Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.04.2001.

NZZ, 26.04.2001

Die NZZ bringt heute fast nur Buch- und Plattenbesprechungen. Es geht unter anderem um den neuen Gedichtband von Ulrike Draesner, um einen neuen Roman von Nancy Peacock, um Andreas Kuhlmanns Buch "Politik des Lebens" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr) sowie um das erste Soloalbum des kubanischen Bassisten Orlando "Cachaito" Lopez, der aus dem Buena Vista Social Club in Erinnerung ist, eine Ausstellung des Videokünstlers Doug Aitken im Kunstmuseum Wolfsburg und die vierte CD der Elektronikgruppe To Rococo Rot.

SZ, 26.04.2001

Äußerst melancholische Gedanken zum heutigen Tag der Unabhängigkeit in Israel macht sich Nathan Sznaider. Er überlegt "mal wieder", ob er nicht emigrieren soll, ob Israel nicht "ortlos" sei. Doch dann kommt ihm ein tröstlicher Gedanke - glücklicherweise gebe es noch andere Götter als die des Tempelbergs: "Kurz vor dem Passahfest, das an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert... öffnete hier das erste Ikea seine Tore. Und das Volk Israel zog aus in Scharen und legte den Verkehr lahm. Es kamen mehr als 25.000 am ersten Tag. Die Straßen, die zu diesem Möbelgeschäft führten, mussten geschlossen werden. Es ging nicht mehr um Langzeitgedächtnis, sondern um das natürliche Recht, sich seine skandinavischen Billigmöbel selbst zusammenzuzimmern. Die Menschen wollten erinnerungslose Buchregale und stellten damit die einzig wahrhafte Alternative zum Tempelberg her: den Konsumtempel, in dem es darum geht, strategisch wichtige Positionen an der Kasse zu ergattern, anstatt Menschen ihres Glauben wegens umzubringen." Die Globalisierung hat doch auch schöne Seiten!

Willi Winkler stimmt in der Kolumne "verblasste Mythen" einen Abgesang auf die weibliche Brust an. Er sieht sie durch Silicon ersetzt: "Selbst einer weisen alten Frau wie Alice Schwarzer, die es doch besser wissen müsste, fällt auf die Frage, warum der Trend zum Silikon gehe nur eine pompadourische Antwort ein: 'Frauen sollen wieder ihren Körper sprechen lassen.' Welche Sprache spricht der weibliche Körper? Französisch wohl nicht mehr. Amerikanisch? Esperanto? Pascal? Wenn der Körper spricht, spricht, ach!, die Seele nicht mehr." Und Winklers Körper auch nicht?

Bernd Graff findet es nicht nötig, dass ausländische Migranten deutsch sprechen lernen (wie es die CSU fordert): "Im Wunsch, das Fremde generell auf das Deutsche zu vergattern, scheint jener verklemmte Wille zur Identitätswahrung auf, der.. das Andere nur dann zuzulassen vermag, wenn es sich bis in den Zungenschlag hinein unkenntlich macht." Und im scheinbar toleranten Wunsch, das Fremde fremd sein zu lassen finden wir jene deutsche Mentalität des Blutrechts wieder, das den Fremden nicht als Gleichen sehen will, könnte Stoiber antworten.

Weitere Artikel: Johannes Willms geißelt zurecht die Geschmacklosigkeit Walter Riesters, der sein Modellprojekt zur schnelleren Eingliederung von Langzeitarbeitslosen mit "MoZArt" abkürzt. Jochen Volt interviewt den Bossa-Nova-Klassiker Marcos Valle, der durch die Dance-Szene wieder in Mode kam und jetzt auf Deutschlandtournee ist. Werner Burkhardt gratuliert dem Komponisten und Klarinettisten Jimmy Giuffre zum Achtzigsten. Besprochen werden das Stück "Fliege" von Andreas Sauter und Bernhard Studlar beim Zürcher Off-Theaterfestival "Hope & Glory", die Darmstädter Tage der Neuen Musik und ein Klavierkonzert von Nicolai Demidenko.

