Magazinrundschau

Alle reden nur noch über Salvador

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.11.2010. In Walrus erzählt Dave Cameron von den Zeitreisen seines krebskranken Vaters. The Nation liest Gal Beckermans fesselnde Geschichte der Juden in der Sowjetunion. Tehelka erklärt, warum arme Alte in Indien ihre Kinder fürchten müssen. Was erhofft man sich eigentlich von einer Übersetzung, fragt Julian Barnes in der LRB. Prospect findet heraus, wie Rupert Murdoch die Iraner mit Fernsehschmonzetten von der Revolution ablenkt. In Guernica erklärt John Updike, wie man klaut.

The Nation (USA), 10.11.2010

Benjamin Nathans liest Gal Beckermans Buch "When They Come For Us We'll Be Gone" ("Wenn sie uns holen kommen, werden wir nicht mehr da sein") über die Geschichte der Juden in der Sowjetunion. Eine sehr komplexe und insgesamt auch widersprüchliche Angelegenheit, wie Nathans betont: "Alles in allem waren die sowjetischen Juden spektakulär erfolgreich, allen anderen ethnischen Gruppen der UdSSR weit überlegen - die Russen inklusive -, und zwar egal, ob man nun die Hochschulbildung, das Wohnen in begehrten städtischen Zentren wie Moskau und Leningrad, den Zugang zu prestigeträchtigen Berufen oder die Prominenz in hoch angesehenen Tätigkeiten wie Filmregie oder Physik zum Maßstab nimmt. Hinter den hunderttausenden von jüdischen Erfolgsgeschichten verbirgt sich jedoch ein kollektiver Verlust von Sprache und Kultur, das komplexe Ergebnis sowohl einer Selbst-Russifizierung als auch einer Unterdrückung des jüdischen Erbes durch das Sowjetregime. In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich überdies die Sowjetunion, der erste anti-antisemitische Staat der Welt und das Land mit der Haupverantwortung für die Vernichtung der Nazis, in einen Staat verwandelt, der erklärtermaßen Jagd machte auf jene, die er als 'Kosmopoliten' und 'Zionisten' brandmarkte."

Weitere Artikel: John Nichols und Robert W. McChesney beklagen "die radikale Verwandlung der US-Politik durch einen Geld-und-Medien-Wahl-Komplex, der das Geschehen heute stärker definiert als irgendein Kandidat irgendeiner Partei". Die große (aber auch wieder begrenzte) Retrospektive der feministischen Künstlerin Nancy Spero im Centre Pompidou in Paris nimmt Barry Schwabsky zum Anlass, über die Rolle ihres Werks in der amerikanischen Nachkriegskunst nachzudenken.
Archiv: The Nation

Tehelka (Indien), 20.11.2010

Während die europäischen Rentensysteme langsam zusammenbrechen, untersucht Shahina KK, was Altersarmut in Indien bedeutet, wenn die Jungen die Alten nicht mehr versorgen können. Das tamilische Wort für Gnadentod ist "Thalaikoothal". Er kann die Form eines liebevoll zubereiteten Ölbads annehmen oder die brutalere Form eines Munds voll Schlamm. Er liegt "in dem undefinierbaren Bereich zwischen Verbrechen und verzweifelten Taten aus Armut": "Kasi, ein Tagelöhner, zog aus dem Haus seines Sohnes aus, nachdem seine Frau gestorben war. Er weiß nicht genau, ob er 65 oder 70 Jahre alt ist, aber seine weißen Haare, der weiße mächtige Schnurrbart und die dunkelbraune faltige Haut bezeugen sein langes und beschwerliches Leben. Kasi entschloss sich auszuziehen, als er merkte, dass seine Kinder es müde wurden, ihren Vater zu versorgen. 'Ich mag sie sehr gern und kann mir nicht vorstellen, dass sie mich töten würden', sagt er. 'Aber ich wollte sie auch nicht zu extremen Schritten provozieren.' Ob auch er in ein paar Jahren zu einem entspannenden Ölbad eingeladen worden wäre, weiß Kasi nicht. Und er war auch nicht neugierig, es herauszufinden." Die Autorin sagt leider nicht, wohin Kasi und andere in seiner Lage gehen.

