Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2001. Christoph Dieckmann denkt zum 9. November in der Zeit über Auschwitz und das Schicksal Israels nach. Die FAZ wundert sich derweil, dass Gerhard Schröder trotz ihres Abratens in den Krieg zieht. Die SZ stellt prähistorische Internetseiten vor und die NZZ macht sich Gedanken über den Konkurs des Haffmans-Verlags.

NZZ, 08.11.2001

Roman Bucheli erklärt den Konkurs des Haffmans-Verlags unter anderem mit Veränderungen in der Branche: "Mit den britischen Topshots Julian Barnes und David Lodge oder mit dem amerikanischen Bestseller-Autor David Sedaris ließen sich zwar lange hohe Umsätze erzielen. Ihr zunehmender Erfolg im deutschen Sprachraum aber riss - paradoxerweise - den Verleger zugleich ins Verderben: Bezahlte er die Vorschüsse, riskierte er einen gefährlichen Cashdrain, ließ er die Autoren gehen, drohten schwere Umsatzeinbußen. Julian Barnes ging, Sedaris und Lodge blieben - die Dinge aber nahmen trotzdem ihren Lauf."

Weitere Artikel: Claudia Schwartz resümiert den Berliner Streit um die Farbe, die das Brandenburger Tor nach seiner Restaurierung erhalten soll (es läuft auf die bewährte Sandsteinfarbe hinaus). Nick Liebmann stellt Matthias Winckelmann und sein Jazzlabel Enja vor. Besprochen werden die Ausstellung über "Rembrandts Frauen" in London, neue Platten von Songwritern wie Starsailor, Nicolai Dunger und Ben Christophers, Donizettis "Maria di Rohan" im Genfer Grand Theâtre und einige Bücher, darunter Gerhard Amanshausers Jugenderinnerungen und ein Band der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun über "Religion, Schrift, Bild, Geschlecht". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 08.11.2001

Durchs Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ziehen sich heute tiefe Sorgenfalten. Andrian Kreye sorgt sich, weil er als Folge der Anschläge vom 11. September erste Spuren einer Erosion der Zivilgesellschaft in den USA bemerkt. Menschenrechte seien ein Luxusgut der Zivilisation, schreibt er und die Gesellschaft fange an, sich Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob man sich diesen Luxus überhaupt noch leisten kann: "Die Frage, ob man die über 1000 sturen, stummen Terrorverdächtigen, die derzeit im ganzen Land in Untersuchungshaft sitzen, nicht durch Folter zum Reden bringen könnte, wird in durchaus ehrenwerten Foren diskutiert. Im Nachrichtenmagazin Newsweek zum Beispiel, im Wall Street Journal, in Polittalkshows der Nachrichtensender CNN und Fox News, in Bill Gates' Onlinemagazin Slate, und angeblich auch in den Büros der Bundespolizei FBI."

Ulrich Kühne sorgt sich, weil er festgestellt hat, was James Bond schon vor 40 Jahren wusste: "Eine Supermacht wird nicht mehr benötigt, um die Menschheit auszurotten. Es genügt ein einziger Geisteskranker mit solider wissenschaftlicher Ausbildung." Der Schrecken heiße Bioterrorismus, weiß Kühne und findet Gottseidank Trost bei Mutter Natur. Wir dokumentieren: "Jede Bosheit, die technisch realisierbar ist, wurde schon längst von den unendlichen Mutationen der Natur ausprobiert. Letztlich ist auch der Terrorist Teil dieser Natur, die blind alle Möglichkeiten erprobt. Ein Virus, dem es gelingt, alle Lebewesen, mit dem es in Kontakt kommt, zu töten, scheitert an seinem Erfolg. Kein Wirt ist mehr in der Lage, diese Spezies in die Welt zu tragen, es geht zugrunde mit seinen ersten Opfern."

Henning Klüver berichtet, dass sich die Italiener sorgen, weil Berlusconi staatliche Museen und Monumente privatisieren will. "Soll man in Zukunft von Pirelli-Brera, Fiat-Uffizien oder Barilla-Kolosseum reden, während Armani-Pompeji gerade wegen eines Gartenfestes internationaler Modeschöpfer ein paar Tage für den Publikumsverkehr geschlossen bliebe?"

