Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2002.

NZZ, 17.01.2002

Die NZZ bietet heute ausschließlich Rezensionen. Besprochen werden eine Reihe von Büchern, darunter zwei CD-ROMS mit dem Duden-Korrektor ("Alle bis heute auf dem Markt erhältlichen Korrekturprogramme können nur mit guten Kenntnissen der deutschen Rechtschreibung richtig benützt werden", schreibt dazu Stephan Dove). Siehe dazu auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr.

Weiter werden besprochen Luca Ronconis Inszenierung von Henry James' Roman "What Maisie Knew" am Piccolo Teatro di Milano und die Kompilation-CD "Pop Ambient 2002", der sich Michael Kerkmann mit der Frage nähert: "Wie aber können zerfließende Klänge Pop sein, wo Pop doch im Bereich von Narration und gezielter Wahrnehmung liegt und emotionaler sowie ideeller Identifikation dient? Anders gefragt, trifft diese Zuschreibung überhaupt noch auf Pop zu?".

SZ, 17.01.2002

Dass sein sechzigster Geburtstag einmal im SZ-Feuilleton gefeiert werden würde, ist Muhammad Ali wahrlich nicht an der Wiege gesungen worden. Hier gratulieren heute äußerst lesenswert Alex Rühle und Christopher Schmidt dem berühmten Boxer."Sein berühmtester Satz kam trocken wie ein Jab, so schnell, dass der Reporter, der ihn zu seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen, befragte, den Satz gar nicht mitbekam: 'I ain?t got no quarrel with them Vietcong'. Die TV- Kameras hatten den Satz eingefangen, der launig und nebenbei auf einer Gartenterrasse geäußert wurde. Muhammad Ali war Mitte zwanzig. Sein Titel wurde ihm aberkannt, und er erhielt keine Lizenzen mehr, was einem Berufsverbot gleichkam. So zog Ali in den drei Jahren, in denen andere Boxer ihre beste Zeit haben, auf Vortragsreisen durch die amerikanischen Universitäten. Das FBI überwachte ihn, Edgar Hoover nannte ihn den zweitgefährlichsten Staatsfeind nach Malcolm X."

Der israelische Indologe David Shulman erzählt recht blumig, wie er mit der arabisch-jüdischen Partnerschaftsbewegung Ta'ayush versucht hat, palestinensischen Höhlenbewohnern bei Hebron Decken zukommen zu lassen."Dann sind die Siedler da. Eine junge Frau beginnt, uns
anzuschreien. Wer lehrte diese so religiösen Juden, in derart unanständigen Ausdrücken zu reden? Flüche steigen zum Himmel wie hohe Sopran-Arien...."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh diskutiert Gerüchte, dass Hollywoods traditionsreiche MGM vor dem Verkauf steht. Helmut Mauro freut sich, dass der Dirigent Riccardo Chailly die Leipziger Oper und das Gewandhausorchester übernimmt. Daghild Bartels schreibt über offene Fragen nach dem Tod von Gustav Rau. Unter anderem auch die, ob der Kunstsammler überhaupt eines natürlichen Todes starb.

Besprochen werden: Gary Fleders Film "Sag' kein Wort" mit Michael Douglas: der "erste New York-Thriller nach dem 11. September", der neue Film des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk "The Isle", "der intensivste Liebesfilm der letzten Jahre, und Brian Flemmings Film "nothingsostrange.com" (mehr hier), der die Ermordung von Bill Gates inszeniert - mitproduziert von "Haxan- Films", die schon das Blair-Which-Project erfanden. Außerdem zwei Werner-Fritsch-Uraufführungen: "Nico. Sphinx aus Eis" in Darmstadt und "Eulen:Spiegel" in Braunschweig, die Uraufführung von Ulrich Hubs "Blaupause" am Schauspiel Köln, eine Tagung in Berlin über "Arisierung und Restitution in Europa" sowie eine Ausstellung der New Yorker Galerie Protetch, die Ideen und Entwürfe von 45 eingeladenen und international prominenten Architekten für eine neue Bebauung von Ground Zero präsentiert. Mit Frei Otto, einem der beteiligten Architekten, gibt es außerdem ein Interview. Und auf der Literaturseite gratuliert Roy Porter dem TLS zum Hundertsten. Besprochen wird Peter Wendes Buch über 500 Jahre britische Geschichte (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 17.01.2002

