Heute in den Feuilletons

Favelas der unteren Mittelschicht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2012. In der NZZ erklärt der neuseeländische Autor Alan Duff, warum der schönste Geistesblitz manchmal nichts wert ist. Die taz experimentiert mit dem E-Book und lobt die Widerstandskraft des Taschenbuchs. In der Welt planiert Ulf Poschardt schon mal Berlins Schrebergärten. FR und SZ sind entsetzt über die Ausstellung "Russen und Deutsche": weich gespülte Geschichtsversion, kritisiert die SZ. Die FR plädiert gleich fürs Einmotten. NZZ und FAZ erscheinen heute mit Literaturbeilage.

NZZ, 06.10.2012

Die NZZ befasst sich als einzige Zeitung ausführlich mit Neuseeland, dem Gastland der Buchmesse. Vor allem schreibt Alan Duff - der sich einst mit seinem später erfolgreich verfilmten Buch "Once were Warriors" bei seinen Co-Maoris nicht nur beliebt machte - über seine große Initiative: Er bringt in Neuseeland Bücher unters Volk und will vor allem die sozial Benachteiligten zum Lesen anhalten. Diese Initiative hat einen Riesenerfolg, und Duff erklärt, warum: "Ich realisierte rasch, dass der schönste Geistesblitz nichts wert ist, wenn nicht andere zu seiner Realisierung beitragen. Nicht der Erfinder schlechthin ist es, der - wie es die gängige Auffassung will - mit Lorbeer überschüttet werden sollte; sondern derjenige Erfinder, der seine Idee an besser organisierte, weitsichtige Leute übergibt, die auch ein konkretes Ziel und die Meilensteine auf dem Weg dorthin im Auge haben."

Außerdem in Literatur und Kunst: Der neuseeländische Literaturprofessor Alex Calder beleuchtet das Verhältnis von Maori und weißen Siedlern in der neuseeländischen Literatur. Angela Schader lässt Neuerscheinungen und Neuauflagen neuseeländischer Literatur Revue passieren. Lena Steveker liest neuseeländische Lyrik. Und Oliver Marc Hartwich erklärt das Verhältnis der "fernen Nachbarn" Australien und Neuseeland. Ingrid Heermann, Referentin der Ozeanien-Abteilung am Linden-Museum Stuttgart, schreibt über Geschichte und Kultur der Maori.

Im Feuilleton findet Joachim Güntner klare Worte über den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der mit seinem Buch "Neukölln ist überall" die Gemüter erhitzt, und seine Gegner: "Ihm Rassismus zu unterstellen, wie dies in Teilen der deutsche Presse getan wird, ist blanke Infamie. Die linksalternative oder linksradikale Szene tut es dennoch, denn Heinz Buschkowsky schätzt das Weichzeichnen gar nicht, sondern konturiert Missstände mit starken Strichen."

Außerdem unterhält sich Ramon Schack mit Salman Rushdie über dessen neues Buch. Besprochen werden die Kassiber-Ausstellung in Marbach und Bücher, darunter J.K. Rowlings Roman "Ein plötzlicher Todesfall" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Die NZZ bringt heute ihre Literaturbeilage, die wir in den nächsten Tagen auswerten. Aufmacher ist Martin Meyer über Peter Handkes "Versuch über den Stillen Ort".

Aus den Blogs, 06.10.2012

(via) Für ihr neues Musikvideo haben sich die Elektro-Musiker von Kreidler bei Heinz Emigholz' Film "Die Basis des Make-Up" bedient. Hier einige Notizen dazu.

Stichwörter: Kreidler

TAZ, 06.10.2012

Angela Leinen denkt über die Möglichkeiten des E-Books jenseits der materiellen Begrenzungen des gedruckten Buches nach. Nicht nur sieht sie am Horizont eine Renaissance der kurzen Form heraufdämmern, sondern auch eine Phase neuer formeller Experimentierfreudigkeit: "Papierlose Literatur muss in Zukunft nicht mehr 'Buch' heißen. Briefromane könnten dem Leser nach und nach per E-Mail oder als Facebook-Nachrichten zugestellt werden. ... Der Londoner Alltagschronist Samuel Pepys twitterte seine Tagebuchnotizen häppchenweise über drei Jahre lang - mit 343 Jahren Abstand. Von 2. bis 5. September 2009 konnten seine Follower so fast stündlich neue Schreckensmeldungen über den großen Brand von London im Jahr 1666 lesen."

Arno Frank wird man auch damit nicht locken können. Er hat ein leidenschaftliches Plädoyer nicht nur für das gedruckte, sondern gar für das schnöde und überdies ramponierte Taschenbuch verfasst. Entsprechend kann er auch bibliophilem Editionssnobismus (etwa diesem) wenig abgewinnen: "Es ist solcher süßlich-schwärmerischen Blütenstaubzimmerscheiße zu verdanken, dass neuerdings noch der sprödeste literarische Magerquark als 'das schönste deutsche Buch 2012' vermarktet werden kann. ... Nein, die absehbare Zukunft wird auch weiterhin dem demokratischsten aller analogen Datenträger für das Medium 'Schrift' gehören, dem Taschenbuch. Taschenbücher sind nicht Mauerblümchen, sondern die Krönung einer mehr als 500-jährigen Kulturgeschichte. Einfach, weil sie etwas aushalten."

