Magazinrundschau

Die drehen ab

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.12.2024. New Lines erzählt von Spitzbergen, wo Ausländer plötzlich unwillkommen sind. Meduza und Verstka begutachten die Folgen des ukrainischen Vorstoßes auf russisches Gebiet. Der New Yorker lässt sich erklären, ob Javier Mileis drastisches Wirtschaftsprogramm in Argentinien funktioniert. Der Guardian erkundet kulturelle Missverständnisse zwischen den Cinta Larga am Amazonas, weißen Diamantensuchern und der Justiz. Lidove noviny erinnert an den Liedermacher Karel Kryl. Das New York Times Magazine überlegt, was die Menschheit zuerst auslöschen wird: Multiresistente Keime oder ein Atomkrieg, der gerade wegen der kleineren Atomwaffen wieder wahrscheinlicher wird.

New Lines Magazine (USA), 03.12.2024

Sofia Cherici und Federico Ambrosini reisen auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen, genauer gesagt nach Longyearbyen, im arktischen Eismeer. Longyearbyen ist der größte Ort Spitzbergens, Heimat von etwa 2.500 Menschen, und liegt auf halbem Weg zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol. Bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert war Spitzbergen Niemandsland - im so genannten "Spitzbergenvertrag" gelang es Norwegen nach dem Ersten Weltkrieg die Oberhoheit über das Gebiet zu erlangen, mit der Sonderregelung, dass "Bürger aller Signatarstaaten freien Zugang und die gleichen Rechte auf wirtschaftliche Nutzung" haben, so heißt es dort. Das heißt: Um dort zu arbeiten, benötigt man kein Visum. Das hat Arbeiter aus allen möglichen Ländern angezogen, erklären die Autoren, 2016 machte die "nicht-norwegische Bevölkerung laut einer Zählung aus dem Jahr 2016 bereits mehr als ein Viertel aller registrierten Einwohner aus". In letzter Zeit spielen sich aber vermehrt seltsame Dinge ab, die die Nicht-Norweger auf der Insel betreffen: "Im Jahr 2020 wurde die einzige Filiale der SpareBank 1 Nord-Norge geschlossen, was bedeutete, dass die Einwohner von Spitzbergen aufs Festland fliegen mussten - für einige war ein norwegisches Visum erforderlich -, um Bankdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Im Jahr 2022 wurde das Wahlrecht für nicht-norwegische Einwohner bei Kommunalwahlen eingeschränkt." Der Grund scheint geopolitischer Natur zu sein: "Russland, das auf dem Archipel bereits eine gewisse Präsenz hat, könnte Spitzbergen für militärische Zwecke nutzen, während China behauptet, es handele sich um einen 'arktisnahen' Staat. Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet: Der norwegische Staat hat eilig Grundstücke auf Auktionen aufgekauft und besitzt nun 99,5 Prozent des Archipels."

Zwischen 2000 und 2012 wurden in Mexiko 67 Journalisten getötet, davon 14 in Veracruz, berichtet Alejandra Ibarra Chaoul, die den Leiter der Regierungsorganisation CEAPP, Hernandez Sosa, getroffen hat. Die Organisation mit dem spanischen Akronym CEAPP ist die "Staatliche Kommission für Achtung und Schutz von Journalisten", die Entführungen, Morde und Folter von Journalisten verhindern will, von denen, wie Sosa herausfand, "nur vier Prozent von organisierten Verbrecherbanden oder Kartellen, doch erstaunliche 29 Prozent auf öffentliche Amtsträger zurückgeführt werden konnten, darunter Bürgermeister, Gemeinderäte, Polizisten und Sicherheitskräfte." So im Falle von Celestino Ruiz Vazquez, einem Lokalreporter in Actopan, einer 41.000-Einwohner-Stadt im Zentrum von Veracruz, der darüber berichtete, wie der Bürgermeister von Actopan und seine Frau mehr als 40 Angestellte entließen, um stattdessen Freunde und Verwandte einzustellen, "selbst wenn diese keinerlei Erfahrung in öffentlichen Ämtern hatten. Tage später brachen unbekannte Angreifer in Ruiz Vazquez' Garage ein und zertrümmerten die Fenster seines Autos. Unbeirrt veröffentlichte der Reporter eine weitere Geschichte. 'Actopans Bürgermeister ordnet Schläge gegen Mitarbeiter des Rathauses an', hieß es darin. Der Bürgermeister kürzte daraufhin die Gehälter der Angestellten und ließ sie von seinen Leibwächtern einschüchtern und verprügeln, wenn sie sich beschwerten oder, schlimmer noch, wenn sie mit Ruiz Vazquez sprachen. Dann wurde auf sein Auto geschossen, was zu einem Treffen mit CEAPP führte. Nach dem Treffen mit Hernandez Sosa stellt die CEAPP ein Polizeiauto vor das Haus des Reporters. Ruiz Vazquez wurde ständig überwacht und berichtete unter Polizeischutz weiter über die Lokalpolitik. Er brachte eine Story über angebliche Unterschlagung. Tage später, an einem Freitag, erhielt Hernandez Sosa einen weiteren Anruf von dem Reporter. Er war erneut bedroht worden und dachte, die Polizeiüberwachung würde nicht ausreichen, um ihn zu schützen. Sie vereinbarten, sich am Dienstag erneut zu treffen, um sein Schutzprotokoll neu zu bewerten. Aber Ruiz Vazquez erschien nie. In dieser Nacht brach jemand in sein Haus ein und erschoss ihn."

