Heute in den Feuilletons

Auf Kiezniveau

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2012. In der SZ ist der Museumsmann Hermann Parzinger für Kulturförderung, außer bei neuen Museen und Bibliotheken. Die FAZ berichtet über die Demaskierung des Apple-Kritikers Mike Daisey, der in seinen Berichten über die Arbeitsbedinungen in China geflunkert haben soll. Achgut sucht nach deutschen Namen in den Mailwechseln von Assad und findet einige Philosophen. Die Welt erzählt von der Verhaftung der vietnamesischen Bloggerin Bui Thi Minh Hang.

FR/Berliner, 21.03.2012

Auch Oliver Reese, Intendant des Schauspiels Frankfurt, hat jetzt den "Kulturinfarkt" gelesen und erkennt bei den vier Autoren, die die Hälfte aller Theater und Museen schließen lassen wollen, einen Fall von Abschaffungswahn: "Nur etwa 0,2 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Deutschland entfallen auf Bühnen- und Theaterbetriebe - die Haushalte lassen sich nicht wirksam über Kultureinsparungen sanieren. Gerade in kleineren Städten bilden gewachsene Kulturen die oft einzigen markanten Wiedererkennungselemente. Wenn wir Witten kennen, dann wegen der Kammermusiktage. Oberhausen wegen des Theaters und der Kurzfilmtage, Recklinghausen wegen seiner Ruhrfestspiele. Die Autoren schlagen vor, man solle stattdessen die Laienkultur fördern, sozusagen als theatralen Volkssturm."

Besprochen werden unter anderem Ivana Bodrozics Roman "Hotel Nirgendwo" sowie die beiden neuen Übersetzungen von Sherwood Andersons "Winesburg, Ohio" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 21.03.2012

Joseph Croitoru liest die Kinderzeitschriften Al-Fateh und Al-Zayzafona, die der Hamas, beziehungsweise der Fatah nahe stehen. Besonders die Hamas nutze antisemitische Klischees als "volkserzieherisches Instrument": "So findet sich etwa in einer der jüngsten Ausgaben von Al-Fateh eine Zeichnung, auf der eine überdimensionierte, mit einem Davidstern versehene Schlange den muslimischen Tempelberg verschlingt - so sieht die Hamas die jüdischen Expansionsbestrebungen in Ostjerusalem. Auf einer anderen Illustration erscheinen die Juden als Schädlinge, die die Blätter eines von einem palästinensischen Bauern bewässerten Baums abfressen."

Besprochen werden eine Ausstellung über die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie im Musée Rath in Genf, ein Ausstellung mit Stichen von Giambattista Tiepolo im Max-Museo in Chiasso und Bücher, darunter Kristin Steinsdóttirs Roman "Im Schatten des Vogels", Monografien zu Archäologie in Olympia und Rom und es gibt eine schöne Rezension von Valentin Groebner zu Lothar Müllers Buch "Weiße Magie" über die Epoche des Papiers (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 21.03.2012

Nicola Kuhn stellt nach der Absage des "Guggenheim Labs" wegen fremdenfreindlicher Drohungen Fragen zum Konzept der Veranstaltung: "Waren die urbanen Laboranten nun naiv? Warum scheitert ihre Strategie des Wohlmeinenden so kläglich? Was sagt das Beispiel BMW Guggenheim Lab über die neuen Methoden des Sponsoring aus, was über die veränderten Wege der Kooperationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Kultureinrichtungen?"
Anzeige
Stichwörter: Sponsoring

Aus den Blogs, 21.03.2012

Das seltsame TV-Gespräch zwischen Claus Kleber und Mahmud Achmadinedschad kommentiert Julius Endert auf Carta: "Was Ahmadinedschad aber sagen würde, war doch klar - spätestens nach der erneuten Holocaust-Leugnung wäre ein anderer Zug zwingend gewesen als der diagonale Springerzug auf ein anderes Fragefeld. Bei diesem Thema hätte er ihn stellen müssen. Es hätte vermutlich eines Philosophen bedurft, geschult in der sokratischen Gesprächsführung, der diesen absurden Gesprächsrhythmus hätte durchbrechen können. Ob es gelungen wäre?"

"Nerdy boy, he's so slow. Tuesday, we started Foucault. He's still stuck on the intro. He's a no go." Besser als Gangstarap: Bitches in Bookshops.