Außerdem: Altaf Tyrewala, Autor von "No God in Sight", erzählt, wie ihm im zarten Alter von 33 Jahren Ebooks die Lust am Lesen wiedergegeben haben.
Archiv: Tehelka
Stichwörter: Ebooks

Rue89 (Frankreich), 14.11.2010

Käme je ein deutscher Autor auf eine solche Idee? Seit einigen Jahren arbeitet der Belgier David Vandermeulen an einer Comicreihe über den deutsch-jüdischen Chemiker und Erfinder chemischer Waffen Fritz Haber. Catherine de Coppet stellt den Band den jetzt erschienenen dritten Band der Reihe vor. Sein Titel: "Un vautour, c'est deja presque un aigle" ("ein Geier ist fast schon ein Adler", nach einem Nietzsche-Zitat) in rue89 vor: "Die Figur Fritz Habers beschäftigt Vandermeulen, der ursprünglich mit absurd humoristischen Comics wie 'Agrum comix' bekannt wurde, seit gut zehn Jahren. Die Serie stützt sich auf die Lektüre von über hundert wissenschaftlichen und historischen Büchern, die im Blog des Autors und der Website zum Comic aufgeführt sind, und sie hält sich so eng wie möglich an die historische Realität. Es ist die Geschichte deutscher Juden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren sind, Menschen, die zwischen den Paradoxa ihrer Zeit - deutschem Nationalgefühl, der Gründung des Zionismus und dem wachsendem Antisemitismus - hin- und hergerissen sind. Alle Feinheiten dieser Geschichte werden in Dialogen wiedergegeben, die sich an Schriften der handelnden Personen orientieren, von Walther Rathenau, einem Politiker und Wissenschaftler jüdischer Herkunft, bis zu Chaim Weizmann, dem ersten Präsidenten Israels."
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Archiv: Rue89

London Review of Books (UK), 18.11.2010

Julian Barnes gerät anlässlich einer "Madame Bovary"-Neuübersetzung durch die amerikanische Autorin Lydia Davis schwer ins Grübeln. Was erhoffen wir uns eigentlich so alles von einer Neuübertragung? "Was würde/sollte man wollen? Das Unmögliche, natürlich. Aber welche Art von Unmöglichem? Nun, zunächst würde man wohl wollen, dass sich das Buch nicht wie 'eine Übersetzung' liest. Man will, dass es sich liest, als wäre es im Original auf Englisch geschrieben - wenngleich, notwendigerweise, von einem Autor, der sich außerordentlich gut mit Frankreich auskennt. Man würde auch wollen, dass es nicht klirrt und surrt, während es pflichtbewusst jede einzelne Nuance wiedergibt und dadurch den Text in die Zurschaustellung eines Romans eher als einen Roman selbst verwandelt. Man würde wollen, dass das Buch in einem nach Möglichkeit dieselben Reaktionen hervorruft, die es auch in einem französischen Leser hervorruft (obwohl man auch einen gewissen Sinn für Distanz will, das Vergnügen, eine fremde Welt zu erkunden). Aber welche Sorte französischer Leser? Einer aus den späten 1850er oder aus den frühen 2010er Jahren? Würde man wollen, dass der Roman seine originalen Wirkungen hat oder soll ihnen die spätere Geschichte des französischen Romans beigemischt sein, darunter die Folgen, die die Existenz justament dieses Romans gezeitigt hat?"

Weitere Artikel: David Bromwich zeichnet das nicht sehr freundliche Porträt Barack Obamas als eines an den eigenen Ansprüchen ebenso wie an mangelndem Mut gescheiterten Halbzeit-Präsidenten. Peter Campbell liest die ursprünglich fürs Radio formatierte Buchausgabe von Neil McGregors "A History of the World in 100 Objects", eine Folge von Essays zu im British Museum ausgestellten Gegenständen. Die Frage, seit wann einzelne Jahrzehnte im Rückblick ihren je distinkten Charakter zugeschrieben bekommen, beschäftigt Andrew O'Hagan.