Meduza (Lettland), 25.11.2024

Im August rückten ukrainische Truppen auf russisches Gebiet vor, die meisten Bewohner des Gebietes flohen draufhin nach Kursk. Meduza veröffentlicht einen Artikel (hier die ungekürzte, russische Fassung bei Bereg), wie die Region mit den knapp 112.000 Flüchtlingen umgeht. "Freiwillige Helfer in Kursk erhalten Pakete aus dem ganzen Land und verteilen die Waren an bestimmten Stellen in der Stadt. Zwei Verteilungszentren (eines für Kleidung und das andere für Lebensmittel) gehören der nicht registrierten politischen Partei 'Rassvet' unter der Leitung von Ekaterina Duntsova, die Anfang des Jahres versuchte, Wladimir Putin im Präsidentschaftswahlkampf herauszufordern, aber scheiterte. 'All Together', die Flüchtlingshilfsinitiative ihrer Partei, wird ausschließlich durch öffentliche Spenden finanziert. (...) Die wichtigsten politischen Parteien Russlands haben sich in gewissem Umfang für die Flüchtlinge von Kursk eingesetzt, aber Duntsova meint, dass es sich dabei meist nur um eine Show handelte. Sie erinnerte sich daran, wie im September, kurz vor den Gouverneurswahlen (die trotz der ukrainischen Besetzung eines Teils der Region wie geplant abgehalten wurden), Abgeordnete von 'Einiges Russland', LDPR und anderen Parteien nach Kursk reisten und sich mit Einheimischen trafen. 'Das war alles nur ein Werbegag', sagte Duntsova. 'Nach den Wahlen gab es nur noch Freiwillige, wie das [russische] Rote Kreuz und unser Team', sagte sie. 'Das Büro des Gouverneurs kontaktierte Sasha [Novikov] und fragte: Habt ihr noch geöffnet? [Als sie erfuhren, dass wir offen sind, schickten sie etwa 200 Flüchtlinge in unsere beiden Zentren. Sie traten fast unsere Türen ein, weil sie dachten, dass wir alles haben, was sie brauchen, wenn die Verwaltung sie zu uns schickt, aber zumindest behindern die Behörden unsere Arbeit nicht.'"
Archiv: Meduza