Joseph Vogl, Professor an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar, ist auf die Aussichtsplattform von Ground Zero gestiegen, wo er angesichts des "sichtbaren Nichts" der Anschläge vom 11. September ins Grübeln kam: "Vielleicht gibt es auf dem Ground Zero von New York mehr zu sehen, als man tatsächlich sieht. Denn diese verwüstete Zone korrespondiert jetzt mit jenem anderen wüsten Land, das am Hindukusch die Toten von Manhattan im Verhältnis von zwei zu eins abgegolten hat. Im Zentrum der Welt lässt sich, mit gezücktem Ticket und dreißig Minuten lang, auch der Weltrand besichtigen: Das ist die Öde, auf die man bis auf weiteres starren muss."

Manch einer hält ja den Berliner Schlossplatz auch für eine Art Ground Zero. Jedenfalls hat die Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation im vergangenen Herbst eine Nummer herausgebracht, die sich den Plänen um das Schloss widmet - Anlaß für Christian Thomas, sich noch einmal bissig mit den dort vorgebrachten zentralen Argumenten für einen Wiederaufbau auseinanderzusetzen. Dabei brachte ihn, "wenige Tage vor der letzten, der morgigen Sitzung der Kommission Historische Mitte Berlin, die Publikation auf eine Fährte, die er bisher so noch nie sah. Es ist die ganz heiße Spur einer kolossalen Staatsmetaphysik. Der Leser, sich ein wenig fürchtend, verstand sie nach Lage der Dinge so: Wer das Stadtschloss als innerweltlichen Beweis preußischer Hegemonie im Heilsplan der Berliner Republik entdecken möchte, ist zwischen den Buchdeckeln dieses Periodikums gut aufgehoben".

Eben jener Kommission gehört Bruno Flierl an, der ein paar Seiten weiter den Wiederaufbau-Beschluss verteidigt. Freilich soll der Komplex via Nutzung dekontaminiert werden. "Dann hätte die Mitte Spreeinsel im historischen Berlin die Chance, nicht nur ein durch Museen und Bibliotheken geprägter Ort der Künste und Wissenschaften von nationalem und internationalem Rang, sondern auch eine kulturelle bürgerschaftliche Mitte der Berlinerinnen und Berliner in der deutschen Hauptstadt zu werden. Außerdem: Tobias Rapp macht sich Gedanken über den Erfolg des Neo-Soul, der von so unterschiedlichen Interpretinnen wie Alicia Keys, India.Arie, Destiny's Child oder Aaliyah vertreten wird. Sacha Verna gratuliert zum 100. Geburtstag des Times Literary Supplement: "Das Times Literary Supplement hat zwar kein Programm, aber ein gewaltiges Kapital, und das sind seine Autoren. Die Liste der TLS-Mitarbeiter liest sich wie ein 'Who is Who' der Weltliteratur und wie ein 'Best of' aus dem akademischen Olymp."

Besprochen werden: die Premiere von Klaus Lemkes neuem Film "Running Out of Cool" auf dem Ersten Internationalen Filmfestival Frankfurt , der als herrlich geglücktes, "konzentriertes Alterswerk" gefeiert wird und Bücher, darunter ein Arbeitsbuch über den im letzten Jahr verstorbenen Einar Schleef (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 17.01.2002

Robert Misik beschreibt das Wiener Phänomen der "Donnerstagsdemos" - heute findet ihre hundertste statt: "Die scheinbar konventionelle Form der 'Themen-Demo' darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Donnerstagsdemo längst urbane Popkultur geworden ist - sie braucht letztendlich keinen Anlass außerhalb ihrer selbst. Zudem ist 'Donnerstagsdemonstrant' fast ein Identifikationsbekenntnis, generations- und milieustiftend, eine Identitätsbezeichnung mit signifikanten Beiklängen: Donnerstagsdemonstranten kaufen ihre Klamotten in Outlet-Läden, bewegen sich virtuos im World Wide Web und tanzen in Schuppen mit dem Namen 'Chelsea' oder "Flex"... Zumindest im öffentlichen Bewusstsein aber steht die Donnerstagsdemonstration für das Ernsthaftwerden der Spaßgeneration, egal, wie treffend oder untreffend dieses Bild... auch ist."

