Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2001.

NZZ, 25.08.2001

Im Interview erklärt der im italienischen Kulturministerium für Architektur zuständige Pio Baldi, warum die italienische Architektur so wenig Renommee hat: "Wir nagen an der Geschichte, und zwar in zweifacher Hinsicht. Gerade die Architektur, mit der Italien international Furore machte, die der zwanziger und dreissiger Jahre, geriet, weil sie in der faschistischen Ära entstanden war, im eigenen Land derart in Verruf, dass sich keiner die Hände schmutzig machen wollte, indem er an sie anknüpfte. Es entstand ein Vakuum. Um sich abzugrenzen, war danach jeder Architekt Marxist, und die Exponenten des Razionalismo wurden totgeschwiegen. Dass Giuseppe Terragnis Casa del Fascio in Como umbenannt wurde in Casa del Popolo, illustriert diese Berührungsangst."

Weitere Artikel: Alice Vollenweider macht Urlaub in Tropea, Kalabrien und erzählt von ihrer Strandlektüre: den neuen Büchern von Luigi Malerba, Sebastiano Vassalli und Gianni Celati. Besprochen werden die David-Hockney-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn und zwei Konzerte mit Charles Dutoit und dem NHK Symphony Orchestra beim Lucerne Festival.


In Literatur und Kunst, der Wochenendbeilage der NZZ, plädiert der Schriftsteller Wilhelm Genazino dafür, dann und wann ein gescheitertes Buch zu veröffentlichen. "Freilich müssten die ungeratenen Bücher gut gekennzeichnet sein. Es bieten sich kleine Aufkleber an: Vorsicht! Gescheiterter Roman! Achtung! Missratene Gedichte! Dann wüssten wir sofort, dass wir mit dem Inhalt delikat, aber auch befreit umgehen dürften." Die Schriftsteller könnten sich so einmal für kurze Zeit den "Verstrickungen des Literaturbetriebs" entziehen, aber "auch für Kritiker hätte das Eingeständnis des Scheiterns grosse Vorteile. Haben wir nicht ohnehin das Gefühl, dass zu viele von ihnen nur etwas von Büchern verstehen, zu wenige etwas von Literatur und so gut wie keiner etwas vom Schreiben? Deswegen sind sie ja so heftig auf angeblich wohlgeratene Bücher fixiert. Bei einem Buch, das auf der Banderole seine Schwäche gesteht, wüssten sie gleich, dass es sich nur um ein Zwischenwerk für ein noch zu schreibendes, weiteres Buch handelt. Die Banderole würde sie daran erinnern, dass das Prinzip des Schöpferischen (wie andere Naturvorgänge auch) zyklisch voranschreitet."

Weiter gibt es zwei Artikel zu Thomas Mann. Roman Bucheli schreibt über den Schweizer Essayisten und Literaturkritiker Max Rychner, der seine liebe Not mit dem politischen Thomas Mann hatte. Und Manfred Papst skizziert die Freundschaft zwischen Thomas Mann und dem Zürcher Verleger Emil Oprecht (1895-1952) anhand des "bislang grösstenteils unveröffentlichte Briefwechsel der beiden". Oprecht gab sogar eine antinazistische Zeitschrift heraus, der Thomas Mann den Titel "Mass und Wert", zahlreiche eigene und fremde Beiträge sowie ein Jahr lang seinen Sohn Golo als Chefredakteur zukommen ließ. "So schreibt Mann am 11. Dezember 1939 aus Princeton an Oprecht: 'Ich finde, man kann Sie und Golo zu No. 1 des 3. Jahrgangs (wie stolz das klingt!) aufrichtig beglückwünschen. . . Grosses Vergnügen hat mir auch Golos kritischer Aufsatz gemacht, dessen Thema so brennend aktuell ist. Dagegen hätte er das Lotte-Fragment etwas besser vor Druckfehlern behüten dürfen. Wie kann man denn stehen lassen "Vom Garten klingelt es schon durch den Laden" (statt "blinzelt") und Vogelspiessen statt dem so nahe liegenden Vogelschiessen!'"

