Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2002. Die taz hat im Philosophischen Quartett den Fetisch ruckeln sehen, die FR spürte dabei zumindest einen Hauch von Aufklärung, und auch die anderen sind nicht so begeistert. In der FR polemisiert Konrad Weiß gegen die rot-rote Koalition in Berlin. Die FAZ meldet bereits jetzt Zweifel an der Documenta 11 an.

NZZ, 22.01.2002

Naomi Bubis porträtiert den den israelischen Palästinenser Salman Natour und den Israeli Motti Lerner, die in der verzweifelten Lage des Nahen Ostens, nachdem sich selbst die meisten Intellektuellen zurückgezogen haben, unentwegt am Gedanken des Dialogs festhalten. "Gemeinsam haben Motti und Salman im Mai das 'Forum jüdischer und arabischer Schriftsteller' gegründet, vor einem Monat in Nazareth ihren ersten Kongress abgehalten. Alle wichtigen Journalisten hätten sie eingeladen, doch keiner sei gekommen, schimpft Motti. Das liege daran, dass auch die Medien nach rechts abgedriftet seien. 'Das Fernsehen ist heute nichts anderes als der verlängerte Arm des Militärsprechers', kritisiert er. Immerhin haben 200 Menschen an der Tagung teilgenommen."

Auch Peter Hagmann ist von Christoph Marthalers Zürcher Spektakel nach Schuberts "Schöner Müllerin" begeistert: "Tatsächlich erscheint 'Die schöne Müllerin' von den musikalisch-szenischen Versuchen Marthalers als der stillste, der am tiefsten lotet."

Weiteres: Heribert Seifert nimmt ein amerikanisches Buch unter die Lupe, das Harry Potter einen antichristlichen Okkultismus vorwirft. Vermeldet wird der Protest deutscher Verleger gegen den neuen Entwurf zum Urhebervertragsrecht. Besprechungen widmen sich dem Festival Swiss Contemporary Dance 2002 (mehr hier), Corneilles "Cid" in Bochum und Schillers "Don Karlos" in Mannheim in einer Doppelkritik. Besprochen werden auch einige Bücher, darunter Uwe Puschners Werk über "Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 22.01.2002

Gustav Seibt beobachtet misstrauisch die Etablierung eines neuen Politikfeldes durch den rot-roten Berliner Senat: die Geschichtspolitik. Hinter dem eigenen "Abschnitt in den Koalitionsvereinbarungen" unter der "schönen akademischen Überschrift 'Geschichtskultur'" und der Einrichtung einer "Geschichtsverwaltung" lauert aber laut Seibt nur eines: "bürokratische Besserwisserei". Und "hart am Rande der Unwahrheit ist die Rede vom 'Sieg des Faschismus über die gespaltene Arbeiterbewegung' ? das beschönigt die aktive Mitwirkung der Kommunisten an der parlamentarischen Blockade der Weimarer Verfassung und ihr Zusammenspiel mit der NSDAP beim Untergang der Republik weit übers Zulässige hinaus."

Willi Winkler rechnet auf der Medienseite mit dem "Philosophischen Quartett" ab. Nach Zitat einiger "atemberaubender Dialoge" formuliert er seinen Erkenntnisgewinn so: "Der Berg braucht den Messner so wenig wie die Philosophie die Herren Safranski und Sloterdijk. Zur Not kommt sogar die Angst ohne Schorlemmers Panazee aus, den wahrhaft furchteinflößenden Satz nämlich, den er an seine Wittenberger Schlosskirche hämmern möchte: 'Hier dürfen Sie singen!'"

