Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2001.

NZZ, 27.04.2001

In einem sehr langen Gespräch mit dem Kunstsammler Friedrich Christian Flick tasten sich die NZZ-Redaktoren Matthias Frehner und Urs Steiner langsam von Flicks Weigerung, in den Zwangsarbeiterfond einzuzahlen ("Aber es ist doch traurig zu sehen, welches Leben die ehemaligen Zwangsarbeiter heute noch in den Ostländern fristen müssen"), zum eigentlichen Zweck des Gesprächs vor. Wir zitieren ausnahmsweise nur die Fragen:

"Wie kann Zürich mit Ihrer Sammlung rechnen? Werden Sie sie in eine öffentlichrechtliche Stiftung überführen?"
"...."
"Wie wird Ihre Sammlung dann in Zürich präsent sein?"
"...."
"Dann kann Zürich mit Ihnen rechnen wie Lugano einst mit der Thyssen-Sammlung?"
"...."
"Sie bleiben also mit Ihrer Sammlung in Zürich?"
"...."

Weitere Artikel: Cristina Erck beschreibt die zwei größten Gefahren für die Archäologie im Irak: Amerikanische Bomben und Schmuggel. Christa Piotrowski bespricht eine große Ausstellung über den Architekten Rudolf M. Schindler im Museum of Contemporary Art in Los Angeles.

SZ, 27.04.2001

Antonio Tabucchi hat einen offenen Brief an den Präsidenten Carlo Ciampi geschrieben, der in der Form äußerst höflich, in der Sache ziemlich gepfeffert ist. Abgedruckt wurde er zuerst in der italienischen Zeitschrift Micromega, nachdem "zwei große italienische Tageszeitungen den Abdruck verweigert" haben, wie Tabucchi schreibt. Eigentlich hat er nur ein paar Fragen an den "sehr verehrten Herrn Präsidenten" - zur Rolle des Vatikans, zur Korruption, zu nicht aufgeklärten Massakern in Italien (er zählt die ab 1969 auf. Da kommt ganz schön was zusammen), zur Rechtsfigur des "Bußfertigen" und zu Berlusconi: "Finden Sie es richtiger, dass in einer parlamentarischen Demokratie des Westens, nicht in irgendeiner südamerikanischen Bananenrepublik, ein Mann sich für das öffentliche Interesse stark machen und womöglich Ministerpräsident werden kann, dem Zeitschriften, Verlage und diverse Fernsehanstalten gehören? Scheint Ihnen nicht auch, dass Italien in einem solchen Falle definitiv mundtot gemacht würde? Finden Sie nicht, dass ein derartiges Übermaß an Macht der Anfang eines neuartigen Totalitarismus wäre? Finden Sie es normal, dass ein kleiner Schlagersänger von heute auf morgen einer der reichsten Männer der Welt wird? Finden Sie es legitim oder nicht legitim, dass die Italiener wissen wollen, wie dieser Mann zu seinem Vermögen gekommen ist?"

Benjamin Henrichs meditiert über altes Theater und junges Theater, denn "vom Aufstand des jungen Theaters" wird beim Theatertreffen im Mai "unvermeidlicherweise die Rede sein". "Um die Wartezeit zu verkürzen, und um für den theatralischen Maikrieg gewappnet zu sein, sind wir jetzt nach Wien gefahren. Zur 'Möwe'. Denn Tschechows über hundertjährige Komödie stellt tatsächlich schon alle fürchterlichen Fragen dieser Saison. Möglicherweise ist Tschechow also das Orakel, zu dem man jetzt wallfahren sollte - auch auf die Gefahr hin, dass seine rätselhaften Auskünfte (man kennt das ja!) alles nur noch schwieriger machen."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh berichtet, wie Senator Joseph Lieberman versucht, die amerikanische Filmindustrie auf ihre Altersfreigaben festzulegen, und Claus Koch widmet sich seinen "Noten und Notizen".Besprochen werden ein Konzert von "Air" in London, eine Installation des Berliner Künstler Piotr Nathan im Münchner Haus der Kunst, John Boormans Film "Der Schneider von Panama" nach dem Roman von John le Carre und ein Hörstück von Klaus Lang im Aachener Dom.