Verstka (Russland), 15.10.2024

Schon zu Sowjetzeiten hat die russische Bevölkerung für Nahrung oder Kleidung angestanden - heute stehen sie vor der Rekrutierungsstelle in Moskau, berichtet Olessja Gerassimenko auf Verstka (hier mehr Informationen und hier die deutsche Übersetzung bei Dekoder). Dabei spielen der ukainische Einmarsch in Kursk und das hohe Gehalt in der Armee eine entscheidende Rolle. "Die langen Schlangen vor der Rekrutierungsstelle haben sich nach dem 6. August gebildet, als ukrainische Truppen auf das Territorium der Oblast Kursk vorstießen. 'Jetzt haben wir 500 Leute am Tag, wir kommen kaum hinterher', berichtete ein Psychologe der Rekrutierungsstelle im August. 'Normalerweise waren die Kollegen im Chill-Modus, gingen abends um sechs nach Hause und hingen tagsüber entspannt im Park ab. Dann passierte Kursk, und jetzt kommen sie, der Zustrom reißt gar nicht mehr ab. Wir arbeiten jetzt bis zehn Uhr abends.'" In den Schlangen finden sich viele gescheiterte Existenzen. "Der Bauarbeiter Gennadi hat wegen Diebstahls gesessen, dann fand er eine Freundin. 'Wir bekamen ein Kind, aber es hat nicht funktioniert. Wir waren aber nicht verheiratet. Und weiter? Ich habe gesoffen und gearbeitet, habe nicht gesoffen und gearbeitet. Ich musste gehen und den Vertrag unterschreiben, damit ich ein besseres Leben beginnen kann. Mein Leben wird in Ordnung kommen. Ich hatte nie einen Wehrpass, konnte nie eine normale Arbeit finden.'" Auch Frauen finden sich ein. Sie können unter anderem als Scharfschützin unterschreiben. "Eine von ihnen, unverheiratet, jung, schön, sagt: 'Dort werde ich jemanden für mich finden.' Eine andere erzählte, dass ihr Mann im Krieg sei; Kinder hätten sie keine: 'Ich will nicht zu Hause sitzen und auf ihn warten; mir geht's schlecht, ich gehe auch hin.' Eine dritte ist Sängerin und Tänzerin in einem Ensemble. Nachdem sie zu Auftritten nach Syrien und in die besetzten Gebiete gereist ist, hat sie beschlossen, lieber mit einem militärischen Rang patriotische Lieder zu singen als in Zivil. Auch eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hat sich in der Rekrutierungsstelle gemeldet, eines war drei, das andere war ein Jahr alt. Einer der Informanten, mit denen Verstka sprechen konnte, fragte sie: 'Und die Kinder?' 'Denen geht's gut", entgegnete die Frau, 'die bleiben bei ihrer Oma und bei ihrem Vater.'"
Archiv: Verstka
Stichwörter: Russland, Ukrainekrieg, Rekruten

New Yorker (USA), 09.12.2024

Seit Javier Milei vor einem Jahr an die Macht gekommen ist, hat er Argentinien vor allem in ökonomischer Hinsicht einer Schocktherapie ausgesetzt. Aber ob das Land diese auf Dauer aushält, wird von mehreren Experten bezweifelt, mit denen Jon Lee Anderson für den New Yorker gesprochen hat. Der argentinische Ökonom Sebastián Menescaldi beispielsweise "glaubt, dass Milei zu wenig getan hat, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen kontrolliert er die Devisenkurse, um Investments aus dem Ausland anzulocken. Für Menescaldi eine Illusion, denn das meiste Geld kommt von Kurzzeit-Investoren, die von Mileis Angebot von zwei Prozent Zinsen angelockt wurden. Aber sie werden ihre Investitionen nicht dort belassen, wenn sie das Land für finanzpolitisch instabil halten. Einige große Firmen wie Exxon haben bereits Vermögenswerte in Argentinien veräußert. 'Alles, was wir derzeit an Entwicklung sehen, basiert auf Spekulation', so Menescaldi. 'Die Herausforderung für Milei ist es, eine Brücke zu schlagen, um das Spekulationskapital in Langzeitkapital zu verwandeln. Leider endet es meistens schlecht, wenn ein solcher Prozess sich in Argentinien abgespielt hat.'" Auch der Harvard-Professor Kenneth Rogoff macht auf die Instabilität des Systems aufmerksam: "'Es ist nun einmal Fakt, dass in Argentinien nichts für eine lange Zeit funktioniert. Es gibt strukturelle Probleme im Staatsapparat, die weit über den Peronismus hinausgehen. Die Bundesstaaten sind beispielsweise sehr autonom und können Defizite anhäufen, die dann der Staat ausgleichen muss. Ihre Wirtschaft braucht eine Neustrukturierung - sie ist schon so lange korrupt.' Milei will eine Revolution in Argentinien und Revolutionen sind von Natur aus unsicher und instabil. 'Es ist schwer, ein Beispiel einer Schocktherapie zu finden, die ebenso drastisch gewesen wäre wie diese', so Rogoff weiter. 'Höchstens in Polen vielleicht. Aber in Polen, das den Kommunismus hinter sich gelassen hat, war eine Bereitschaft da, sich mit vielem auseinandezusetzen. Und jetzt haben sie die vielleicht am besten funktionierende Wirtschaft Europas. Russland hatte auch eine Schocktherapie, aber in diesem Fall hat das zu Putin geführt.'"

