man eine Sprache findet für etwas, wo einem die Sprache stockt: für eine geschichtliche Katastrophe, die im Schatten einer anderen geschah und über die zu sprechen fast unmöglich geworden war, weil sie allzu leicht als Apologie verstanden werden konnte". Im Gegenteil, bei Grass werde "der dramatische Stoff, aus dem das Verstummen, das Schweigen der Deutschen gemacht ist, nicht einmal angefasst." Doch immerhin, so prophezeit Schlögel, "werden (wir) uns jetzt, nachdem der Literatur-Nobelpreisträger gesprochen hat, nicht retten können vor mutigen Wortmeldungen. Die Dissertationen, die man sich bisher zu schreiben nicht getraut hat, werden jetzt geschrieben werden."

Auf der Seite Forum Humanwissenschaften setzt sich Hans Ulrich Gumbrecht mit Heinz Schlaffers "Kurzer Geschichte der deutschen Literatur" auseinander. "In einem kulturellen Milieu, dessen tränenfeuchter Historismus, 'keinem ostwestfälischen Fabrikschlot', wie Niklas Luhmann einmal gesagt hat, die Auratisierung zum geschichtlichen Monument verweigern will, hat die polemische Pointe von Schlaffer" Gumbrechts volle Sympathie. "Doch Schlaffer stößt mit seinem Plädoyer für literaturgeschichtliche Kürze eine Folge-Frage an, die nicht so leicht zu beantworten ist. Das ist die Frage, warum sich die Leser (zumal bei soviel berechtigter Wertschätzung für die großen literarischen Werke) überhaupt noch mit einer Literaturgeschichte aufhalten sollen - auch wenn diese Literaturgeschichte verspricht, kurz zu sein."

Weiteres: Andreas Brenner und Jörg Zirfas analysieren aus gegebenem Anlass in einem unterhaltsamen Text den "Klüngel als Lebensform und System". Micky Remann würdigt in einem Porträt den Odenwälder Verleger Werner Pieper, dessen Reihe "MedienXperimente" 30 Jahre alt wird. In der Kolumne "Times mager" wird die New Yorker Ausstellung "The Short Century: Independence and Liberations Movements in Africa, 1945-1994" vorgestellt, die der diesjährige documenta-Leiter Okwui Enwezor im P.S.1 (mehr hier) kuratiert hat. Berichtet wird außerdem von den schmerzhaften Sparzumutungen, die auf den Berliner Kultursenator zukommen. Auf der Medienseite schreibt Werner Holzer den Nachruf auf Marion Gräfin Dönhoff.

Vorgestellt wird das neue Album des Gitarristen Joseph Suchy, die Ausstellung "Non Places" im Frankfurter Kunstverein (mehr hierbesichtigt, und Peter Thorwarths Film "Was nicht passt, wird passend gemacht" als "Bauarbeiterklamotte" mit Hang zu "Mätzchen" ziemlich verrissen. Über die Oberhausener Theaterinszenierung "Herr Mautz" von Sibylle Berg befindet die FR: "Die Erkenntnis, dass sogar ein Herr Mautz seinen Frieden finden kann, ist tröstend." Schließlich gibt es noch eine Kritik von Benjamin Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw" in Berlin, mit deren Inszenierung sich Regisseur Harry Kupfer nach 21 Jahren Dienstzeit von der Komischen Oper verabschiedet.

NZZ, 12.03.2002

Ein vermeintliches Machtwort hat Dieter Thomä einer semantischen Analyse unterzogen: "Biopolitik" - um festzustellen, dass es für unser Weltverständnis nicht brauchbar ist. Statt mit dem schwammigen Wort definitorische Schwächen zu überspielen, empfiehlt Thomä, dem "Oberton" nachzulauschen, den dieses Wort auslöse. Und was dringt dabei zu des Autors Ohren? Das Notsignal eines "tiefen Dilemmas", in das die Menschheit im Zuge der Moderne hineingeraten sei: "Es sind Phänomene der Desorientierung des Menschen, die sich zuallererst auf der körperlichen Ebene zu erkennen geben: Das moderne Schönheitsideal, mit dessen Erfüllung soziale Anerkennung winkt, wird zum Zwangsprogramm, das viele junge Frauen hineintreibt in die Magersucht". Dies sei - etwa neben den traumhaften Wachstumsquoten im Bereich der Psychopharmaka - ein "Anzeichen dafür, dass die Menschen in der Moderne mit ihrer eigenen Natur über Kreuz liegen."

