Heute in den Feuilletons

Nullprozentige Chance

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2013. In der Welt spricht Ben Urwand über die Kollaboration der Hollywood-Majors mit den Nazis. Die NZZ entdeckt Facebook und ist schockiert. Edward Snowden beteuert in der New York Times, dass er Russen und Chinesen keine Dokumente gegeben hat. Laut Spiegel Online bewegt sich die EU in Sachen Datenschutz. Zwei unterschiedliche Perspektiven auf Theater und Wirklichkeit und die mindestens ebenso schnöde Wirklichkeit im Theater bietet Nachtkritik. Zeit online ruft BND-Mitarbeiter zum Whistleblowing auf. Die SZ belegt, dass Konversationskompetenz kein Ausweis für Intelligenz ist, zumindest nicht künstliche.

NZZ, 18.10.2013

Tomasz Kurianowicz kritisiert das "rastlose, schizophrene System", mit dem Facebook ihn zu einem unglücklichen, einsamen Menschen macht, der verlernt, die digitale von der analogen Welt zu trennen: "Anstatt sich vernetzt zu fühlen, verlieren wir uns in einem Strom aus Scheinwelten, die in ihrer Suggestivkraft im Sekundentakt neue Bedürfnisse hervorrufen: das Bedürfnis, auf einen Link zu klicken; das Bedürfnis, ein Produkt zu kaufen; das Bedürfnis, mit einem Bekannten Kontakt aufzunehmen; das Bedürfnis, so zu leben wie die anderen. Die Spirale führt, anstatt ein Gefühl der Sättigung hervorzurufen, in endlose rezeptive Gier."
















Außerdem im Feuilleton: Judith Leister konstatiert für das Architekturmuseum der Technischen Universität in der Münchner Pinakothek der Moderne einen "vielversprechenden Kurswechsel". Derzeit ist dort die Ausstellung "Afritecture" über alternative Architektur aus Afrika zu sehen, die erste des neuen Direktors Andres Lepik.

Besprochen werden Jean-Stéphane Brons Dokumentarfilm "L'expérience Blocher", die Produktion "De rerum natura" von Calixto Bieito am Theater Basel, eine Ausstellung über die Architektin und Designerin Lina Bo Bardi in Basel, das Album "Flying Colours" des kenyanisch-kanadischen Rappers Shad (an dem Jonathan Fischer die "unprätentiöse Aussenseiter-Attitüde" gefällt), eine CD-Box über die Folk-Geschichte im New Yorker Caffè Lena, das Album "Crimson/Red" von Prefab Sprout sowie weitere
CDs, darunter eine Aufnahme von Gottfried August Homilius' "Markuspassion".

Zeit, 18.10.2013

In Britannien und den USA haben die Enthüllungen Edward Snowdens ziemliche Wellen geschlagen - auch unter Parlamentariern. In beiden Ländern werden Untersuchungsausschüsse eingesetzt, um mehr Aufklärung zu erhalten, und neue Gesetze geplant. Nur in Deutschland herrscht ohrenbetäubendes Schweigen. Auf Zeit online bittet Tilman Baumgärtel in einem offenen Brief die Mitarbeiter des BND, sich Snowden zum Vorbild zu nehmen und Überwachungsaktivitäten gegen deutsche Staatsbürger, die gegen das Gesetz verstoßen, öffentlich zu machen: "Ich bitte Sie, die knapp 6.000 Mitarbeiter des BND, sich die Geschichte des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden zu Herzen zu nehmen. Er hat die Weltöffentlichkeit über die globale Spionage von NSA und britischem Geheimdienst informiert und es damit erst möglich gemacht, dass die Gesellschaft darüber diskutieren kann, ob und wie sie solche Verfahren hinnehmen und kontrollieren will. ... In ihrem Diensteid haben Sie sich dazu verpflichtet, das Grundgesetz zu achten und zu schützen. Bitte tun Sie das - auch indem Sie die Öffentlichkeit über mögliche Rechtsbrüche des BND in Kenntnis setzen."

