Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2001.

NZZ, 02.06.2001

Ein Streit tobt unter arabischen Schriftstellern, weil der israelische Verlag Al-Andalus um Übersetzungsrechts nachgefragt hat, berichtet Wadih Saadeh: "Es ist desillusionierend, die Argumente anzuhören, welche namhafte Schriftsteller der arabischen Welt gegen das Projekt des israelischen Verlags ins Feld führen. Sonallah Ibrahim versteigt sich zur Behauptung, das Hebräische sei 'eine tote Sprache ohne Zukunft, die bloß von einigen tausend Sprechern in Israel gebraucht wird'. Weist eine derart abfällige Formulierung nicht genau den 'Rassismus' aus, den Ibrahim den Israeli vorwirft? - Eine Übersetzung ins Hebräische, so der Schriftsteller, brächte der arabischen Literatur 'weder Gewinn noch Verlust' zudem sieht er, wie viele ägyptische Intellektuelle - darunter auch die namhafte Schriftstellerin Salwa Bakr -, in der gegenwärtigen Situation des Palästinenservolks eine Verpflichtung, jede Form der Annäherung an Israel kategorisch abzulehnen."

Weitere Artikel: Renate Kroll schreibt zum 300. Todestag von Madeleine de Scudery. Besprochen werden die Jürgen-Klauke-Retro in Bonn, ein "Nabucco" in Wien und einige Bücher, darunter Barbara Bongartz' Roman "Die amerikanische Katze", eine Geschichte Sankt Petersburgs und Neuauflagen von Werken des Bukowiner-deutschen Dichters Moses Rosenkranz. (Siehe unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr.)

Viel Bildungsgut in Literatur und Kunst. Jens Malte Fischer schildert den jungen Gustav Mahler und das Wien um 1870. Rolf Urs Ringger setzt sich mit Hans Werner Henzes "Elegie für junge Liebende" auseinander. Otfried Höffe denkt über "Gerechtigkeit und Freudschaft" als politische Begriffe nach. Hans Bernhard Schmid befasst sich mit den neuen Werken einiger - vor allem amerikanischer - Philosophen, die fragen, ob das "Ökonomische Verhaltensmodell" als universale Theorie des menschlichen Handelns gelten darf. Uwe Justus Wenzel liest in diesem Zusammenhang Alasdair MacIntyres Buch "Die Anerkennung der Abhängigkeit".

Vier Artikel widmen sich überdies der Vergangenheit, der Zukunft und den Publikationen des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft und vergleichen es mit entsprechenden Institutionen anderer Länder.

SZ, 02.06.2001

Wer wissen möchte, wie es um die Architektur der Berliner Mitte tatsächlich bestellt ist und wie es hätte sein können, der lese Niklas Maaks furiose Huldigung des amerikanischen Stararchitekten Frank O. Gehry. Gehrys soeben fertiggestelltes DG-Bank-Gebäude am Pariser Platz, schreibt Maak, wirke im deprimierenden Sandsteinplattengedümpel der Neuen Mitte "wie eine Botschaft aus der neuen Welt, ein Westcoast-Monument aus Entschlossenheit, Großzügigkeit, Sunshinestate-Optimismus und Freude am Chaos und am Effekt." Ah, das klingt! Und sieht erst aus. Da freut sich Maak schneeköniglich, weil der findige Architekt die Berliner Gestaltvorgaben nicht umgangen, sondern so ernst genommen hat, "dass er am Ende die ganze hohläugige Berliner Lochfassadenmentalität mit ihren eigenen Mitteln vernichtete." Die "wirkliche Sensation" aber findet sich Atrium. Dort thront, "wie in einem Käfig für gefährliche Architekturmonster", das Erstaunlichste, was Gehry seit Bilbao geschaffen hat: eine metallisch schimmernde, tosende Skulptur, ein hölzerner Riesenfisch als Tagungsraum - ein Monument des Biomorphismus.