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.11.2010

Der Journalist Laszlo Seres hofft, dass der Traum von einem multikulturellen Europa endlich ausgeträumt ist. Europa drohe eine Islamisierung des eigenen Territoriums und müsse Probleme wie Zwangsheirat, Ehrenmorde, Ghettoisierung endlich in den Griff bekommen: "Der Westen weiß so wenig, was er ist, er hat so wenig Selbstvertrauen, er glaubt so wenig an seine eigenen Werte, dass er es nicht wagt, die Einwanderer aus anderen Kulturen zur Befolgung seiner eigenen Normen zu bewegen. [...] Das Konzept der individuellen Rechte wurde allein von der westlichen Kultur hervorgebracht und wird allein von ihr kultiviert. Man kann nicht dieses grundlegende Freiheitskonzept befürworten und gleichzeitig annehmen, dass jede andere archaische, kollektivistische Kultur gleichwertig ist - weil sie schlicht nicht gleichwertig ist. Deshalb relativiert das Multikulti-'Wertesystem' stets die eigenen Werte und ist letztendlich nihilistisch."

Dass die radikal islam- und EU-feindliche PVV des Geert Wilders nach den Wahlen im Juni zur drittstärksten Kraft im niederländischen Parlament wurde, wertet der Soziologe Paul Scheffer als historische Wende in der niederländischen Politik, die gleichzeitig das Dilemma ganz Europas veranschaulicht. Tibor Berczes fragte den niederländischen Soziologen, was gegen Bewegungen wie die von Wilders unternommen werden sollte. Dessen Antwort: "Europa müsste gleichzeitig ein Freiheitsideal und eine Sicherheitsgemeinschaft sein. Dazu müssen aber Antworten beispielsweise auf die Probleme der grenzüberschreitenden Kriminalität oder der illegalen Einwanderung gefunden werden. Europa sollte sich nicht als ein Gebilde betrachten, das die Nationalstaaten ablöst, sondern den Nationalstaaten die Möglichkeit verschafft, auch in Zeiten der Globalisierung effektiv zu handeln. Man muss deutlich machen, dass der Schutz nationaler Eigenheiten und Offenheit beziehungsweise Freiheit und Sicherheit einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bedingen."

Walrus Magazine (Kanada), 01.12.2010

Dave Cameron zeichnet den Tod seines Vaters an einem Gehirntumor nach. Nachdem er seine erste Runde Bestrahlung und Chemotherapie hinter sich hat, kommt sein Vater nach Hause, um sich auszuruhen. "'Ich habe es verstanden', sagt er... Sein Bart liegt flach ausgebreitet auf einer Seite, seine Kopfhaut pellt in eurogroßen Schuppen ab. 'Du glaubst nicht, wie schlecht ich mich fühle', sagt er. 'Es ist ein schwerer Ritt rein und raus aus dem Wurmloch. Du kennst das Wurmloch?' Er hatte schon früher versucht, es mir zu beschreiben - den Tunnel zwischen diesem Universum und einem anderen, weniger vertrauten. Einmal kehrte er zurück von einer dieser Tiefschlaf-Reisen und murmelte etwas von einem angenehmen Besuch, den er bei der kürzlich verstorbenen Frau eines alten Freundes gemacht hatte. Aber meistens weiß er nicht mehr, wo er war oder - noch beunruhigender - wo er in dem Moment ist, in dem er aufwacht. (...) Ich stopfe ihm einige Kissen in den Rücken und helfe ihm, sich aufzusetzen. Ich frage ihn, was er verstanden habe. 'Zeit ist kein Ort. Sie hat keine Form. Ereignisse haben eine Form.' 'Was ist dann also Zeit?' 'Zeit ist der Raum in einem Eimer.'"