Ijoma Mangolds Sorge gilt dem Züricher Haffmans-Verlag. Seit dem 31. Oktober laufe nun offenbar schon in zweiter Instanz ein Konkursverfahren gegen den Zürcher Verlag, und es könne sein, dass es diesen stolzen Verlag schon bald nicht mehr gebe. "Die üblichen
Kondolenzformeln aber", so Mangold weiter, "die das Verlagssterben begleiten und meist das Ohnmachtsverhältnis von Geist und Geld beklagen, wollen auf den Fall Haffmans überhaupt nicht passen. Er war immer ein herrischer Verlag, der zwar das Abseitige pflegte und sich in mancher kostspieligen Werkedition finanziell verausgabte, aber eines zuletzt sein wollte: Schutzbedürftig und angewiesen auf ein kulturprotestantisches Mitleid, das die gute Sache automatisch zur schwachen macht." Thomas Steinfeld hat Gerd Haffmans zum Thema interviewt.

Johan Sjerpstra findet es unfassbar, dass gerade die Zeugnisse von der Geburt des World Wide Web kaum zehn Jahre nach seiner Einführung, schon wieder im Dunkeln liegen. "Ein medienhistorisches Versäumnis, das angesichts des Hypes um das Internet noch unerklärlicher wird: Es ist ja nicht so, als wäre niemandem die epochale Bedeutung dieses neuen Mediums bewusst gewesen." Nach jahrelanger Planung sei nun ein Projekt veröffentlicht worden, das so ambitioniert wie kein anderes vorher versuche, das kollektive digitale Vergessen aufzuhalten. Die digitale Bibliothek, die am 24. Oktober in Berkeleys Bancroft Library vorgestellt wurde, heißt schlicht The Internet Archive und alles sieht danach aus, als wäre der etwas anmaßende Name hoch verdient."

Der Rest ist Film, Theater und Musik. Besprochen werden Oskar Roehlers neuer Film "Suck my Dick" (es gibt auch ein Interview mit dem Regisseur), außerdem gibt es ein Feature über Barry Levinson und seinen neuen Film "Bandits". Martina Knoben findet, dass Michael Winterbottoms Film "The Claim" optisch ein Genuß ist. "Nur schade, dass die Kinski so reduziert, als hustendes Opferlamm zu sehen ist." Jürgen Berger findet, dass Sebastian Nüblings Inszenierung von Nanni Balestrinis Fußballdrama "Il Furiosi" am Theaterhaus Stuttgart mit Peter Steins "Klassenfeind" zu vergleichen ist. Weiter werden besprochen das Münchener Konzert von Bugge Wesseltoft, das Berliner Jazzfest und die Uraufführung von Sidney Corbetts Oper "Noach" in Bremen.

FR, 08.11.2001

Roman Luckscheiter berichtet über einen Streit der Philosophen in Frankreich über die Anschläge vom 11. September: Jean Baudrillard hat in Le Monde den 'vierten Weltkrieg' als Austausch von Immoralitäten beschrieben. "Dass der Terrorismus unmoralisch ist, stellt Baudrillard nicht in Frage," schreibt Luckscheiter, "nur beschreibt er ihn als Reaktion auf die 'unmoralische Globalisierung', die von einer einzigen Supermacht vorangetrieben werde ... gegen die es glücklicherweise eine universelle Allergie gebe." Widersprochen hat, ebenfalls in Le Monde, der Publizist Alain Minc, der Baudrillard eine krankhafte Faszination für die Terroristen unterstellt. "Und dann zählt Minc auf, was die französische Intelligenzia regelmäßig zu vergessen bereit sei: dass es eine absolute Überlegenheit der Demokratie gebe, dass Amerika für Demokratie stehe, dass kein anderes System der Moral freiere Äußerungsmöglichkeiten biete und schließlich, dass man es demokratischen Ländern schlechterdings nicht verbieten könne, sich zu wehren."