Außerdem: Alex Ross hört Kali Malones achtzigminütige Suite "All Life Long". Casey Cep liest ein Buch über die Handwerkskunst des Zimmermanns, "Ingrained" von Callum Robinson. Richard Brody sah im Kino Paul Schraders "Oh, Canada". Lesen dürfen wir außerdem David Szalays Erzählung "Plaster".
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Argentinien, Milei, Javier

Nowaja Wkladka (Russland), 16.09.2024

Für das unabhängige russische Onlinemedium Nowaja Wkladka besucht Marfa Khvostova die psychatrische Abteilung eines russischen Militärkrankenhauses und begleitet die Patienten - alle ehemalige Soldaten - durch ihren Alltag (hier die gekürzte deutsche Übersetzung bei Dekoder). "Nur wenige wollen mit einem Priester sprechen, auch wenn es ihnen die Ehrenamtlichen regelmäßig anbieten. 'Nach den Tabletten, die sie uns geben, prallt alles Heilige ab', winkt einer der Männer ab, bittet aber dennoch um eine kleine Ikone des Heiligen Nikolaus von Myra. Ein anderer lacht: 'Bei uns hier leben Dämonen.' Andrej dagegen - er stammt aus einer Kleinstadt im Ural - ist erst nach einem Gespräch mit einem Priester in den Krieg gezogen. Bevor er den Vertrag unterzeichnete, ging er in die Kirche, um Rat zu suchen: Soll er an die Front oder nicht? Der Priester sagte, man müsse 'für seine Sache einstehen' und das sei 'eine gute Sache'. So reden viele Geistliche, meint Andrej. Wenn der Priester damals gesagt hätte, dass kämpfen nicht gut ist, hätte er Zweifel bekommen. Jetzt trägt Andrej die gestreifte Krankenhauskleidung, geht mit Krücken und hört Stimmen ukrainischer Spione, die 'auf den Bäumen sitzen'. (...) Drei Krankenschwestern sitzen beim Tee und beschreiben ihre Arbeit. Die Mutter eines Patienten hat selbstgebackenen Kirschkuchen mitgebracht. 'Hier liegen solche Typen, schrecklich. Im Krankenhaus kann man auch alles kaufen: Drogen, Wodka, Nutten … Und so viele Löcher im Zaun! Wenn einer weglaufen will, kann man das nicht verhindern. Du gibst der Wache 500 Rubel, gehst raus, gibst dir die Kante und kommst zurück. Drogen- und Alkoholabhängige werden von der Gesundheitskommission als Kategorie D [untauglich - dek] eingestuft. Einige kehren nach dem Krankenhaus zum Stützpunkt zurück: Sie helfen den Sanitätern, hacken Holz ... Waffen bekommen sie nicht mehr in die Hand. Die anderen kriegen Kategorie C [eingeschränkt tauglich - dek] - und zurück geht's." Um nicht mehr an die Front zu müssen, ließen sich viele was einfallen: "'Der Popo juckt, ein Pickel auf der Nase … Dass einer vom Krieg nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, gibt es hier nicht. Die drehen ab, weil sie sich irgendeinen Chemiescheiß reinziehen, oder weil sie vorher schon schizo waren. Gibt's irgendeinen Stress, macht's sofort klick.'"
Archiv: Nowaja Wkladka

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.11.2024

Die Dichterin und Schriftstellerin Judit Ágnes Kiss spricht im Interview mit Julianna Zeck über weibliche Rollen als Thema ihrer Lyrik, sowie über die gesellschaftliche Akzeptanz der unterschiedlichen Alterungsprozesse der Geschlechter. "Ich schreibe nicht über die Biologie des Alterns, sondern über die Wahrnehmung des Alterns in der Gesellschaft, dass Männer anders altern als Frauen. Natürlich gibt es dafür einen physischen Grund, denn die Veränderung des Hormonsystems ist bei der Frau dramatischer und passiert schneller. Die Gesellschaft betrachtet ältere Männer als vorzeigbar, Frauen werden dagegen immer noch über ihre Fruchtbarkeit und Sexualität definiert. Wenn sie diese verlieren, was bleibt dann noch übrig? Wie weit ist die Gesellschaft bereit, sie anzuerkennen? Wenn eine Frau eine Meinung hat, Wut und Zorn zeigt oder sich wehren oder Grenzen ziehen will, wird das immer noch damit erklärt, dass sie menstruiert oder Sex braucht, oder in den Wechseljahren ist. Es gibt kein solches Urteil über den Willen eines Mannes, seine Wut, seine Führungsqualitäten. Ich erlebe, und ich sehe es auch bei anderen Frauen, dass die Gesellschaft plötzlich nicht mehr, was sie mit einer Frau anfangen soll, die nicht mehr attraktiv genug ist, um ein Sexobjekt zu sein oder Kinder zu bekommen."