Schließlich gibt es viele Buchkritiken in der NZZ: Unter anderem bespricht Andrea Köhler Wilhelm Genazinos "Ein Regenschirm für diesen Tag", Hans-Ulrich Gumbrecht schreibt über Ottmar Ettes "Literatur in Bewegung", und Laszlo Földenyi über Octavio Paz' Kunstessays "Das Vorrecht des Auges". (Siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr)

SZ, 25.08.2001

In der SZ gibt der mazedonische Regisseur Milcho Manchevski ("Vor dem Regen") der Nato die Schuld am Los Mazedoniens: Mazedonien sei der Kollateralschaden des Nato-Engagements auf dem Balkan, die "ethnischen Säuberer" der UCK in der Regel alte Soldaten der "Kosovo-Befreiungs-Armee", die an der Seite der Nato kämpfte. Ihre Waffen und Kämpfer stammten aus dem von der Nato verwalteten Kosovo. Und schließlich sei das verhängnisvolle Geschehen bekanntlich erst in Gang gekommen, als Deutschland Slowenien und Kroatien über Nacht anerkannt, Bosnien und Mazedonien aber ignoriert habe. Von den USA und ihren Alliierten fordert Manchevski nun, "jene Soldaten, die sie selbst ausgerüstet und bewaffnet haben, daran zu hindern, Mazedonien in ein zweites Afghanistan oder Kambodscha zu verwandeln." Das aber erfordert einen Mut, den Manchevski bei der Nato vermisst.

Kritisch betrachtet werden: die letzten Salzburger Festspiele von Mortier/Baumbauer (und C. Bernd Sucher schlägt sich für die Frauen), die Filmkomödie "Ran an die Braut", die amerikanische Mäzenin Betty Freeman und ihre Ausstellung "Music People Salzburg 1992?2001", dann eine "grandiose" Europaratsausstellung zu Otto dem Großen in Magdeburg und Kem Nunns Surfroman "Wo Legenden sterben".

Weitere Artikel: H. G. Pflaum entmythisiert Irland. Christopher Schmidt sagt, wie die Theaterkritik Hamburgs Wahlkampf beeinflusst. Und Susan Vahabzadeh gedenkt der vergangene Woche verstorbenen Film- und Theaterkomödiantin Kathleen Freeman.

Die SZ am Wochenende bringt einen leidenschaftlichen Seufzer zum 75. Todestag von Rudolph Valentino. Will man nachfühlen, warum er die Massen in Raserei versetzte, die Frauen ihm Höschen schickten, rät Christine Wunnicke, möge man "The Four Horsemen of the Apocalypse" anschauen: "Er spielt Julio, meisterhaft, sachte schillernd und dabei fast unschuldig, fast als wisse er nicht um die Kamera ? so kennt man Valentino sonst nicht. Den Tango tanzt er auch, er hat ein wunderbares dressiertes Äffchen, die mystischen Reiter des Kriegs preschen durch die Wolken, und im Schützengraben, kurz vor dem Ende, sieht man auf den Wangen des Soldaten Julio den schönsten und unmöglichsten Bartschatten der Filmgeschichte." Ach!

Am gleichen Ort erzählt Friedemann Bedürftig vom schrecklichen Ende des Pontifex Johannes XVI. Hans Holzhaider berichtet über den Mordfall Elisabeth Käsemann, in dem es nach 25 Jahren nun endlich zur Anklage gegen einen argentinischen General kommt. Andreas Krieger stellt die Band "Jeans Team" vor. Susanne Hermanski besieht sich die Schuhskulpturen von Spieth/Oehler. Astrid von Friesen schreibt eine Polemik gegen die perfekte Hausfrau.

Folgende Bücher werden vorgestellt: Olga Tokarczuks neuer Roman "Taghaus, Nachthaus", Peter Nadas' "Schöne Geschichte der Fotografie" sowie "Mittsommer" / "Midsummer" von Derek Walcott (siehe unsere Bücherschau am Sonntag ab 11).

Und Roswitha Budeus-Budde entdeckt den Kinderbuchautor James Krüss neu, der einst so fein reimte: Niemand von den Küchenschaben / Welche eine Zeitung haben, / Kann sie lesen und verstehn. / Trotzdem kaufen sie sich Brillen, / Und dann tun sie ganz im Stillen, / Als sei Lesen wunderschön ...

