Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2001.

NZZ, 13.09.2001

In der NZZ erzählt Helmut Frielinghaus wie er am Dienstag um 16 Uhr in New York stand und das World Trade Center brennen sah: "In der Erinnerung verbindet man bestimmte Ereignisse mit einem bestimmten Ausruf, einem Wort - mit dem Wort 'Wahnsinn!', zum Beispiel. Wenn ich später wieder an den 11. September 2001 in Manhattan denken werde, dann werde ich bestimmt das tausendfache 'O my God!' hören. Ich habe New Yorker schluchzen sehen, als Diana starb, nach Mutter Teresas Tod, nach dem schrecklichen TWA-Flugzeugunglück vor mehreren Jahren. Was heute geschehen ist, war für erlösende Tränen zu schrecklich und zu unfasslich. 'O my God!' Und noch ein anderes Geräusch, das sich mir eingegraben hat: der Aufschrei Hunderter, Tausender New Yorker, als nach einiger Zeit auch der zweite Turm in sich zusammenstürzte."

Besprochen werden Bücher und CDs von Bob Dylan und Tori Amos.

SZ, 13.09.2001

Viel Material zu den Anschlägen in New York.

Der amerikanische Autor Taylor Mali hatte vom Dach seines Wohnhauses einen freien Blick: "Es war ein schöner Tag in New York. Mein Nachbar bot mir sein Fernglas an. Ich konnte ein riesiges Loch in der Nordseite des Nordturmes sehen. Es hatte genau die Form, die man nach dem Einschlag eines Flugzeuges erwartet. Mein Blick blieb an etwas hängen, das aus dem Gebäude fiel. Dann noch etwas. Unverkennbar. Sie schlugen mit Armen und Beinen, während sie hinabstürzten. Ungefähr alle zehn Sekunden einer. Das war vielleicht zehn Minuten, bevor der Nordturm fiel."

Der israelische Autor Amos Oz schickt einen "Aufruf zur Besonnenheit": "Trotz der abscheulichen Freudenbekundungen in Gaza und Ramallah, während in New York noch immer Menschen lebendig verbrannten, darf kein vernünftiger Mensch vergessen, dass die überwältigende Mehrheit der Araber und anderen Moslems weder Komplizen des Verbrechens waren noch Freude daran empfinden."

Navid Kermani, Iraner und Autor eines viel beachteten Buchs über den Iran, mahnt, die Bilder der feiernden Palästinenser nicht als repräsentativ wahrzunehmen: "Es geht nicht darum, die Gefahr, die von Osama bin Laden oder anderen muslimischen Terroristen ausgeht, zu verharmlosen; der Kampf gegen sie bedarf noch größerer Anstrengung und vor allem die noch längst nicht erfolgte Ausschöpfung aller rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Mittel. Aber in der Reduktion allen Bösen auf den saudischen Millionär und den islamischen Fundamentalismus geht völlig unter, dass wir keinen Kampf der Kulturen erleben, sondern eine Kampf, der sich mitten durch die islamische, aber auch - wenn man an Oklahoma oder den Gasangriff auf die U-Bahn Tokios denkt - durch andere Kulturen zieht."

Franziska Augstein hat nichts Eiligeres zu tun als den Vergeltungsdrang der Amerikaner anzuprangern: Und der Westen "zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel."

Weitere Artikel: Andrian Kreye, Kulturkorrespondent, liefert eine Reportage aus New York: "In New York wird es niemanden geben, der nicht direkt von den Anschlägen betroffen ist." Jakob Augstein erzählt eine Kulturgeschichte der Selbstmordattentate. Ulrich Raulff sieht einen neuen Krieg beginnen und fragt sich, wie "die Menschen in Europa den Juli 1914 erlebt haben mögen". Fritz Göttler meditiert über die "Vertrautheit" der Fernsehbilder, die man aus Katastrophenfilmen zu kennen wähnt. Sonja Zekri berichtet über Reaktionen in der Kulturwelt. Und Burkhard Müller-Ullrich denkt über die öffentliche Rede und die Dimension der Fassungslosigkeit nach dem Anschlag nach.

Auch ein paar Kulturberichte gibt es: Fritz Göttler bespricht Steven Spielbergs Film "A.I:", Stefan Koldehoff eine Ausstellung der Sammlung Corboud, die dem Wallraff-Richartz-Museum eingegliedert werden soll und Oliver Fuchs die beginnende Deutschland-Tournee von Björk.

FR, 13.09.2001

Harry Nutt, Feuilletonchef der FR, erklärt, dass dies nicht die Stunde kontinuierlicher Kulturberichterstattung sei: "Auf den drei Seiten dieses Feuilletons lesen Sie erste Einschätzungsversuche, Zeitzeugenberichte und symbolische Rekonstruktionen."

Der einzige Text aus New York, Marcia Pallys Brief, war heute morgen im Internet abgeschnitten. Sie beschreibt Radiostimmen, Einkäufe und die Angst.