TAZ, 18.10.2013

Die taz feiert heute mit mehreren Artikeln den dreißigsten Geburtstag ihrer Sportseite "Leibesübungen". Unter anderem erzählt Manfred Kriener, wie er dem Kollegium Fußballberichterstattung als "Mikroskop komplexer Verflechtungen des Sozialen und als Zusammenwirken von gesellschaftlichen Makro- und Mikrostrukturen" schmackhaft machte und was hinter dem Namen der Seite steckt: "Natürlich konnte im Zeitungskopf über der Pagina nicht einfach 'Sport' stehen, eine ironische Brechung war Pflicht. Also: Leibesübungen! Ganz turnvaterjahnmäßig und schwer altertümlich." Tonio Milone weiß gar von "Schreierei und Tränen" aus der Frauenredaktion zu berichten.

Peter Unfried feiert die von ihm initiierte Einführung des Gesellschaftsteils taz2 vor zehn Jahren als eine "Annäherung an die Gegenwart und damit brutale Avantgarde".

Besprochen werden das neue Album "Films and Windows" des Hamburger House-Produzenten Peter Kersten alias DJ Lawrence und das Album "Nothing Was the Same" des kanadischen Rappers und R&B-Sängers Drake.

Und Tom.
Anzeige
Stichwörter: Drake, Manfred Kriener, Taz

Aus den Blogs, 18.10.2013

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat gestern entschieden, dass der Zwang zur Abgabe von Fingerabdrücken bei der Beantragung von Reisepässen rechtens ist, berichtet Kilian Froitzhuber bei Netzpolitik und zitiert aus der Begründung des Gerichts: "'Dazu stellt der Gerichtshof fest, dass die streitigen Maßnahmen insbesondere die dem Gemeinwohl dienende Zielsetzung verfolgen, die illegale Einreise von Personen in die Europäische Union zu verhindern. Zu diesem Zweck zielen sie darauf ab, vor Fälschung von Pässen zu schützen und die betrügerische Verwendung von Pässen zu verhindern.' Das Grundrecht von Menschen, die in der EU Bürgerstatus haben, muss also beschnitten werden um Menschen, die diesen Status nicht haben, bei der Grenzkontrolle noch effektiver beibringen zu können, dass Freizügigkeit auf gar keinen Fall eins ihrer Rechte ist."

In seinem Prozess gegen die VG Wort hat der Urheberrechtler Martin Vogel auch in der zweiten Instanz gewonnen, meldet Ilja Braun bei Carta: "Die derzeitige Praxis, urheberrechtliche Vergütungen - je nach Verteilungsplan - nur zu 50-70% an die Autoren auszuschütten und den Rest den Verlagen zukommen zu lassen, wäre nicht mehr zulässig, sollte das Urteil rechtskräftig werden. Nach Ansicht von Rechtsanwalt Dr. Paul Hertin, der Martin Vogel in der Angelegenheit vertritt, ist das Urteil von 'enormer Bedeutung für die VG WORT', die seit jeher sowohl Autorinnen und Autoren als auch Verlage zu ihren Mitgliedern zählt. Hertin: 'Damit steht die Konstruktion der VG WORT insgesamt auf dem Prüfstand.'" Einen längeren Auszug aus der Urteilsbegründung zitiert Thomas Stadler im Internet-Lawblog.

Welt, 18.10.2013

Ben Urwand, Autor der umstrittenen Studie "The Collaboration - Hollywood's Pact With Hitler" (wir berichteten in unserer Magazinrundschau hier und hier, hier ein Auszug aus dem Buch), erklärt im Gespräch mit Hannes Stein, warum seiner Ansicht nach die - zumeist von Juden gegründeten - Hollywoodstudios besonders intensiv mit den Nazis kooperierten, bis hin zu Schnitten auf Weisung der Nazis, damit die Filme in Deutschland gezeigt werden konnten, und bis in die Personalpolitik: "Die Hollywood-Studios haben den deutschen Forderungen nachgegeben. Zum Beispiel haben sie nach 1933 die Hälfte ihres jüdischen Verkaufspersonals in Deutschland gefeuert, weil das Propagandaministerium es verlangt hat."