FR, 25.08.2001

Roman Luckscheiter besichtigt den französischen Literatursommer und erkennt: Alles genau wie bei uns. Ob Charles Dantzigs Zeitdiagnose in Charakterstudien "Nos vies hâtives", Serge Joncours Sainte-Beuve-geschulte "Situations delicates" (in denen Frauen Candle-Light-Dinner absagen, weil sie gerade keinen Hunger haben) oder das Magazine litteraire, das ein ein Potpourri philosophischer Depressionen von Seneca bis Celan zusammenstellt - es dominiert das Bekenntnis zur gut gelaunten Langeweile. Einen Unterschied findet Luckscheiter dann aber doch: In Frankreich begegnet man dem neuen Zeitgeist mit mehr Witz: "In ihrem Sonderheft zur 'Generation Geschwindigkeit' ernannte der Nouvel Observateur das Faultier zum Maskottchen der Gestressten." Allerdings wird das wenigstens alle sechs Stunden aktiv, um sich was zu essen zu besorgen.

Was eigentlich ist ein Comic? Ole Frahm sieht in ihm ein höchst elaboriertes Medium, situiert zwischen allen Sitzkissen bürgerlicher Ästhetik: "Im Comic sind die Zeichen als Zeichen ausgestellt ... Das Bild ist zu sehen, aber nur in seiner - an Schrift erinnernde - Reihung in Panels zu verstehen. So bleiben Schrift und Bild als Zeichen getrennt, beziehen sich aufeinander und werden untrennbar voneinander. Sie sind so miteinander konstelliert, dass die jeweilige Materialität der Zeichen selbst, ihr Ort auf der Seite, im Strip, im Panel zählt ... Die Lektüre von Comics verfolgt zwischen den Zeichen diese Entstehung des Sinns, sie muss sich entscheiden zwischen Schrift und Bild und zugleich beide sehen und lesen und wieder lesen und sehen, um sie dann zu werten. Diese Wertung zu vieler Zeichen wirft Probleme auf ... So wird in ihnen die Hilflosigkeit aller Referentialität, eines jeden Anspruchs, eine Wirklichkeit durch Zeichen zu zeigen, einer jeden totalitären Hoffnung, die erbitterten Kämpfe um die Wirklichkeit durch eine einzige zu schlichten, ausgestellt."

Weitere Artikel: Thomas Kling "zoomt mal ran" an Francisco de Quevedos kraftstrotzenden Barockroman "Der abenteuerliche Buscon", Thomas Medicus schimpft auf das Wetter als kulturelles Phänomen und der Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener erklärt im Gespräch mit Udo Feist, warum "Herr Lehmann" eben kein Kreuzbergroman ist.

Besprochen werden: Christoph Marthalers "Was ihr wollt" in Salzburg, eine Ausstellung übers Reisen im neuen Museum Georg Schäfer in Schweinfurt. Und Bücher: Romane von Ingo Niermann ("Der Effekt") und Charles Simmons ("Lebensfalten"), der Fotoband "Empire" von John Gossage, sowie in einer Doppelbesprechung: Axel Honneths "Das Andere der Gerechtigkeit. Aufsätze zur praktischen Philosophie" und Nancy Frasers "Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaates".
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TAZ, 25.08.2001

Anita Kugler legt eine äußerst engagierte Kritik des Erzählungsbandes "Ein einziges Leben" vor, in dem Tom Lampert sich anhand historischer Quellen mit dem Holocaust auseinandersetzt. "Tom Lampert erklärt nichts weg, hält alle Widersprüche fest. Das Buch ist ein Widerhaken im kollektiven Gedächtnis."

Markus Schroer verabreicht abschließende Worte über das Individuum in der Mediengesellschaft vor: "Die leitende Unterscheidung der Medien- und Informationsgesellschaft, in der wir leben, lautet nicht Achtung/Missachtung bzw. Anerkennung/ Nichtanerkennung, sondern Aufmerksamkeit/Ignoranz. Nichts fürchtet das postmoderne Individuum mehr als unauffällig, unsichtbar zu bleiben. Die eigene Existenz scheint ungewiss, solange sie nicht durch Blicke der anderen bestätigt wird." Gewiss!

Ferner bringt die taz eine neue Kolumne, in der die Redaktion mit Hilfe des Perlentauchers die Woche in den Feuilletons Revue passieren lässt. Eine gute Idee, finden wir!

