Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2002. Während die Zeit das Rätsel David Lynchs löst, indem sie von der Lösung abrät, malt Gerard Mortier in der FAZ die Zukunft der Oper aus. Und die SZ vergleicht die Architektur des World Trade Centers, des Pentagons und der Höhlen von Tora Bora.

NZZ, 03.01.2002

Nachdem die Zürcher das Neujahrsfest und den Berchtoldstag glücklich überstanden haben, widmet sich die NZZ in ihrem Feuilleton fast ausschließlich Büchern. Besprochen werden unter anderem A. H. de Lima Barretos Roman "Das traurige Ende des Policarpo Quaresma", ein Buch über die Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein und eine Anthologie, in der deutsche Schriftsteller über Moskau und russische Schriftsteller über Berlin schreiben. Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.

Ferner schreibt Peter W. Jansen über den Schweizer Filmstar Paul Hubschmid, der im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Besprochen werden "Gianni Schicchi" und "Le Rossignol" im Theater Basel, die CD "Africa Raps", ein "Orpheus in der Unterwelt" in Bern und die neue Ausstellung über die sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen.

SZ, 03.01.2002

Adrian Kreye schreibt über Silvester in New York: "Sicher, da klafft immer noch das riesige Loch von Ground Zero", teilt er locker mit, "von der Schreckensgotik der Fassadenreste und Trümmerhaufen ist allerdings nicht mehr viel übrig. Mit den Baggern, Raupen und Kipplastern gleicht Ground Zero einer Baugrube. Nur vereinzelt sieht man noch Feuerwehrmänner, die in den Haufen nach Leichenteilen stochern." Und Kreye ist ziemlich sicher: "Die New Yorker sind inzwischen schon ganz erschöpft von all dem globalen Mitleid. Ansonsten, lesen wir, sei in New York jetzt der Eskapismus gefragt. "Der große Kulturhit blieb im New York der Feiertage die Norman-Rockwell-Ausstellung im großen Vergnügungspark der bildenden Künste, dem Guggenheim Museum. Die naiven Szenchen aus dem idealisierten Kleinstadtleben des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts zaubern ein seliges Lächeln auf die Gesichter der Besucher."

In der Reihe über neue Formen städtischen Wohnens vergleicht Jörg Häntzschel Tora Bora, das Pentagon und das WTC. "So unterschiedlich die drei Hauptschauplätze des Krieges architektonisch auch sein mögen, ihre Funktionen ähneln sich: Es sind Städte als Bunker. Obwohl sie am und nach dem 11. September zu Ruinen gebombt wurden, scheinen sie als Ideale für die Städte der Zukunft zu gelten: Am 30. Oktober gab der Immobiliendeveloper National Residential Properties (NRES) in Miami die Übernahme des Bewachungsdienstes Capitol Guard bekannt. 'Nach der Tragödie vom 11. September haben wir beschlossen, eine Sicherheitsfirma zu erwerben, um unsere Wohnobjekte zu schützen. Sicherheit hat sich zu einem Lebensstil entwickelt', erklärte NRES-Chef Richard Astrom."

Weitere Artikel: Markus Rothe hat sich mit Naomi Watts und Laura Elena Harring, den Hauptdarstellerinnen in "Mulholland Drive", über die Arbeit mit David Lynch unterhalten. Florian Schneider beschreibt, wie im Internet und von Videokameras auf öffentlichen Plätzen Überwachte zurückschlagen: Sie filmen die Kontrolleure. Willy Winkler entdeckt in der gegenwärtigen Krise Argentiniens ein 'Curriculum Evita': "die Hauptdarstellerin in dieser Operette" fehle allerdings noch. Fritz Göttler schreibt die Nachrufe auf den Schauspieler Paul Hubschmied und die Schauspielerin Eileen Heckart, Willi Winkler den Nachruf auf den Schrifsteller Ian Hamilton und Ingeborg Schober den Nachruf auf den Musiker und Kritiker Florian Fricke.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Meisterwerken aus den Depots der Uffizien in Florenz, die Filme "Reise nach Kandahar" von Mohsen Makhmalbaf und "Jeepers Creepers" von Victor Salva sowie Bücher, darunter das alljährliche Comicbuch der Weilheimer Musikfrickler um "Console" und Konsorten mit dem schönen Namen "Antihund" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 03.01.2002