SZ, 27.04.2001

Antonio Tabucchi hat einen offenen Brief an den Präsidenten Carlo Ciampi geschrieben, der in der Form äußerst höflich, in der Sache ziemlich gepfeffert ist. Abgedruckt wurde er zuerst in der italienischen Zeitschrift Micromega, nachdem "zwei große italienische Tageszeitungen den Abdruck verweigert" haben, wie Tabucchi schreibt. Eigentlich hat er nur ein paar Fragen an den "sehr verehrten Herrn Präsidenten" - zur Rolle des Vatikans, zur Korruption, zu nicht aufgeklärten Massakern in Italien (er zählt die ab 1969 auf. Da kommt ganz schön was zusammen), zur Rechtsfigur des "Bußfertigen" und zu Berlusconi: "Finden Sie es richtiger, dass in einer parlamentarischen Demokratie des Westens, nicht in irgendeiner südamerikanischen Bananenrepublik, ein Mann sich für das öffentliche Interesse stark machen und womöglich Ministerpräsident werden kann, dem Zeitschriften, Verlage und diverse Fernsehanstalten gehören? Scheint Ihnen nicht auch, dass Italien in einem solchen Falle definitiv mundtot gemacht würde? Finden Sie nicht, dass ein derartiges Übermaß an Macht der Anfang eines neuartigen Totalitarismus wäre? Finden Sie es normal, dass ein kleiner Schlagersänger von heute auf morgen einer der reichsten Männer der Welt wird? Finden Sie es legitim oder nicht legitim, dass die Italiener wissen wollen, wie dieser Mann zu seinem Vermögen gekommen ist?"

Benjamin Henrichs meditiert über altes Theater und junges Theater, denn "vom Aufstand des jungen Theaters" wird beim Theatertreffen im Mai "unvermeidlicherweise die Rede sein". "Um die Wartezeit zu verkürzen, und um für den theatralischen Maikrieg gewappnet zu sein, sind wir jetzt nach Wien gefahren. Zur 'Möwe'. Denn Tschechows über hundertjährige Komödie stellt tatsächlich schon alle fürchterlichen Fragen dieser Saison. Möglicherweise ist Tschechow also das Orakel, zu dem man jetzt wallfahren sollte - auch auf die Gefahr hin, dass seine rätselhaften Auskünfte (man kennt das ja!) alles nur noch schwieriger machen."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh berichtet, wie Senator Joseph Lieberman versucht, die amerikanische Filmindustrie auf ihre Altersfreigaben festzulegen, und Claus Koch widmet sich seinen "Noten und Notizen".Besprochen werden ein Konzert von "Air" in London, eine Installation des Berliner Künstler Piotr Nathan im Münchner Haus der Kunst, John Boormans Film "Der Schneider von Panama" nach dem Roman von John le Carre und ein Hörstück von Klaus Lang im Aachener Dom.
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FR, 27.04.2001

Mit dem von Jeremy Rifkin geliehenen Gedanken, heute zähle nicht mehr der Besitz von Produktionsmitteln, sondern der "Zugang", kommt Slavoj Zizek auf seinen Liebling Lenin und den Sozialismus zurück: "Vielleicht wird es sich als die ultimative Ironie der Geschichte erweisen..., dass die Sowjetunion das erste Modell der entwickelten 'Nacheigentums-Gesellschaft' lieferte, des wahren 'Spätkapitalismus', in dem die herrschende Klasse durch den direkten Zugang zu den (informationellen, administrativen) Mitteln sozialer Macht und Kontrolle und zu anderen materiellen und sozialen Privilegien definiert ist. Entscheidend ist es nicht mehr, Firmen zu besitzen, sondern sie zu leiten, das Anrecht auf einen Privatjet zu haben und auf beste medizinische Versorgung - Privilegien, die nicht durch Eigentum erworben, sondern durch andere Mechanismen verteilt werden."