Die SZ bringt zwei Artikel über Biotechnik: Ein Interview mit dem Genforscher Steve Jones über die Einstellung der Briten in diesem Punkt und einen Lagebericht von der "Gen-Debatte" im Bundestag. Nebeneinandergestellt lassen die Artikel eine klare Rollenverteilung erkennen: Der Deutsche ist der Grübler und voller Skrupel. "Wir haben eine Verantwortung für das, was wir tun. Aber wir haben auch eine Verantwortung für das, was wir unterlassen," erklärt er goethesch-tief. Und: "Wir dürfen nicht alles, was wir können." Ganz anders da der Brite. Der Inselbewohner zeigt sich als Pragmatiker durch und durch. Er findet Implantationsmedizin so natürlich wie Kleidertragen und denkt bei einem achtzelligen Embryo - an acht Zellen eben. Leben beginnt seiner Meinung nach, "wenn die Kinder außer Haus sind und der Hund gestorben ist."
Besprochenes: Gyrdir Eliassons "Aquarell-Erzählungen", Edouard Vuillards Arbeiten auf Papier in der Graphischen Sammlung in München, Philippe Arlauds "Traviata" in Baden-Baden, und auch Jan Bosses Hamburger "Ödipus"-Inszenierung ist dabei.

Ferner gibt es Artikel zu Reinhold Brinkmanns Visionen einer neuen Musikwissenschaft, Tom Strombergs neuen Visionen für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg und Hollywoods Vision von einem Kino der Fortsetzungen.

Und in der SZ am Wochenende: Erinnert Oliver Bentz an den amerikanischen Journalisten Varian Fry, den "Engel von Marseille", der 1940/41 1500 Menschen, deutsche Emigranten und Künstler zumeist, vor den Nazis in Sicherheit brachte und dafür während der McCarthy-Ära in seiner Heimat geächtet wurde. Joachim Kaiser untersucht die Schwierigkeiten der Literatur bei der Darstellung von Symphonien, Opern und Sonaten und der Vermittlung von Klängen allgemein. Und Gerhard Beckmann stellt klar, wieso das Taschenbuch zwar eine feine Sache ist, hierzulande aber das Hardcover noch immer den Markt bestimmt (und wie!).

FR, 02.06.2001

In einem lesenswerten Gespräch in der FR erklärt die Schriftstellerin Katrin Röggla, was sie unter Literatur versteht und was überhaupt nicht. Bei den zeitgenössischen Texten vermisst sie vor allem die Reibung zwischen Bewusstsein, Sprache und Medien. Die reine Nacherzählung der Gegenwart, wo so getan wird, als ob Bewusstsein und Erfahrung eine homogene Sache seien, entlockt ihr ein Gähnen. Und auch das Internet als literarisches Medium kommt bei Röggla gar nicht gut weg: Das Netz sei eben kein Ort, wo man wirklich lese und nachdenke, dafür ein Medium, "das schon so ziemlich kommerzialisiert und trivialisiert ist. Internet, das ist der Ort der Domains geworden, und Kunst dient dazu, ihn aufzuwerten, man könnte sagen: Gentrification im Netz." Wir sagen: Pearlification.

Anderes Thema: Shopping und Kunst. Elke Buhr sagt, was der Schau "49000" des Schweizer Kunst-Girlies Sylvie Fleury im ZKM Karlsruhe fehlt: Der Widerschein Gottes nämlich. Wo der Kunstkonsument des güldenen Barock noch auf Transzendenz spekulieren durfte, meint Buhr, strahlt bei Fleury nur die Leere. Gold ja, aber kein Gott dahinter. Stattdessen spiegeln die ausgestellten Konsumgüter höchstens das Begehren des Betrachters. Aber welches Begehren eigentlich? Das nach Gott vielleicht oder nach Gold? Nein, nein, das nach einer kritischen Kunst.

Weitere Artikel: Die FR sinnt über Schlaflosigkeit nach und sagt, was Schröders "Ausschuss für Kultur und Medien" so treibt. Elmar Schenkel erinnert (sehr eingehend) an H. G. Wells, den "Baudelaire der Sachprosa" (Lars Gustafsson) und Meister der "scientific romance". Adam Olschewski leidet unter dem "warmen Griff der Gewohnheit, des Mittelmaßes, der Langeweile", kurz: unter der (erfolgreichsten deutschsprachigen) Band Pur. Und Rudolf Walther gratuliert dem Holocaust-Forscher Raul Hilberg zum 75.