Weitere Artikel: Damit der Sinn des Begriffs Terror sich nicht mit zunehmender Extension verdünnt, versucht Wolfgang Sofsky mittels zehn Charakteristika einen "analytisch brauchbaren Begriff herauspräparieren". Man wünschte sich nur, er würde die Auswirkungen des Terrors nicht so beschreiben, als hätte er sie selbst erlebt. Christian Thomas schreibt über die neue Synagoge in Dresden von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch.

Besprochen werden Oskar Roehlers neuer Film "Suck my Dick", eine Aufführung von Max Frischs "Biografie: Ein Spiel" in Heidelberg, Leonard Bernsteins "West Side Story" in der Volksoper Wien und Bücher, darunter Heinrich Bölls Briefe aus dem Krieg (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 08.11.2001

Brigitte Werneburg hat das neue "Merkur"-Heft gelesen und wundert sich über den "starken Ton", mit dem Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel für einen militärischen Einsatz in Afghanistan werben. "Und er verwundert heute vielleicht noch mehr in einer Situation, in der fast 4.000 Mann Bundeswehrkräfte zur Abwehr von ABC-Kampfstoffen, zum Luftransport für Menschen und Material und als Seestreitkräfte zur Sicherung von Schiffstransporten zum Einsatz kommen." Werneburg hält Bohrer aber zugute, dass er nicht dem "öffentlichen Räsonnement" eine Absage erteilt, sondern nur sehr ungeduldig ist "gegenüber dem Konformismus einer Kritik" an den Einsätzen.

Weitere Artikel: Dirk Knipphals berichtet über die Pleite des Haffmans Verlags und Anke Leweke schreibt über das Kino der zentralasiatischen Republiken auf der Viennale.

Besprochen werden die Filme "Unter dem Sand" mit Charlotte Rampling, "Das Reich und die Herrlichkeit" von Michael Winterbottom und Oskar Roehlers "Suck my Dick".

Schließlich Tom.

FAZ, 08.11.2001

Ganz Systemtheoretiker erklärt uns Mark Siemons, wie Deutschland in den Krieg schlittert: " Es ergibt sich das merkwürdige Gesamtbild, dass die Bundesrepublik, während sie weiter nach ihrer bewährten arbeitsteiligen Rationalität funktioniert, als ganze ihr Gesicht verändert, ohne dass irgend jemand dafür verantwortlich wäre. Jedes einzelne Subsystem erfüllt ja seine Aufgabe: Die Intellektuellen sind nachdenklich, die linksliberalen Politiker melden Bedenken an, und der Kanzler kommt seinen Pflichten nach. Und so kommt es, dass just in dem Moment, da die öffentliche Kritik des Kriegs durch Islam-, Terror- und Militärexperten ihren Höhepunkt erreicht, sich Deutschland bereit erklärt, bei ihm mitzumachen."
Weitere Artikel: Aus Anlass des 84. Jahrestags der glorreichen Sowjetrevolution dokumentiert die FAZ auf zwei Seiten eine Umfrage der Moskauer Zeitschrift Krasnaja Niva aus dem Jahr 1924 -westeuropäische Schriftsteller und Intellektuelle sollten sich über die kulturelle Bedeutung der Revolution äußern. Die Antworten sind fast alle so peinlich, wie man es heute erwartet. Heinrich Wefing begibt sich auf die Suche nach einem neuen Präsidenten für das Goethe-Institut - nebenbei erfährt man, das ausgerechnet in Pakistan die Institute in Lahore und Islamabad geschlossen wurden. Reinhard Seiß schickt eine Reportage aus der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica, in der Wiederaufbauprogramme zur Versöhnung der beiden Bevölkerungen beitragen sollen. Jordan Mejias kommentiert den Ausgang der New Yorker Bürgermeisterwahlen - Rudi Giulianis Eingreifen für Mike Bloomberg war seiner Beobachtung nach entscheidend. An den Kandidaten selbst kann es nicht gelegen haben, denn sie "standen zum Schluss des Wahlkampfs so fad und farblos da wie an seinem Beginn".

