Wilhelm Genazino

Ein Regenschirm für diesen Tag

Roman
Cover: Ein Regenschirm für diesen Tag
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446200494
Gebunden, 176 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Geld verdienen kann man mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten. Zum Beispiel als Probeläufer für englische Luxushalbschuhe. Genazinos Held durchstreift auf diese Weise die Stadt, trifft auf seine zahlreichen früheren Freundinnen und betrachtet die Welt..

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.11.2001

Werner Jung lobt den "subtilen Humor" der sich durch die Geschichte von dem "namenlosen Flaneur und Schuhtester" zieht. An den Texten von Genazino liebt der Rezensent die wahren Sentenzen, die sie enthalten, so zum Beispiel, dass das Leben eine fortgesetzte "Peinlichkeitsverdichtung" sei. Man habe es nicht nur mit einem Autor, sondern mit einem "Philosophen der Lebenskunst" zu tun. Der Kritiker freut sich über die Gelassenheit, zu welcher der Protagonist am Ende des Romans findet, er spricht von einem "Sieg der Kontemplation und des Humors", den er - bei einer derart starken Identifikation mit dem Helden des Romans - wohl gerne auch selbst davontragen würde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Auf der Höhe seines Erfolgs verließ der Autor seine "Abschaffel"-Angestelltenwelt (so genannt nach der Trilogie aus den 70er Jahren) und machte sich als passionierter Flaneur und aufmerksamer Beobachter auf einen neuen Weg und siehe da - für Jürgen Verdofsky ist er nun ganz oben angekommen. Genazinos neuer Erzählstil sei reif geworden, lobt Verdofksy, vor allem reif in Sachen Präzision, unaufdringliche Präzision, die ihre lang anhaltende Wirkung nicht verfehlt. Es sei als habe Genazino diese Gabe in den vorhergegangenen Texten immer mehr verfeinert, schreibt sich Verdofsky in Begeisterung. Geblieben seien dem Autor die genaue Wahrnehmung und die präzise Beschreibung des Wahrgenommenen, die "Feinzeichnung der Details". Außerdem stellt Verdofsky fest, dass Genazino sein Flaneur- und Außenseiterdasein konserviert hat. Nicht als inszenierte Weltflucht, sondern als hohe Schule der Melancholie, mit und nicht gegen die der Autor lebe. Eine hohe Kunst, meint der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.08.2001

Nicht nur, dass sich Wilhelm Genazinos Prosa herrlich zur Beschreibung bekannter Befindlichkeiten eignet, hat Andrea Köhler an seinem neuen Roman so gut gefallen, sondern dass es der Autor vermag, selbst einer "betonierten Normalität" wie der Frankfurter Fußgängerzone zu einem "exponierten Kopf-Terrain" zu verhelfen. Für die Rezensentin ist dieses Buch, dessen Protagonist im Auftrag einer englischen Schuhfirma handgenähte Luxushalbschuhe probeläuft, auf seinen Streifzügen über Sinn und Unsinn des Lebens nachdenkt und auf allerlei andere gestrandete skurrile Gestalten trifft, "versponnene Innenstadtprosa", ein "heiterer Balanceakt am Rande des Scheiterns". Köhler hat hier vieles entdeckt: die Augenblickskomik der Fotografie, die Dramaturgie der Kameraführung und dynamische Gedankensprünge, die dem Prinzip der Collage folgten. Das Buch empfiehlt sie denjenigen, die zuweilen, wie der Protagnist, das Gefühl haben, ihr Leben sei ein langezogener Regentag und ihr Körper der dazu passende Regenschirm. Das Schöne daran ist, meint Köhler, dass man trotz dieser depressiven Grundhaltung dabei gar nicht schwermütig werde, denn Allerschwerstes werde von Genazino mit allerleichtesten Sätzen aufgehoben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.08.2001

Es gibt viele Gründe, den 1943 geborenen Autor Wilhelm Genazino zu lesen, jubelt Andreas Nentwich. Das neue Werk jedenfalls hält der Rezensent für ein "wunderlich-poetisches, irrwitzig komisches kleines Buch, in dem der Autor ganz diskret, aber anspruchsvoll Reflexionen über die Entstehung von Wahrnehmung, Erinnerung, Lust und Unlust anstelle und ironisch, aber entschlossen Partei für die Verrückten, Gestrandeten und Verlierer ergreife. So einer ist auch der Protagonist in "Ein Regenbogen für diesen Tag". Der genießt nämlich das Leben - als Flaneur und ständiger Denker, ein ewiger "Spaziergänger mit geringem gesellschaftlichen Nutzwert", der seinen spärlichen Lebensunterhalt mit dem Probelaufen von Luxusschuhen durch die Business-Metropole Frankfurt bestreitet und sich mit dieser Existenzform, die die Ansprüche der Leistungsgesellschaft deutlich unterläuft, pudelwohl fühlt, berichtet der Rezensent. Einfach herrlich, schwärmt Nentwich, der Genazinos "Worterotik" und Wortwitz gar nicht genug loben kann und die "wunderbar fußläufigen" Sätze des Autors voller Genuss aufgesogen hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2001

Der Autor, schreibt Kristina Maidt-Zinke einigermaßen begeistert, habe seine melancholische, minimalistische Augenprosa nun in eine neue Phase seiner unendlichen Kreiselbahn befördert. Es tritt auf: der Held als bezahlter Probeläufer für englische Luxusschuhe. Was bedeutet, dass es sich um eine jener Figuren handelt, die die Rezensentin bereits aus früheren Romanen Genazinos kennt und die sämtlich dem Sport huldigen, "einem erfolgreichen oder auch nur ereignisreichen Leben auszuweichen". Nur dass das Ganze diesmal eben durch eine neue Leichtigkeit und Eleganz besticht. Einmal allerdings ist die Rezensentin irritiert vom Geschehen. Da zeigt der Leisetreter Spuren "partieller Verbürgerlichung". Aber das ist nur ein Moment.
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