Magazinrundschau
Femicider war der präzise Begriff
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.06.2025. Le Grand Continent betrachtet die Laufbahn des neuen polnischen Staatspräsidenten Karol Nawrocki - und findet nur Skandale. Africa is a Country berichtet über die wachsende Zahl der Femizide in Kenia. Die LRB beobachtet, wie die Techkonzerne fette Beute mit Militärtechnologie machen, die sie nur noch vermieten. La vie des idees stellt mit Paulette Nardal eine Pionierin der "Négritude" vor. Words without Borders denkt darüber nach, wie Übersetzungen Sprachen verändern.
Le Grand Continent (Frankreich), 02.06.2025
Africa is a Country (USA), 29.05.2025
"Als ich 2021 nach Südafrika zog, gehörte das Land zu den tödlichsten Orten der Welt, um eine Frau zu sein. Mit einer der höchsten Femizidraten weltweit hatte die südafrikanische Regierung Ende 2019 eine Femizidkrise ausgerufen", erzählt Kari Mugo. Damals wurde in Südafrika alle drei Stunden eine Frau ermordet. "Vier Jahre später bin ich wieder in Kenia, wo eine sich ausbreitende Femizidkrise auch die internationalen Nachrichten beherrscht." Laut einem Polizeibericht würden jeden Monat in Kenia 44 Frauen getötet, mehr als eine pro Tag. Die Daten zu Gewalt gegen Frauen sind allerdings lückenhaft, zu viele staatliche Stellen, die wohl nicht immer miteinander arbeiten, sind zuständig. Auch werde betroffenen Frauen oft von einer Anzeige abgeraten. Man könnte trotz dieser Mängel mehr tun, findet Mugo. "Auch wenn eine zentralisierte nationale Datenbank noch in Vorbereitung ist, verfügen wir bereits über genügend Daten, um zu handeln. Da 60 Prozent der Femizide weltweit im häuslichen Bereich und vor allem durch Familienmitglieder und Intimpartner begangen werden, bedeutet die Bewältigung der kenianischen Femizidkrise auch eine Auseinandersetzung mit der Familie als Ort der Gewalt. Polizei und Justiz sind nicht in der Lage, unsere Häuser zu sicheren Orten für Frauen und Mädchen zu machen. Sich ausschließlich oder in erster Linie auf sie zu verlassen, bedeutet, sich der Verantwortung zu entziehen und blindlings die Arbeit zu verweigern, die erforderlich ist, um in patriarchalen Gesellschaften ein sicheres, gesundes und förderliches häusliches Umfeld aufzubauen und zu pflegen."London Review of Books (UK), 05.06.2025
Laleh Khalili zeichnet die Geschichte des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes nach - insbesondere mit Blick auf jüngste Entwicklungen. "Obwohl sich die milliardenschweren Start-up-Gründer und Finanziers im Bereich Verteidigungstechnologie gerne als rebellische Außenseiter inszenieren, die gegen die Ungeheuer der Kongressaufsicht und untätige Pentagon-Bürokraten zu Felde ziehen, haben sich die Verhältnisse, was die Kontrolle über Technologie betrifft, nicht nur im zivilen, sondern auch im militärischen Bereich bereits grundlegend verändert. Anstatt dass das Pentagon - oder irgendeine andere öffentliche oder private Institution - die Software besitzt, für die es bezahlt, verwandeln Konzerne ihre Produkte heutzutage in 'Dienstleistungen'. Über ein Abonnementmodell behalten sie die Kontrolle über diese Services, was ihnen nicht nur kontinuierliche Lizenzeinnahmen sichert und ihnen erlaubt, die Software aus der Ferne zu aktualisieren oder zu reparieren (und sich dafür großzügig bezahlen zu lassen), sondern ihnen auch die Möglichkeit gibt, sie remote abzuschalten (wie Musk 2023 kurzzeitig den Zugang der Ukraine zu seinen Starlink-Satelliten kappte). Seitdem hat Musk die Lage weiter verunklart. Das Weiße Haus dient inzwischen als Werbekulisse für Tesla, Trump lässt sich neben den Autos ablichten; das Außenministerium plante die Beschaffung gepanzerter Teslas im Wert von 400 Millionen Dollar; und im Zuge von Trumps Zoll- und Handelsanordnungen drängen Marco Rubios Diplomaten andere Länder dazu, ihre regulatorischen Hürden für Satellitenkommunikation zu senken. In den diplomatischen Depeschen wird Musks Starlink namentlich erwähnt."La vie des idees (Frankreich), 27.05.2025


Léa Mormin-Chauvac: Les sœurs Nardal - À l'avant-garde de la cause noire, Paris 2025.
