Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2001.

NZZ, 30.04.2001

Markus Jakob macht in einem langen Artikel über die Situation im Baskenland vor den Regionalwahlen auch die gemäßigt-nationalistischen Kräfte für die Gewalt verantwortlich: "Das Autonomiestatut von 1979 hat das Erziehungswesen in die Hand der baskischen Regierung gelegt; und das Geschichtsbild, das heute an baskischen Schulen vermittelt wird, ist zumindest fragwürdig, von den Mythen um eine Urheimat verzerrt, deren Seele manche Nationalisten irgendwo in der Jungsteinzeit orten. Den Vorwurf der Indoktrinierung mit dieser phantasmagorischen Heilslehre müssen sich auch die beiden autonomen Fernsehkanäle gefallen lassen. Zwar lehnt der PNV die Methoden der Terroristen ab, aber seine derzeitige Führung (nicht unbedingt auch seine Wählerschaft) teilt doch deren Ziele, sprich: eine unabhängige Euskal Herria, die Navarra und das französische Baskenland einschliesst."

Weitere Artikel: Thomas Maissen erinnert an Zürichs Bund mit den Waldstätten, der vor 650 Jahren geschlossen wurde. Andreas Honegger hat Gedenkveranstaltungen für Böcklin in Florenz beigewohnt. Michael Wirth resümiert den Genfer Buchsalon. Besprochen werden das Dokumentarfilmfestival von Nyon, Gerard Zinsstags "Ubu Cocu" in St. Gallen, das "Käthchen" in Wien und "Was Ihr wollt" in Luzern.

SZ, 30.04.2001

Einen ziemlich gewagten Artikel legt die taiwanesische Journalistin Yu-hui Chen vor: "Es wird Krieg in der Taiwanstraße geben. Das ist nur eine Frage der Zeit. Ich bin nicht nur dagegen, dass Taiwan Waffen kauft, ich habe auch eine Meinung, die ich eigentlich nicht sagen sollte. Ich hoffe, es gibt endlich Krieg. Jetzt ist der beste Zeitpunkt dafür. Wenn sich der Krieg schon nicht vermeiden lässt, dann je eher desto besser. Taiwan und China sind wie ein altes zerstrittenes Ehepaar, das seit einem halben Jahrhundert offiziell nicht miteinander redet. Jeder Therapeut würde zur sofortigen Trennung raten. Krieg wäre wie eine Scheidung. Danach ließe sich vielleicht ein Neuanfang wagen."

Ein kleines Dossier widmet man dem Kanzleramt.

In einem Porträt des Architekten Axekl Schultes weist Niklas Maak auf seine außereuropäischen Vorbilder hin: "Fast wäre er Flugzeugbauer geworden, so sehr langweilte ihn das europäische Bauerbe ? bis er zur Hagia Sophia kam. Ein Damaskuserlebnis sei das gewesen, 'die blödesten Leute waren da plötzlich still.'"

Marcus Lüpertz erklärt in einem kleinen Interview die Skuptur der "Philosophin", die er für Schröders Amt schuf, beziehungsweise erklärt sie nicht: "Für Interpretationen bin ich nicht zuständig. Es lassen sich jedoch sicherlich hinreißende Erklärungen finden." Ferner gibt es vier Glossen zum Kanzleramt, die es als "musikalisch", als "filmisch" als "theatralisch" bzw. als "künstlerisch" loben.

Weitere Artikel: Georg Diez kommt kurz vorm Berliner Theatertreffen und der Frankfurter Gegenveranstaltung "Experimenta" noch mal auf den kleinen Theaterstreit der letzten Wochen zurück. Verkehrsminister Bodewig erklärt, was ihn zuletzt zum besseren Menschen machte (der Regierungsumzug). Albert von Schirnding gratuliert Luise Rinser zum Neunzigsten. Besprochen werden "Wallenstein" in München und "Das Käthchen von Heilbronn" in Wien.