Weitere Artikel: Mit Blick auf die bunten Feierlichkeiten zum Jahrestag der Völkerschlacht fragt Alan Posener: "Was würde Nietzsche zum heutigen Zustand des Kultur- und Geschichtsbetriebs sagen?" Barbara Möller fasst sich angesichts der jüngsten pädagogischen Mode - Elternabende an Universitäten - an den Kopf. Eckhard Fuhr besucht den Karl-May-Verlag, der hundertstes Jubiläum feiert.

Besprochen werden ein Konzert der stets noch aktiven Fleetwood Mac, zwei Frankfurter Ausstellungen mit neuer brasilianischer Kunst und Luc Bondys Inszenierung von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg" im Berliner Ensemble.

In ihrer Kolumne belegen Maxeiner & Miersch ihre Vermutung, "dass Wohlstand nicht nur gut für Menschen, sondern auch für die Natur ist" mit Berichten über die Rückkehr lange vermisster Wildtiere in Deutschland.

Spiegel Online, 18.10.2013

Edward Snowden bestreitet im Interview mit der New York Times alle Vorwürfe, er habe Chinesen und Russen Zugang zu geheimen Dokumenten der NSA ermöglicht, berichtet Spon. "Er habe alle geheimen Papiere in seinem Besitz vor seiner Flucht im Juni nach Russland an Journalisten in Hongkong übergeben. Snowden betonte, er habe auch keine Kopien behalten. Er sei sich sicher, dass auch chinesische Agenten keinen Zugriff gehabt hätten. Er könne aus seiner Tätigkeit für die NSA deren Fähigkeiten einschätzen. 'Es gibt eine nullprozentige Chance, dass Russen oder Chinesen meine Dokumente haben', sagte der 30-Jährige."

In der EU bewegt sich etwas, erfahren wir aus einer Meldung über eine geplante neue Datenschutzregelung, die am Montag zur Abstimmung steht: "Im Fokus stehen die neuen Regelungen zur Weitergabe von Kundendaten an Drittstaaten, insbesondere natürlich an die USA. Künftig soll sichergestellt werden, dass US-Firmen nicht ohne klare gesetzliche Grundlage - etwa einem neuen Abkommen mit den Vereinigten Staaten, basierend auf EU-Recht - private Daten europäischer Kunden an ihre Regierung oder Geheimdienste weitergeben dürfen. Kommen Firmen dieser Verpflichtung nicht nach, drohen ihnen Strafen von bis zu fünf Prozent ihres Umsatzes, was bei Großkonzernen Milliarden Dollar ausmachen kann."

Aus den Blogs, 18.10.2013

Dramaturg Björn Bicker hielt zum 125. Jubiläum des Burgtheaters einen Vortrag über die Frage, wem das Theater gehört, den Nachtkritik abdruckt: "Das Theater, das die Wirklichkeit darstellen will, das sie nur kritisiert und dabei so tut, als könne es eine Position irgendwo außerhalb ihrer einnehmen, dieses Theater wird immer hinter dieser Wirklichkeit zurück bleiben. Es ist überheblich. Es könnte arrogant wirken. Vielleicht sogar dumm. Das ist das Dilemma des Theaters seit jeher."

Großes Aufsehen erregte in Nachtkritik die "Rede des Billeteurs", also eines Kartenabreißers im Burgtheater, der nicht beim Theater, sondern bei einer Sicherheitsfirma angestellt ist, die auch Gefängnisse betreibt. Outsourcing: Das Theater muss eben die Umstände, die es kritisiert, am besten selber praktizieren.

SZ, 18.10.2013

Auch in diesem Jahr bestand beim Loebner-Preis kein Computer den Turing-Test, berichtet Michael Moorstedt, dem der Juror Hector Levesque verraten hat, dass die Vorstellung, Künstliche Intelligenz allein anhand von Konversationskompetenz zu ermitteln, ohnehin irrig sei: "Anstatt immer neue Trends zu verfolgen, sei es Big Data, Googles 'Virtual Brain' oder die eben erst angekündigte Deep-Learning Software von Facebook, solle man lieber die Subtilität menschlichen Wissens analysieren."