Christian Thomas beschreibt die Architektur des World Trade Centers um begreiflich zu machen, was darin geschehen ist, um dann festzustellen, dass "der urbane GAU in New York" der Weltöffentlichkeit "nicht Beispiele technischer, sondern politischer Hybris vor Augen" gestellt hat. Ober er damit die Amerikaner als Erbauer des Wolkenkratzers oder die Attentäter meint, bleibt unklar.

Peter Michalzik meint, dass die Anschläge zwar alles andere als "schlachtentscheidend" waren, aber doch eine tiefe Demütigung der USA: "Auf der symbolischen Ebene aber sind es mächtige, vernichtende Schläge, die hier geführt worden sind. Terroranschläge erzeugen Angst und verunsichern Nationen, aus der Sicht der Täter aber sind sie vor allem symbolische Akte: Ohne die Demütigung, die man hier zu bewältigen glaubt, indem man sie dem Peiniger zufügt, wäre die Rolle des Selbstmordattentäters nicht so reizvoll, wie sie offenbar ist."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte fühlt sich an Bilder aus Hollywoodfilmen erinnert und ist dankbar, dass ihn gerade dies daran hindert, die Wirklichkeit zu erfassen. Christian Schlüter sieht mit den Anschlägen das Ende der Postmoderne eingeläutet. Und Rüdiger Suchsland denkt über die Unsichtbarkeit der Attentäter nach.
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TAZ, 13.09.2001

Die taz widmet zahlreiche Seiten den Folgen des Attentats in den USA und fasst sich auf einer Kulturseite kurz: Katja Nicocemus interviewt Jan Harlan, der bei Stanley Kubricks Projekt "A.I. - Artificial Intelligence" mitgearbeitet hat. Besprochen wird Jafar Panahis Film "Der Kreis".

FAZ, 13.09.2001

In einem unterscheidet sich das FAZ-Feuilleton von den meisten anderen. Man sieht nur Bilder des heilen World Trade Centers - unter anderem ein grandioses Panorama von Barbara Klemm, das einen den Verlust deutlicher spüren lässt als jedes Katastrophenfoto.

Das Feuilleton macht auf mit einer mit einer Liste der Mieter in den beiden Türmen - diese Seite hätte auch gut in den Finanzteil gepasst, denn es handelt sich um viele Wall-Street-Firmen.

Frank Schirrmacher bemerkt, dass man den Anschlag an einem Flugsimulator von Microsoft hätte üben können, dass Bill Joy vor derartigen Attentaten gewarnt hätte und dass Tom Clancy ein ähnliches Attentat in einem seiner Romane beschrieben hat: "Es ist gleichgültig, wie genau Clancy das Drehbuch geschrieben und kalkuliert hat. Wichtig ist und zutiefst beunruhigend bleibt, daß die Terroristen Amerikas politisch brisantesten Thrillerautor offensichtlich auf gespenstische Weise 'zitieren' wollten."

Dieter Bartetzko erzählt die Geschichte des WTC und erinnert an ein berühmtes Foto von 1972: die Sprengung einer Mietskaserne in Saint Louis: "Der Fall des Wohnkastens galt bald darauf als die Geburtsstunde postmodernen, endlich wieder schönen Bauens. Der Architekt des Ungetüms ist Minoru Yamasaki gewesen. Er war auch Architekt des 'World Trade Center', dessen Innenausbau im selben Jahr seinem Ende entgegenging, in dem der Block in St. Louis stürzte." Yamasaki hat auch eine eigene Internetadresse.

Edwar N. Luttwak
, Senior Fellow am Center for Strategic and International Studies in Washington, macht die im Moment noch ach so solidarischen Europäer auf eine missliche Konsequenz des Attentats aufmerksam. Die Hauptreaktion, so sagt er, wird eine diplomatische sein: "Wichtige Alliierte der Vereinigten Staaten unterhalten diplomatische Beziehungen zu Iran, viel Geld wird dort investiert. Iran hat deshalb Botschaften in Europa, unterhält normale Handelsbeziehungen mit europäischen Staaten, und die iranische Fluggesellschaft Iran Air fliegt täglich Ziele in Europa und Japan an. Zugleich aber unterstützt Iran die Terroristen der Hizbullah direkt aus Mitteln des Staatshaushaltes. Ganz sicher werden es die Vereinigten Staaten nicht länger hinnehmen, dass ihre engsten Verbündeten solche Toleranz gegenüber Regierungen üben, die den Terrorismus offen und direkt unterstützen."

Weitere Artikel: Der Orientalist Patrick Franke zitiert einen Koranvers: "Schon die, welche vor ihnen lebten, schmiedeten Ränke, doch packte Allah ihr Gebäude an den Fundamenten, und das Dach stürzte auf sie von oben, und die Strafe kam über sie, von wannen sie dieselbe nicht erwarteten." Joseph Croitoru schildert israelische Reaktionen. Georg Diez war zum Zeitpunkt der Anschläge in den USA und schreibt auf, was er in CNN gesehen hat. Jordan Mejias war in San Diego und schreibt ebenfalls auf, was er in CNN gesehen hat. Michael Althen erklärt, "wie das Kino die Hierarchie der Wahrnehmung verschoben hat, in denen die furchtbarste Realität nur noch als Simulation vorstellbar ist".

