Magazinrundschau

Tutanchamun und der Teacher

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.07.2014. Wenn der Westen sich mit Palästina beschäftigt, beschäftigt er sich meist mit sich selbst, lernt The Nation. Der  spanische Schriftsteller Jorge Carrión besucht für El Pais Semanal die Welthauptstadt der Sekten. Der Guardian sammelt Stimmen schottische Autoren zum Referendum. The Humanist bewundert die neuen Formen Teju Coles. Die Huffington Post analysiert die wahre Identität der Techno-und Elektro-Szene in Paris. Wired verschickt seine Post demnächst nur noch mit Dark Mail.

The Nation (USA), 11.08.2014

Adam Shatz erzählt in einem lesenswerten Artikel, wie er die festen Gewissenheiten, die er als linker Autor pflegte, über Bord warf und so auch lernte, den Nahost-Konflikt und sein eigenes Urteil besser zu verstehen: ""Wissen Sie, warum wir so berühmt sind", fragte Mahmoud Darwisch den israelischen Autor Helit Yeshurun in "Palästina als Metapher". "Weil ihr unsere Feinde seid. Das Interesse an der Palästinafrage kommt aus dem Interesse an der jüdischen Frage ... An euch sind sie interessiert, nicht an mir! ... Wir haben das Pech, in Israel einen Feind zu haben, mit dem so viele Menschen auf der Welt sympathisieren und wir haben das Glück, dass unser Feind Israel ist, denn die Juden sind das Zentrum der Welt. Ihr habt uns unsere Niederlage, unsere Schwäche, unseren Ruhm gegeben." Darwisch behauptet zu Recht, dass die Sorge um Palästina keine Frage des Antisemitismus ist, wie Israelfreunde behaupten, sondern eher eine Beschäftigung mit sich selbst widerspiegelt: Die Palästinenser sind wichtig für den Westen, weil ihre Unterdrückung durch israelische Juden sie zu Protagonisten einer westlichen Erzählung macht."
Archiv: The Nation

New Republic (USA), 31.07.2014

Der Nahost-Konflikt hat inzwischen eine derart deprimierende Zwanghaftigkeit entwickelt, dass man eigentlich nichts mehr davon hören möchte. Und doch gibt es immer noch und immer wieder Vermittlungsversuche. Ben Birnbaum and Amir Tibon erzählen in einem so frustrierenden wie spannend zu lesenden Bericht, wie John Kerrys jüngster Friedensplan scheiterte. An den direkten Verhandlungspartnern, Tzipi Livni und Saeb Erekat, lag es nicht: "Von allen palästinensischen Unterhändlern kam nur wenige besser mit Livni zurecht als der Mann, der ihr jetzt gegenüber saß: Erekat. "Ich zweifele nicht daran, dass Tzipi und Saeb, würde man sie in einem Raum allein lassen, in zwei Wochen einen Friedensvertrag aushandeln würden", sagte ein israelischer Minister. Aber natürlich waren sie nicht allein. Bei jedem Schritt in diesem Prozess würde Erekat von einem ehrgeizigen Fatah-Apparatschik namens Mohammed Shtayyeh begleitet werden und oft auch von Faraj, dem Geheimdienstchef. Livni würde unter den wachsamen Augen von Netanjahus persönlichem Anwalt Itzik Molho verhandeln."
Archiv: New Republic

El Pais Semanal (Spanien), 19.07.2014

"Brasilia ist nicht nur die Hauptstadt Brasiliens, sondern auch die Welthauptstadt der Sekten", berichtet der spanische Schriftsteller Jorge Carrión: "Beide Wirklichkeiten stehen sich hier in ständiger Spannung gegenüber. Zum Einen die Mitte der 50er Jahre erbaute Metropole, Ausdruck des reinsten Rationalismus; darüber liegt heute eine glitzernde spirituelle Gegenwart, die mit Vernunft, mit Ratio, eher wenig zu tun hat. Paradoxerweise ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild, wenn der Besucher nach den Regierungsgebäuden, Parks und Denkmälern Oscar Niemeyers und Lúcio Costas die Messianische Weltkirche, den Tempel des Ordens vom Heiligen Kreuz , die Kirche der 7. Tags Adventisten oder die Eklektische Stadt besichtigt. Die meisten Besucher verzeichnet in jedem Fall nicht die heute in jedem Kunstgeschichtshandbuch enthaltene Kathedrale von Brasilia Oscar Niemeyers, sondern der "Tempel des Guten Willens", eine High-Speed-Pyramide wie aus einem Science Fiction Film. Im "Tal der Morgendämmerung" wiederum erklärt mein Führer auf meine Frage nach den beiden Figuren auf einem großen Wandgemälde: "Das sind Tutanchamun und der Teacher." Mehr brauchte ich nicht zu wissen."
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Guardian (UK), 19.07.2014