Besprochen werden: Jan Bosses "Ödipus" am Schauspielhaus Hamburg. Eine Ausstellung des Rotterdamer Architekturbüros MVRDV, das Schweine-Wolkenkratzer entwickelt. Sowie bei den Büchern: Jean Starobinskis "Aktion und Reaktion", der traurige (Ehe-)Briefwechsel zwischen Hermann Broch und Annemarie Meier-Graefe und der Fotoband "100 Jahre" von Hans-Peter Feldmann.
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TAZ, 02.06.2001

Raul Hilberg, der Pionier der Holocaust-Forschung wir 75, und in der taz gratuliert nicht irgendeiner, sondern Christopher Browning. gleich zu Beginn kommt Browning auf Hilbergs berühmtes Buch über "Die Vernichtung der europäischen Juden" zu sprechen. "Der Mann wie das Buch haben mehr als jeder andere Wissenschaftler, als jedes andere Buch zur Begründung des Forschungsbereichs beigetragen, der heute als Holocaust-Studien bekannt ist. Von der Wirkung dieses Buches kann ich aus ganz persönlicher Erfahrung berichten. Ich hatte gerade meine Magisterprüfung in französischer Diplomatiegeschichte bestanden, als ich im Sommer 1969 zum ersten Mal Hilbergs 'Vernichtung der europäischen Juden' las. Im Lichte dieser Erfahrung widmete ich meine weiteren Studien der Verfolgung der Juden durch die Nazis und schrieb meine Dissertation über das deutsche Außenministerium und die 'Endlösung'. Ein Buch veränderte mein Leben." Und Browning erinnert auch daran, dass Hilberg es nicht leicht hatte, als sein Buch vor vierzig Jahren erschien: "Ursprünglich konnte Hilberg für sein Buch keinen Verlag finden, und als es endlich erschienen war, wurde es in keiner wissenschaftlichen Zeitschrift besprochen."

Weitere Artikel: Thomas Winkler stellt die Berliner Elektronikgruppe No Underground vor, "deren Musik auf ihrem neuen Album 'Burn My Body' beim ersten Hören so wirkt wie durchschnittliche Club-Beschallung. Tatsächlich aber will sie die Darstellung 'der ekstatischen Überschreitung in tödlicher Selbstauslöschung' sein. Diese Musik will das Kommunistische Manifest des Pop werden. Mindestens." Und Ellen Meyer porträtiert die Künstlerin Ulrike Möntmann, die mit Frauen der JVA Vechta in Amsterdam Fantasiekleidung aus dem Gefängnis ausstellt.
Schließlich Tom.

Das taz-Mag wird von Peter Tautfest, dem Washington-Korrespondenten der taz, allein bestritten, und es fängt so an: "'Was Sie in der Brust haben, ist ein Tumor, der ist bösartig, und der hat auch leider schon gestreut.' Wie aus dem Off hörte ich, wie meine Frau gedehnt 'Was?' sagt. Die Frage verklang wie ein in der Ferne davonfahrendes Auto. Mir wurde schwarz vor Augen - vielleicht eine Sekunde lang oder zwei...."

FAZ, 02.06.2001

Ein großes Interview über die Embryonenforschung führt Jordan Mejias mit dem Pionier der Biowissenschaften, dem 96-jährigen Erwin Chargaff geführt. Er ist strikt dagegen. "Könnten, trotz wirtschaftlicher Zwänge, nicht doch ein paar Vorteile für den Menschen dabei herauskommen?", insistiert Mejias. Und Chargaff antwortet: "Das kann schon sein. Aber gewisse Sachen tut man einfach nicht. Wenn ich auf den Geschmack gekommen wäre, meine Mutter aufzuessen, hätte ich nachher auch nicht sagen können, es hat mir geschmeckt, also war es mein gutes Recht, das zu tun. Wir haben uns gegen den Kannibalismus gewandt, halbwegs zumindest, aber jetzt herrscht ein kapitalistischer Kannibalismus vor. Alles, was verkauft werden kann, kommt unters Messer und wird zerteilt und zerstückelt, und dazu trompetet man jeden zweiten Tag eine große Entdeckung heraus. Man sollte das Nobelpreiskomitee dazu bringen, keine Forschung dieser Art mehr auszuzeichnen." Und das in dieser als wirtschaftsnah geltenden Zeitung!