Im taz-Mag porträtiert Heike Haarhoff die Tierfilmer Klaus und Annette Scheurich und liefert zugleich Einblicke in diesen besonderen Fernsehmarkt: "Für Hochglanzproduktionen, mit denen sich beispielsweise die britische BBC oder National Geographic Ruhm und Ehre erworben haben, reichen die deutschen Budgets zumeist nicht. Nicht, dass die englischen Sender im Geld schwämmen. Sie sind nur pfiffiger: Internationale Vermarktung heißt das Mittel zum Erfolg. Was spricht dagegen, denselben Film über das Liebesleben der Warzenschweine einem englischen, japanischen und kanadischen Publikum zu zeigen? 'Wenn die Briten einen Film in Auftrag geben, bedienen sie damit den Weltmarkt mit und können entsprechend großzügiger honorieren', sagt Klaus Scheurich."

Schließlich Tom.
Stichwörter: Geld, Holocaust, Taz

FAZ, 25.08.2001

Die desolate Lage in Zimbabwe, einem Land, das man bereits auf dem Weg zur Demokratie wähnte, schildert Andreas Eckert. Weiße Farmer werden bekanntlich vertrieben, aber das ist nicht alles. "Die unverblümten Aufrufe einer komplett abgewirtschafteten Regierung, die den letzten verfügbaren Sündenböcken an den Kragen will, sind ohne Zweifel ernst zu nehmen. Die Siedler ihrerseits sehen sich denn auch bereits als Opfer ethnischer Säuberungen. Aber es genügt nicht, den Blick allein auf ihr Schicksal zu richten. Weit stärker noch als die weißen Farmer leiden schwarze Oppositionelle unter Willkür und Gewalt des diktatorischen Systems. Die Mehrzahl der Ermordeten während der Gewaltwelle, die vor den Wahlen im vergangenen Jahr durch das Land rollte, waren schwarze Farmarbeiter, Kleinbauern und Regierungskritiker."

Jordan Mejias hat ein großes Interview mit mit dem Nobelpreisträger Harold Varmus, einem führenden Krebsforscher und Befürworter des therapeutischen Klonens, geführt. "Für mich war das keine schwierige Entscheidung. Ich arbeite nicht mit Stammzellen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet ohne ein Gefühl von Respekt forscht. Dies sind menschliche Zellen, aus einer Verschmelzung von Samen- und Eizelle entstanden, einem außerordentlich wichtigen Ereignis in der Entwicklung des Menschen. Statt sie wegzuwerfen, könnten aber genau diese Zellen, wenn wir sie richtig studierten, bei der Behandlung von Krankheiten weiterhelfen. Sie sind ein Geschenk."

Weitere Artikel: Verena Lueken berichtet über Korruptionsvorwürfe gegen führende Journalisten der äußerst einflussreichen Filmbranchenzeitschriften Variety und The Hollywood Reporter. Jens Petersen kommt auf den schonenden Umgang zurück, den die Italiener ihren Kriegsverbrechern aus dem Zweiten Weltkrieg angedeihen ließen. Christian Schwägerl freut sich, dass ausgerechnet in NRW, dem Land des Clon-Befürworters Clement, Durchbrüche in der Forschung mit adulten (also nicht embryonalen) Stammzellen gelungen sind. Paul Ingendaay schildert eindringlich, wie sich die spanische Presse unter Aufwendung zahlreicher Nacktfotos durch den ereignislosen Sommer kämpft. Sandra Kluwe geht botechnischen Utopien vom Neuen Menschen in Zolas Roman "Docteur Pascal" nach. Thomas Frahm begleitet die bulgarischen Schriftsteller auf ihrem schwierigen Weg zum Markt. Rüdiger Klein berichtet, dass Ingolstadt ein Museum für klassische Moderne plant. Joseph Croitoru präsentiert einen israelischen Politiker, der vorschlägt, die Familien von Selbstmordattentätern in Sippenhaft zu nehmen. Und Ingeborg Harms liest deutsche Zeitschriften, in denen es um die Themen Liebe und Ehe geht..

Besprochen werden einzig und allein der Film "Bridget Jones" und einige Sachbücher (siehe unsere Bücherschau morgen ab elf Uhr).

In Bilder und Zeiten bringt Kerstin Holm einen großen Essay über Korruption in Russland. Joseph Croitoru beschreibt, wie Arafat Mystifikation als Mittel der Realpolitik betreibt. Ulla Berkewicz porträtiert den israelischen Schriftsteller Amos Oz. Frank Pergande erinnert an die Entstehung des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz vor 300 Jahren. Und Bettina Erche schildert das raffinierte Licht- und Schattenspiel der Renaissance-Architektur in Pienza.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch ein Gedicht von Johannes R. Becher vor: "Aus Stein war dein Gesicht, ein grau Gestein..."