Der Guardian versammelt Stimmen schottischer Schriftsteller zum Referendum, und Gegner wie Befürworter der Unabhängigkeit vertreten sehr eindeutige Standpunkte. Irvine Welsh etwa möchte klarstellen, dass er nichts gegen Engländer hat, nur gegen ihre Klassengesellschaft: "Die Privatschul-Eliten, die Aristokratie, die Investmentbanker der City of London, Lobbyisten und imperialistische Kriegstreiber werden von den Menschen nicht mehr als Vertreter einer guten Regierung und einer gesunden Demokratie betrachtet, sondern als gefährliche Hindernisse auf dem Weg dahin. All jene werden verschwinden oder zumindest in ihrem Einfluss begrenzt, wenn Schottland erst einmal unabhängig und eine Verfassung verabschiedet ist, die ihren Bürgern grundlegende Rechte gewährt. Wenn Schottland diesen Schritt gehen sollte, wird es bestimmt nicht lange dauern, bis auch in England eine echte demokratische Bewegung von unten entsteht."

John Burnside dagegen findet das Referendum verlogen: "Für mich würde echte Unabhängigkeit letzten Endes auch die Befreiung von einem feudalen System bedeuten, in dem mehr als die Hälfte Schottlands weniger als 500 Menschen gehört und in dem die Regierung allein im letzten Jahr 663.695.661 Pfund an Subventionen für die Land- Fort und Lebensmittelwirtschaft ausgegeben hat, einen Großteil davon an Reiche und und Konzerne. Die Ungerechtigkeit dieses Systems liegt auf der Hand, daher gilt, was Jim Hunter von der Scottish Land Review Group gesagt hat: "Seit sechs Jahren werden wir von der SNP regiert, doch sie hat absolut nichts dagegen unternommen, dass Schottland noch immer die undemokratischste Landverteilung in der gesamten entwickelten Welt hat.""

Colin Kidd betrachtet das Verhältnis von Literatur und Nationalismus in Schottland sowie die Tatsache, dass sich eigentlich nur Joanne K. Rowling mit ihrer Millionenspende hinter die Kampagne "Better Together" gestellt hat.
Archiv: Guardian

Nepszabadsag (Ungarn), 19.07.2014

Der Filmregisseur György Pálfi gewann bei den letzten Filmfestspielen von Karlsbad gleich drei Auszeichnungen für seinen neuen Film "Szabadesés" (Freier Fall). Seit mehreren Jahren arbeitet er auch an einem historischen Film, aber Verhandlungen mit dem vom ehemaligen Hollywood-Produzenten Andy Vajna geführten Nationalen Filmfonds geraten immer wieder ins Stocken. Im Interview mit dem Filmkritiker Géza Csákvári sprach der Regisseur unter anderem über das Filmfördersystem in Ungarn, welches nunmehr seit drei Jahren etabliert ist. "Wir hätten keine Chance gehabt, vom Filmfonds für meinen letzten Film Geld zu bekommen. Das System ist langsam und schwerfällig: Wir wären heute soweit, dass das Drehbuch der Entscheidungskommission vorliegt. Dabei sind wir mit dem Film längst fertig und bekommen Preise dafür. (…) Durch Vajna hält ein in den USA sozialisierter "Großunternehmer" das ungarische Kino in der Hand. Er versteht viel von Innovation der Industrie, von Kasse. (...) Durch seine Machtposition kann er für sich Rechte beanspruchen, die dem ungarischen Film, den er nicht kennt, nicht gut tun. Er kennt die Position des ungarischen Films in der europäischen Filmkultur nicht."
Archiv: Nepszabadsag

