Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2001.

NZZ, 28.04.2001

Die Internetadresse der NZZ funktionierte heute morgen nicht. Jetzt geht sie wieder. Noch ein bisschen Geduld bitte.

NZZ, 28.04.2001

Armer Peter Stein! Auch Barbara Villiger Heilig verreißt seine Strauß-Inszenierung: "Und wenn das Stück, ein Konglomerat literarischer Zitate von A wie Aristophanes über B wie Botho Strauss bis Z wie Zacharias Werner, Mühe hat, vom Fleck zu kommen, bleibt die Inszenierung von Beginn bis Ende auf erschütternd hilflose Weise - im Theater. Es nützt ihrer Wahrhaftigkeit wenig, wenn bei der Schlüsselszene nach der Pause die Pancomedia-Gesellschaft, versammelt im Restaurant, wirkliche Spargeln aufspießt und wirkliche Caramelköpfchen löffelt: Die Zuschauer, abgespeist mit schwer verdaulichen Paarkonfliktnummern, werden davon nicht satt."

Marc Zitzmann kommt in einem beeindruckenden Artikel noch einmal auf die offizielle Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch das französische Parlament und die türkischen Reaktionen zurück. Sein Schluss: "Es gibt gewiss Gründe, die französische 'Anerkennung' des armenischen Genozids kritisch zu beleuchten. Aber gegenüber der Strategie der Negationisten, so lange an die Bereitschaft zum Zweifeln zu appellieren und nach einem 'Ultrabeweis' (Yves Ternon) zu verlangen, bis selbst die Faktizität der Fakten nicht mehr gesichert erscheint, stellt das Gesetz die letzte Möglichkeit dar, öffentlich und für alle verbindlich zu statuieren, was gilt. Und das ist: Ein Völkermord ist ein Völkermord."

Weitere Artrikel: Georges Waser berichtet über einen Plan für ein britisches Literaturfestival in Hay-on-Wye. Besprochen wird Johannes Harneits "Idiot" in Basel.

In Literatur und Kunst erzählt Hartmut Binder die Geschichte von Kafkas später Verlobter Julie Wohryzek - wiedergefundene Polizeiakten ermöglichen erstmals ein genauers Bild der rätselhaften Geschichte. Hans-Albrecht lässt ein gutes Dutzend Neuerscheinungen von und zu Rilke Revue passieren. Beat Wyss "träumt von der Möglichkeit, aus der Überlieferung antiker Anekdotik, aus den Viten Vasaris, Carel van Manders, Joachim von Sandrarts, aus den Künstlerromanen des 19. Jahrhunderts von Wackenroder bis Zola das Robotbild des Künstlers zu gewinnen, in dem sich noch die heutigen Popstars - 'for ever young' - wiedererkennen". Betram Schmidt setzt sich mit dem Spätwerk Cezannes auseinander. Manfred Koch beschäftigt sich mit der französischen Hölderlin-Rezeption. Und Andrea Gnam befasst sich mit Sterbeszenen bei Jean Paul.

SZ, 28.04.2001

Am Donnerstag abend saß die Schar deutscher Kritiker in der Berliner Arena, um Peter Steins Inszenierung des neuen Stücks von Botho Strauß zu sehen: "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia". Christine Dössel ist enttäuscht: "Stein, der an der Schaubühne einst große, viel gerühmte Strauß-Inszenierungen geschaffen hat, nimmt 'Pancomedia' wirklich nur als Übungsstück für Schauspieler. Er hat keine Vision zu diesem Text und zu den Figuren keine Haltung. Er inszeniert einfach das, was dasteht, nicht das, was zwischen und hinter den Zeilen raunt und klingt. Sehr bieder ist das und trocken, als sei es Pflicht, nicht Kür, banaler, nichtiger Ernst und nicht auch ein schöner, wehmütiger Spaß."

Matthias Politycki war bei einem Germanistentreffen in Ohio. Diskutiert wurde "German Pop Culture: How 'American' is it?" Dabei ging es vor allem um die Frage, ob Amerikanisierung das richtige Wort ist oder Globalisierung. Poliycki hat zwar "nichts Prinzipielles gegen Anglizismen", aber "wer Deutsch schon heute als Romantizismus abschreibt, ist Zyniker, um so mehr, wenn er uns Englisch als die ungleich effizientere, elegantere, wortreichere Sprache verkaufen will. Selbst wenn das so wäre ? wer würde denn seine Frau weniger lieben, nur weil man ihm klarzumachen suchte, Julia Roberts habe mehr Zähne im Mund? Darüber entscheidet noch immer der Liebende selbst."Wolf Jobst Siedler sieht mit Befremden eine "Flut von Mahnmalen" für die Opfer des Dritten Reichs in Berlin entstehen - für ihn eine neue Form des Größenwahns: "Nach einem halben Jahrhundert des Schweigens findet nun ein Exzess des Schuldbewusstseins statt. Wenn die Deutschen schon die größten Sünder waren, so wollen sie jetzt offensichtlich auch die größten Büßer sein."