Auf der Medienseite berichten Auslandskorrespondenten, wie die Fernsehanstalten ihrer Länder berichteten. (Im Internet konnte man heute morgen allerdings nur den Artikel aus Tokyo lesen). Michael Hanfeld macht eine bedenkenswerte Bemerkung zum deutschen Fernsehen: "Der Vergleich mit CNN an einem solchen Tag ist heikel, aber geboten. Denn das deutsche Nachrichtenfernsehen kann, was CNN produziert, offenbar gerade in solchen Momenten nur unzureichend: Über das Wichtigste, in diesem Fall unfassbar Grausame, in seinen Weiterungen nicht zu Bemessende berichten, ohne in Spekulationen oder Betroffenheitsprosa zu verfallen." Das gleiche könnte man von den Zeitungen sagen.

Kultur: "bat." gratuliert dem Architekten Tadao Ando zum Sechzigsten. Jochen Schmidt schreibt zum 40. Jubiläum des Niederländischen Nationalballetts. Dirk Schümer liefert eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig". Besprochen werden eine Tanzproduktion von Blanca Li beim Kampnagel-Festival, eine Jean-Paul-Ausstellung im Zürcher Strauhof und eine Ausstellung von Holzschnitten der Renaissance im Weimarer Schlossmuseum.

Auf der Filmseite bespricht Gero von Randow Steven Spielbergs "A.I.". Außerdem reagiert Ben Goertzel, ein Experte für Künstliche Intelligenz, aus der Sicht des Profis auf den Film.

Zeit, 13.09.2001

Die Zeit hat sich als ziemlich fixe alte Tante erwiesen und immerhin sieben Seiten zum Anschlag in New York produziert. Neben Berichterstattung und Kommentaren auf den vorderen Seiten steht auch ein kurzer Text von Paul Auster, der mit der Festellung endet: "Jetzt erst hat das 21. Jahrhundert begonnen."

Im Feuilleton erklärt Nikolaus Harnoncourt im Interview mit Claus Spahn, warum er niemals Rossini dirigieren würde: "Als Rossini zum ersten Mal in Wien war und dirigiert hat, ich glaube, es war 1816, hat Wien schlagartig alles vergessen, was bisher war. Da gab's kein Haydn und kein Mozart und kein Beethoven mehr. In dieser halben Stunde hat sich die Katastrophe der Wiener Klassik abgespielt!... Ich kann mich hineinversetzen in Beethoven und Schubert, die sich gesagt haben müssen: Dafür haben wir also jetzt jahrelang etwas aufgebaut, und dann kommt einer und macht 'Baff', und alles ist weg. Diese halbe Stunde findet immer wieder statt. Dann wird Substanz gegen Blendwerk gewogen, und es gewinnt immer das Blendwerk." Hat Rossini das verdient?

Klaus Harpprecht hat das Jüdische Museum in Berlin besucht und ist im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten begeistert: "Das ist kein Haus der Abstraktionen, sondern ein Haus der Erzählung." Auch Daniel Libeskinds Architektur, so findet er, wird in ihrer "elementaren Wirkung nicht um ein Jota gemindert."

In Griechenland drohen deutsche Immobilien wie die des Goethe-Instituts für Entschädigungsforderungen gepfändet zu werden. Jens Jessen findet, die Deutschen sollten diese Immobilien aufgeben und das Goethe-Institut schließen: "Völkerrechtlich gesehen mag der Versuch einer griechischen Ortschaft, Wiedergutmachung für deutsche Gräuel im Zweiten Weltkrieg zu ertrotzen, zweifelhaft sein. Aber was wiegen die Formalien des Völkerrechts gegen Verbrechen, die ihrerzeit ebenfalls gegen jedes Völkerrecht begangen wurden?"

Weitere Artikel: Greil Marcus, eine Legende der Popkritik, bespricht die neue CD von Bob Dylan. Peter Kümmel hat sich neue Theaterstücke - unter anderem von "Shoppen und Ficken"-Autor Mark Ravenhill - in London angesehen. Merten Worthmann resümiert das Filmfestival von Venedig. Hanno Rauterberg stellt das Wall House von John Hejduk vor, das 30 Jahre lang nur im Plan existierte und nun tatsächlich gebaut wurde. Der Kunsthistoriker Martin Warnke bespricht eine Hieronymus-Bosch-Ausstellung im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen. Und Heike Kühn schreibt über Jafar Panahis Film "Der Kreis".

Aufmacher des Literaturteils ist Reinhard Baumgarts Besprechung von Norbert Niemanns Roman "Schule der Gewalt".