New Humanist (UK), 10.07.2014

Teju Cole ist jemand, der alle Stereotypen unterläuft, schreibt anerkennend Fatema Ahmed in einem kurzen Porträt des amerikanisch-nigerianischen Autors. Das betrifft sowohl den Inhalt also auch die Form seiner Werke: "Man sieht selten jemand in Echtzeit neue Formen erschaffen und für diese Formen neue und mächtige Verwendungszwecke zu finden. Während er an einem - noch unveröffentlichten - Sachbuch über Lagos schrieb, kam die "Small Fates"-Serie, die auf nigerianischen Zeitungsberichten basierte, ein Update von Félix Fénéons berühmter Vermischtes-Kolumne für die Zeitung Le Matin. Ein Beispiel von Fénéon: "Scheid, aus Dünkirchen, feuerte drei Mal auf seine Frau. Als er sie jedesmal verfehlte, entschied er sich, auf seine Schwiegermutter zu zielen und traf." Ein Beispiel von Cole: "Niemand erschoss irgend jemanden, bestätigte ein Sprecher der Polizei von Abuja, nachdem der Fahrer Stephen, 35, von der Polizei angeschossen, beinahe gestorben wäre." Seit "Small Fates" Anfang 2013 endete, hat Cole andere Serie geschaffen, darunter "Short Stories about Drones", in denen die Anfänge klassischer Romane von einem Drohnenangriff abgebrochen werden. Zum Beispiel: "Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen. Schade. Ein Drohnenangriff machte den Blumenladen platt." Cole hat jetzt @_kill_list angelegt ("all the kills in the Holy Bible, remixed by @tejucole"), der an Alice Oswalds "Memorial" erinnert, eine Wiedergabe der Ilias als Liste der Toten im Gedicht."
Archiv: New Humanist

Huffington Post fr (Frankreich), 20.07.2014

Über die wahre Identität der Techno-und Elektro-Szene in Paris denkt der DJ und Produzent Teki Latex in der huffpo.fr nach. Der Frage wie aus zwei "großen Familien", die um 2003 noch die musikalische Landschaft um Paris bevölkerten, zwei fast schon sich anfeindende "Clans" werden konnten, nämlich der eher punkige Techno und die "Intelligent Dance Music" mit French Touch, geht der selbst ernannte House-Outsider nach und konstatiert: "Wie dem auch sei. Vielleicht wäre es an der Zeit, fünf Minuten inne zuhalten und sich nicht nur immer von anderen abzusetzen. Vielleicht fehlt uns in Paris eine gewisse Einheit, um beim Clubbing und in der Produktion mit Städten wie London oder Berlin mithalten zu können. Wer weiß, wenn irgendwann diese Dichotomie überwunden ist, findet ja auch die etwas orientierungslose französische Elektro-Szene eine neue Identität. Aber das ist wie gesagt nur die Meinung eines House-Outsiders." Ein bisschen reinhören kann man hier.
Stichwörter: Teki Latex, Paris, Techno

Wired (USA), 18.07.2014

Auch die bislang beste Mailverschlüsselung gestattet der NSA und anderen Schnüfflern noch immer den Zugriff auf die wertvollen Metadaten der Korrespondenz, aus denen etwa hervorgeht, wer mit wem in Kontakt steht. Dem wollen nun Stephen Watt und Ladar Levison mit ihrem Projekt Dark Mail etwas entgegen stellen, berichtet Kim Zetter. Das System orientiert sich vom Konzept her am Anonymisierungsservice Tor: "Es gibt in erster Linie zwei Hauptserver, die mit der Übermittlung der Mails zu tun haben: Die Domain des Absenders und die des Adressaten. Und obwohl der Server des Absenders die Quelle identifizieren kann, von der aus die Mail geschickt wurde, kennt er den Empfänger nicht, nur dessen Domain. Der Server des Adressaten wiederum dechiffriert das "to:"-Feld, um die Mail dem richtigen Konto zuzuordnen, weiß aber nicht, wer die Mail geschickt hat - nur die Domain, von der aus sie kommt. Wenn die NSA passiv den Internetverkehr abfängt, kann sie zwar ein Paket verschlüsselter Daten beobachten, das von einer Domain zur nächsten geschickt wird, ohne dabei aber in Erfahrung zu bringen, zwischen wem."

Weitere Artikel: Issie Lapowsky porträtiert Kosta Grammatis, der die Welt mit seinem Start-Up Oluvus gratis ans Internet anschließen möchte. Robert McMillan hat einen Blick in das Gehirn von Google geworfen, das immer besser darin wird, Hausnummern fotografisch zu identifizieren. Zur Identifizierung von Sicherheitslücken in der Online-Software dritter Parteien greift Google allerdings immer noch auf Hochleistungs-Hacker zurück, die der Konzern für teures Geld in der Szene anwirbt, berichtet Andy Greenberg. Außerdem: Endlich wird erforscht, wie Bier mit im All gezüchteter Hefe schmeckt.
Archiv: Wired