Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2001.

NZZ, 14.09.2001

Helmut Frielinghaus setzt sein gestern begonnenes Tagebuch fort: "Auch heute wurde gar nicht oder, zum Beispiel von Bürgermeister Giuliani, nur sehr allgemein über die Zahl der Toten gesprochen. Diese Zahl ist etwas, das man wie einen Wahlausgang oder wie die Anzahl der Toten bei einem Erdbeben überschlägig ziemlich genau berechnen kann. Und eigentlich ist die Frage im Moment noch dringlicher als die Frage nach den Tätern. Es ist aber bisher so, das jeder ihr ausweicht - das wird auch in privaten Gesprächen deutlich, und ich merke es bei mir selbst: Man möchte die Zahl, die morgen oder übermorgen bekanntgegeben wird, nicht, noch nicht wissen, schiebt den Gedanken daran immer wieder weg."

Martin Meyer denkt über das terroristische gute Gewissen nach, das solche Untaten ermöglicht. Und Pia Horlacher stellt eine Frage, die bei den Vergleichen des Geschehens mit dem Kino oft vergessen wird: " Wir sind fähig, mit dem Kopf den Unterschied zwischen Fiktion und Realität wahrzunehmen. Sind wir noch fähig, ihn emotional wahrzunehmen?"

Weiteres: Paul Jandl gratuliert Ivan Klima zum Siebzigsten. Matthias Frehner bespricht die große Balthus-Retrospektive im venezianischen Palazzo Grassi. Andere Besprechungen widmen sich Katharina Tanners Stück "Alles Liebe" in Solothurn und dem Montreux-Musikfestival.

SZ, 14.09.2001

Andrian Kreye klärt uns auf, dass wir die wirklichen Bilder des Grauens gar nicht sehen ? die Bergung der Toten darf nicht gefilmt werden, die Presse wird streng kontrolliert, berichtet er aus New York: "Die visuelle Sprachlosigkeit der Medien erinnert an den Golfkrieg." Aber "was damals Zensur war, ist heute Schutz. Es gibt Bilder, die muss man nicht sehen. Das beruht auch auf ganz konkretem Zivilschutz. Regierung und Behörden haben eine Massenpanik erfolgreich verhindert ? und dazu brauchen sie die Macht über die Bilder."

Der britische Publizist Timothy Garton Ash entwickelt drei Szenarien für das, was jetzt kommen mag. Szenario 1: "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Szenario 2: "Der Westen gegen den Rest." Szenario 3: "Die Vereinten Nationen gegen die Terroristen." Letzteres scheint Ash bei weitem vorzuziehen: "Solche eventuell quälend langsamen internationalen Aktionen mögen nicht effektiv genug sein, um einzelne Terroristen kurzfristig zu stoppen, aber der langfristige Effekt wäre, dass völlig verschiedene Staaten durch etwas zusammengeschweißt werden, was bisher immer am besten funktioniert hat: ein gemeinsamer Feind. Statt Huntingtons 'Clash of Civilisations' gäbe es eine Verteidigung der einen Zivilisation."

Ulrich Raulff misstraut den Europäern, die sich jetzt alle an der Seite Amerikas sehen: "Der Westen imaginiert sich in einen Krieg nicht etwa gleichwertiger, wenngleich feindlicher Kulturen, sondern einen Krieg gegen die Feinde der Freiheit. Welche Freiheit da gemeint ist, und ob die amerikanische Auffassung von Freiheit universale Gültigkeit besitzt: Wer fragt jetzt noch nach Details?" Welche Auffassung von Freiheit käme denn sonst noch in Frage?

