Heute in den Feuilletons

Von bürgerlichen Medien empfohlen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2012. Heftig herumgedruckst wird bei der Berichterstattung über den Eklat bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises: Eigentlich missgönnt SZ-Redakteur Hans Leyendecker den Kollegen von der Bild den Preis gar nicht, schreibt die Bild. Und die SZ zitiert lieber eine Stellungnahme des Netzwerks Recherche - als wäre das nicht Leyendeckers Club. Die taz findet trotzdem: Die SZ-Kollegen sind Helden. Die FAZ ist empört über eine Aktion anonymer Hacker, die die Adressen von Unterzeichnern der Aktion "Wir sind die Urheber" veröffentlichen und mit weiteren Aktionen drohen.

TAZ, 14.05.2012

Auf der Meinungsseite glorifiziert Felix Dachsel die SZ-Redakteure, die den Nannen-Preis ablehnten, weil auch Bild-Journalisten ausgezeichnet wurden: "Drei Helden hatte der Abend. Jene Redakteure der Süddeutschen Zeitung, die eine Auszeichnung in der Kategorie 'Investigation' ablehnten - aus Protest gegen die Bild. Sie haben bewiesen, was vielen Journalisten im Umgang mit Deutschlands größtem Boulevardblatt fehlt: Courage." Kein Wort zum engen Schulterschluss von Bild, FAZ/FAS und SZ bei der fröhlichen Hatz auf Wulff.

Im Kulturteil sieht der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch bestimmte technische Probleme, die uns heute plagen, schon in der Antike behandelt: "Speziell ein Konflikt zwischen Stadt und Erdumwelt, der diese Erzählungen prägt, scheint heute erneut aufzutauchen - was insofern logisch ist, als wir, allen neuen Binnenkämpfen zum Trotz, deutlich in Zeiten einer globalen Polisgründung leben." Auf der Medienseite berichtet Rene Martens von einem Prozess Martin Walsers gegen den Autor Carl Wiemer, der klären soll, "wie deutlich man beim Thema Walser und die Juden werden darf".

Besprochen werden eine Sammlung von Single-B-Seiten und Bonustracks der Pet Shop Boys, Katie Mitchells Adaption von W. G. Sebalds Reiseerzählung "Die Ringe des Saturn" für die Bühne am Theater Köln und ein basisdemokratisches Massenpalaver der israelischen Künstlerin Yael Bartana im Rahmen der Berlin-Biennale.

Und Tom.

Welt, 14.05.2012

Der amerikanische Anarchist David Graeber erzählt in seinem Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" die Menschheitsgeschichte als Geschichte von Schuldnern und Gläubigern, und Konstantin Richter wundert sich: "Vor ein paar Jahren noch wäre so etwas allenfalls in linken Studentenläden und Antifa-Cafés verkauft worden. Jetzt liegt es in den Buchkaufhäusern auf den Tischen und wird von bürgerlichen Medien empfohlen".

Weitere Artikel: Andrea Backhaus erinnert Herlinde Koelbls Ausstellung "Kleider machen Leute" im Dresdner Hygienemuseum an August Sanders epochale Dokumentarporträts. Und Jan Küveler schreibt einen Nachruf auf das "Faktotum des deutschen Films wie der deutschen Kriminalgeschichte" Günther Kaufmann.
Stichwörter: David Graeber

FR/Berliner, 14.05.2012

Ulrike Simon hat nicht ganz verstanden, warum SZ-Redakteur Hans Leyendecker am Freitag abend den Henri-Nannen-Preis ablehnte, mit dem er neben zwei Bild-Reportern für die Berichterstattung über Christian Wulff ausgezeichnet werden sollte: "Als Leyendecker endlich an der Reihe war, zitierte er aus der Bibel nach Matthäus: 'Eure Rede sei ja, ja, nein, nein' und kritisierte damit die Unentschiedenheit der Jury. Er sprach von 'Kulturbruch', dass die Entscheidung, den Preis nicht anzunehmen, aber nicht gegen die Bild-Kollegen gerichtet sei. Verquast und umständlich gelang ihm nicht zu sagen: Einen Preis, den die Bild-Zeitung bekommt, wollen wir nicht."

Außerdem: Nikolaus Bernau stellt das Architekturbüro GMP vor, dass den Berliner Großflughafen mitentworfen hat. Besprochen werden die Inszenierung von Botho Strauß' "Groß und Klein" mit Cate Blanchett bei den Wiener Festwochen und einige lokale Ereignisse.
Anzeige

NZZ, 14.05.2012

Der amerikanische Politologe Mark Lilla berichtet von einer enttäuschten "Liebesaffäre der heutigen Welt mit der Demokratie" und beklagt die allgemeine Unfähigkeit des Westens, sich eine andere Staatsform als auch nur vorzustellen: "Wir scheinen immer weniger befähigt, die Nicht-Demokratie zu denken, in der Millionen von Menschen auf diesem Planeten leben und auf absehbare Zeit leben werden. Unsere Politik-Philosophen wissen über die Theorie und Praxis der Demokratie tiefsinnige und wunderbare Dinge zu sagen - aber rein gar nichts über das reale politische Leben jener Menschen. Mit anderen Worten: Wir haben keinen Plan B."