Die juristischen Auseinandersetzungen um Pinochet in Chile gehen weiter. Nun wird darüber gestritten, ob der Ex-Diktator erkennungsdienstlich behandelt werden muss, berichtet Karin Ceballos Betancur. 13 Merkmale werden hier durch Fingerabdrücke und Polizeifotos erfasst: "Die 13 Daten geben ein weiteres Mal Viviana Diaz Recht, Präsidentin der chilenischen Vereinigung der Angehörigen verschwundener Häftlinge: 'Damit wird in der Geschichte festgehalten, wer er ist: ein Krimineller.' 13 Privilegien weniger für einen, der sich fühlte 'wie der Herr der Welt und sich nie vorstellen konnte, dass jemals jemand wagen würde, ihn festzunehmen', 13 kleine Siege für die, die 'so viele Jahre damit leben mussten, dass wir das Staunen verlernt haben', 13 Symbole."

Weitere Artikel: Helmut Höge erzählt die Geschichte der Tierhaltung auf Bauernhöfen in den letzten dreißig Jahren. Eva Schweitzer berichtet, dass die vom New Yorker Bürgermeister Giuliani geschaffene Kunstkommission zum ersten Mal zur Tat schreitet - gegen eine polizeikritische Kunstaktion. Besprochen werden eine Aufführung aller Königsdramen von Shakespeare durch die Royal Shakespeare Company in London, eine Signac-Ausstellung in Paris, der Film "Wes Cravens Dracula" und Stefan Bachmanns Operndebut mit "Cosi fan tutte" in Lyon.

TAZ, 27.04.2001

Von Techno versprach man sich einst "die Auflösung tradierter Geschlechterverhältnisse", erinnert sich Andreas Hartmann: "Nur: Wo sind sie eigentlich, die Frauen im Techno? An den Plattenspielern der großen Clubs und an den Laptops offenbar zu selten: Unter den einflussreichen Persönlichkeiten der Technoszene, die 1995 im Standardwerk 'Techno' porträtiert wurden, findet sich, neben acht Männern, mit Miss Djax gerade mal eine Frau. Und die Popjournalistin Heike Blümner resümiert im neuen Suhrkamp-Reader 'Sound Signatures', bei den Teenie-Popstars sei 'das Geschlechterverhältnis wesentlich ausgeglichener als zum Beispiel bei DJs und Produzenten'."

Zeruya Shalev ist auf Lesereise in Deutschland. An sich sei sie unpolitisch, schreibt Angelika Ohland, doch sie kann den Fragen des Publikums nicht ausweichen. "Wenn Zeruya Shalev... also neuerdings doch über Politik spricht, dann klingt sie bitter. Der Glaube, dass Arafat wirklich den Frieden will, ist ihr mit der letzten Intifada abhanden gekommen, und jetzt sieht sie keinen Ausweg mehr. In ihren beiden Romanen allerdings ist von diesen Konflikten an keiner einzigen Stelle die Rede. Nur die unterschwellige Spannung und der Pessimismus ihrer Figuren zeugen davon. Ansonsten könnten diese Paare genauso gut in New York oder Berlin leben. Und das ist für die junge, erfolgreiche Autorengeneration in Israel durchaus typisch: Die Literatur will offenbar eine Normalität erzwingen, die ihren Autoren in der Wirklichkeit versagt bleibt."

Weitere Artikel: Peter Fuchs sieht in der Diskussion über Arbeitslose, die angeblich das Sozialsystem ausnutzen die "Wiederkehr eines perfiden Musters". Thomas Winkler berichtet über das Projekt "Brothers Keepers", in dem sich afrodeutsche HipHop-Stars zusammenzutun und richtig politisch drauf sind. Und Cornelius Tittel bespricht eine digitale Folkplatte (was es alles gibt!) des Produzentengespanns Zero 7.

Schließlich Tom.

FAZ, 27.04.2001

Misere der Berliner Kulturpolitik. "Im Tanz bleibt Berlin die Hauptstadt der Ignoranten", konstatiert Wiebke Hüste: "Indem fortgesetzt Choreographen zweiter Wahl an die Spitze der Opernballette gesetzt werden, schädigt man auch die anderen Tanzsysteme der Stadt: Festivals, Gastspiel- und Produktionsstätten und nicht zuletzt die Freie Szene. Denn mehr als die anderen Sparten noch brauchte der Tanz an den festen Häusern bedeutende Namen und Qualitätsmaßstäbe, die in die Stadt hineinwirken."