Ansonsten werden neue Filme besprochen: Kim Ki-Duks "The Isle", Lone Scherfigs "Italienisch für Anfänger" und  Samira Makhmalbafs "Schwarze Tafeln" .

"Mohammad Ali war als Boxer kein König der Herzen, sondern der des Unterleibs" schreibt Adrienne Woltersdorf in den 'Themen des Tages', das taz-Geburtstagsgeschenk für Ali, der heute sechzig Jahre als wird.

Schließlich Tom.

FAZ, 17.01.2002

In einem Gespräch, das genug Schmackes hat, um Andreas Kilb und Michael Althen nur gelegentlich mal einen Halbsatz einschieben zu lassen, diskutieren Franka Potente (mehr hier) und Jürgen Vogel (mehr hier) über den deutschen Film. Potente leidet gerade schwer an der "Diskrepanz", dass "alle sagen: Unsere Frau in Hollywood nach Marlene Dietrich. Die Realität ist aber, dass ich zu Hause sitze und denke: Verdammt noch mal, ich habe überhaupt nichts zu tun." Jürgen Vogel empfiehlt ihr, nicht so anspruchsvoll zu sein, schließlich seien sie keine "Öko-Mimen", "eben Leute, die behaupten: Weißt du, ich mache nur das, was ich fühle. Das ist doch überhaupt nicht mein Beruf. Ich bin Schauspieler ... Ich möchte Superman sein, James Bond spielen, einen Karate-Film machen. Ich will aber auch gern 'Breaking the Waves', Teil zwei machen."

Die Engländer machen nicht nur die besseren Filme, sie haben auch eine wunderbare Literaturzeitschrift, die Times Literary Supplement. Joachim Kalka gratuliert zum 100. Geburtstag und beklagt, dass es kein deutsches TLS gibt. Vielleicht fehlt der deutschen Literaturkritik einfach "die Balance zwischen subtiler Kennerschaft der Verästelungen zeitgenössischer Theoriediskussionen und der avantgardistisch altmodischen Entschlossenheit von Sätzen (um die letzte Nummer zu zitieren): 'Das Riesenquantum von Literatur, das versucht, "Wissenschaft und Religion zu versöhnen" - zur Zeit sehr beliebt -, ist größtenteils wolkiger Blödsinn.'" Einen zweiten Geburtstagsartikel hat der irische Schriftsteller John Banville (mehr hier) beigesteuert.

Im Leitkommentar des Feuilletons freut sich der SPD-Künstler Klaus Staeck (mehr hier) trotz einiger Bedenken über die Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers: Erstens werde er Rot-Grün zwingen, "deutlicher zu erklären haben, wofür beide Parteien noch stehen, und auch, wofür sie nicht stehen." Und zweitens müssten sich dann die Wähler "tatsächlich zwischen verschiedenen Wegen zu irdischem Frieden, Glück und Gerechtigkeit entscheiden, was sie angeblich ja alle wollen. Dann könnte niemand mehr ungeschützt behaupten, es sei doch völlig egal, wen man wähle, da ja ohnehin alles die gleiche Sauce sei."

Weitere Artikel: Jochen Hieber gratuliert Muhammad Ali (mehr hier) zum Sechzigsten. Jahre alt wird, Dieter Bartetzko berichtet über den wiederaufgeflammten Streit zwischen London und Athen um den Parthenonfries (mehr hier). Matthias Oppermann berichtet über eine Tagung in Berlin, auf der die Enteignung und Entschädigung der jüdischen Opfer Hitlers in den europäischen Ländern verglichen wurde. Dirk Schümer schreibt in seiner Venedig-Kolumne über Neubauten ("nur in den belastbaren Außenbezirken", da werkeln dann aber Architekten wie Frank Gehry, Ugo Camerino und Wilhelm Holzbauer). Daniel Jütte erinnert in einem kurzen Text daran, dass Muslime schon einmal in Deutschland rituell schlachten durften: nämlich ab Juli 1944, als muslimische Arbeitskommandos sich dieses Recht beim Reichsinnenminister erstritten. Hanns C. Löhr schreibt über Hitlers Auswahlalben, in die A.H. Fotos von Kunstwerken geklebt hatte, die er in einem Museum in Linz ausstellen wollte.