"Mit Schröder zusammen könnte ich es schaffen," hat sich Jochen Schimmang gedacht, als er unseren Bundeskanzler anläßlich seiner Neujahrsansprache "ein wenig überanstrengt" vor dem Teleprompter sitzen sah. "Ein bisschen einsam sah er auch aus in der kühlen Szenerie des Amts. Dennoch habe ich ihm jedes Wort geglaubt und war sicher, dass auch er selber daran glaubte." In der FR sitzen halt Sozis.

"Ein Film über Afghanistan", schreibt voller Bewunderung Daniel Kothenschulte über Mohsen Makhmalbafs Film 'Kandahar', "ist ein Film über das komplexe Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Wenn beide Reisende bei einer verhüllten Hochzeitsgesellschaft Unterschlupf finden, inszeniert der Regisseur die Prozession als wahren Farbenrausch. Jede Burka hat einen anderen Farbton. Aller Reichtum eines Volkes steckt in diesen Gelb-, Oka-, Rotnuancen, die wie eine Riesenpackung Buntstifte nebeneinander stehen"

Außerdem: Thomas Medicus erzählt von seinen Begegnungen mit dem Polen Michail M. vor und nach der Zeitenwende, die wahrscheinlich außer ihm selbst niemand besonders seltsam findet. Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Paul Hubschmid. Und Stephan Raulff skizziert die Fusion zwischen klassischer Musik und der DJ-Kultur, die bei der Deutschen Grammophon versucht wird.

Besprochen werden zwei Ausstellungen über das Spätmittelalter in Karlsruhe, eine Ausstellung über das filmerische Werk von Paul McCarthy im Hamburger Kunstverein, CDs und Bücher, darunter ein Buch über die frühen Tage des Punk und New Wave in Düsseldorf, Hamburg und Berlin, das der Musikjournalist Jürgen Teipel aus 1.000 Stunden Interviewmaterial montiert hat (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 03.01.2002

Die Seiten der taz-kultur gehören heute dem Film

Lang und etwas umständlich teilt uns Harald Fricke mit, dass ihm David Lynchs neuer Film ganz gut gefallen hat "Bei so viel unentschlüsselt winkenden Symbolen und Zeichen, die das Leben terrorisieren, wäre 'Mulholland Drive' als Serie das passende Requiem für die Neunzigerjahre geworden."

Besprochen werden außerdem der Film "Rockstar" von Stephen Herek und der Film "Mein Stern" von Valeska Griesebach. In den Themen des Tages berichtet Jens Gerdes über den Kampf gegen den Terror am Computer - als virtueller Sport in einem E-Sport-Center. "Das Blut fließt nur am Bildschirm, das Adrenalin ist echt." Und Georg Seeßlen liefert einen Essay über magische Daten wie 1984 und 2001.

FAZ, 03.01.2002

Die FAZ druckt einen Vortrag Gerard Mortiers, der über die "Zukunft der Oper" nachdenkt. Der ehemalige Salzburger Intendant, der demnächst die Leitung der Pariser Oper übernimmt, will die Kunstform aus dem Geist des Gesangs, allerdings auch in seinen modernsten Varianten, erneuern. Dahinter steht auch eine Selbstkritik: "Jahrelang haben wir sogenannten Opernintendanten wie die Vampire frisches Lebensblut gesogen aus der Film- und der Schauspielregie, um der Oper ein bisschen mehr Ewigkeit zu garantieren. Ich habe mich daran mit Wollust beteiligt. Diese Erfahrung war wichtig, denn sie hat erfrischende, neue Werkinterpretationen zuwege gebracht. Mittlerweile aber ist auch dieses Procedere zu einem Klischee geworden, wenn nicht gar zu einem Mechanismus reiner Publicity. Was hat zum Beispiel der Aktionskünstler Herrmann Nitsch mit Massenets 'Heriodiade' zu schaffen? Was verbindet Wolfgang Wagner mit Lars von Trier und was wiederum letzteren mit dem 'Ring des Nibelungen' - außer vielleicht der Tatsache, dass die Kritik aus purer Aufregung über diese Kombinationen alle normativen Kriterien vergisst?"