Guardian (UK), 03.12.2024

Alex Cuadros rekonstruiert die Vorgeschichte eines spektakulären Kriminalfalls und anschließenden Rechtsstreits in Brasilien. Die Geschichte dreht sich um den indigenen Cinta Larga Stamm im Amazonasbecken und dessen Versuche, vom Fund von Diamanten in ihrem Stammesgebiet zu profitieren. Freilich kam es immer wieder zu Konflikten mit den mehrheitlich weißen Diamantensuchern, die auch mit den Gewalterfahrungen der Indigenen von Seiten der Weißen zu tun hatten. Im Jahr 2004 wurden 29 Diamantensucher von indigenen Wachleuten getötet - als Hauptverantwortlicher für das Massaker galt lange Nacoça Pio, ein Stammeschef, obwohl er nachweislich versucht hatte, Gewalt zu verhindern. Insgesamt beschreibt Cuadros den Fall als eine Akkumulation kultureller Missverständnisse: "Jeder Außenstehende schien eine Vorstellung davon zu haben, was die Cinta Larga sein sollten, obwohl Pio und die anderen seiner Generation diese Fragen für sich selbst kaum klären konnten. Sein Freund Tataré brachte das Dilemma folgendermaßen zum Ausdruck: 'Ich weiß nicht, ob ich weiß bin, ob ich Indigener bin ... ich weiß nicht, was ich bin.' So sehr sie sich auch nach den Dingen des weißen Mannes sehnten, fühlten sie sich in den Städten der Weißen nie zu Hause, nie so wohl wie beim Baden im Roosevelt-Fluss. So viel sie auch mit den Weißen Handel trieben, verstanden sie nie wirklich, wie die Gedanken der Weißen funktionierten - wie ein Leben eine individuelle Zeitlinie sein konnte, in der die Zukunft logisch aus den eigenen Handlungen, Fehlern und Investitionen hervorging, losgelöst vom Schicksal der eigenen Familie, des eigenen Stammes. Ähnlich verhielt es sich mit dem Verständnis von Geld: Es war wie das Erlernen der Sprache der Weißen - die Grammatik fühlte sich nie ganz natürlich an."

Tess McClure beschäftigt sich mit der Frage, was mit Landstrichen passiert, die aufgrund von Landflucht und Bevölkerungsschwund nicht mehr von Menschen besiedelt sind. Holt sich die Natur diese Orte zurück, wie es die populäre Imagination will? Nein, oder jedenfalls nicht so, wie wir uns das in romantischen Träumen ausmalen. Oftmals werden solche Orte nicht von einer reich aufblühenden Planzen- und Tierwelt übernommen, sondern von schädlichen Monokulturen. Überhaupt gilt es, lernt McClure, die Rolle zu überdenken, die Menschen hinsichtlich biologischer Diversität spielen: "In ihrem Buch 'Nature's Ghosts' schreibt Sophie Yeo über Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass in Europa Heuwiesen, die für Tierfutter kultiviert wurden, erfolgreicher darin waren, eine Vielzahl von Arten zu bewahren, als Wiesen, die explizit für Biodiversität angelegt wurden. Rückblickend auf das frühe Holozän, beginnend vor 11.700 Jahren, haben Forscher festgestellt, dass es ungefähr gleich wahrscheinlich ist, dass menschliche Präsenz Biodiversität damals erhöht hat wie dass sie sie verringert hat. Allerdings haben nicht alle vom Menschen geschaffenen Landschaften denselben Wert. Eine gepflasterte Wohnsiedlung mit Kunstrasen ist etwas anderes als ein Dorf mit vielfältigen Gemüse- und Blumengärten. Eine traditionelle Heuwiese unterscheidet sich radikal von einer pestizidgetränkten Sojabohnenplantage. Gleichwohl finden Wissenschaftler weiterhin Hinweise darauf, dass die alte Vorstellung vom Menschen als Gegenspieler der Natur falsch ist und dass Visionen von blühenden, menschenfreien Umgebungen eher imaginär als real sind. 'Die Menschen stellen sich die Natur immer noch als eine Art unberührten Ort vor, der vor den Menschen gerettet werden muss', so der amerikanische Umweltwissenschaftler Erle Ellis. 'Das ist definitiv ein Missverständnis.'"
Archiv: Guardian