Auf der Filmseite wird der Leser auf das Münchner Dokumentarfilmfestival vorbereitet. Michael Althen beschäftigt sich mit dem Tierfilm-Schwerpunkt. Verschiedene Autoren geben Filmtipps. Martina Knoben interviewt Thomas Riedelmeier, der einen Film über den schottischen Künstler Andy Goldsworthy gemacht hat. Besprochen wird außerdem John Ashers Film "Diamonds".

FR, 26.04.2001

Claus Leggewie, neuerdings Direktor des Zentrums für Medien und Interaktivität bei den Politologen der Universität Gießen denkt über die Zukunft der Politik im Internet nach: "Unterdessen blüht so manche e-demokratische Initiative im kleinen, und man fragt sich, ob das nicht exakt die Dimension ist, in der Internet und Demokratie konvergieren können. Wer das globale Netz als neues Massen- und Push-Medium im Stil der alten Zuschauerdemokratie auswirft, verkennt sein Potenzial als feinmaschiges Medium teil-öffentlicher Deliberation. Gewiss muss dazu jeder Zugang haben, der es wünscht, worin der gute Sinn der Forderung 'Internet für alle!' besteht. Faktisch aber wird der intensive Ratschlag im Netz auf wenige beschränkt bleiben, die freilich mit den bekannten Eliten nicht notwendig in eins fallen müssen. Nicht an Breite mangelt es dem alten Grundsatz 'Regierung durch Diskussion', sondern an Tiefe und Dichte, welche die Architektur der neuen Medien besser herstellen kann."

Petra Kohse schreibt über die Generation der heute Vierzigjährigen, die sich in den Geisteswissenschaften (oder bei der taz?) selbst verwirklichten, ohne an die Rente zu denken: "Nicht wenige müssen entdecken, wie sie dabei sind, als Lemming unter Lemmingen der Klippe des Rentenalters entgegenzumarschieren. Denn so sehr sie dem staatlichen Regelwerk in sozialer und kultureller Hinsicht misstraut haben, so blind verließen sie sich in Finanzfragen darauf. Man fragte nicht: Was tue ich, um in diesem Staat kein mümmelnder Billigmarktrentner zu werden? Sondern man ging stillschweigend davon aus, dass dies nicht passieren könne. Aber warum eigentlich nicht?" Es passiert ganz sicher!

Weitere Artikel: Stephan Hilpold erinnert an den Wiener Kabarattisten Karl Farkas, dem im Jüdischen Museum der Stadt eine Ausstellung gewidmet ist. Udo Feist erklärt die Love Parade für tot und bespricht ein paar Platten, denn "was im Jahre 12 der Love Parade neben modeindustrieller Innovation und florierendem Partyzirkus von der Techno- und Elektronik-Musik in Deutschland bleibt, sind vor allem: eine vitale Produzenten- und DJ-Szene mit korrespondierender Clubkultur als Rückzugsraum." Besprochen werden die Filme "Too much Flesh" und "Diamonds".
Anzeige

TAZ, 26.04.2001

Birgit Glombitza setzt sich mit Behindertenfiguren im neueren Kino auseinander. Bis auf ein paar Ausnahmen, die sie im europäischen Autorenkino verortet, gilt: "Behinderte und Durchgeknallte werden auf der Leinwand bis heute in einer zweifelhaften Mischung aus Monstershow und Verklärung bis hin zur Erhabenheit präsentiert."

Andreas Langen bewundert in einer Kritik der Ausstellung "Memoires des camps", die nach Paris in Winterthur gezeigt wird, die Distanziertheit und Wissenschaftlichkeit, mit der die Kuratoren das Foto-Material aus den Nazilagern präsentieren: "Wer das für penible Krittelei hält, sollte sich an die so genannte Wehrmachtsausstellung erinnern - ein winziger Anteil ungenauer Bildbeschreibungen reichte, um aberhunderte unstrittiger Dokumente als tendenziös zu verurteilen und das gesamte Material zeitweise aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen."

Besprochen werden die Filme "Der König tanzt", "Der Schneider von Panama", "Dracula 2000" und "Diamonds".

Schließlich Tom.