La vie des idees (Frankreich), 12.11.2010

Olivier Alexandre bespricht eine soziologische Studie von Laurent Jullier und Jean-Marc Leveratto über Cineasten und Filmkunst ("Cinephiles et Cinephilies", Armand Colin). Ausgehend von einer Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des bewegten Bilds entwickeln sie eine Art zeitgemäße Präzisierung der inzwischen zunehmend privatisierten Sehgewohnheiten: Die Liebe zum Kino, so die These, lasse sich nicht mehr mit Kennerschaft oder Wissen erklären und auch nicht mehr auf die Anzahl von Kinobesuchen reduzieren. "In diesem Kino-Universum 2.0 weichen die klassischen Unterscheidungen (Autorenfilme/kommerzielle Film, Kino/Fernsehen, Paris/Provinz, Form/Inhalt, männlicher Raum des Kinos vs. weiblicher Raum des Wohnzimmers etc.) einer von Mitbestimmung geprägten und relativistischen Zusammengewürfeltheit. 'Star Wars', Videoclips, die Mashups auf Youtube oder der letzte Autorenfilm, der auf dem koreanischen Filmfest von Pusan ausgezeichnet wurde - als dies wird unterschiedslos von Zuschauern konsumiert, die von einem Filmobjekt zum nächsten springen, mit dem einzigen Ziel, Spaß aus ihren Umherreisereien zu ziehen."

Prospect (UK), 20.10.2010

In einem "Brief aus dem Iran" schildert Christopher de Bellaigue die spektakulären Erfolge, die der im Besitz von Rupert Murdoch befindliche, aus Dubai sendende Satellitensender Farsi 1 im Iran feiert. Die politische Widerstandskraft scheint ermüdet, man fiebert, so de Bellaigue, lieber mit den die Grenzen der Züchtigkeit berührenden, aber nie überschreitenden Figuren der Soap Operas aus Dubai: "Das Phänomen 'Farsi 1' ist ein Symptom der Enttäuschung, die die verwestliche Mittelschicht, also die hauptsächlichen Unterstützer von Moussavi, erfasst hat... Seine Anhänger sind sich uneins und das Minimalziel - Ahmadinedschad aus dem Amt zu entfernen - ist spektakulär gescheitert. Das hat zum Teil mit den Repressionen des Regimes zu tun, aber eher banale Probleme sind auch ein Grund. Ein Taxifahrer in Teheran erzählte mir neulich, dass seine Teilnahme an den Protesten ihn in seinen Mietzahlungen weit zurückgeworfen hat. Jetzt macht er Überstunden. Kurz gesagt: Die Iraner der Mittelschicht, die nach Jahren der Entpolitisierung, sich plötzlich und dramatisch wieder engagieren, haben jetzt wieder abgeschaltet. Amir Mohebbian, ein konservativer Politexperte, der eine neue politische Bewegung zu starten versucht, erklärte mir ganz beglückt: 'Letztes Jahr war alles Moussavi. Heute reden alle nur noch über Salvador", den spektakulär gebauten Helden der Soap "Body of Desire" (Kostprobe bei Youtube).
Archiv: Prospect

Guernica (USA), 01.11.2010

Guernica bringt ein unveröffentlichtes Interview mit John Updike, das Lila Azam Zanganeh 2006, zwei Jahre vor seinem Tod, mit dem Schriftsteller führte. Updike spricht über Nabokov, andere literarische Einflüsse und über das Stehlen. "Klar, man ist immer auf der Suche. Es gab ein Bild in einem der ersten Nabokovs, die ich gelesen habe. Da sagt ein Bleistiftanspitzer 'Ticonderoga, Ticonderoga'. Ticonderoga war die Marke des Stifts. Aber zu hören, wie ein Bleistiftanspitzer etwas sagt, das war ein Bild, das ich liebend gern selbst erfunden hätte. Ich würde es wahrscheinlich nicht stehlen, weil es zu speziell ist. Aber ich habe Bilder gestohlen, wenn ich dachte, niemand würde es merken. Klar. Wenn man anfängt zu schreiben, sucht man erst mal nach einem Vorbild. Ich hatte vier oder fünf, die mir in formenden Abschnitten meines Lebens sehr viel bedeutet haben. Aber wenn man geformt ist, dann liest man gewissermaßen nach den Dingen, die so bewundernswert sind, dass man sich wünschte, man selbst hätte sie geschrieben. Und man ist nicht darüber erhaben, sie zu stehlen, wenn man einen guten Platz findet, sie zu verstecken."
Archiv: Guernica
Stichwörter: Guernica, John Updike