Besprochen werden eine Ausstellung mit amerikanischen Impressionisten im Palazzo Strozzi in Florenz und Andrea Moses' Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" in Stuttgart.

Weitere Medien, 14.05.2012

Erstaunlich spitzfingrig fasst die Bild-Zeitung den Eklat bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises zusammen, den der SZ-Redakteur Hans Leyendecker nicht entgegen nehmen wollte, weil er gleichzeitig an Kollegen der Bild ging. Die Bild betont in ihrem Artikel nur: "Allerdings wollten er und seine Kollegen den Preis nicht gemeinsam mit den Bild-Journalisten annehmen. Leyendecker wies ausdrücklich darauf hin, dass sich dies nicht gegen die Bild-Kollegen richte." (Ist das nicht um so erstaunlicher, als seinerzeit der Wortlaut des berühmten Anrufs von Christian Wulff bei Bild-Redakteur Kai Dieckmann zuerst in der SZ und der ebenfalls irgendwie gefütterten FAZ veröffentlicht wurde?)

SZ, 14.05.2012

Die SZ findet in einem Bericht über den Eklat beim Henri-Nannen-Preis offenbar, dass sie selbst, nicht aber die Bild den Henri-Nannen-Preis verdient - und zitiert das Netzwerk Recherche, dessen starke Figur ja der SZ-Redakteur und Urheber des Eklats Hans Leyendecker ist: "Investigativ arbeiten bedeute nicht, eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren, sondern ein 'gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren...'."

Weitere Artikel: Peter Laudenbach kann beim Blick in die gegenwärtige Berliner Kulturpolitik den "Eindruck einer Konfusion" nicht mehr von der Hand weisen. Der Gräzist Joannis Zelepos leitet das griechische Politikdefizit aus historisch gewachsenen politischen und kulturellen Rahmenbedingungen ab. Ein tristes Bild von Ungarn und der Ukraine zeichneten die Vorträge auf der Frühjahrstagung der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung", berichtet Volker Breidecker. Tim Neshitov denkt beim Fußballturnier der Autorennationalmannschaften in Berlin an einen Monty-Python-Sketch. Niklas Hofmann meldet die Ergebnisse einer Studie, derzufolge anonyme Netzkommunikation nicht notwendig eine Verwahrlosung der Diskussionskultur nach sich ziehe. Thomas Steinfeld erinnert an August Strindberg, der vor hundert Jahren gestorben ist.

Besprochen werden neue DVDs, Kathrin Rögglas Stück "Kinderkriegen" am Cuvilliéstheater in München, dem es Christopher Schmidt zufolge an Biss mangelte, die Aufführung von Both Strauß' "Groß und klein" bei den Wiener Festwochen, nach der Helmut Schödel gerne in den Jubel für Cate Blanchett miteinstieg, und Bücher, darunter eine Essaysammlung von Norbert Miller, der heute seinen 75. Geburtstag begeht (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 14.05.2012

Anonyme Hacker haben Telefonnummern und Post- und E-Mail-Adressen von Unterzeichnern der Aktion "Wir sind die Urheber" veröffentlicht und drohen den inzwischen 6.000 Unterzeichnern mit weiteren Aktionen, berichtet Michael Hanfeld. Der Literaturagent Matthias Landwehr, der die Aktion lancierte, betont, das nicht die eigene Seite gehackt worden sei - über die veröfffentlichten Daten verfüge man meist selbst nicht. Hanfeld kommentiert: "Dass diese Daten aber nicht allein aus öffentlichen, leicht zugänglichen Quellen stammen, sondern das Ergebnis von Recherche und Aushorchung sind, kann man schon an dem Beispiel des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff sehen. Auch er, der aufgrund seiner Arbeit besonderen Wert darauf legen muss, nicht für jedermann identifizierbar zu sein, wird von der Anonymous-Gruppe, die diese Datei angelegt hat, als Zielperson aufgeführt."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier wundert sich doch sehr, dass Google seine Suchergebnisse nach einem Gutachten , das der Konzern in Auftrag gab, als Ausdruck freier Meinungsäußerung betrachtet wissen will - so wolle man Angreifer abwehren, die Google vorwerfen, die Ergebnisse im Konzerninteresse zu manipulieren. Niklas Maak stattet dem greisen Künstler Pierre Soulages in Paris einen Besuch ab. Dirk Schümer schildert den Fall eines griechischen Inselbürgermeisters, der die Korruption auf seiner Insel (Blindenrenten für Sehende) abschaffte und seitdem von der Bevölkerung mit Hass verfolgt wird. Sandra Kegel lauschte einem deutsch-ungarischen Autorentreffen in Schwäbisch Hall. Gemeldet wird, dass der PEN-Club bei seiner Mitgliederversammlung im thüringischen Rudolstadt Günter Grass trotz seines antiisraelischen "Gedichts" die Ehrenpräsidentschaft nicht aberkennen und sich auch sonst nicht zu dem Text äußern will.

Besprochen werden die Ausstellung "A House Full of Music" über die Verbindung von Kunst und Musik auf der Mathildenhöhe in Darmstadt sowie eine Aufführung von Botho Strauß' "Groß und Klein" mit Cate Blanchett in Wien.