Ferner beklagt Zhou Derong aus Anlass des chinesischen "Tags der Journalisten" die Arbeitsbedingungen dieser Profession - die Parteizentrale sagt, die Journalisten sollen Korruption aufklären, und die korrupten Provinzfürsten lassen sie dann zusammenschlagen und verhaften. Jürgen Kaube hat einem Vortrag Ralf Dahrendorfs über "Konflikt und Freiheit in einer haltlosen Welt" in der Essener Villa Hügel gelauscht. Gina Thomas stellt ein neues Händel-Museum in London vor. Dirk Schümer setzt seine Kolumne "Leben in Venedig" mit einem Artikel über die klassische, speziell für Touristen aufspielende Musikszene fort. Christiane Terwinkel resümiert eine Berliner Beethoven-Tagung. Auf der Kinoseite werden ein Festival des osteuropäischen Films in Cottbus und ein Düsseldorfer "Festival des nacherzählten Films" resümiert.

Besprochen werden eine Rembrandt-Austellung in Kassel, der Film "The Man who wasn't there" der Gebrüder Coen, die Stuttgarter Balletwochen, eine Heinz-Günter-Prager-Ausstellung im Bonner Kunstmuseum, Oskar Roehlers neuer Film "Suck my Dick" und ein Auftritt der Folkloregruppe I Muvrini mit Stephan Eicher in München.

Zeit, 08.11.2001

Morgen ist der 9. November. Die Zeit hat den Publizisten Christoph Dieckmann aus diesem Anlass nach Auschwitz geschickt. Dieckmann zeigt sich zunächst irritiert über die Örtlichkeit ? "Du willst den Ort begreifen, da ein heiligerer nicht existiert. Du denkst an Celan" etc. Es nützt aber alles nichts: "Vergeblich suchst du die Gewalt des Ortes. Hier wird nur gegeben, was man in sich trägt." Und während man noch die Tiefe dieses Satzes auszuloten bemüht ist, folgt schon: "Was mir immer fremd blieb: der jüdische Glaube an Israel als Gottes auserwähltes Volk." Und so führt Dieckmann seine Promenade durch Auschwitz doch noch zu einer Erkenntnis: "War nicht das Volk Israel, dem Gott seine Gebote offenbarte, unterwegs nach einem verheißenen Land, in dem aber längst andere Menschen lebten? Hält nicht Israel bis heute fremde Erde und büßt dafür mit Tod und tötet jeden Tag?... Israels Erwählungshybris ist ein Fluch." Dieckmann auch.

Rüdiger Suchsland unterhält sich mit dem amerikanischen Politologen Benjamin Barber, Autor des Buchs "Coca-Cola und Heiliger Krieg", der die Attentate als Reaktion auf die Globalisierung sieht: "Ich denke, die Anschläge waren gerade zu ein Manifest der Welt der Globalisierung. Denn diese ist eine Welt der Anarchie. Eine Welt ohne Regeln, ohne Gesetz, ohne soziale Übereinkünfte, eine Welt, in der Unternehmen, Finanzinstitute und der ganze 'private Sektor' völlig unreguliert agieren können, aber auch eine Welt, in der Terroristen, Kriminelle und Drogendealer relativ frei und ungebunden arbeiten. In rechtsstaatlichen Verhältnissen wäre das unmöglich..."

Weitere Artikel: Petra Kipphoff schimpft in der Leitglosse auf Owald Mathias Ungers' Architektur für das neue Museum Ludwig - schwere Stahltüren, raffiniert versteckte Fahrstühle: Der Besucher wird zur "Nebensache". Fritz J. Raddatz schreibt den Nachruf auf den "zärtlich hassenden" Thomas Brasch und Martin Warnke den auf Ernst Gombrich. Helma Sanders-Brahms resümiert ein europäisches Filmtreffen im Burgund. Besprochen werden das neue Museum Ludwig, der neue Film der Gebrüder Coen, Verdis "Don Carlos" in Hamburg und das neue Dokumentationszentrum auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Aufmacher des Literaturteils ist Karl-Markus Gauß' Besprechung zweier neuer Bücher von Amin Maalouf.