Magazinrundschau

Zwei oder drei Verweise auf Mohammed

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.04.2010. Das Bestürzendste an der rechtsextremen Partei Jobbik ist, dass sich ihr viele junge Intellektuelle anschließen, schreibt Elet es Irodalom. Bernard-Henri Levy fragt in Le point: Godard ein Antisemit? In der Gazeta Wyborcza nimmt Adam Michnik Abschied. Prospect schildert Fälle von Sebstzensur im britischen Theater mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Muslimen. In Le Monde malt Tahar Ben Jelloun ein düsteres Bild von der Stimmung in der Banlieue. Im New York Times Magazine erklärt Paul Krugman die Katastrophe zur Leitschnur seines Denkens.

Elet es Irodalom (Ungarn), 09.04.2010

Unter den Gründern, Mitgliedern und Sympathisanten der rechtsextremen Jobbik, die bei den gestrigen Wahlen siebzehn Prozent errungen hat, befinden sich auffallend viele junge Geisteswissenschaftler, Historiker und Juristen. Dem wäre wahrscheinlich nicht so, meint der Historiker Istvan Rev, Direktor des Open Society Archive in Budapest, wäre die ungarischen Universitäten nach 1989 einen anderen Weg gegangen. Denn die jungen Geisteswissenschaftler seien von denselben Historikern ausgebildet worden, die sich vor der Wende noch für die marxistische Geschichtsauffassung stark gemacht hatten: "Wie hätten denn gerade diese Leute die Vergangenheit aufrichtig aufarbeiten und sich den rechtsextremen Lehren widersetzen sollen? Wir haben uns erlaubt, über absolut sinnlose Angelegenheiten zu debattieren, anstatt wirklich wichtige historische Fragen zu klären und es zugelassen, dass an ungarischen Universitäten und Gymnasien eine geschönte Variante der ungarischen Geschichte unterrichtet wird. Aus diesem Grund kennen diese jungen Leute die ungarische Geschichte nicht, die für sie längst der Vergangenheit angehört. 1944 ist lange her, 1956 ist lange her, ja sogar 1989 ist längst vorbei, keiner erinnert sich mehr daran, und jeder sagt, was er will."

Point (Frankreich), 08.04.2010

Godard ein Antisemit? So ganz will Bernard-Henri Levy diese Eventualität (mehr hier) nicht an sich heranlassen, obwohl ihm Äußerungen Godards in seiner maoistischen Phase, aber auch in einem neunstündigen Videogespräch, das auf DVD vertrieben wird, zu denken geben: "Dass Godards Beziehung zum Judentum komplex, widersprüchlich, zwiespältig ist, dass seine Unterstützung für die extremsten palästinensischen Standpunkte in den Siebzigern, etwa in seinem Projekt 'Ici et ailleurs', problematisch ist, dass es in den 'Morceaux de conversation' mit Alain Fleischer (2009) Passagen gibt, die mich erschüttern, steht außer Zweifel. Aber daraus gleich ein 'Antisemit Godard' zu folgern und sich auf diesen vermuteten Antisemitismus zu stützen, um das ganze Werk zu disqualifizieren, heißt, einen beachtlichen Künstler zu beleidigen. Es ist ein Spiel mit einem Wort - Antisemitismus -, das mit extremer Vorsicht zu handhaben ist."
Archiv: Point

Gazeta Wyborcza (Polen), 11.04.2010

Die polnischen Medien sind voller Sonderseiten zur Tragödie von Smolensk. In der Gazeta Wyborcza nimmt der langjährige Weggefährte des verunglückten Präsidenten aus Zeiten der antikommunistischen Opposition und spätere politische Gegner, Adam Michnik, Abschied. "Lech Kaczynski hat die polnische Geschichte durch seine ganze Biografie geprägt. Historiker werden später Bilanz seines Schaffens ziehen. Heute ist nicht der Moment für ausgewogene Bewertung. Heute ist der Moment der Trauer und des positiven Erinnerns. Kaczynski diente der polnischen Unabhängigkeit und Freiheit seit 1968 (hier der Hintergrund). Er wiederholte oft, dass er damals den Weg des Widerstand gegen die Diktatur gewählt hat, und diese Entscheidung werde ich immer mit großem Respekt und Sentiment in Erinnerung behalten". In einer emotionalen Videonachricht bringt Michnik seine Bewunderung für Kaczynskis Patriotismus zum Ausdruck, trotz der zum Teil scharfen Polemik der letzten Jahre. Er müsse sich seine Texte über den Präsidenten nochmal durchlesen und prüfen, so Michnik, ob er ihm gegenüber nicht ungerecht gewesen sei.