Und Eleonore Büning schreibt eine begeisterte Kritik eines Konzerts mit den Berliner Philharmonikern unter ihrem designierten Chef Simon Rattle. "Aber immer noch hat Sir Simon Rattle, der mit diesem Konzert so überzeugend Werbung in eigner Sache machte, keinen Vertrag. Er wartet, ähnlich wie Daniel Barenboim in der anderen Hälfte der Stadt, geduldig auf ein klares Zeichen vom Berliner Senat, dass seine 128 Ausnahmemusiker künftig auch ausnehmend besser bezahlt werden. Es geht um einen Mehrbedarf von 3,3 Millionen, von denen bislang 'nur' eine Million mehr für den Haushalt des kommenden Jahres eingestellt ist. Auch die Umwandlung der Philharmoniker in eine senatsunabhängige Stiftung eigenen Rechts, die größere Beweglichkeit am Markt verspricht, ist zwar offiziell schon beschlossene Sache, wird aber politisch immer noch hintertrieben."

Der amerikanisch-israelische Schriftsteller Nathan Englander schildert den Alltag in Jerusalem, eine Szene in einem McDonald's-Restaurant zum Beispiel: "In der ersten Etage ist es so voll, wie Lokale in der Innenstadt in solchen Zeiten eben sind. Ein angenehmes Hintergrundrauschen aus Schwatzen und allgemeiner Betriebsamkeit erfüllt den Raum - da lässt ein kleines Mädchen einen Luftballon platzen. Einen Moment lang herrscht grelle Stille, Adrenalin liegt in der Luft. Dann strömt kollektive Verlegenheit in einen Raum voller Leute, die einander nicht kennen. Und an die Stelle der Verlegenheit schiebt sich nach und nach wieder das Klappern und Plaudern, die Leute essen weiter, rauchen weiter, kehren in den Alltag zurück, als sei nichts geschehen..."

Florian Rötzer stellt fest, dass das mit dem Klonen noch nicht so recht funktioniert: "Ryuzo Yanagimachi von der Universität von Hawaii hat seit 1998 bereits mehrere Generationen von Mäuseklonen aus Klonen erzeugt, aber die Probleme gehen offenbar auch bei den wenigen Überlebenden weiter. Wie bei anderen Klontieren wurden manche Mäuse ab einem gewissen Alter dick, gelegentlich sogar extrem fett, auch wenn sie dieselbe Nahrungsmenge erhielten. Yanagimachi konnte aber auch andere Entwicklungsstörungen beobachten. So brauchten die Klonmäuse beispielsweise länger, bis sie die Augen öffneten. Auch sonst ließen sich, abgesehen von der geringen Rate der überlebenden Tiere sowie der hohen Rate an Totgeburten, gesundheitliche Probleme bei den Klontieren etwa am Herzen, bei den Lungen oder einem schlecht funktionierenden Immunsystem feststellen."

Weitere Artikel: Walter Haubrich erzählt wie sich Mario Vargas Llosa und sein Sohn Alvaro im peruanischen Wahlkampf zerstritten haben - Alvaro hat sich von dem ursprünglich von beiden unterstützten Präsidentschaftskandidaten Alejandro Toledo abgewandt. Andreas Rossmann schildert die Verheerungen, die der Weggang des Präsidenten der Filmstiftung NRW, Dieter Kosslick zur Berlinale in NRW auslöst. Dieter Bartetzko hat das IG-Farben-Haus in Frankfurt besucht, das nun von der Universität genutzt wird.

Besprochen werden John Boormans Le-Carre-Verfilmung "Der Schneider von Panama", eine Ausstellung des Malers Stanley Spencer in der Tate Britain, ein Auftritt der Geigerin Hilary Hahn in Berlin (wir verweisen auf den Link des Tages, den wir vor einigen Tagen zur Künstlerin brachten), eine Pechstein-Ausstellung im Berliner Brücke-Museum, eine Ausstellung über den Torso in der Skulptur der Moderne in Stuttgart und Hindemiths Oper "Neues vom Tage" in Karlsruhe.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht es um Aufnahmen von Messen Jan Dismas Zelenkas und um den jungen Henze.