FAZ, 26.04.2001

Einen fulminanten Text mit fabulösen Fotos von Barbara Klemm bringt Heinrich Wefing auf einer Doppelseite über das neue Kanzleramt, das Schröder in der nächsten Woche beziehen soll. Als ein "monumentales Missverständnis" beschreibt er es, eine "Kathedrale der Kanzlerdemokratie", deren sakrale Aura in komischem Gegensatz zur Banalität der Rabattgesetze und Rentenformeln stehe, die hier verhandelt werden. Wefing beschreibt auch, wie sehr der Bau auf die Medien zugeschnitten ist: "Selbst die halböffentlichen Bereiche hat Schultes zu Räumen für Rituale stilisiert. So betritt der Kanzler den Info-Saal, der für Pressekonferenzen reserviert ist, nicht einfach durch eine Tür. Er kommt von oben wie ein höheres Wesen, zeigt sich zuerst über den Köpfen der Journalisten auf einer Brücke längs der Seitenwand, die einem Erscheinungsbalkon gleicht. Am Ende dieses Steges, nach den ersten Blicken hinab, verschwindet der Kanzler hinter einer Wand, steigert damit noch einmal die Spannung, während er über eine versteckte Treppe heruntersteigt, und taucht schließlich wie aus dem Nichts vor den Journalisten auf. Es ist kein schlichtes Hereinschlendern, das diese Architektur nahelegt: es ist ein kurzes Fernsehspiel."

Schon auf der Aufmacherseite leitet Wefing seinen Essay ein und findet auch verteidigende Worte für die Architekten. Da das Bürgerforum, das das "Band des Bundes" schließen sollte, nicht verwirklicht wird, wirkt das Kanzleramt recht verloren. "Und das ist mehr als ein städtebauliches Debakel: Es ist eine Umwertung aller symbolischen Werte. Was als große architektonische Koalition der Institutionen gedacht war, zeigt sich nun als Allegorie einer Gewaltenteilung, wie sie die Verfassungswirklichkeit in dieser Schärfe gar nicht kennt. Losgelöst im Raum, stehen Kanzleramt, Abgeordnetenblocks und Reichstag einander als Solitäre gegenüber, einsam und erhaben, gleich enormen Skulpturen auf freiem Feld."

Empfehlenswert in seiner Emphase auch der Artikel von Eva Menasse über immer neue kleine Grenzüberschreitungen in Österreich. Am Geburtstag Hitlers brachte die Kronenzeitung ein Gedicht, das sich offiziell auf die neue Staffel der österreichischen "Big Brother"-Serie bezog, aber doch recht absichtsvoll-missverständlich lautet: "Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei's zur Ehre, uns zum Heil." Menasse dazu: "Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel 'erlernt', und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt."

Weitere Artikel im heute mal wieder sehr inhaltsreichen Feuilleton der FAZ: Paul Ingendaay kommentiert einen Ausrutscher des spanischen Königs. Er hat bei einer Rede gesagt: "Niemand war je gezwungen, spanisch zu sprechen; aus freien Stücken haben die verschiedensten Völker die Sprache des Cervantes zu der ihren gemacht." Basken und Katalanen sind von diesem Satz nicht so begeistert. Der Notar Peter Rawert nimmt die FDP-Entwürfe für ein neues Stiftungsrecht auseinander: "Um Publicity geht es, nicht um die Sache." Dietmar Polaczek beschreibt eine neue Denkmalspolitik in Italien: In eine florentinische Kirche darf man nur nach Vorzeigen des Ausweises eintreten. Touristen müssen dann zahlen, Einheimische dürfen umsonst rein! Michael Hanfeld interviewt Christof Schmid, den Fernsehdirektor des SWR, der ganze Abteilungen privatisiert, aber "kein Jota Abstriche bei der Qualität" verspricht. Andreas Obst porträtiert recht fasziniert das Tanz- und Perkussionsensemble "Stomp". Edo Reents stellt die Turin Brakes vor, die in der Nachfolge von Neil Young als Vertreter einen New Acoustic Mouvement gelten sollen. Renate Schostak präsentiert die neue Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl. Und Marion Löhndorf gratuliert dem Regisseur Barbet Schroeder zum Sechzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Hofkultur unter Sigismondo Maltesta im restaurierten Kastell von Rimini, eine Adrian-Schiess-Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg, Jean-Marc Barrs Film "Too Much Flesh", Arbeiten von Miroslaw Balka in der Warschauer Galerie Zcheta und eine psychoanalytische Tagung über Idole und Ideale und Madrid.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Waltraud Schielke über amerikanische Bücher über Globalisierung und Dritte Welt.