Stichwörter: Mahmud Ahmadinedschad

TAZ, 21.03.2012

Eine Woche lang hat Christian Werthschulte den nun auch in Deutschland verfügbaren Streaming-Dienst Spotify gehört und ist gehörig genervt. Von der Werbung, die den Stream unterbricht und von einer Musikauswahl, die die Oligopole der Musikindustrie untermauert: "Bei Spotify stellt sich schnell das Gefühl ein, im Discounter anstatt im gut geführten Plattenladen gelandet zu sein. Unter den Neuerscheinungen befinden sich viele Compilations und Reissues, die aus Deichkind, Kettcar und Bruce Springsteen bestehenden Empfehlungen sind der kleinste gemeinsame Nenner. Damit fällt der Streaming-Dienst aber zugleich hinter die Möglichkeiten des Internets zurück."

Im Interview mit Ingo Arend und Stefan Reinecke spricht der Soziologe Sighard Neckel über die Refeudalisierung der Gesellschaft durch den Finanzkapitalismus: "Der Finanzkapitalismus bringt eine Oberschicht hervor, die wie der frühere Adel jeder gesellschaftlichen Konkurrenz enthoben ist. Dieser moderne Geldadel ist, anders als der bürgerliche Unternehmer, kein Gegner gesellschaftlicher Auseinandersetzungen mehr. Er steht nicht mehr im Konflikt mit anderen Klassen, die an seinem Reichtum teilhaben wollen."

Weiteres: In ihrer Medienkolumne widmet sich Silke Burmester unter anderem dem neuen Geniestreich aus der Magazinschmiede Gruner und Jahr: Menschen in den letzten Berufsjahren soll es ansprechen und ausgerechnet Viva heißen. Besprochen wird Jeff Nichols Film "Take Shelter".

Und Tom.

Welt, 21.03.2012

Marko Martin macht auf das Schicksal der vietnamesischen Bloggerin Bui Thi Minh Hang aufmerksam, die kürzlich verhaftet wurde: "In die Hauptstadt Hanoi verschleppt, verurteilte sie ein 'Volkskomitee' zu zwei Jahren Haft in einem 'Sonderlager', wo sie zusammen mit Aids-kranken Straftäterinnen Zwangsarbeit leisten muss - und zwar ausgerechnet in einer Fabrik zur Herstellung von Nähnadeln. Die Todesfurcht der subversiven Bloggerin, die zuletzt mit einem Sonnenschirm öffentlich gegen die Nachbardiktatur in China protestiert hatte, und ihr aus dem Lager geschmuggeltes Kassiber - all das lässt unser Hirn assoziative Bocksprünge machen, um solcherart Horror zu verarbeiten."

Peinlich findet Elmar Krekeler die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm". Der Film "ist ein Musterbeispiel des sogenannten Franchise-Kinos - eine neue Kulturtechnik zur Verlängerung der Verwertungskette von der Buchhandels- an die Kinokasse. Dass Kehlmann selbst im Film eine Rede auf seine eigentliche Hauptfigur, den Schriftsteller und Kehlmann-Replikanten Leo Richter, hält, macht die Sache nur noch offensichtlicher, dass er nicht müde wird, den Film zu loben, noch peinlicher."

Weiteres: Ein falscher van Gogh wurde nach einer Röntgenuntersuchung nun doch für echt erklärt, meldet Stefan Koldehoff. Im Forum kommentiert Bernard-Henri Levy die Mordserie in Toulouse. Besprochen wird eine Ausstellung über das Nachleben Friedrichs II. im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Aus den Blogs, 21.03.2012

Im jüngst online gestellte E-Mail-Wechsel des syrischen Präsidenten Assad tauchen ein paar interessante Namen auf, meldet Dirk Maxeiner auf Achgut. So nennt die Medienberaterin des Präsidenten, Sheherazad Jaafari, auch deutsche Persönlichkeiten als mögliche Multiplikatoren, zum Beispiel "Dr Tudenhufer ('the German thinker')" oder auch "Peter Scholl Latour who is concidered a German and French philosopher".

FAZ, 21.03.2012

Frank Kelleter, Professor für Amerikanistik in Göttingen, erzählt, wie der Theater-Autor - und -Performer Mike Daisey in der amerikanischen Sendung "This American Life" demaskiert wurde. Sein Stück handelte von den Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken, wo Apple fertigen lässt - und es hat sich herausgestellt, dass er keineswegs alles, was er in der ersten Person berichtet, selbst erlebt hat. In einem Gespräch mit der Sendung "This American Life", die auch seine Performance ausgestrahlt hatte, gab er es nun zu: "In prompten Reaktionen auf die Sendung bricht sich massenhaft Erleichterung Bahn, dass man nach Daiseys Entlarvung wieder guten Gewissens mit Apple-Gadgets spielen darf." (Auch Le Monde berichtet heute über das Thema.)