Miriam Neubert berichtet von einer "Umtauschaktion", zu der die präsidententreue Jugendorganisation "Zusammen gehen" aufgerufen hatte: "Bücher der Gegenwartsautoren Viktor Pelewin, Wladimir Sorokin, aber auch von Karl Marx sollten in Moskau gegen einen Band von Kriegserzählungen des Sowjet-Schriftstellers Boris Wassiljew eingetauscht werden: Zwei Pelewins für einen Wassiljew; Sorokin und Marx je eins zu eins." Die Aktion fand dann doch nicht statt - wegen Desinteresses. Irina Scherbakowa stellt das Moskauer "Memorial" Archiv und Museum vor (mehr hier). Die 1989 gegründete Gesellschaft - ihr erster Vorsitzender war Andrej Sacharow - sammelt alles, "was das Schicksal der Opfer politischer Repressionen in der Sowjetunion dokumentiert".

Weitere Artikel: Alexander Kissler besuchte eine Darmstädter Tagung zur "Permanenz der Lebensreform". Ralf Berhorst protokolliert Teile einer Podiumsdiskussion mit dem amerikanischen Politikwissenschaftler Benjamin Barber zum Thema "Terrorismus und die Chancen einer demokratischen Globalisierung" in Berlin. Florian Welle informiert uns über die interdisziplinäre Tagung "V!rus" (sic) in Bonn, bei der es um nämliches als "konkretes Objekt" und als "Leitmetapher der Gegenwartskultur" ging. Außerdem zu lesen: ein Hinweis auf eine Lektüreanweisung von Leon Kass, dem Vorsitzenden des bioethischen Beraterstabes von George W. Bush, an seine Mitberater. Ein Nachruf auf den französischen Philosoph Jean-Toussaint Desanti. Ein Rückblick auf die Klassik-Musikmesse Midem. Eine kleine Betrachtung der "nationalen Rückseite" unseres neuen Geldes. Und eine Empörung von Joachim Kaiser über Maxim Biller und dessen Ansichten zu Thomas Mann.

Besprechungen: Alexander Gorkow hat in London einen der "Hausmusikabende im Kammerkonzertformat" Londoner Royal Festival Hall besucht, die Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour laut Gorkow "nun ja ? abhielt". Sein Urteil: der Mann ist inzwischen "grundsätzlich dem Postpompösen" verhaftet. Gehört und gesehen wurden außerdem Händels Oper "Tamerlano" an der Komischen Oper Berlin; Ruedi Häusermanns Tonbandoper "Trübe Quellenlage" in Basel; Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" in der Zürcher Schiffbauhalle, in Szene gesetzt von Christoph Marthaler; Matthias Zschokkes Drama um "Die singende Kommissarin" Judy Winter im Berliner Renaissance-Theater; und der Film "D-Tox ? im Auge der Angst" über einen genre- und zeitgemäß ernüchterten Cop namens Sylvester Stallone.

Weiter werden Bücher besprochen, darunter eine Analyse des Freudschen Subjekts und die Novelle 'Im Teich' von Ha Jin (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 22.01.2002

Konrad Weiß, ehemaliges Gründungsmitglied der DDR-Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt", attackiert die rot-rote Allianz in Berlin. Mit ausführlichen Verweisen auf persönliche Erfahrungen stellt er fest: "Wer sich mit der PDS und ihrem Programm und Personal auch nur ein wenig genauer befasst, stößt auf die Relikte totalitärer Herrschaft." Vor allem gegen Gregor Gysi zieht er regelrecht vom Leder: Gysi als Wirtschaftssenator, zitiert Weiß "BDI-Vizepräsident Hans-Olaf Henkel, das ist bizarr. Nicht minder bizarr ist die Vergangenheit des neuen Bürgermeisters. Für viele in Ostberlin ist der Gedanke, dass ausgerechnet diesem Mann politische Verantwortung für die Stadt übertragen worden ist, unerträglich. Denn Gysi war ein besonders willfähriger Untertan und Mittäter des SED-Regimes. ... Ich jedenfalls halte, wie die SPD im Bundestag auch, Gysis Spitzeltätigkeit für erwiesen."

Für das "Philosophische Quartett" war auch in der FR das Feuilleton respektive Christian Schlüter zuständig. Insgesamt, sagen wir: beherrschter als seine Kollegen in taz und SZ urteilt er: "öffentlich-rechtlicher Vernunftgebrauch, ein Hauch von Aufklärung, vielleicht. Man wird sehen. Unterhaltsam soll es sein, ohne Mission: Eine Sendung ohne Sendung."