Words without Borders (USA), 02.06.2025

Weitere Artikel: Saudamini Deo stellt einige besonders gelungene Beispiele für experimentelle postkoloniale Übersetzungen vor. Und der Übersetzer Edward Gauvin schreibt über Georges-Olivier Chateaureynauds 1974 im Original erschienenen Roman "Die Boten".
The Insider (Russland), 19.05.2025
New Lines Magazine (USA), 02.06.2025
Santiago Ospina Celis erinnert an die letztes Jahr verstorbene argentinische Schriftstellerin und Journalistin Beatriz Sarlo, eine der - wenn auch hierzulande kaum bekannten - führenden Intellektuellen Lateinamerikas. Sarlo stand immer zwischen den Stühlen, so Celis, ihr Denken kennzeichnete ein "radikales Misstrauen gegenüber dem herrschenden Konsens", ob dieser nun von rechts oder von links geprägt war. Während der Herrschaft Perons 1976 bis 1983 traf sie "eine Entscheidung, die eine echte Gefahr für sie darstellte: Zusammen mit Carlos Altamirano und dem Romancier Ricardo Piglia gründete sie Punto de Vista (Standpunkt), eine kleine Kulturzeitschrift, die zu einem Prüfstein des intellektuellen Lebens Argentiniens werden sollte. Die erste Ausgabe erschien 1978 ohne Impressum, auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft der Diktatur, und trotzte dem Klima der Zensur und der Angst. Kaum gestartet, brach das Projekt fast zusammen, nachdem zwei maoistische Intellektuelle, die die ersten beiden Ausgaben finanziert hatten, entführt worden waren und verschwanden. Doch Sarlo und ihre Mitherausgeber waren entschlossen, das Projekt weiterzuführen. Die Zeitschrift überdauerte mehr als drei Jahrzehnte und erschien ununterbrochen bis 2008, als sie unter Sarlos Herausgeberschaft eingestellt wurde." Sarlo positionierte sich beispielsweise auch gegen die argentinische Invasion der Falkland Islands im Jahr 1982 (die allerdings schnell von Großbritannien zurückerobert wurden) - obwohl sie sich unter ihren Kollegen damit keine Freunde machte: "Ihre Haltung war umstritten, sogar unter Intellektuellenkollegen. Für viele in der argentinischen Linken war die Diktatur illegitim, aber das galt auch für den Anspruch Großbritanniens auf die Inseln. Die Inseln waren ein Überbleibsel der imperialen Besatzung, und der Krieg - auch wenn er von einem bösartigen Regime begonnen wurde - konnte als legitimer 'luchar popular' (Volkskampf) dargestellt werden."Meduza (Lettland), 29.05.2025
Entgegen aller Vermutungen gibt es in Russland weiterhin unabhängige Journalisten, die auch durchaus kritisch über die Regierung berichten - Lilia Yapparova unterhält sich für Meduza mit dreien, darunter mit der freien Lokaljournalistin Anna, die auf den Unterschied zwischen russischem Exiljournalismus und dem in Russland verbliebenen Journalismus eingeht. "Und dann nahm ich an einem weiteren [Online-]Sicherheitstraining [für Journalisten] teil und hörte Exilanten zu, die mir sagten, wie wichtig es sei, 'Sicherheitsprotokolle zu befolgen' - das brachte mich auf die Palme. (...) Es gibt diese wachsende Kluft [zwischen Journalisten im Exil und denen, die geblieben sind]. Eine tiefe. Ich weiß nicht einmal, wie