Martin Kämpchen schickt einen Stimmungsbericht aus Indien. Die Gafahr eines Krieges gegen Pakistan hat sich in den letzten Tagen gemindert. Einer der Gründe: "Ob die Nationen auf dem indischen Subkontinent darüber glücklich sind oder nicht, mit dem Krieg in Afghanistan ist es den Vereinigten Staaten gelungen, eine Präsenz auf ihrem Gebiet aufzubauen. Niemand will, dass die amerikanischen Truppen sofort abziehen. Baracken werden gebaut, sogar mit Klimaanlagen für den nächsten Sommer. Darum wird Amerika jene Kraft sein, welche die Politik auf dem Subkontinent entscheidend mitbestimmt."

Weitere Artikel: Julia Schürmann hat für die Medienseite eine sehr informative Reportage über afghanische Frauenrechtlerinnen geschrieben, die zum Teil seit Jahren von Deutschland aus wirken - unter anderem erfahren wir, dass die radikale Organisation Rawa ("Revolutionnary Association of the Women of Afghanistan"), die in den westlichen Medien am bekanntesten ist, unter engagierten Afghaninnen durchaus für Streit sorgt. Bianka Pietrow-Ennker berichtet über Vergangenheitsbewältigung in Polen: Die Historiker erinnern sich immer mehr für die multiethnische Geschichte der Stadt Lodz, der Unternehmer und Bevölkerung einst zum Drittel polnisch, zum Drittel jüdisch und zum Drittel deutsch waren.

Ferner liefert Dirk Schümer eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig" - es geht um Schnee in der Lagunenstadt. Matthias Pape schreibt zum 250. Geburtstag des Schweizer Nationalhistorikers Johannes von Müller (auch wenn die FAZ-Online behauptet, er sei erst 200 geworden). Michael Semff gratuliert dem Maler Rudolf Schoofs (Bild) zum Siebzigsten. Michael Grill schreibt zum Tod des Rockmusikers Florian Fricke (von Popol Vuh). Hans-Dieter Seidel gedenkt Paul Hubschmids. Die Medienseite eröffnet eine neue Serie über "Stimmen". In der ersten Folge feiert Jörg Thadeusz die Reibeisenstimme des Balkankorrespondenten der ARD Friedhelm Brebeck. Auf der Filmseite wird nachgedacht: Andreas Kilb schreibt über sein Wiedersehen mit Godards "Alphaville", Claudius Seidl über die Stadt im deutschen Film. Verena Lueken bereitet uns auf Scorseses neuen Film "Gangs of New York" (Trailer) vor, der im Frühjahr in den USA startet. Auf der letzten Seite erfahren wir von Edo Reents, dass das neue Album der Guns n'Roses "Chinese Democracy" heißen wird (wir wussten übrigens gar nicht, dass diese Band überhaupt noch existiert). Und Lorenz Jäger schildert einen innerjüdischen Streit um die Verwendung der Gelder aus dem Zwangsarbeiterfonds.

Die wichtigsten Besprechungen gelten David Lynchs neuem Film "Mulholland Drive", der Ausstellung "Paris-Barcelone" im Pariser Grand Palais (besprochen vom Kunsthistoriker Werner Spies) und den Ausstellungen über Mies van der Rohe in Berlin (da die Berliner Museen unfähig sind, im Internet über ihre Ausstellungen zu informieren, setzen wir noch mal einen Link auf die ursprünglichen Ausstellungen im Moma und im Whitney Museum). Rezensiert werden außerdem die Quadriennale zeitgenössischer Kunst in Gent und eine "Walküre" in Köln.

