Heute in den Feuilletons

Viel mit der Hand abgeschrieben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2012. Die taz kritisiert die Bild: Denn die macht keinen soliden Journalismus, wie er zum Beispiel von Elke Heidenreich verkörpert wird. Jörg Lau kritisiert in seinem Zeit-Blog die taz und erinnert sie daran: Auch wer provoziert, ist nicht selbst schuld, wenn er am Ende dafür umgebracht wird. Die FR ist traurig über die Gentrifizierung Hamburgs. Und Sibylle Lewitscharoff plädiert in der FAZ fürs Urheberrecht.

TAZ, 15.05.2012

Elke Heidenreich wünscht sich im Interview, dass der Henri-Nannen-Preis künftig nach Qualität vergeben wird, gern auch mal an Frauen, aber nicht an die Bild: "Das ist, selbst wenn die beiden Preisträger gut recherchierende Journalisten sein mögen, nicht die Art Zeitung, die für soliden Journalismus steht."

Außerdem: David Denk ist froh über die Kritik am Nannen-Preis für Bild, die zeigt: "Die Gräben sind immer noch da und sie sind immer noch tief. Gut so." Rudolf Walther ist froh, dass das "Philosophische Quartett" mit seinen "neoliberalen Blasen" beerdigt wird. Aram Lintzel fragt sich angesichts der Berlin Biennale, warum ausgerechnet Kunst politisch sein soll: "Wäre es heute nicht viel dringlicher, die Politik selbst zu politisieren?" Klaus Englert besucht das neue, von Delugan Meissl gebaute Filmmuseum in Amsterdam. Christiane Rösinger macht auf ihrer Reise zum Eurovision Song Contest in Baku Halt in Brno und Istanbul.

Besprochen werden Martin Crimps Inszenierung von Botho Strauß' "Groß und klein" bei den Wiener Festwochen (Uwe Mattheis ist so damit beschäftigt, den Rummel um Hauptdarstellerin Cate Blanchett zu kritisieren, dass er die Aufführung fast vergisst), die Ausstellung von Hans-Peter Feldmann in der Londoner Serpentine Gallery, Jesse Peretz' Film "Our Idiot Brother" und das Computerspiel "Diablo 3".

Und Tom.

NZZ, 15.05.2012

Joachim Güntner berichtet von der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Schwäbisch Hall, wo über die Entwicklungen in Ungarn und der Ukraine diskutiert wurde. Es vermittelte sich das erwartet düstere Bild, doch Anlass zur Hoffnung geben die Schriftsteller, die allen Widerständen zum Trotz in ihren Ländern die Stellung halten, wie etwa die Ukrainierin Oksana Sabuschko: "Sabuschko, eine einflussreiche Schriftstellerin, hatte sogar das Format, ein Angebot, in die Politik zu gehen, abzulehnen. Zu widerlich war ihr die als Köder hingeworfene Aussicht, sie könne als Parlamentarierin ihr Ansehen nutzen, um gemeinsam mit den Machthabern 'das Volk zu programmieren'".

Außerdem gibt es allerlei Besprechungen: von Händels Oper "Ariodante" am Theater Basel, von drei iranischen Filmen auf DVD, darunter Ashgar Farhadis Oscargewinner "Nader und Simin", und von Büchern, darunter Harald Bodenschatz' monumentale Studie "Städtebau für Mussolini" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 15.05.2012

Der schottische Regisseur Kevin MacDonald hat eine Kinodokumentation über Bob Marley gedreht, die zwar "ein bewegtes Heiligenbild im Auftrag der Familie und ihrer Firmen" ist, aber dennoch die Ambivalenzen des Musikers durchscheinen lässt, wie Michael Pilz feststellt: "Je verzweifelter die Bilder ihn vergöttern, bis zum Tanz um seinen goldenen Sarg beim Staatsbegräbnis in Jamaika, umso zweifelhafter wird er als moralische Figur. Kein Popstar wird jemals so zwiespältig, so interessant und großartig wie er gewesen sein."

Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer vergleicht seine Heimatstadt mit Berlin und konstatiert Unterschiede, zum Beispiel: "In Leipzig twittert man nicht, sondern trifft sich auf dem Markt".

Besprochen werden die Aufführung von Händels "Xerxes" an der Komischen Oper und die Aufführung von Kathrin Rögglas Stück "Kinderkriegen" im Münchner Cuvilliés-Theater.
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Aus den Blogs, 15.05.2012

Jörg Lau kritisiert in seinem Zeit-Blog den taz-Kollegen Daniel Bax, der den von einem religiös begründeten Mordaufruf bedrohten iranischen Rapper Shahin Najafi interviewte. Fragen wie: "Schon das Bild, das den Song im Internet illustriert, ist provokant: Es zeigt eine Moscheekuppel, die einer weiblichen Brust gleicht, und darauf ist die Regenbogenfahne der Homosexuellenbewegung gehisst. Was haben Sie sich dabei gedacht?" betrachtet Lau als "Totalausfall" und kommentiert: "Man muss an zum Glück vergangene Zeiten denken, in denen Vergewaltigte sich Hinweise auf zu kurze Röcke gefallen lassen mussten."
Stichwörter: Daniel Bax, Glück, Internet

FR/Berliner, 15.05.2012

Christoph Twickel beklagt die Gentrifizierung Hamburgs, wo die Mieten "in den letzten fünf Jahren um 28 Prozent gestiegen" sind. Die Grünen-Politikerin und Architektin Franziska Eichstädt-Bohlig möchte "Bremsen" gegen Mieterhöhungen im Mietrecht einbauen.