Guardian (UK), 13.11.2010

Richard Wolins Geschichte der französischen Maoisten "French Intellectuals, the Cultural Revolution, and the Legacy of the 1960s" inspiriert Julian Jackson zu einer angeregten Nachererzählung: "Andre Glucksmann, heute einer der antitotalitären Neuen Philosophen, von denen Bernard-Henri Levy der berühmteste ist, glaubte in seiner maoistischen Phase, dass Frankreich ein faschistisches Land sei; Sartre forderte Volkstribunale, um der bourgeoisen Justiz etwas entgegenzusetzen. Um nicht hinterherzuhinken propagierte Foucault eine Volksjustiz ohne Gerichte, wie bei den Septembermassakern von 1792. Kurioserweise haben die Maoisten 1968 verpasst. Geblendet vom Dogmatismus glaubten sie, dass einem von Studenten angeführten Ereignis der Ernst fehle. Es müsse sich um einen von de Gaulle und dem französischen Staats ausgeklügelten Vorwand handeln, um das Proletariat zerschlagen. Dieser totale Widerspruch zwischen der Realität auf den Straßen und dem, was die Theorie voraussagte, verursachte bei einem der Maoisten-Führer, Robert Linhart, einen Nervenzusammenbruch."

Kerry Brown erfährt bei Richard McGregor, wie sich Chinas KP heute im Sattel hält, ohne auch nur die geringste organisierte Opposition fürchten zu müssen: "Sie hat dies laut McGregor durch die Kontrolle dreier Schlüsselbereiche geschafft: Information, Militär und ein ausgedehntes Netzwerk von parteinahen Organisation und Positionen, das die Regierung abschirmt."
Archiv: Guardian

Espresso (Italien), 14.11.2010

Was sind das für Zeiten, klagt Umberto Eco, in denen kein Italiener mehr Palmiro Togliatti von Alcide De Gasperi unterscheiden kann. (Von Nicht-Italienern ganz zu schweigen.) Oder kein Student mehr lacht, wenn die Professoren Woody Allen zitieren. Auch die Presse, ja die ganz besonders, ist geschichtsvergessen, schimpft er. "In einer Zeitung habe ich zwei Fotos gesehen, eines von einem Lastwagen mit Partisanen [des Zweiten Weltkriegs] und das andere von einer Truppe in groben Wollsachen, die den römischen Gruß zeigen und als Squadristen [Schwarzhemden] bezeichnet werden. Allerdings gab es Squadristen nur in den Zwanzigern und diese Wollkleidung trugen sie auch nicht. Was man auf dem Bild sieht, ist eine faschistische Miliz aus den dreißiger oder den frühen vierziger Jahren, was jemand meines Alters leicht erkennt. [...] Dass in den heutigen Redaktionen nur Geschichtsblinde arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen. Dennoch ist es so, und dafür verantwortlich sind nicht die Zeitungen, sondern die Geschichte selbst - oder eine Gegenwart ohne Gedächtnis."
Archiv: Espresso

The Atlantic (USA), 01.12.2010

"Freeman Dyson ist eine dieser intellektuellen Naturgewalten, deren Brillanz überhaupt nur von einer kleinen Unterspezies von Menschen erkannt werden kann", eröffnet Kenneth Brower sein Porträt des großen Physikers und Klimaskeptikers, um vor allem der Frage nachzugehen, wie "jemand so schlaues so dumm sein kann, wenn es um die Umwelt geht". Dass Dyson gute Argumente hat, findet Brower nicht, berichtet aber immerhin folgendes: "Dyson leugnet nicht, dass die Welt wärmer wird. Was er anzweifelt, sind die Modelle der Klimatologen, die von ihnen vorausgesagten schweren Konsequenzen und die Annahme, dass die Klimaerwärmung schlecht sei. 'Ich war selbst in Grönland, wo die Erwärmung am stärksten ist', sagt er. 'Und was man dort sieht ist ziemlich spektakulär. Aber die Wahrheit ist auch: Die Leute lieben es. Die Leute hoffen, dass es so weitergeht. Es macht ihr Leben wesentlich angenehmer.'"

Die Titelgeschichte fragt, ob es vielleicht doch saubere Kohle geben kann. Benjamin Schwartz präsentiert seine Bücher des Jahres, angeführt wird die Liste von Deborah Eisenbergs "Collected Stories" (mehr hier).
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Grönland