Weitere Artikel: Andrian Kreye berichtet über das Geständnis des ehemaligen Senators Bob Kerrey, in Vietnam ein Massaker an Frauen und Kindern kommandiert zu haben. Petra Steinberger meditiert über Drogenrausch und Spaßkultur, Wolfgang Eichwede, Leiter der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, unterstützt die neue Beutekunst-Kommission des Kulturministers, und Christoph Wiedemann schreibt den Nachruf auf den Künstler Rudolf Seitz, der am Donnerstag starb.

Besprochen werden eine Ausstellung von Noriyuki Haraguchi im Lenbachhaus München, Jean-Marc Barrs neuer Film "Too Much Flesh" und ein Konzert mit der Geigerin Viktoria Mullova, dem Dirigenten Esa-Pekka Salonen und dem br-Symphonieorchester.


In der SZ am Wochenende beklagt Reinhold Messner, dass der Mount Everest zum Touristen-Rummelplatz verkommen ist: "Seitdem im Internet und in Reisekatalogen mit dem Angebot 'Everest for everybody' die Vorstellung verkauft wird, der Aufstieg ins Nirwana sei für Geld zu haben, ist auch der höchste Berg der Welt, von den Einheimischen in Nepal einst als Heiligtum 'Sagarmatha' und in Tibet als 'Qomolungma' verehrt, Konsumgut geworden ? ein Reiseziel, das seinen Preis hat, aber nach oben hin kein Konkurrenzprodukt fürchten muss."

Ralf Eibl beschreibt en detail das einzig wahre Spiel echter Afghanen: "Buzkaschi" oder "Schnapp dir die Ziege": "Im Prinzip wird beim Buzkaschi getestet, wie gut man einen Ziegenkadaver zu Pferde aufheben und von einem Punkt zum anderen transportieren kann. Doch die Definition unterschlägt das Chaos, das entsteht, wenn dreißig Reiter im Galopp nach einer toten Ziege schnappen. Denn erst in diesem Tohuwabohu liegt die Seele des Spiels." Von der Ziege ganz zu schweigen.

Weitere Artikel: Josef Schmid schreibt über die Restaurierung von Giottis Kreuz, das jetzt in die Kirche Santa Maria Novella in Florenz zurückgekehrt ist, und Klaus Podak berichtet über Neues aus dem riesigen Nachlass von Ludwig Wittgenstein. Auf den Literaturseiten wird u.a. Susan Blackmores "Die Macht der Meme oder Die Evolution von Kultur und Geist" und ein Band mit Erzählungen von Gianni Celati besprochen (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).
Anzeige

FR, 28.04.2001

"Lastend" fand Peter Iden viele Szenen in Peter Steins Botho-Strauß-Inszenierung. Aber eine war gelungen: "Zu beobachten sind da Paare in einem Speisesaal mit vielen Tischen. Die Männer und Frauen, junge, mittelalterliche, ältere, sind einander verbunden durch lauter schiefe Verhältnisse. Alles übertriebene Existenzen, die bestimmt sind von Verstellung, Lüge, Betrug, vor allem von der Gier nach Sex und Geld ... Peter Steins Berliner Aufführung zeichnet dieses zeitgenössische Inferno mit böser Schärfe. Tisch um Tisch, Paar um Paar werden illuminiert, hervorgehoben in ein fahles Licht, verschwinden dann, am Ende ist der Saal leer, vorübergezogen waren Sequenzen eines Albtraums. Die Szene ist präzise gebaut, die Wortwechsel sind pointiert, treffen den Witz wie die Schrecken, die Strauß ihnen einbeschrieben hat, auch hat das Auf und Ab der Erregungen einen Rhythmus, der die Aufmerksamkeit gespannt hält."