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld denkt über Salman Rushdies neuen Roman "Fury" nach, ein New York-Buch, das die Stadt mal wieder als wild und korrupt beschreibt. Nicht nur dass das Buch schlecht sei, meint Steinfeld, nach dem Attentat ist es auch noch abgeschmackt.Fritz Göttler berichtet über Hollywoodfilme deren Starttermine verschoben werden, entweder weil sie jetzt ohnehin untergehen würden oder weil sie in ihrer Thematik unpassend wirken. Albrecht Koschorke denkt über die "verheerende Gleichsetzung der Stadt mit der Sünde" nach. Dieter Thomä erklärt die Metapher vom "Global Village" für endgültig tot. Claus Koch, der sonst in seinen "Noten und Notizen" immer auf Amerika schimpft, will dies jetzt nicht mehr tun ("Es wird auf lange Zeit überhaupt nichts mehr geben, über das man mit Ironie urteilen könnte. Schon gar nicht über Amerika, gegen das wir uns allzu oft in unserer Ohnmacht nur mit Ironie wehren konnten.") Und Sonja Zekri fragt: "Wer imitiert Nostradamus?"

Auch ein paar Kulturartikel gibt es: Claudia Brosseder resümiert einen Kongress über die "Latinitas teutonica". Christophe Schmidt beschreibt, wie Volker Hesse das Berliner Maxim-Gorki-Theater zu einem Ort der Auseinandersetzung machen will. Christoph Bartmann gratuliert dem tschechischen Schriftsteller Ivan Klima zum Siebzigsten. Veronika Schöne hat sich die neu präsentiert Sammlung Prinzhorn in Heidelberg angesehen. Besprechungen gelten dem "Stellvertreter" am Berliner Ensemble, Jafar Panahis Film "Der Kreis" und dem Festival "Klang & Raum" im schwäbischen Irsee.

FR, 14.09.2001

Nathan Sznaider dringt zu den tieferen Schichten des israelisch-amerikanischen Verhältnisses vor. Die Länder sind nicht nur enge Verbündete ? Amerika ist auch der Traum Israels, gerade auch bei der Linken. "Auch deshalb sind die Ziele des Terrors in Israel Diskotheken, Pizzerien oder Bahnhöfe - Symbole des gewöhnlichen Hedonismus und der Mobilität. In dieser Logik war der Angriff auf Amerika nur eine Frage der Zeit. Da Anti-Amerikanismus schon immer eine vornehmere Form des Antisemitismus war und viele Israelis dies auch instinktiv begreifen, hat der Terrorangriff in New York und Washington auf jeden Menschen hierzulande eine tiefe Wirkung."

Ulrich Speck sieht den 11. September bereits jetzt als historische Zäsur: " Mit den Angriffen auf die Twin Towers und auf das Pentagon geht eine Epoche des Optimismus zu Ende, die vor knapp zwölf Jahren, mit dem Fall der Mauer begann. 1989 und 2001: Zwei Ereignisse, die gleichermaßen jeden Vorstellungsrahmen sprengten, die jede cineastische oder literarische Phantasie überboten haben."

Weitere Artikel: Martina Meister schreibt zur bereits weit entrückten Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin. (Ihr Artikel dürfte "geschoben" worden sein.) Besprochen werden ein Konzert von Björk in Stuttgart, der "Stellvertreter" in Berlin und Spielbergs "A.I.", zu dem auch der Kubrick-Schwiegersohn Jan Harlan interviewt wurde. Ferner gratuliert Jürgen Ritte dem französischen Autor Michel Butor zum 75. Geburtstag.
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TAZ, 14.09.2001

Die taz verzichtet heute vollends auf eine Kulturseite (und damit auf die Vorstellung, dass ein Feuilleton etwas Spezifisches zum Verständnis der Sache beitragen kann?).

Dafür blieb die unverzichtbare Wahrheit-Seite erhalten. Von Matthias Bröckers werden wir hier über Verschwörungstheorien auf dem laufenden gehalten, nach denen Bin Laden höchstwahrscheinlich ein westlicher Agent und Finanzier von George W. Bush ist.