Zeit, 26.04.2001

Georg Blume war dabei, wie Jürgen Habermas in Peking vor Studenten sprach, ein großer Erfolg mit ein paar Missverständnissen und viel Applaus: "Zunächst dachte die Leitung der Peking-Universität an eine unspektakuläre Vorlesung in einer mittelgroßen Aula. Erst als man bemerkt, dass Habermas' Vorlesung am Vortag in der Qinghua-Universität fast zur Peinlichkeit geraten wäre, weil der Saal aus allen Nähten platzte, öffnet man das riesige Auditorium maximum, das einen ganzen Parteitag fassen könnte. 'Ich habe mit Gesprächen unter Akademikern gerechnet: Nun spreche ich vor offenen Sälen. Es ist alles viel politischer als ich dachte', staunt der Philosoph." Sublime Naivität des höheren Geistes!

Hanno Rauterberg erklärt mit einer historischen Reminiszenz, warum das Kanzleramt, das der arme Gerhard Schröder nun beziehen muss, so groß geworden ist: "In seiner Größe erinnert es ein wenig an die überbordenden Rathäuser, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen deutschen Städten entstanden waren. Hamburg etwa errichtete damals ein gewaltiges Monument der Bürgermacht, obwohl die Hansestadt durch die Reicheinigung ihre Autonomie eingebüßt hatte. Und ganz allmählich gibt sich jetzt auch das Berliner Kanzleramt groß und bedeutend, ganz so, als wollte es vom Ende des Nationalstaats, vom Projekt Europa nichts wissen." Dem Bundeskanzleramt widmen wir auch unseren Link des Tages.

Jan Distelmeyer hat in der Hollywood-Produktion der letzten Monate ein paar Filme entdeckt, die sich um die Ehre zu bewerben scheinen, zum Lieblingsfilm von George W. Bush zu werden. "Das Glücksprinzip" von Mimi Leder preist den mitfühlenden Konservativismus. "Tigerland" schildert einen beispielhaften Helden aus dem Vietnamkrieg, der also doch zu etwas gut war: "Es fehlen nur noch ein Öko-Thriller, in dem ein US-Chemiekonzern mit einem Präparat alle Umweltprobleme löst, und ein Kriegsfilm, in dem das neue Raketenabwehrsystem NMD die Welt vor irakischen Atomwaffen rettet." Am besten mit einem digital exhumierten John Wayne in der Hauptrolle, der die Leistungen der amerikanischen Software beweist!

Weitere Artikel: Anlässlich der freigegebenen Akten über Bert Brecht erzählt Fritz J. Raddatz Episoden aus der McCarthy-Ära, in der Edgar J. Hoovers FBI wütete wie eine kleine Stasi. ("Zwischen 1947 und 1954 wurden Tausende und Abertausende überprüft; knapp 10.000 verloren ihren Job ? Lehrer, Bibliothekare, Gewerkschaftler, Sekretärinnen, Angestellte in Buchversandhäusern...") Peter Kümmel erzählt von Christoph Schlingensiefs Zürcher "Hamlet-"-Projekt, bei dem abtrünnige Neonazis die Hassmasken abnehmen sollen. Volker Hagedorn feiert die von Jonathan Del Mar besorgte Neuausgabe aller neun Beethoven-Sinfonien, ein wahrer Bestseller im Notendruck. Thomas Assheuer erinnert zum fünfzigsten Todestag an Ludwig Wittgenstein, und Claus Spahn schreibt zum Tod von Giuseppe Sinopoli.

Besprochen werden der Meininger "Ring", die Berlin-Biennale, der Film "Der König tanzt" über Jean-Baptiste Lully und Luk Percevals "Kirschgarten" in Hannover.

Aufmacher des Literaturteils ist Martin Mosebachs Beprechung von Mario Vargas Losas neuem Roman über den Diktator Trujillo: "Das Fest des Ziegenbocks" (siehe auch unsere Bücherschau der Woche).