Auch ansonsten steht die Wochenend-taz ganz im Zeichen des Buches: Jürgen Gottschlich trifft in Istanbul den vom Staatsapparat gegängelten Schriftsteller Ragip Zarakolu, den "ausdauerndsten Verfechter gegen die Zensur und für die Meinungsfreiheit in der Türkei" (siehe auch dieses Porträt kürzlich in der FAZ). Michael Rutschky erläutert mit tiefem Blick in die Kulturgeschichte die Rolle des Lesens für die Individuation des bürgerlichen Subjekts. Regiestudentin Laura Lackmann weiß, warum es Literaturverfilmungen so schwer haben. Literaturagentin Barbara Wenner erklärt Martin Reichert im Gespräch unter anderem ihre Arbeits- und Lesetechniken. Waltraud Schwab erkundigt sich beim Psychologen Sascha Schröder, wie Lesenlernen geht. Felix Zimmermann stellt in seiner Liebeserklärung an die Bibliotheken fest: In ihnen begann, "was man heute (...) Surfen nennt". Dirk Knipphals hegt beim freudigen Kofferpacken vor der Abreise nach Frankfurt den Wunsch nach einem "selbstbewussten Leser". Tania Martini (hier) und Dirk Knipphals (hier) empfehlen je 50 Bücher aus ihrem persönlichen Kanon. Außerdem fragt die taz, ob man Bücher wegwerfen darf.

Ohne Bezug zur Buchmesse: Freischreiber Benno Stieber berichtet von finanziellen Engpässen freier Journalisten, die nach der dapd-Insolvenz ausfallende Honorare überbrücken müssen, und rät ihnen zur Gründung von "Hyperlokalblogs, die sich um die vernachlässigten Aufgaben der Regionalblätter kümmern". Stefan Müller plädiert für eine vegane Gastrokritik.

Besprochen werden die Web-Serie "My Gimpy Life" (hier online zu sehen) und Brett Baileys beim Festival Foreign Affairs in Berlin gezeigte Performance "Exhibit B".

Und Tom.
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Welt, 06.10.2012

Ulf Poschardt hat eine Idee, wie man die Wohnungsnot in Berlin beheben könnte: Macht die Schrebergärten platt! "Wie Favelas der unteren Mittelschicht nagen sie an dem Strukturteppich der Stadt und verblüffen selbst von oben mit einer Scheußlichkeit, die nicht einmal bei der Obstblüte im Frühling oder strahlendem Sonnenschein im Juli relativiert wird."

Weiteres: Matthias Heine findet den Streit um "Tim und Struppi" in Schweden "etwas anachronistisch", schließlich sei Hergé der erste gewesen, der seine frühen Comics rassistisch fand. Ein kurzer Artikel mit vielen Fotos würdigt die Richter-Welt. Manuel Brug bittet die Sopranistin Simone Kermes zu Tisch. Der Regisseur Walter Salles, der Jack Kerouacs "On the Road" verfilmt hat, spricht im Interview über die Bedeutung des Buchs heute. Besprochen wird Necla Keleks Buch "Hurriya heißt Freiheit" über die Arabellion.

Eine Literarische Welt gibt es heute nicht - jedenfalls nicht im e-paper.

Weitere Medien, 06.10.2012

In der FR schäumt Arno Widmann über vor Wut auf die in Berlin groß beworbene Ausstellung "Russen und Deutsche" im Neuen Museum, deren Defizite er lange auflistet: Kaum etwas erfährt man über den Hitler-Stalin-Pakt, die Revolution von 1917 spielt "keine Rolle" und die Gründung der DDR wird einfach unterschlagen: "Diese Ausstellung ist ein Anschlag auf die Intelligenz der Besucher. Sie ist der russisch-deutsche Versuch, uns eine rosarote Brille aufzusetzen, uns weißzumachen, die Verbrechen, die wir einander angetan und die wir zusammen anderen angetan haben, wären nichts im Vergleich zu ein paar Handelsverträgen, zur Bildersammlung Katharina II. (...) Diese Ausstellung gehört eingemottet."

SZ, 06.10.2012

Auch Jens Bisky ist entsetzt über die große Ausstellung "Russen und Deutsche" im Neuen Museum in Berlin: "Diese opulente kulturgeschichtliche Inszenierung (ist) ein Ärgernis. Sie setzt aufs Staunen statt auf Erkenntnis ... Ein Rundgang für kulinarische Geschichtsgenießer. Entpolitisiert, zusammenhanglos, kulturgeschichtlich weich gespült. Das soll der Völkerverständigung dienen?"