ich es erklären soll. Wie zum Beispiel das Sicherheitstraining: Es wurde zu einer Zeit angesetzt, die den Referenten passte. Sie sind alle in Orten wie Riga ansässig. Wenn es für sie Tag ist, ist es für mich Nacht. Trotzdem habe ich mich zusammengerissen und an der Sitzung teilgenommen. Und dann höre ich: 'Wir sind Ihnen sehr dankbar! Ihr seid diejenigen, die zurückbleiben und die Informationen sammeln, mit denen wir arbeiten!' Aber wenn wir wirklich so wichtig sind, hätten sie es dann nicht wenigstens ein bisschen früher machen können? (...) Ich bin viel auf dem Land unterwegs gewesen. Und bei jeder Beerdigung oder Gedenkfeier für einen gefallenen Soldaten ist es immer dasselbe - erdrückende Armut. Familien, die im Elend leben. Es fühlte sich an wie in einem Film von [Wassili] Sigarew. Das meiste, was wir veröffentlichen, ist einfach nichts für sie. Sie sind damit beschäftigt zu überleben. Wir gehen herum und pflegen unsere Traumata, aber die meisten Russen interessiert das nicht. Die Leute lesen nichts. In den Regionen haben sie noch nie etwas von Medien gehört, die über die [staatlichen Propagandasender] Kanal Eins und Rossija-1 im Fernsehen hinausgehen. Und wenn alle unabhängigen Medien morgen verschwinden würden, würde das niemand bemerken."Guardian (UK), 03.06.2025
Elet es Irodalom (Ungarn), 03.06.2025
Die ungarische Musikgruppe Bohemian Betyárs kam vor kurzem mit einem neuen Song ("Bánatszalonna" - Kummerspeck) und dem dazugehörigen Video heraus. Adrienn Csepelyi lobt beides als treffende Sozialkritik unserer Zeit: "Der Clip wirkt magenumdrehend real. Der Anblick der in der Küche zerhackten Körper, gemästet am Elend, gehacktes Fett und Fleisch, spritzendes Blut, erschreckt den Betrachter, aber bald dämmert die Erkenntnis: Diejenigen, die sich am Elend anderer mästen, sind noch viel ekelhafter als die oben genannten. Kummerspeck, der aus Kummerspeck wächst? Du bist, was du isst - wenn du vom Elend anderer Menschen zunimmst, wirst du auch nicht glücklich sein? Wenn dein Fett nur aus Schmerz besteht, was macht es dann für einen Unterschied, wenn du bei lebendigem Leibe aufgefressen wirst? Die vakuumgegarten Augäpfel erkennen keinen Ausweg. Es gibt so viele kulturelle Referenzen für das große Fressen des Clips: Móricz' Tragödie als Gegensatzpaar, die Welt von Lynch, Fellini oder auch Palahniuk als Stimmungscousin. Eine anschaulichere und kraftvollere Gesellschaftskritik der letzten Zeit als dieser Videoclip, der auf eine heutzutage etwas ungewöhnliche Art und Weise auf Film gedreht wurde, wird man kaum finden (...) Die Bilder sind schön und ekelhaft zugleich, und man muss die Wiedergabe anhalten - nicht nur, um sich zu übergeben, sondern auch, um kleine Details wie die mit grünem Samt bezogene Speisekarte zu betrachten. Und wenn die Sozialkritik schon einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, hier die gute Nachricht: Nach dem Anschauen dieses Clips wird man garantiert für lange Zeit keinen Appetit mehr haben. Wir haben schon schlimmere Diäten hinter uns."
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