Jaroslaw Kurski kann der Tragödie von Katyn immerhin zwei positive Aspekte abgewinnen: Die Welt werde nun wissen, wofür "Katyn" steht; außerdem lasse Russlands Reaktion auf eine polnisch-russische Aussöhnung hoffen. "Russland öffnet sich für Polen und für sich selbst, für seine Geschichte und die Abrechnung mit dem Stalinismus, dessen Opfer zig Millionen Russen und Angehörige anderer Nationen der Sowjetunion waren. Wenn sich unsere beiden Völker nicht in einem solchen Moment vergeben, wann dann? Eine solche 'Chance' kommt nie wieder. Wir dürfen sie nicht verspielen".
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New York Review of Books (USA), 29.04.2010

In einem Auszug aus seinem neuen Buch "Ill Fares the Land" prangert der Historiker Tony Judt die gewachsene soziale Ungleichheit, besonders in Großbritannien, an und konstatiert: "Wenn die Linke wieder ernstgenommen werden will, muss sie ihre Stimme finden. Es gibt viel, worüber man zornig sein kann: die wachsende Ungleichheiten von Wohlstand und Chancen; Ungerechtigkeiten zwischen Klassen und Kasten; ökonomische Ausbeutung zu Hause und anderswo; Korruption und Geld und Privilegien, die die Arterien der Demokratie verstopfen. Aber es wird nicht länger ausreichen, die Mängel des Systems zu identifizieren und sich dann wie Pilatus ohne Rücksicht auf die Konsequenzen zu entziehen. Die unverantwortlich vollmundige Rhetorik der vergangenen Dekaden hat der Linken nicht gut getan."

Weiteres: Russell Baker stellt Gerald Boyds Buch "My Times in Black and White" vor, eine Abrechnung mit der New York Times, deren Redaktion gegen ihn und Chefredakteur Howell Raines revoltiert hatte. Seiner Darstellung zufolge auch aus rassistischen Motiven. Tim Flannery stellt eine Reihe von Zoologie-Bücher vor, denen er unter anderem entnahm, dass Schimpansen absolut nicht negativ auf Alterungserscheinungen bei Weibchen reagieren. Großbritannien Außenminister David Miliband erklärt, wie er sich das weitere Vorgehen in Afghanistan vorstellt. Besprochen werden außerdem Masha Gessens Biografie des spröden Mathematik-Genies Grigory Perelman und Lydia Davis' Band "Collected Stories".

Prospect (UK), 01.04.2010

Sex, und sei es in der krudesten Form, ruft auch in britischen Theater nur noch Schulterzucken hervor. Das Ende der Zensur oder der Selbstzensur bedeutet das, wie John Nathan in einem Artikel berichtet, noch lange nicht. Nur die tabuisierten Gegenstände haben sich zeitgeistgemäß verändert. Der Dramatiker Richard Bean hat mehrfach erlebt, was die Theater zu fürchten gelernt haben: "Seine erste einschlägige Erfahrung machte Bean 2006, während der muslimischen Proteste gegen die dänischen Mohammedkarikaturen. Sein Stück 'Up on the Roof' wurde gerade im Theater von Hull Truck geprobt. Es spielt in einem Gefängnis, in dem es zu einem Aufstand kommt. Das Stück - in dem Jesus Christus auftritt - enthielt zwei oder drei Verweise auf Mohammed. 'Das war gar nichts Änstößiges', sagt er. 'Das Theater hatte einfach nur eine Scheißangst. Bradford [wo viele Muslime leben] ist nur eine halbe Stunde entfernt. Ich liebe Hull Truck. Es ist meine Heimatstadt. Ich wollte mich nicht mit ihnen anlegen. Es war kein wichtiger Bestandteil des Stücks.' Und dann fügt er in einem Ton, der ein wenig beschämt klingt, hinzu: 'Also habe ich es verändert.'"
Archiv: Prospect

Monde (Frankreich), 10.04.2010

In einem sehr pessimistischen Artikel über die Stimmung in den französischen Vorstädten beschreibt Tahar Ben Jelloun unter anderem das traurige Lebensgefühl der ersten, jetzt alternden Immigrantengeneration: "Sie leben oder überleben und sehen sich selber zu, wie ihr Leben in Stücke zerfällt. Sie haben Kinder gemacht, um weniger allein zu sein, um zu sein wie die anderen, und müssen feststellen, dass sie nichts im Griff haben. Weder die Zeit noch ihre Nachkommen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Einige arrangieren sich damit und sind glücklich, andere hoffen nur, dass das Schicksal sie verschont. Dann teilt man ihnen mit, dass ihr Sohn bei einer Schlägerei oder einer Straftat ums Leben gekommen ist, und sie sind stumm. Der Himmel fällt ihnen auf den Kopf."
Archiv: Monde
Stichwörter: Tahar Ben Jelloun

3 quarks daily (USA), 12.04.2010

3Quarksdaily übernimmt im Transkript ein faszinierendes Radiointerview (mp3) mit dem in Südkorea lehrenden Politikwissenschaftler Brian Reynolds Myers, der in seinem Buch "The Cleanest Race" (Auszug) den nordkoreanischen Nationalismus und Rassismus analysiert. Für ihn ist das Regime mindestens eben so sehr mit den Nazis wie mit den Stalinisten vergleichbar - und die Verblendung der Bevölkerung ist perfekt: "Die Leute arbeiten in gewisser Weise für das System. Die durchschnittlichen Nordkoreaner haben kein Interesse daran herauszufinden, dass sie ihr Leben lang nur dafür gearbeitet haben, eine Familie in Pjöngjang glücklich zu machen."