Auf der Meinungsseite sieht Thomas Steinfeld im Vorfeld der Buchmesse einen bibliophilen Frühling für das Buch als Gegenstand heraufdämmern: "Es wird nicht verschwinden, sondern zum Gegenstand einer Diversifikation werden, auf deren einer Seite der für das Internet produzierte und nur auf besonderen Bedarf hin ausgedruckte Text steht, auf deren anderer Seite sich aber das in Leinen gebundene, in Baskerville Book gesetzte und auf gutem, holzfreiem Papier gedruckte Buch befinden wird."

Weitere Artikel: Im Aufmacher porträtiert Tobias Kniebe den Schriftsteller Don Winslow, dessen Roman "Savages" Oliver Stone gerade fürs Kino adaptiert hat. Alexis Waltz spricht mit DJ-Star Ricardo Villalobos, den es tröstet, "dass es Menschen gibt, die sich auf die Volksmusik besinnen". Reinhard J. Brembeck ist nach dem von David Afkham dirigierten Konzert in der Münchner Philharmonie zwar zwiegespalten, spendet aber "gleichwohl großen Beifall".

Auf der Medienseite empfiehlt Anne Philippi die neue HBO-Serie "Girls", die ab Mittwoch auf dem Sender Glitz läuft und die "die 'Sex and the City'-Manolo-Blahnik-Welt fürs erste erledigt". Mitunter wird darin auch unwissentlich Crack geraucht:



Besprochen werden der Film "Abraham Lincoln Vampirjäger", Alize Zandwijks Inszenierung von Dea Lohers "Das Leben auf der Praca Roosevelt" am Theater Bremen, die Ausstellung "Welt der Kelten" im Kunstgebäude Stuttgart, und die nach 100 Jahren endlich freigegebene Autobiografie von Mark Twain (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Vom Urologenbericht bis zur Pornopoesie: Zur Buchmesse listen die SZ-Literaturkritiker in der SZ am Wochenende auf, auf welche literarische Kost sie in Zukunft gerne verzichten würden. Außerdem spricht Johannes Willms mit dem Buchpreiskandidaten Ernst Augustin.

FAZ, 06.10.2012

Die FAZ wartet heute mit ihrer großen Buchmessenbeilage auf: 36 Seiten zu Literatur und Sachbuch. Aufmacher ist Andreas Platthaus' Kritik von Ursula Krechels Roman "Landgericht", der einer der Favoriten für den Deutschen Buchpreis ist (und heute gleichzeitig in NZZ und FR besprochen wird). Der Roman erzählt die Geschichte eines heimgekehrten Emigranten: "Ein kleines Schicksal im unendlichen Leid. Geschildert in einem großen Buch, gescheitert an einem großen Unrecht", schreibt Platthaus.

Das Feuilleton bringt einige Hintergrundartikel zum Geschehen am Buchmarkt. Sandra Kegel erkundet den Einfluss des Ebooks auf de Gestaltung der verbleibenden Papierbücher. Jürgen Kaube beklagt das langsame Vorankommen großer Werkausgaben. Andreas Platthaus freut sich über den Erfolg von Klassikerübersetzungen. Und Lena Bopp kritisiert, das heute noch auf jedes Buch das Etikett "Roman" geklebt wird, damit es Chancen in den einschlägigen Verwertungsketten hat.

Außerdem isst Jürgen Dollase in Christian Constants Pariser Café (mehr hier), wo man nicht reservierenkann. Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit Eva Mattes über ihre Rolle als "Tatort"-Kommissarin. Auf der letzten Seite unterhält sich Katrin Hummel mit einem Paar über seinen Kinderwunsch. Auf Seite 1 des politischen Teils schreibt Edo Reents über die Rolle von Rappern in der "Arabellion".

In Bilder und Zeiten befasst sich der Historiker Jost Dülffer mit der Rolle des Geheimdienstoffiziers Adolf Wicht in der Spiegel-Affäre. Der Schriftsteller Eugen Ruge schickt Impressionen von der Kurischen Nehrung. Andreas Platthaus liest Robert Crumbs Notizbücher. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's unter anderem um Brahms' und Bergs Violinkonzert mit Renaud Capuçon und um die experimentelle Band The Flaming Lips. Auf der letzten Seite unterhält sich Marco Schmidt mit Salma Hayek, die findet, Hollywood habe sich in den zwanzig Jahren doch entwickelt, was Rollen für Latinas angeht: "Als ich damals nach Los Angeles kam, durfte ich bestenfalls die Frau eines Drogendealers dastellen, ein oder zwei Dialogsätze sagen und dazu noch ein bisschen heulen. Heute hingegen darf ich in Oliver Stones neuem Film 'Savages' selbst den Boss des Drogenkartells verkörpern und einen Haufen gewalttätiger Macho-Monster herumkommandieren."

Besprochen werden eine große Vermeer-Ausstellung in Rom, eine Ausstellung des Architekturfotografen Karl Hugo Schmölz in Bonn, Falk Richters Stück "My Secret Garden" in Karlsruhe und Konzerte des Usedom Festivals.

In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Braun ein Gedicht von Elisabeth Borchers vor - "Die Kammer des toten Brecht:

Die letzten Zeitungen
(FAZ und Neues Deutschland)
vom achten August
liegen vergilbt
auf dem Tisch (...)"