Und der unvergleichliche Wiglaf Droste moralisiert: " Die Botschaft von New York ist klar: Es geht. Man kann, wenn man skrupellos genug dazu ist, zigtausendfachen und sogar den eigenen Tod in Kauf nimmt und also ein Drecksack de luxe ist, den führenden Drecksäcken richtig wehtun. Und ihnen deutlich machen, dass die Welt alles braucht, aber ganz sicher keine Supermacht. Diese Botschaft scheint deshalb nicht gut, weil sie von Leuten stammt, denen ein Menschenleben vielleicht sogar noch weniger wert ist als George Bush. Dennoch ist die Botschaft richtig." Somit steht die taz mal wieder an der Spitze der Aufklärung!

Wir trösten uns mit einem Interview auf der Meinungsseite. Der Politiologe Herfried Münkler plädiert dort im Gespräch mit Ralph Bollmann für den Kriegsbegriff: "Die Verwendung des Kriegsbegriffs kann deeskalierend wirken. Wir müssen diesen Vorgang erst einmal begreifen. Dafür brauchen wir einen Begriff, ein Orientierungsmuster: 'Krieg' ist etwas, womit wir etwas anfangen können. Er macht einen gegnerischen Akteur sichtbar - einen Willen, gegen den man im Sinne der Clausewitzschen Kriegsdefinition vorgehen kann. Eskalierend wäre es dagegen, in das Geschrei vom 'Kampf der Zivilisationen' einzustimmen und 'den Islam' oder 'die Araber' zum Gegner zu erklären."

Im "Brennpunkt 13" der an Brennpunkten reichen heutigen taz finden wir dann noch einen Artikel von Brigitte Werneburg. Der eigentliche Film, an den man heute denken solle, schreibt sie, sei nicht "Independance Day", sondern "The Siege" von 1998: "In Deutschland hieß der Film 'Ausnahmezustand', und er zeigte, wie New York von einer Serie von Terroranschlägen heimgesucht wird. Ihre Urheber sind autonome terroristische Zellen fundamentalistischer Islamisten, die nach Amerika eingeschleust wurden. Ein Anschlag auf die New Yorker FBI-Zentrale, bei dem 600 Menschen sterben, führt schließlich dazu, dass der US-Präsident den Ausnahmezustand verhängt und in New York das Kriegsrecht herrscht."

FAZ, 14.09.2001

Der Schriftsteller Louis Begley gibt seiner ganzen Bewunderung für die New Yorker Ausdruck: "Menschen aus allen Schichten, junge und alte, einfach gekleidet oder elegant, warteten ruhig, gleichmütig, völlig unerschüttert darauf, ihre Pflicht als Menschen und Mitbürger zu tun. Manche hatten in weiser Voraussicht Klappstühle und Tischchen mitgebracht, und die Schlange bewegte sich tatsächlich so langsam voran, dass sie nicht allzuoft umzuziehen brauchten. Sie spielten Karten - vor allem Romme, aber ich sah auch Leute, die Bridge und Poker spielten. Ein paar Grüppchen von Yuppies in ihren lässigen Geschäftsanzügen machten es sich auch ohne Stühle und Tische bequem. Im Schneidersitz saßen sie auf dem Bürgersteig und breiteten die Spielkarten vor sich aus." Am Ende seines Artikels stellt Begley die Überlegung auf, dass Angriffe auf Zivilisten nur demjenigen möglich sind, der diese Menschen nicht mehr als Menschen wahrnimmt. "Während ich dies schreibe und mit anhöre, wie die führenden Politiker meines Landes in allzu großen Worten verkünden, dies sei die tragischste Stunde in der Geschichte Amerikas, beschleicht mich die Angst, dieses Land könnte sich in seinem Zorn und seiner berechtigten Empörung dazu hinreißen lassen, ganze Gruppen von Menschen zu bestrafen - und nicht bloß diejenigen, die direkt oder indirekt persönliche Verantwortung tragen."