Besprochen werden das Debütalbum des "blutjungen Brooklyner Indie-Pop-Hipsters" Brad Oberhofer ("Beknackt! Aber irgendwie auch interessant", findet Jens Balzer), Stefan Herheims Inszenierung von Händels "Xerxes" an der Komischen Oper in Berlin ("geradezu genial", findet Peter Uehling), ein Konzert der Scorpions mit ihrem 64-jährigen Sänger Klaus Meine, ein Konzert des 73-jährigen Peter Kraus in Frankfurt und Abdellah Taïas Roman "Der Tag des Königs" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 15.05.2012

Sibylle Lewitscharoff plädiert gegen Verteidiger des Internets, die alles "unentgeldlich" (sie schreibt es so) wollen und Autoren gar nicht als originell, sondern nur als "Zwerge auf den Schultern von Riesen" betrachten: "Der Vorwurf kommt von Leuten, die es im Netz unablässig mit einem Meer von Texten zu tun haben und nicht die leiseste Ahnung mehr davon haben, was es bedeutet, aus eigenem Können heraus einen Roman zu verfassen, eine Dichtung zu komponieren, gar etwas zustande zu bringen, was sich an der Qualität berühmter Vorläufer messen lässt." Den Internetnutzern bringt Lewitscharoff zudem authentischere Zivilisationsstufen in Erinnerung: "Meinem Gedächtnis hat das gewiss nicht geschadet. Ich bin mir sogar sicher, dass ich eine gewisse stilistische Sicherheit gewonnen und gleichsam inkorporiert habe, indem ich viel mit der Hand abgeschrieben habe."

Zur selben Thematik greift Michael Hanfeld noch mal die Aufregung um die ins Netz gstellten Postadressen einiger Unterzeichner des Urheber-Aufrufs auf, wogegen Verleger jetzt klagen, und merkt immerhin an, dass die "Aktion im Internet wenig Freunde zu finden" scheint.

Weitere Artikel: Jan Brachmann ist beglückt von Stefan Herheims Inszenierung des "Xerxes" von Händel an der Komischen Oper Berlin ("Auf der Bühne bei Herheim sieht man einen Mann, von einer Frau gesungen, und eine Frau, die sich als Mann verkleidet hat. Sie kopulieren rein vokal.") Gerhard Stadelmaier staunt über die in Wien auftretende argentinische Theatertruppe um die Regisseurin Lola Arias, in der eine Gruppe von Alten den Aufstand ausruft. Dirk Schümer präsentiert den Griechen das Beispiel der Slowaken, die bereit sind, für wenige Euros zu arbeiten. Kerstin Holm freut sich, dass auch unter Putin III. die Proteste in Moskau nicht aufhören wollen und immer fantasievollere Formen annehmen. Auf der Medienseite wird eine Rede der Nachrichtenmoderatorin Marietta Slomka abgedruckt, die einen Preis der Gesellschaft für deutsche Sprache erhalten hat.

Besprochen werden eine Geschichtsausstellung über Liechtenstein ebendort, Kathrin Rögglas Stück "Kinderkriegen" in München, ein Stuttgarter "Wozzeck" und Bücher, darunter Sten Nadolnys neuer Roman "Weitlings Sommerfrische" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 15.05.2012

Die zunehmend chronischen Finanzierungsnöte im deutschen Theaterbetrieb nimmt Reinhard Brembeck mit großer Sorge zur Kenntnis und erkennt darin vor allem auch eine Krise der Legitimität von Hochkultur: "Der Geldmangel zieht, ganz egal was Bürger und Politiker wollen, einen Automatismus der Zerstörung nach sich. Obwohl die Steuereinnahmen in Deutschland steigen, minimiert sich das traditionelle Kulturangebot. Das ist nicht nur eine Folge der Finanzmisere gerade kleinerer Kommunen und ärmerer Regionen, sondern auch des gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes von Theater & Co."

Außerdem: Andrian Kreye spricht mit dem ehemaligen Studentenführer und heutigen Historiker Tom Hayden über die sich in den USA gerade neu formierende Occupy-Bewegung. Schumann klingt unter Claudio Abbados bei den Berliner Philharmonikern geschwungenem Dirigentenstock "schöner als sonst", notiert Wolfgang Schreiber nach einem beglückenden Konzertabend. Burkhard Müller schaut sich den Treibsand im Laufe der Filmgeschichte an, aus der er sich in den jüngsten Jahren still und heimlich verabschiedet hat. Bei der Buchmesse in Turin machte sich auch viel Unmut über deutsche Sparpolitik in der Eurokrise Luft, beobachtet Henning Klüver. Stefan Dornuf berichtet von einer ertragreichen Marbacher Tagung über den Nachlass von Arnold Gehlen. Till Briegleb porträtiert den dänischen Architekt Kim Herforth Nielsen. Lothar Müller staunt Bauklötze über multimediale Hyperlinks in Online-Texte. Michael Stallknecht plaudert mit dem Pianisten Murray Perahia. Thomas Steinfeld schreibt den Nachruf auf den Bassisten Donald "Duck" Dunn - hier sehen wir ihn bei den Blues Brothers mit Sonnenbrille lässig die Saiten zupfen:



Besprochen werden der Actionreißer "Lockout" (ein "krud bombastisches Prison-Break-B-Movie-Spektakel"), Katie Mitchells Aufführung von W.G. Sebalds "Ringe des Saturn" am Schauspiel Köln, wo Vasco Boenisch "das Vorbei schon im Moment des Jetzt" gewahrt, und das Traumtagebuch von Arthur Schnitzler, der heute vor 150 Jahren geboren wurde (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).