Economist (UK), 08.04.2010

Ein Gesellschaftssektor, der durch neue drahtlose Kommunikation gewaltig verändert werden dürfte, ist das Gesundheitssystem. McKinsey sieht darin einen 60-Milliarden-Dollar-Markt. Der Economist informiert über in der näheren oder ferneren Zukunft liegende mögliche Einsatzgebiete: "Manche Apparate sind für Kliniken gedacht: Medtronic entwickelt einen Monitor, der neben dem Bett angebracht wird und drahtlos den Blutzuckerspiegel diabetischer Kinder beobachtet. General Electrics arbeitet an 'Körpersensornetzwerken', winzigen drahtlosen Geräten, die die Lebenszeichen derjenigen verfolgen, die sie tragen. Die erfolgreichsten Apparate könnten aber solche sein, die Eric Dishman von Intel als 'heimlich' bezeichnet. Seine Firma investiert gerade in Geräte, die den Zustand älterer Menschen im Blick behalten, etwa 'Zauberteppiche', die erratische Bewegung erkennen und so einen Sturz vorhersagen können."
Archiv: Economist

Polityka (Polen), 10.04.2010

Marek Ostrowskis Kommentar zu den polnisch-russischen Gedenkfeiern wurde von dem tragischen Flugzeugabsturz zwar ziemlich eingeholt. Gültigkeit behält aber seine Forderung, dass die Russen mit ihrer Geschichte ins Reine kommen müssen. "Putin und Medwedew schreiten langsam voran, was die Abrechnung mit dem Stalinismus angeht", schreibt Ostrowski, denn "die Geschichte hat in Russland eine Surrogatfunktion gegenüber der Politik. Das Motto der Modernisierung und der Stärkung des Staates müssen danach eine autokratische Dimension haben, den 'heiligen' Charakter der Macht fördern... Die Geschichtspolitik des Landes kann angesichts des Mythos des siegreichen Großen Vaterländischen Krieges nicht richtig mit den 27 Millionen Opfern und den Vorwürfen von Verbrechen an eigenen Bürgern und Fremden, darunter Polen, umgehen. Das ist ein vielfaches Jedwabne".

Außerdem: Edward Saids "Culture and Imperialism" ist soeben auf Polnisch erschienen. Waldemar Kuligowski erinnert daran, dass man sich hierzulande zugute hält, nie Kolonien besessen zu haben und somit keine Schuld am europäischen Imperialismus zu tragen. Strukturell lassen sich die Befunde der "postcolonial studies" aber auf die polnischen Beschreibungen für die früheren Ostgebiete der alten Adelsrepublik (der sogenannten Kresy) übertragen, meint Kuligowski. "Würde Said 'Mit Feuer und Schwert' kennen, wäre seine Kritik noch schärfer ausgefallen". Henryk Sienkiewicz sei demnach der größte polnische Orientalist gewesen, was in seinen Beschreibungen der Kosaken, Tataren und Ruthenen sichtbar wird. Da seine Werke bis heute als Pflichtlektüre gelesen werden, wirke seine Überzeugung, Polen müsse westliche Zivilisation nach Osteuropa tragen, bis heute nach.
Archiv: Polityka

New York Times (USA), 11.04.2010

Hört nicht auf die Klimaskeptiker, rät Nobelpreisträger und New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman in einem epischen Artikel für das Magazin der Zeitung: "Building a Green Economy" ist der Titel, und seine Herangehensweise definiert Kurgman so: "Unsere Analyse sollte von der nicht abzuweisenden Perspektive der schieren Katastrophe geleitet sein." Optimistisch bleibt er trotzdem: "Wie die Debatte über den Klimawandel selbst sieht die Debatte über die Klimaökonomie von innen ganz anders aus als von außen. Der Gelegenheitsleser mag bezweifeln, dass es möglich sein soll, Emissionen zu reduzieren, ohne der Wirtschaft schwer zu schaden. Aber sobald man den Lärm der Lobbys herausfiltert, entdeckt man eine große Einmütigkeit unter Umweltökonomen, dass ein marktwirtschaftliches Programm zur Bekämpfung des Klimawandels große Ergebnisse zu bescheidenen, wenn auch nicht geringen Kosten zeitigen kann."

Außerdem in der New York Times Book Review: Edith Grossman, Don-Quichotte-Übersetzerin und laut Harold Bloom sowieso der "Glenn Gould der Übersetzer" hat eine Polemik gegen die Übersetzungsfaulheit der Amerikaner geschrieben (Auszug) - Richard Howard, selbst Übersetzer, kann nicht umhin, sie zu feiern. Hierzu auch ein kleines Interview mit Grossman. Besprochen wird auch Ian Burumas neues Buch "Taming the Gods - Religion and Democracy on Three Continents" (Auszug).