Außerdem: Kathleen Hildebrand spricht mit der Migrationsforscherin Sabine Hess über Problematiken der Migrationspolitik: "Es ist eine totale eurozentristische Überschätzung, dass alle Migrationsbewegungen der Welt nach Europa führen. ... Nur ein verschwindend geringer Anteil kommt nach Europa." Ira Mazzoni bringt Details zu den jüngsten Forschungsergebnissen in Sachen Welfenschatz-Restitution, die sie vorsichtig darauf schließen lassen, dass dessen umstrittene Verkaufsverträge seinerzeit "offenbar nicht ['unsittlich']" waren. Cathrin Kahlweit meldet unterdessen, dass Erben Ansprüche auf Klimts in Wien hängendes Beethoven-Fries anmelden.

"Mutti kann nicht immer reingrätschen", umschreibt Ines Pohl im Gespräch auf der Medienseite ihre Position als Chefredakteurin der taz, übt sich wegen des umstrittenen Rösler-Interviews in braver Selbstkritik und wünscht sich, dass ihr Blatt in Zukunft "ein anderes Bewusstsein entwickelt", was "ethische Standards" anbelangt.

Besprochen werden die Ausstellung "August 1914" im Deutschen Literaturarchiv Marbach, die neue Dauerausstellung im Kleist-Museum in Frankfurt (Oder), Norbert Lechners Film "Tom und Hacke", das Münchner Konzert von Philippe Jaroussky, Agnès Jaouis Film "Unter dem Regenbogen", neue Stücke am Schauspielhaus Wien und Bücher, darunter John Cheevers Roman "Ach, dieses Paradies" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 18.10.2013

Stefan Schulz überlegt, warum ebay-Gründer Pierre Omidyar sein Geld in ein neues Journalistenportal steckt, für das er sich von Glenn Greenwald eine Redaktion aufbauen lässt. Omidyar wolle die Demokratie schützen, "die bedroht sei, wenn Politiker Journalisten als Terroristen oder deren Unterstützer brandmarkten und Behörden Redaktionen aufsuchten, um die Vernichtung von Daten zu verlangen... Da dieser staatliche Druck nun zusammenfalle mit dem Kollaps der Geschäftsmodelle des Journalismus, sah er sich zum Handeln gezwungen. ... Er verbindet mit Journalismus demnach zumindest eine Idee, während Jeff Bezos die Öffentlichkeit über dessen Kauf der Washington Post weiterhin rätseln lässt."

Weitere Artikel: Gerard Mortier rettet Verdis Opern vor den allzu genießerisch-bürgerlichen Umarmungen im laufenden Jubiläumsjahr: "Verdi verteidigt die Völker gegen das Joch der Diktaturen. ... Seine größte Verachtung gilt indessen der Manipulation der Macht durch die Kirche." Brita Sachs spricht mit Ingvild Goetz über die Schenkung ihrer Sammlung moderner Kunst an das Land Bayern. Constanze Kurz warnt vor den immer größeren Abhängigkeiten von elektronischen Geräten und Netzen und den damit einhergehenden Gefahren, wie etwa kürzlich bei den tumultartigen Vorfällen rund um den Ausfall des elektronischen Systems, das in den USA die Lebensmittelkarten ersetzt hat. Marcus Jauer fragt sich, ob die vor dreißig Jahren heiß geführte Debatte um das Waldsterben von falschen Grundlagen ausging oder das Waldsterben tatsächlich verhindert hat. Jürgen Dollase genießt die von Harald Rüssel im Naurather Landhaus St. Urban zubereiteten Speisen.

Je mehr man sich mit Unternehmensgeschichten beschäftigt, desto mehr hat man den Eindruck, dass die Fundamente des Wirtschaftswunders in der Nazizeit gelegt wurden. Höchst interessant liest sich Johannes Ritters Artikel über Dr. Oetker und die Nazis im Wirtschaftsteil der FAZ.

Besprochen werden eine Ausstellung in Qatar mit Francesco Vezzolis weinenden Frauen, neue Musikveröffentlichungen, darunter ausführlicher eine stolze, 41 CDs umfassende Edition mit Aufnahmen von Vladimir Horowitz, die Ausstellung "Jäger und Gejagte" im Alten Museum Berlin, Agnès Jaouis FIlm "Unter dem Regenbogen", Paul McCartneys neues Album und Bücher, darunter Monika Marons Roman "Zwischenspiel" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).