Die FR druckt außerdem einen ebenso lesenswerten wie umfangreichen Text des amerikanischen Philosophen Michael Walzer. Bei dessen Plädoyer für "kluge Zurückhaltung" bezüglich humanitärer Interventionen handelt es sich vermutlich um einen Redebeitrag Walzers zum Abschluss einer Bielefelder Tagung zu eben diesem Thema ? ausgewiesen ist diese Quelle nicht. Den Satz "Manchmal ist es leider besser, Krieg zu führen" haben wir jedenfalls im Tagungsbericht von letzter Woche schon einmal gelesen. Was der Stringenz von Walzers Argumentation allerdings keinerlei Abbruch tut.

Weitere Themen: Rüdiger Suchsland kommentiert den Rauswurf von Christoph Vitali aus dem Münchner Haus der Kunst, in der Kolumne "Times mager" wird über Tücken gelungener Vorausplanung nachgedacht, Harry Nutt erlag auf dem Sydney Festival Talking-Heads-Frontmann David Byrne (mehr hier). Und Daniel Kothenschulte schließlich verteidigt Werner Herzogs neuen Film "Invincible"gegen seine Kritiker und geißelt "jene Großspurigkeit, mit der sich die deutsche Filmindustrie schon so oft um die Sympathien im eigenen Land gebracht hat."

Besprochen werden Christoph Marthalers Zürcher Inszenierung von Schuberts "Die schöne Müllerin" ("preisgünstig"), Puccinis Oper "Manon Lescaut" in München, Ödön von Horvaths "Zur Schönen Aussicht" in Stuttgart, eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Henry Darger (1892 bis 1973) mit Bildern eines fiktiven Krieges in den Berliner Kunst-Werken und der klaustrophobische koreanische Film "The Isle".
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TAZ, 22.01.2002

Susanne Messmer hat sich in Wien mit drei jungen österreichischen Autoren ? Daniel Kehlmann, Xaver Bayer und Ernst Molden ? unterhalten, deren neue Romane etwas gemeinsam haben: sie erzählen "Geschichten von der verständlichen Flucht aus der österreichischen Gegenwart" mit ihren "fleißigen und anständigen Leistungsträgern". Doch es sind "Bücher über eine Flucht ohne Ziel, über die reine Fluchtbewegung, die ins Leere geht, weil sie sich von nichts und niemandem kaufen lassen will."

Für die taz musste Dirk Knipphals das "Philosophische Quartett" begutachten. Ihn nervten vor allem die vielen "medialen Kinkerlitzchen", ansonsten sah er bei der zeitintensiven Umzingelung der Gedanken allenthalben "den Fetisch ruckeln". Sein Fazit: "Im Fernsehen obsiegt immer das Fernsehen. Irgendwie auch tröstlich."

Weitere Artikel: Gisa Funck hat die Bonner Tagung "V!rus" (sic) verfolgt und sah in der interdiszplinären Umzingelung des Gegenstands "den roten Faden" schwinden. Ansonsten viiiele Bücher heute in der taz, darunter zwei Romane über das Attentat auf Wilhelm Kube, den Generalkommissar von Weißruthenien. Im Ressort Politisches Buch bespricht Claus Leggewie Ernst Jüngers "Politische Publizistik 1919-1933" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FAZ, 22.01.2002