Lidove noviny (Tschechien), 28.11.2024

Vor achtzig Jahren wurde er geboren, vor dreißig Jahren starb er, und in Tschechien ist er eine Legende: der Liedermacher und Dichter Karel Kryl. Das Prager Museum widmet derzeit seinem Leben und Werk eine Austellung, wie Zbyněk Petráček berichtet. Kryls Lieder liefen seit 1966 im Radio, doch seinen größten Erfolg hatte er mit einem Lied, das er 1968 direkt in der Nacht nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag geschrieben haben soll: "Bratříčku, zavírej vrátka" (Brüderchen, schließ das Tor). Es hielt sich monatelang in der Hitparade und erschien 1969 auch noch auf Platte, bevor es schließlich verboten wurde. Im September 1969 emigrierte Kryl nach Deutschland, doch in seiner Heimat blieb er "Symbol des Widerstands gegen die kommunistische Normalisierung, ein Symbol der Unangepasstheit, ja eines gewissen Eigensinns", so Zbyněk Petráček. "Es war üblich, seine Lieder am Lagerfeuer zu spielen, was nicht ganz ungefährlich war." In der Ausstellung werden nun nicht nur Fotos, Manuskripte, Liedaufnahmen, Gitarren oder Kryls wenig bekannte Gemälde präsentiert, "mithilfe der MetaHuman-Technologie von Studio Yord kann man Kryl auch von Angesicht zu Angesicht hinter der Glasscheibe sehen und hören. Wobei man wohl lieber nicht darüber nachdenkt, was der nonkonformistische Dichter zu dieser Projektion gesagt hätte." Im November 1989 war Kryl erstmals wieder aus seinem Exil nach Prag zurückgekehrt. Doch auch angesichts der neuen Realitäten blieb er ein kritischer Kopf, fügte sich laut Zbyněk Petráček nie so ganz in die postsowjetische Gesellschaft, sondern "blieb so unangepasst, wie er sein Leben lang gewesen war".

Der damals 25-jährige Kryl ein Jahr nach dem sowjetischen Einmarsch:

Archiv: Lidove noviny

New York Times (USA), 26.11.2024

Wenn die New York Times über Gaza berichtet, ist Vorsicht geboten. Wie bei den meisten ehemals renommierten linksliberalen Medien - Le Monde, der Guardian, BBC - gibt es in dem Konflikt immer nur einen Schuldigen, Israel, und das ist auch in Francesca Maris Reportage über multiresistente Keime im Krieg so. Wenn Kinder in Gaza an diesen Keimen verrecken, dann ist das nicht die Schuld der Hamas, sondern liegt daran, dass Israel keine Medikamente nach Gaza liefert und die Feinde, die es vernichten wollen, nicht ausreichend mit Wasser und Strom versorgt. Maris' Gewährsmann in der Reportage ist der plastische Chirurg Ghassan Abu-Sittah, ein Hamas-Fan, der im April hierzulande von sich reden machte, weil er zu dem von antiisraelischen Gruppen organisierten Palästina-Kongress nicht einreisen durfte. Abu-Sitta operiert in seiner freien Zeit verwundete Kinder in Gaza - eigentlich ist er Rektor der Universität von Glasgow. Nichts von alldem erwähnt Mari in ihrer Reportage, auch nicht, dass die Krankenhäuser in Gaza, wo desolate Bedingungen herrschen, zugleich Zentralen der Hamas waren. Dennoch ist ihr Artikel lesenswert, denn die eigentliche Information, die er bringt, ist, dass Kriege für die Entwicklung multiresistenter Keime wahre Brutkästen sind. Angefangen hat es allerdings angeblich lange, lange Zeit vor den aktuellen Kriegen, in der Zeit der Sanktionen gegen den Irak nach dem ersten Irak-Krieg. Herausgefunden habe das alles der irakische Anthropologe Omar Dewachi, der eng mit Abu Sitta zusammenarbeitet. Im Gespräch unterstreicht er, "wie die Sanktionen die Missstände der Diktatur noch verschlimmerten, indem sie dem Krankenhaussystem die Ressourcen entzogen, die Moral der Mitarbeiter zerstörten und wissenschaftliche Praxis untergruben. Ein irakischer Medizinprofessor - der aus Angst vor beruflichen Repressalien nicht namentlich genannt werden will - erzählt mir, dass sich Ärzte unter der Diktatur oft unter Druck gesetzt fühlten, ein schlechtes Ersatzmittel anzubieten, wenn die evidenzbasierte Medizin ein Medikament verlangte, das nicht verfügbar war, ohne einzugestehen, dass die Behandlung eigentlich falsch war … Dewachi ist der Ansicht, dass sich die medizinische Kultur auch Jahrzehnte nach dem Sturz Saddams und dem Ende der US-Besatzung noch nicht völlig verändert hat. Viele jüngere Ärzte im Irak berichteten ihm, dass sie unter Vorgesetzten arbeiten, älteren, abgestumpften Ärzten, die sagen, es sei angesichts der hohen Arbeitsbelastung und der begrenzten Ressourcen unmöglich, Verfahren zur Infektionsprävention und -kontrolle umzusetzen."