Weitere Artikel: Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer haben das Hermes-Hochhaus von Renzo Piano (mehr hier) architektonisch inspiziert: einen 13-stöckigen Repräsentationsbau, der äußerlich als "magische Laterne" tatsächlich außergewöhnlich freundlich leuchte, wie es sich Hermes (mehr hier) gewünscht hatte. Doch innen hat sich das Autoren-Duo außergewöhnlich gelangweilt. Einen verzweifelten Matthias Fontheim hat Paul Jandl besucht. Der Krefelder leitet seit Herbst 2000 die Bühne der steirischen Landeshauptstadt Graz und kann trotz einer defizitären Vergangenheit Erfolge verbuchen - dennoch kündigte die Politik jetzt Einsparungen an, so dass die Zukunft der Bühne auf dem Spiel steht. Als deutsche Publizistin, die Maßstäbe setzte, würdigt die NZZ in ihrem Nachruf Marion Gräfin Dönhoff.

"In jedem Humor steckt auch schon der Tod", versichert der Schriftsteller Christian Uetz, dessen komisches Stück "Humor als Krankheit" die NZZ als Vorabdruck bringt.

Ansonsten dominiert heute das Rezensionsfeuilleton in der NZZ: besprochen werden eine Retrospektive des Landschaftsmalers Pierre-Louis De la Rive im Genfer Museum Rath, die Ausstellung einer Hamburger Ernst Ludwig Kirchner-Privatsammlung im Kirchner-Museum in Davos und Bücher, darunter Jochen Missfeldts Fliegerroman "Gespiegelter Himmel" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 12.03.2002

Andre Meier hat Hermann Kant besucht, der einen neuen Roman geschrieben hat. "In unserem imaginären DDR-Museum", schreibt Meier, "sitzt er ewig schon als knabenhafter Mittvierziger mit kantiger Brille neben einem lachenden Honecker: Kunst und Macht Schulter an Schulter." Ein Terrorist sei Kant - der "das System nicht sonderlich mag, in dem er wider Erwarten seinen Lebensabend verbringen muss" - nicht geworden: "Bärbeißigkeiten ja, aber doch keine Bomben". Auch die Aufnahme war offenbar freundlich: "Hermann Kant hat eine Suppe gekocht. Mit Fleischklößchen." (Mehr über das Buch in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.)

Auf den Tagesthemenseite schreibt Jan Feddersen den Nachruf auf Marion Gräfin Dönhoff.

Besprochen werden eine Ausstellung der prämierten Einsendungen für den "Peter Keetman Preis für Industriefotografie" im Hamburger Museum der Arbeit, Sibylle Bergs "Herr Mautz" in Oberhausen und Bücher, darunter der Romanerstling "Die Sünden der Faulheit" von Ulrich Peltzer und Gilles Kepels Schwarzbuch des Dschihad über "Aufstieg und Niedergang des Islamismus" (siehe auch unsere Bücherschau).

Und hier TOM.