Weitere Artikel: Marcus Jauer kommentiert die Absage des "Guggenheim Labs", das sich mit der Zukunft Berlins befassen sollte und auf einer Brache in Kreuzberg stattfinden sollte: "Da will man immer Großstadt sein und scheitert am Ende doch auf Kiezniveau." Andreas Kilb schreibt zum zehnten Geburtstag der Bundeskulturstiftung (die auch das Perlentaucher-Projekt signandsight.com für drei Jahre stützte). Hans-Christian Rössler meldet, dass die Hebräische Universität von Jerusalem den Einstein-Nachlass in Form von PDF-Dokumenten online stellt. Andreas Rossmann erlebte Roberto Saviano bei der lit.Cologne. Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg die französischen Medienreaktionen auf die Attentate von Toulouse.

Auf der Geisteswissenschaftenseite verteidigt der Historiker Yehuda Bauer Götz Alys Thesen zum Holocaust. Und der Fotohistoriker Hubertus von Amelunxen wendet sich gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf, das dokumentarische Fotos von Beuys-Aktionen als "Umgestaltung" seiner Werke betrachtet und somit der Gnade von Beuys' Nachlassverwaltern ausliefert: "Was bedeutet das Urteil für Fotografien von Skulpturen? Jede Fotografie einer künstlerisch motivierten Bewegung, eines Theaterstücks, einer Oper oder gar Inszenierung der Neuen Musik unterliegt mit diesem Urteil einer präjudizierten Verfehlung. Das ist inakzeptabel."

Besprochen werden die Verfilmung des Jugendromans "Hunger Games", William Friedkins Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" im Theater an der Wien, eine Ausstellung des Fotografen Boris Mikhailow in Berlin und Bücher, darunter ein Band des Fotografen Chris Niedenthal (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 21.03.2012

Die gute Absicht mag Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dem derzeit kontrovers diskutierten "Kulturinfarkt"-Buch von Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Dieter Haselbach ja noch abnehmen, in der Ausführung aber fühlt er sich an "diffuse ideologische Schlachten aus grauer Vorzeit" erinnert und bemängelt eine poröse bis boulevardeske Argumentationsbasis. Bedauerlich findet er das schon deshalb, weil eine Debatte über Kulturförderung an sich nötig sei: Es sei "legitim danach zu fragen, ob immer neue Museen und Bibliotheken gebaut werden müssen, wenn sich die bestehenden selbst kaum mehr tragen können. Staatlich gefördert solle nur noch werden, was 'kulturpolitisch relevant' sei; da zeigen die vier Kulturkenner, welch Geistes Kind sie sind. Nein, staatlich gefördert werden muss, was kulturell wertvoll ist!"

Weitere Artikel: Beim Durchsehen der digitalisierten Jahrgänge der Neuen Zeitung, einer im "Dritten Reich" logistisch und personell an die Frankfurter Zeitung angegliederten Illustrierten, stutzt Volker Breidecker über deren strammen Nazi-Kurs, der auch ein neues Licht auf die Frankfurter Zeitung werfe. Catrin Lorch berichtet, dass Damien Hirst der Zeitschrift Monopol die Abbildung seiner Kunstwerke untersagt hat, nachdem man sich geweigert hatte, einen Artikel im Vorfeld vorzulegen (siehe auch hier). Reinhard Brembeck wirft einen Blick auf Lorin Maazels erste Saison als Chefdirigent an der Münchner Philharmonie. Laura Weissmüller informiert über die Planungen zweier neuer Viertel in Frankfurt am Main. Bernd Graff ächzt anlässlich des gestrigen Google-Doodles zum Äquinoktium über trend- und suchmaschinenoptimierten Nulljournalismus, der mit wenig Aufwand und wenig Inhalt nach schnellen Klicks schielt (mit dieser Meldung, die zum großen Teil eine spärlich umformulierte Übernahme zentraler Passagen des Wikipedia-Artikels zum Thema darstellt und in der Behauptung gipfelt, die Sonne umkreise die Erde, liefert die SZ das beste Beispiel gleich selbst).

Im Medienteil pflichtet Paul-Anton Krüger dem ZDF-Moderator Claus Kleber bei, dass dessen TV-Interview mit Ahmadinedschad (hier in der Mediathek) für ein "Psychogramm" nützlich gewesen sei.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Rezeption von Friedrich dem Großen im Deutschen Historischen Museum in Berlin, ein Konzert des Minimal-Music-Meisters La Monte Young in Berlin, Jeff Nichols' Psychodrama "Take Shelter", in dessen Paranoia-Szenario Martina Knoben eine Analogie auf die Existenzkrise der amerikanischen Mittelschicht erkennt, und Bücher, darunter Arno Camenischs Roman "Ustrinkata" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).