Christian Schwägerl schildert in drastischen Worten, was Bundeskanzler Schröder bei der Bundestagsdebatte zur Bioethik mit Herta Däubler-Gmelin tat: "Schröder hat seine Justizministerin auf eine Weise in die Schranken gewiesen, die als Aufforderung zum Rücktritt verstanden werden muss. Mit hoher Präzision und Klarheit hatte Däubler-Gmelin in den Wochen vor dem 31. Mai dargelegt, warum der Embryonenschutz umfassend ist, warum er Präimplantationsdiagnostik (PID) und Embryonenforschung ausschließt. Schröder erklärte diese Argumentation für nichtig, die verfassungsrechtliche Frage für ungeklärt, die Justizministerin zur religiösen Fundamentalistin. Ein Hinrichtungsversuch auf offener Straße." Der Mann gehört verhaftet!

Weiter gehört zum Dossier ein Sammelartikel: FAZ-Redakteure begaben sich auf die Spur des Publiklums und sahen sechs ganz normalen Bürgern zu, wie sie der Bundestagesdebatte im Fernsehen zusahen.

Weitere Artikel: Der spanische Schriftsteller Javier Marias gibt zu, beim Championsleague-Finale, das die Bayern gegen Valencia gewonnen, um Valencia gebangt zu haben, obwohl er eigentlich für Real Madrid ist. Marcel Beyer denkt im "Deutschen Wörterbuch" über "Winnetou" nach. Walter Haubrich schildert die Lage in Peru und blickt auf den mutigen Kampf der Intellektuellen gegen Fujimori zurück: "Die einstigen Gegner der Diktatur, die Professoren und Schriftsteller aus dem Widerstand, unterstützen bei der morgigen Stichwahl um die Präsidentschaft in ihrer großen Mehrheit, wenn auch mit kritischer Distanz, den Wirtschaftswissenschaftler Alejandro Toledo."

Besprochen werden der Film "Vatel", Schönbergs "Erwartung" und Sciarrinos "Lohengrin" bei den Wiener Festwochen, der "Oedipus" am Deutschen Schauspielaus und eine Ausstellung über den Bartholomäus-Meister im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

Und Gerhard Stadelmaier gratuliert Klaus Michael Grüber zum Sechzigsten.
Andreas Obst gratuliert dem Stones-Schlagzeuger Charlie Watts zum Sechzigsten.Tilman Spreckelsen gratuliert Monika Maron zum Sechzigsten.
Jordan Mejias gratuliert der Sponsorin und Fotografin Betty Friedman zum Achtzigsten.
Tilman Spreckelsen gratuliert dem Illustrator Eberhard Schlotter zum Achtzigsten.

Bilder und Zeiten eröffnet mit einem nachgelassenen Text von Hans Blumenberg: "Die erste Frage an den Menschen". "All der biologische Reichtum des Lebens verlangt eine Ökonomie seiner Erklärung" lesen wir in der Unterzeile. Der Text hat einen wunderschönen Anfang: "' Adam, wo bist du?' Der Mensch hatte eine kleine Unordnung im paradiesischen Garten gestiftet, und schon hatte der Herr des Gartens die Übersicht ein wenig verloren."

Über Religion und Gesellschaft im Iran schreibt Christiane Hoffmann und kommt auf eine Aufsehen erregende Mordserie in der heiligen Stadt Maschad zu sprechen: die "Spinnenmorde" - Prostituierte, an sich ein verbotener Beruf, sind die Opfer: "Die Morde in Maschad verliefen alle nach dem gleichen Muster. Die Prostituierten stiegen zu einem vermeintlichen Kunden ins Auto. Ihre Leichen fand man später an einem Straßenrand außerhalb der Stadt, wie Fliegen im Netz einer Spinne eingehüllt in den Tschador, mit der Mörder sie erwürgt hatte."

Außerdem erinnert Peter Gülke an den großen Komponisten des 15. Jahrhunderts Guillaume Dufay. Und Sabine Schulz hatte de schöne Idee zu fragen, was von van Goghs "Doktor Gachet" aus dem Frankfurter Städel übrigblieb. 1937 hatten die Nazis das Bild als entartete Kunst verkauft. 1990 wurde es als teuerstes Bild versteigert. Seitdem verliert sich die Spur. Im Städel finden wir noch einen Rahmen und ein Röntgenbild.

Schließlich stellt Reinhard Lauer in der Fankfurter Anthologie ein Gedicht von Eduard Mörike vor - Maschinka":

"Dieser schwellende Mund, den Reiz der Heimat noch atmend,
Kennt die Sprache nicht mehr, die ihn so lieblich geformt..."