Noch viel unheimlicher ist, was der preisgekrönte Reporter William Langewiesche beschreibt: Ohne dass man es so direkt mitbekommen hat und ohne hinderliche Kontrollverträge, gibt es einen neuen Rüstungswettlauf zwischen China, Russland und den USA. "Der Schwerpunkt liegt jetzt auf kleineren, präziseren Atomwaffen, die den radioaktiven Niederschlag und die Zahl der Todesopfer in der Zivilbevölkerung begrenzen sollen - genau die Art von Sprengköpfen, die Länder in Versuchung bringen könnten, in einer konventionellen Schlacht einzusetzen, und die in Verbindung mit Cyberangriffen und fortschrittlichen Überwachungssystemen weltweit die Befürchtung wecken, dass insbesondere die Vereinigten Staaten eine praktische Erstschlagskapazität erreichen könnten. Ob berechtigt oder nicht, diese Bedenken sind destabilisierend. Sie machen die Gegner misstrauisch. Sie untergraben das Gespräch. Sie verdichten die Spirale. ... Die entscheidende Herausforderung besteht heute nicht darin, wie ein Überraschungsangriff abgewehrt werden kann, sondern wie eine Eskalation kontrolliert werden kann, die im Verborgenen stattfindet - zum Beispiel ein konventioneller Konflikt, der schief läuft und zu nuklearem Säbelrasseln führt, das zum ersten Einsatz einiger kleinerer Atomwaffen auf dem Schlachtfeld führt, was wiederum den Gegeneinsatz kleinerer Atomwaffen zur Folge hat, was wiederum dazu führt, dass ein Großteil der Welt unkontrolliert in die Auslöschung schlittert. Das beste verfügbare Modell eines solchen Ereignisses ist ein ultrageheimes Kriegsspiel des Pentagons aus dem Jahr 1983 namens Proud Prophet. Dieses Spiel war eine Art nuklearer Test und lieferte entscheidende Lehren, die auch heute noch wichtig sind. Es war insofern einzigartig, als dass es weitgehend ohne Drehbuch ablief, die höchsten Ebenen des US-Militärs und seine globalen Kriegsführungsbefehle einbezog und tatsächliche Kommunikationskanäle, Doktrinen und geheime Kriegspläne verwendete. Eine seiner großen Stärken war, dass es im Gegensatz zu allen anderen Kriegsspielen, bei denen die Möglichkeit des Einsatzes von Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft eine Rolle spielte, ungehindert ablief und zu seinem natürlichen Ende geführt werden konnte: der globalen Verwüstung. Das Ergebnis war ein Schock. Die daraus gezogene Lehre - dass ein Atomkrieg nicht kontrollierbar ist - wirkte sich jahrzehntelang auf die amerikanische Strategie und damit, in einer Welt der gegensätzlichen Spiegel, auf die globalen Strategien aus. Vielleicht wird eines Tages in der Zukunft ein Überlebender auf unsere Zeit zurückblicken und feststellen können, dass die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit darin besteht, dass diese Lektion von den derzeitigen Führern in Russland und den Vereinigten Staaten und vielleicht auch in anderen Ländern vergessen wurde."
Archiv: New York Times