"Erst kommt das Seminar, dann kommt die Kunst", schreibt Thomas Wagner über die "Plattformen", die auf Geheiß des Documenta 11-Chefs Okwui Enwezor vor der Eröffnung im Juni durch die Welt ziehen. Diskutiert wird dort etwa über Themen wie "Creolite und Kreolisierung". Wagner ist skeptisch: "Viele mögen es sympathisch finden, wenn der Documenta-Leiter gegen das Prinzip Guggenheim polemisiert, wenn er aus dem Kunstpublikum ein mündiges machen möchte, 'das die intellektuellen Werkzeuge einer Kunstkritik selbst in Händen hält'. Doch erstens erreicht man mit an fernen Orten abgehaltenen Seminaren nichts sowenig wie das Publikum, und zweitens ist es doch wohl Enwezor selbst, der festzulegen versucht, welche 'Werkzeuge' benutzt werden dürfen. Bislang reagiert er auf die in seinen Augen 'zu enge Verzahnung von Kunst und Kommerz' jedenfalls nur, indem er die Documenta als private Fortbildungsagentur für unentschlossene Kuratoren benutzt."

Andreas Platthaus befasst sich mit der sächsischen Tragödie um Kurt Biedenkopf. Sein Artikel fängt so an: "Novum in re publica introductum exemplum: Was da in Sachsen passiert, hat man im Staat noch nicht erlebt. Ein Dolchstoß wird mich hingestreckt haben, klagt das prospektive Opfer im schönsten Futur II, denn die Iden des März folgen an der Elbe später als am Tiber."

Zwei Besprechungen seien herausgehoben: Gerhard Stadelmaier ist begeistert von Christoph Marthalers Inszenierung der "Schönen Müllerin" nach Schubert in Zürich: "So entsteht ein totales Chaos, in dem die tieferen, dunkleren, unsaubereren, triebhafteren Schichten des Liedes aufbrechen wie Giftschlamm. Das ist kein Liederabend. Das ist Liedertheater." Und Lorenz Jäger hat sich das Philosophische Quartett unter Peter Sloterdijk angesehen und meint, dass am Format noch gearbeitet werden muss. "Mit Gewinn hörte man vor allem Reinhold Messner, der von seinen Erfahrungen beim Bergsteigen und beim Wandern in der Antarktis sprach." (Siehe auch unsere Teletaucher zum Thema.)

Weiteres: Christian Schwägerl hat einem Pressegespräch im Bundesforschungsministerium über den Stand der Stammzellforschung in Deutschland zugehört. Dietmar Dath schreibt eine kleine Kulturgeschichte der Kriegsgefangenenschaft in den USA. Jörg Thomann vergleicht die jüngsten Fernsehauftritte von Edmund Stoiber und Gerhard Schröder und spekuliert, dass gerade seine Ungeschicklichkeit Stoiber am Ende zum Vorteil gereichen könnte. Ingolf Kern schreibt eine kleine Hommage auf Helmut Baumann, den vorvergangenen Chef des jetzt verwaisten Berliner Theater des Westens, der in Bremen mit einer Inszenierung von "Cabaret" Erfolge feiert. Christian Geyer bezweifelt die kirchenhistorische Kompetenz von Daniel Goldhagen, der ohne seine Erlaubnis in einem (leider nicht freigeschalteten) Artikel für The New Republic über die Rolle Pius XII. in der Nazizeit nachdenkt ("Judentum und Christentum sind in einem Prozess der Annäherung begriffen, der unter dem derzeitigen Pontifikat einen Höhepunkt erreicht hat. Da wirkt Dampfplauderpolemik im Stile Goldhagens doch seltsam befremdlich.") Niklas Maak kommentiert die plötzlich von Peter Eisenman aufgeworfene Frage, ob man nicht besser Schiefer für das geplante Berliner Holocaust-Mahnmal verwenden solle. Andreas Kilb kommentiert die jüngst verliehenen Golden Globes. In Carl Zuckmayers Geheimdienstkolumnen aus dem Exil über daheimgebliebene Kollegen geht es diesmal um Gustav Gründgens. Christian Schwägerls bedauert, dass die Grüne Andrea Fischer keinen Listenplatz für die Bundestagswahl bekommen hat.

Besprochen werden eine Bonner Tagung über den Begriff der "Viren" in der Biologie, in Computern und in den Medien, zwei Ausstellungen zum Thema Utopien im Ludwigshafener Ludwig-Hack-Museum, Puccinis "Manon Lescaut" in München.