Zeit, 03.01.2002

Merten Worthmann schreibt im Aufmacher de Feuilletons weniger über David Lynchs neuen Film "Mulholland Drive" als vielmehr über die Rätselhaftigkeit seines Kinos: "Hier wird nichts verraten oder nicht sehr viel. Denn im Kino von David Lynch kommt es auf die Lösung (wenn es überhaupt so etwas gibt) weit weniger an als auf das Geheimnis, das ihr vorausgeht. Das mag zwar nach einer Lösung schreien. Aber dieser Schrei, dieses sich steigernde Verlangen, das schon bald die gesamte Atmosphäre des Films auflädt; das von Lynch gefördert wird durch seine immer wieder sich langsam in die Szene hineinsaugenden Einstellungen; das weiter verstärkt wird durch die nachglühenden Bilder von Peter Deming und die schwärende Musik von Angelo Badalamenti - dieses Verlangen ist der eigentliche Schlüssel zu Lynchs Werk."

Barbara Lehmann stellt zwei Theaterregisseure vor, die in einem zerstörten Belgrad versuchen, die Kultur Serbiens wiederzufinden. Ljubisa Ristic und Sonja Vukicevic, der eine Sympathisant Milosevics, die andere eine Milosevic-Gegnerin, haben zwei Dinge gemeinsam: beide sind Kinder von Generälen und beide misstrauen dem Westen: "'Ich kann die Wörter Demokratie, Demokraten, Humanisten nicht mehr hören', sagt die zartgliedrige Sonja Vukicevic nach der Vorstellung im Cafe des Bitef-Theaters. 'Sie tauchen immer erst auf, wenn die Katastrophe schon passiert ist. Man sollte nicht im Namen der Demokratie Bomben werfen.'"

Der Schriftsteller Günter Kunert schließlich blickt zurück auf die Kriege des 20. Jahrhunderts und fragt resigniert, ob "unsere Gattung friedensunfähig ist": "Dem Homo sapiens fehlt, was anderen Tieren eigen ist: die Tötungshemmung gegenüber der eigenen Gattung. Wir sind Geschöpfe, deren archaische Erbschaft wohl unüberwindlich bleibt. Und wenn wir trauern, gilt diese Trauer nur den uns durch familiäre oder nationale Beziehungen verbunden gewesenen Toten. Unsere Mitmenschlichkeit reicht über einen relativ kleinen Kreis nicht hinaus."

Weitere Artikel: Claus Spahn beschreibt das Kimmel Center for the Performing Arts, einen "spektakulären" neuen Konzertsaal in Philadelphia, Wolfram Goertz gratuliert dem Dirigenten Günter Wand zum 90. Geburtstag, Claudia Herstatt liefert zwei Artikel, einmal über die "Kraft der Mitte" auf dem Kunstmarkt und zum zweiten über die Kunstsammlung der Fürstenberger, die nicht mehr gezeigt wird, seit das Fürstenberger Museum geschlossen wurde. Und Jens Jessen ist unzufrieden mit der Empfehlung der Expertenkommission zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses.

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs "Rosebud" an der Berliner Volksbühne und der Film "Rock Star" von Stephen Herek. Den Aufmacher des Literaturteils bestreitet Ralph Rainer Wuthenow mit einer Besprechung des spanischen Barockromans "Das Kritikon" von Baltasar Gracian (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Hinzuweisen ist noch auf ein Interview mit Ray Kurzweil, der etwa für 2030 künstliche Intelligenz prophezeit. Wissenschaftler, die glauben, das werde viel länger dauern, übersehen etwas, so Kurzweil: "Viele Wissenschaftler denken in linearen, nicht in exponentiellen Dimensionen. Sie lösen in einem Jahr vielleicht ein Prozent eines Problems und meinen daher, dass es 100 Jahre dauern wird, bis das ganze Problem gelöst ist. Dabei verkennen sie, dass sich die Geschwindigkeit des Fortschritts alle zehn Jahre verdoppelt. Manchmal geht es sogar noch schneller. Exponentielles Wachstum ist eben Kennzeichen des technologischen Fortschritts."