Der Schriftsteller Joel Agee denkt über das deutsche Wort "Heimat" nach. Er selbst ist Sohn amerikanischer Eltern, lebte ab seinem zweiten Lebensjahr mit seiner amerikanischen Mutter und einem deutschen Stiefvater (der Schriftsteller Bodo Uhse) sieben Jahre in Mexiko, dann in der DDR. Nachdem seine Mutter sich scheiden ließ, erhielt er "bei der amerikanischen Botschaft in Westberlin mit Hilfe eines amerikanischen Anwalts einen Pass, der mich korrekt mit meinem väterlichen Nachnamen auswies und meine rechtmäßige Nationalität angab. Was für ein nützliches Dokument! Es versprach mir einen raschen Wechsel von einer wüsten Existenz als offiziell registrierter Versager in einer Heimat (ich war ein miserabler Schüler) zu einem makellosen Neubeginn in einer anderen. Ein unglaubliches Privileg! So etwas erhalten manche Verbrecher im Gegenzug für ihre Aussage als Kronzeugen: ein bisschen Gesichtschirurgie, eine fiktive heile Existenz im Tausch gegen eine ruinierte, eine Reise zu einer palmenbestandenen Oase, wo keiner einen kennt; kurz, ein neues Schicksal und ein neues Ich. Wenn es nur so einfach wäre!" Die Stasi fand das einige Jahre später überhaupt nicht witzig. Aber lesen Sie selbst ...

Weitere Artikel: Werner Irro stellt den Literatur- und Kunstverlag Kleinheinrich vor, Manfred Geier erinnert an Ludwig Wittgenstein, der vor fünfzig Jahren starb, und Michael Kleeberg gratuliert Luise Rinser zum neunzigsten Geburtstag.

Besprochen werden die Schau "Laube, Liebe Hoffnung" im Filmmuseum Potsdam, eine Ausstellung mit Handschriften aus sechshundert Jahren in der Pariser Nationalbibliothek und Bücher, darunter ein Band mit Gedichten von Raja Lubinetzki (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).

TAZ, 28.04.2001

Volker Weidermann fand zwar, dass die Stein-Inszenierung des neuen Stücks von Botho Strauß ein "totales Desaster" war, aber immerhin hatte die Sache einen wundervollen Auftakt: "'Seien Sie still! Seien Sie sofort still! Wir haben schließlich für diese Vorführung bezahlt! Und nicht, um Sie zu hören!' Peter Steins Inszenierung von Botho Strauß neuem Gesellschaftsdrama 'Pancomedia' hatte kaum begonnen, da brach schon Chaos aus. Der ehrgeizige Jungverleger Zacharias Werner (Christian Nickel) hatte, dem Stücktext entsprechend, die Lesung der Nachwuchsdichterin Sylvia Kessel (Dorothee Hartinger) mit einem Zwischenruf unterbrochen und setzte zu einer weiteren Bemerkung an, da entschloss sich ein des Stücktextes scheinbar unkundiger Herr in den hinteren Reihen dem Störer Paroli zu bieten. Es entspann sich ein chaotisches Zwiegespräch zwischen Dichterin, Verleger und Zuschauer, das Sylvia Kessel schließlich mit einem entschlossenen 'Ich komm schon allein zurecht, danke sehr' in Richtung Zuschauer in letzter Not beenden konnte."

Der Schauspieler Sebastian Rudolph, der in Schlingensiefs Hamlet-Inszenierung die Hauptrolle spielt, berichtet etwas verwirrt vom Nazi-Casting bei den Proben. Schlingensief wollte nämlich, dass ausstiegswillige Rechtsradikale mitspielen. "Also: Nazi-Casting! Große Freude. Da sitzen sie, die Hochkaräter, die kleinen Fische und machen uns klar: Es gibt sie gar nicht, die Nazis. Nationale sind sie. Verwirrte. Verfolgte. Aber keine Nazis. - Das wollen wir doch aber gar nicht. Ihr müsst schon richtig schlimm sein. Sonst lohnt sich das doch gar nicht. Finden die übrigens auch."

Weitere Artikel: Cornelia Niedermeier wundert sich über den Wiener Theaterboom. Besprochen wird Marc Höpfners Debütroman "Pumpgun" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).


Das tazmag ist heute ganz dem Thema "Brauchtum heute" gewidmet. "Was passiert, wenn eine Genderforscherin eine Jungfrauenversteigerung in der Eifel besucht? Warum ist es in Schwaben so gewagt, Gartenhecken zu fotografieren? Was machen fränkische Blasmusiker auf Manhattans Straßen? Wie funktionieren Chaostage? Dürfen homosexuelle Männer schuhplatteln? Und: Wer rettet die deutsche Blutwurst?"