Andreas Kilb fragt, warum die Geheimdienste keine Ahnung hatten von den geplanten Anschlägen und antwortet gleich selbst: "Weil eine solche Verbindung zwischen perfekter Rationalität des Handelns und dem irrationalsten aller Ziele, wie sie sich am Dienstag offenbart hat, im westlichen Denken nicht vorgesehen ist. Die Attentäter, welche die Flugzeuge in die Türme des World Trade Center lenkten, waren keine Habenichtse, die irgendein Rattenfänger in den Straßen von Bagdad oder Gaza aufgelesen hätte, sondern Spezialisten, die sich sorgfältig auf ihren Einsatz vorbereitet hatten. In ihren Heimatländern hätten sie mit ihren Kenntnissen wahrscheinlich ein gutes Leben führen können; aber sie wollten sterben." Für Kilb ist dies der Beginn des "Weltbürgerkriegs", des Kampfes zwischen Blut und Geld, den Oswald Spengler in seinem Buch "Untergang des Abendlandes" phantasiert hat.

Wenn das richtig ist, dann stimmt das danebenstehende Interview mit dem Militärhistoriker Martin van Crefeld nicht gerade optimistisch für den Ausgang dieses Krieges. Crefeld erzählt, wie er vor einigen Jahren einen Vortrag vor "lauter sehr gebildeten" CIA-Analysten um die 35 hielt. "Einer stellte sich mir vor als Experte für das irakische Heer. Natürlich habe ich ihn gefragt, ob er Arabisch könne. Die Antwort war: nein. Er werde so häufig versetzt, dass es sich nicht lohne, eine Sprache gründlich zu lernen. Und wenn er es täte, geriete er beruflich in Gefahr, auf diesem Posten sitzenzubleiben."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann hat in William Blakes Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Werk "America. A prophecy" gestöbert und festgestellt, dass der englische Dichter damit den Anschlägen vom Dienstag ziemlich nahe kam. Mary Kaldor von der London School of Economics erklärt, warum sich die "neuen Kriege" nicht militärisch gewinnen lassen und plädiert dafür die Angreifer nicht als militärische Gegner, sondern als Kriminelle zu behandeln. Dieter Bartetzko berichtet über den geplanten Wiederaufbau des World Trade Centers. Jordan Mejias fährt jetzt mit dem Leihwagen von Kalifornien nach New York zurück und scheint darüber in einer Serie berichten zu wollen. Verena Lueken beschreibt ihre Rückreise nach New York von Toronto mit dem Zug. Auf der Medienseite berichtet Joseph Croitoru über Hasstiraden arabischer Chatter im Internet. Wieder fragt man sich, wie man diese Leute eigentlich verstehen soll: da werden einerseits die Anschläge bejubelt, andererseits wird behauptet, die Israelis seien dafür verantwortlich.

Kultur: Katrin Leydecker stellt das neueröffnete Prinzhorn-Museum in Heidelberg vor. Tilman Spreckelsen gratuliert dem Schriftsteller Ivan Klima zum Siebzigsten. Patrick Bahners gratuliert Eckhard Henscheid zum Sechzigsten. Gerhard R. Koch schreibt zum 50. Todestag des Dirigenten Fritz Busch. Bemerkenswert noch im Feuilleton eine ganzseitige Anzeige von Verlegern, die gegen die geplante Reform des Urhebervertragsrechts protestieren.

Besprochen werden Hochhuths "Stellvertreter" in der Inszenierung von Philip Tiedemann im BE ("... keine Spur von Menschen. Nur der absolut ehrbare und stellenweise sogar sehr nette Versuch, Akten und Papieren ein Gesicht zu geben", schreibt Gerhard Stadelmaier.) und Terence Davies' Verfilmung von Edith Whartons Roman "Haus Bellomont". Auf der Schallplatten- und Phonosteite stellt Jürgen Kesting neue Opernaufnahmen zum Verdi-Jahr vor.