Auf der Medienseite listet Michael Haneke noch einmal die Kandidaten für die ZDF-Intendanz auf, und Sandra Kegel porträtiert mit schmeichelhaften Worten Georg Kofler, der Leo Kirchs hochdefizitären Bezahlsender Premiere World retten soll. Auf der letzten Seite schreibt Ulrich Schmidt am teilkonstruierten Rathausplatz von Riga entlang über lettische Geschichte. Und Eleonore Büning gratuliert Leipzig zu einem "dicken Fisch": der Dirigent Riccardo Chailly soll nächster Gewandhauskapellmeister und vielleicht auch Generalmusikdirektor der Leipziger Oper werden.

Besprochen wird "Ex machina", eine Ausstellung über die Geschichte des Roboters im Kölner Museum für Angewandte Kunst, Werner Herzogs Film "Invincible" ("weder authentisch noch surreal, sondern einfach muffig", behauptet Andreas Kilb), die Linzer Uraufführung von Karl Fallends Zwangsarbeiterdrama "An wen soll ich schreiben? Gott?" und Sachbücher, darunter eine Muhammad-Ali-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 17.01.2002

Jörg Lau porträtiert den neuen Berliner Kultursenator, Thomas Flierl, PDS. "Wer wie er 1976 - im krisenhaften Jahr der Ausbürgerung Biermanns - in die Partei eintrat, dem wurde es lange nicht vergessen", notiert er, aber auch dass Flierl zum Glück keine "eigenen Projekte" verfolgen will. Der Kulturetat wurde entgegen den Wahlversprechen noch einmal um einige Millionen Euro verknappt - bonjour tristesse. Zurecht bemerkt Hanno Rauterberg in einem zweiten Berlin-Artikel, dass sich die Stadt einen Wiederaufbau des Schlosses darum gar nicht leisten kann und besser davon Abstand nehmen sollte.

Um Kulturpolitik geht's auch im Aufmacher des Feuilletons. Michael Naumann gratuliert seinem Nachfolger im Amt des Staatsministers für Kultur, Julian Nida-Rümelin zur Gründung der Bundeskulturstiftung, deren Entstehung er unter Aufbietung zahlloser Details auf anderthalb Seiten ausbreitet: "Parlamentarische Voraussetzung der gelungenen Operation war die Unterstützung des Mannheimer SPD-Abgeordneten Lothar Mark... Hilfreich waren die fraktionsinternen Überredungskünste der neuen, energischen Kulturausschussvorsitzenden Monika Griefahn, SPD, und der Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer." Verstehe.

Jens Jessen kommt ohne näheren Anlass auf die siebziger Jahre zu sprechen, deren Revival auch er als beendet ansieht. Es geht wie üblich um Paisley-Muster und Terrorismus. Nebenbei erfahren wir, dass "mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatenwelt die letzten Ideale (verflogen)", während sich, was an menschenfreundlichen Impulsen aus den Siebzigern in die Gesellschaft gelangte "bis zur Unkenntlichkeit den Konsum- und Verwertungsinteressen des Kapitals" amalgamierte. Schnöde Welt also, in der wir zumindest hoffen wollen, dass das Anzeigenaufkommen der Zeit nicht noch weiter zurück geht.

Weiteres: Jan Ross hält eine Vorlesung über die Geschichte der antiken Philosophie, in deren zweiten Hälfte er die Neosophistik in Form des von Peter Sloterdijk ab Sonntag moderierten Philosophischen Quartetts reinkarniert sieht. Claus Spahn porträtiert den amerikanischen Dirigenten Michael Tilson Thomas, Chef des San Francisco Symphony Orchestras, der das American Maverick-Festival gründete, wo ausschließlich amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts gespielt wird (denn die europäische Avantgarde hält Tilson für veraltet). Besprochen werden Lone Scherfigs Dogma-Film "Italienisch für Anfänger", Werner Herzogs Film "Invincible" und die Ausstellung "Neue Sachlichkeit in Hannover" ebendort.

Aufmacher des Literaturteils ist Evelyn Fingers Besprechung von Willem Frederik Hermans' Roman "Die Dunkelkammer des Damokles". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)