FAZ, 28.04.2001

Gerhard Stadelmaier über "Der Narr und seine Frau...": "Und man macht nun die Erfahrung, man könnte den 'Narren und seine Frau heute abend in Pancomedia' schon jetzt satt haben. Als sei das Stück mehr ein großes Versprechen als ein großes Stück (und nur ein großer Zauberer könne das Versprechen einlösen). Als komme auch in fünf oder sechs Stunden wenig mehr heraus als: wunderhübsche Anekdoten. Es sei denn, es blase jemand die Backen auf und bringe Luft und Geheimnis zwischen die Flöckchen." Wo war Peter Stein? Nicht gefunden. Das Stück "klebt bis jetzt am Boden: am Hochglanzboden in Bochum, am Bretterboden in Berlin. Nur wer es in die Luft kriegt, kriegt es in die Hand."

Berlusconis Wahlbündnis paktiert für die italienischen Wahlen am 13. Mai auch mit Rechtsextremisten, aber anders als in Österreich löst das in Europa keinen Alarm aus, wundert sich Dietmar Polaczek: "Diese Blindheit ist es wohl hauptsächlich, die Italiens Intellektuelle so nachhaltig verstört. Von Resignation bis zu ohnmächtiger Wut reichen ihre Reaktionen. Sie müssen ansehen, wie die im zwanzigsten Jahrhundert ausreichend erprobten Instrumente der Demagogie ihre Wirkung entfalten."

Gina Thomas berichtet vom britischen Wahlkampf mit seinen Debatten um britische Identität und Rassismus. Das Gericht "Chicken tikka marsala" wird dabei für die Labour-Party zum Sinnbild für die multikulturelle Gesellschaft. "Die herkömmliche indische Küche kennt die Speise nicht. Der Legende nach wurde sie von einem Koch aus Bangladesch erfunden, als ein Kunde Sauce zu seinem chicken tikka - gegrillte Hühnerstücke - verlangte. Er soll der Gewohnheit des schlichten britischen Gaumens, alles in brauner Sauce - gravy - zu ertränken, entgegengekommen sein mit einer Dose Tomatensauce, die, durch eine indische Gewürzmischung - masala - angereichert, eben 'chicken tikka masala' ergab."

Weitere Artikel: Mark Siemons fürchtet in einer theoretischen Abhandlung über die traditionellen Maiumzüge der Berliner Autonomen Gewalt am 1. Mai. Michael Hanfeld berichtet, dass der SWR nun doch etwas sanfter in die geplante Privatisierung ganzer Abteilungen gehe. Henning Ritter betrachtet zum fünfzigsten Todestag des Philosophen noch mal das von ihm in alle Einzelheiten geplante "Wittgenstein-Haus" und findet es trotz seines scheinbaren Modernismus antimodern. Lars-Olav Beier gratuliert der Schauspielerin Ann-Margret, die 60 Jahre und damit genauso alt wird wie Hanne Darboven, der wiederum Thomas Wagner ein Geburtstagsträußchen darreicht. Gratuliert wird auch dem britischen Maler Frank Auerbach, der 70 wird. Ferner erfährt man bei Katja Gelinsky, dass die Stammzellenforschung bei Präsident George W. Bush keineswegs auf Unterstützung rechnen darf.

Besprochen werden eine Rodin-Ausstellung im Pariser Musee du Luxembourg (man hat seinen Auftritt auf der Weltausstellung 1900 rekonstruiert, Werner Spies berichtet) und der Film "Eine Nacht bei McCool's".


In Bilder und Zeiten annonciert Thomas Girst Arbeit für Generationen von Literaturwissenschaftlern - er hat den Nachlass von William Gaddis in New York besichtigt und in ordentlich gestapelten Champagner-Kisten vorgefunden.

Weitere Artikel: Andreas Platthaus hält eine Vorschau auf den Euro, den er als einen ersten Schritt zur Abschaffung des Geldes zu betrachten scheint. Irene Dische legt "Die Geschichte vom Herrn Metzner" vor. Michael Gassmann hat das Elgar-Zentrum in den Hügeln Worcestershires besucht. Und Thomas Pehnt erinnert an den Londoner Kristallpalast, der vor 150 Jahren eröffnet wurde. In der Fankfurter Anthoplogie stellt Gerhard Schaub das Gedicht "Basel" von Kurt Schwitters vor: Es geht ein Bischen rauf,/Es geht ein Bischen runter,/Dazwischen fließt der Rhein./Grün soll sein Wasser sein..."