FR, 30.04.2001

Sonntagsfeuilleton.
Sandra Danicke hat bei der Art Frankfurt viele Streifen gesehen. Besprochen werden Gerard Zinsstags "Ubu Cocu"-Oper im Stadttheater St. Gallen und das "Käthchen" von Wien. Dirk Fuhrig schreibt zum Tod von Evely Künneke.
Anzeige
Stichwörter: Frankfurt, Stadttheater, Wien

TAZ, 30.04.2001

Der letzte Montag im Monat ist Gabriele-Goettle-Tag im taz-Feuilleton. Heute porträtiert sie Madame Real, "Travailleuse du sexe", eine heute im Genfer Ruhestand lebende Hure, die 1975 bei den Pariser Prostituiertenstreiks eine prominente Rolle spielte.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Gabriele Goettle

FAZ, 30.04.2001

Guillaume Paoli von den "Glücklichen Arbeitslosen" legt ein Manifest mit "Anweisungen zum Kulturkampf" vor und zitiert stolz Peter Glotz, der die "Glücklichen Arbeitslosen" als die Vorhut einer neuen sozialistischen Bewegung sieht. In einer Szene schildert Paoli, wie die Gruppe auf ihr Anliegen aufmerksam macht. "Eines Tages kamen einige 'Glückliche Arbeitslose' auf eine Wiese inmitten der Großstadt. Sie legten sich auf Liegestühle nieder und beobachteten den umhertobenden Beschäftigungswahn ihrer Zeitgenossen. Es war eine ausgezeichnete Beobachtungsstelle. Bald kamen Schaulustige und Neugierige auf sie zu und fanden, dass das, was sie nicht taten, gut war. Sie legten sich mit nieder und genossen die Sonne und den mitgebrachten Sekt. Es kamen aber auch andere, die ebenfalls behaupteten, die 'Glücklichen Arbeitslosen' wären toll, doch um sogleich deren Ruhe mit obszönen Angeboten zu stören. 'Wollt ihr nicht an einem Marsch für die Vollbeschäftigung teilnehmen?' fragten die einen. 'Wir möchten Sie gern für unsere Fernsehshow gewinnen', meinten die anderen. Enttäuscht nahmen sie die Antwort entgegen: 'Wir bleiben liegen.'"

Der Text ist der FAZ wichtig genug, dass sie ihm außerdem noch einen erklärenden Einleitungsartikel von Mark Siemons voranstellt, der das Anliegen der "Glücklichen Arbeitslosen" so beschreibt. "Was die 'Glücklichen Arbeitslosen' seit jeher beklagen, ist ein Zustand der Ausweglosigkeit, der obendrein heuchlerische Zustimmung für sich einfordert: Die Bevölkerung wird auf etwas verpflichtet, von dem klar ist, dass es gar nicht zur Verfügung steht."

Gerhard Stadelmaier hat das "Käthchen von Heilbronn" in Andrea Breths Wiener Inszenierung gesehen und ist begeistert. "Denn der Traum dieser Inszenierung heißt: Johanna Wokalek, das Käthchen aller Käthchen. Diese Schauspielerin hat hier allen Druck abgelegt und ist: ganz Ausdruck. Völlig hell und klar und unbedroht noch unter Tränen. Souverän noch in äußerster Hingabe. Ein Kleistsches Mädchenwunder. Ein träumerischer Vernunftsbolzen mit Madonnengesicht und zartem, dünnem Haar. Und ein vernünftiges Traumding mit Wucht und Stärke." Und so liebevoll präsentiert das Burgtheater seine Damen!)

Weitere Artikel: Matthias Rüb sieht die "Gruppe 99" ? eine lose Gruppierung von Schriftstellern aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, die gerade wieder in Budapest tagte ? in den Mühen der Ebene. Zhou Derong erzählt aus Taiwan eine komplizierte Geschichte über taiwanesischen und japanischen Nationalismus. Martin Kämpchen liest indische Zeitschriften (unter anderem fragt die India Times, warum indische Filme nie einen Oscar bekommen). Dieter Bartetzko schreibt zum Tod von Evelyn Künnecke. Eine Menge Leute haben Geburtstag und erhalten die obligatorischen Geburtstagsartikelchen: Luise Rinser (90), der Autor Naim Atallah (70), Städel-Direktor Herbert Beck (60), Jochen Meyer vom Marbacher Literaturarchiv (60).

Besprochen werden Tanzspektakel in München, die Berlin Biennale, Thomas Ades Kammeroper "Powder Her Face" in Hamburg, die Pariser Retro über den Pointillisten Paul Signac, Schillers "Wallenstein"-Trilogie am Bayerischen Staatssschauspiel, die neunte Videonale in Bonn, Diaghilew-Ballette in Mulhouse und eine polnische Literaturnacht in Köln.