SZ, 12.03.2002

Viel zu lesen heute. Auf den Literaturseiten geht die Debatte um "Die kleine Geschichte der deutschen Literatur" von Heinz Schlaffer in die nächste Runde. Nach der Feier von Ulrich Raulff und der Kritik des Schriftstellers Martin Mosebach ("fragwürdige Thesen") empfiehlt heute der emeritierte Bonner Literaturwissenschaftler Kurt Wölfel eine differenziertere Lesart: "Liest man, wie Mosebach, Schlaffers Büchlein ... als Konkurrenzunternehmen a la Reader's Digest zu den meist mehrbändigen Literaturgeschichten, dann mag die Lektüre allerdings zu einem Weg über lauter Stolpersteine werden. Nimmt man es aber für das, was es sein will: für einen Essay über 'Die kurze Geschichte der deutschen Literatur' - womit 'kurz' nicht mehr als Eigenschaft von Schlaffers Büchlein, sondern der Geschichte selbst steht - sieht die Sache anders aus..." Wölfel findet: "Auch das Diskutable darin ist diskussionswürdig."

Thomas Steinfeld zeigt sich erstaunt über Salman Rushdies offensichtliche "Rückkehr zu seinem indischen Ursprung". Rushdie hatte sich in der vergangenen Woche in der Washington Post "als ein Mann, der in Indien geboren wurde und aufgewachsen ist" ausführlich zu den Gewaltausschreitungen in Indien geäußert - und dabei V. S. Naipaul angegriffen und ihm "den Kampf angesagt". Naipaul, zitiert Steinfeld Rushdie, "hat in Indien nur eine Woche vor dem Ausbruch der Gewalttätigkeiten Reden gehalten, die indischen Muslims pauschal verurteilt und die nationalistische Bewegung gepriesen." Damit habe er "sich zum Gefolgsmann des indischen 'Faschismus' gemacht und den 'Nobelpreis' geschändet."

Weitere Themen
: Johannes Wilms analysiert den "Wahn falscher Stärke", der Israelis und Palästinenser in einer ebenso nutzlosen wie hartnäckigen Vergeltungslogik vereint. Ralf Hammerthaler zeigt, wie kolumbianische Intellektuelle und Künstler versuchen, "die Klischees über ihr Land zu korrigieren". Hermann Unterstöger liefert in der Reihe zur Zukunft der Schule "die Skizze eines perfekten Bildungsromans". Joachim Kaiser denkt in der Kolumne "Zwischenzeit" über die "rätselhafte Magie des Einfachen" nach. Stefan Koldehoff berichtet von einer Tagung mit Punktsieg für die Echtheitsbefürworter im Streit um Van Goghs angeblich falsche Sonnenblumen. Anlässlich seines fünfzigsten Geburtstags gibt der Komponist Wolfgang Rihm in einem Interview Auskunft über "die lustvolle und mühsame Arbeit, Musik zu erfinden". Zu lesen ist schließlich noch eine Zusammenfassung dessen, was Daniel Cohn-Bendit auf einer Podiumsdiskussion in Berlin zum Thema "Elend des Pragmatismus und das politische Gewicht Europas" beizusteuern hatte. Auf der Seite 3 nimmt Herbert Riehl-Heyse Abschied von Marion Gräfin Dönhoff.

Besprochen werden 
die Uraufführung von Ernst Jüngers Oper gewordener Erzählung "Auf den Marmorklippen" von Giorgio Battistelli am Mannheimer Nationaltheater, eine Aufführung von Messiaens Turangalila Symphonie, dirigiert von Zubin Mehta in München, ein Münchner Konzert des Cellisten Heinrich Schiff und des Pianisten Till Fellner mit viel Beethoven, die neue CD des Krakauer Tomasz Stanko Quartetts, die Aufführung von Simona Sabatos Stück "Nicht in den Mund" am Hamburger Thalia Theater, eine Aufführung von Sibylle Bergs Stück "Herr Mautz" in Oberhausen, das Teenie-Mutterschafts-Kino-Drama "Unterwegs mit Jungs" von Penny Marshall mit Drew Barrymore in der Hauptrolle, der Film "Was nicht passt, wird passend gemacht" von Peter Thorwarth, die Ausstellung des Brasilianers Helio Oiticica im Kölnischen Kunstverein und Bücher, darunter eine Studie über den Neid (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).