Heute in den Feuilletons

Eine ausgesprochene Journalistenliteratur

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.03.2012. In der FR attackiert Götz Aly mit dem neuen Buch von Henryk Broder in der Hand die Inhaber der akademischen Oberhoheit über die Antisemitismusforschung. Und Christoph Hochhäusler erzählt wie "Kultursubvention" aus der Sicht eines Filmemachers aussieht. Die Welt konstatiert: Mit Madonna wird die Postmoderne historisch. Der Tagesspiegel meldet: Guggenheim kam nicht bis Kreuzberg. Aus Angst vor Autonomen. Die FAZ zitiert aus einem wiederaufgefundenen Artikel Albert Camus' über die Pressefreiheit.

FR/Berliner, 20.03.2012

Götz Aly, selbst Autor von "Warum die Deutschen? Warum die Juden?", bespricht Henryk Broders neues Buch "Vergesst Auschwitz" und kann dessen Einsichten über die Inhaber der akademischen Deutungshoheit nur teilen: "Die arteigene Antisemitismusforschung und Holocaustologie wird weithin von Leuten betrieben, die unlesbare Schwarten absondern, jedoch üppig aus den Steuern von Verkäuferinnen, Polizisten und Fließbandarbeitern bezahlt werden. Sie sprechen immerzu von 'Vorurteilen gegen Jüdinnen und Juden', verfolgen jedoch vor allem das Interesse, den weiteren Fluss von Geld und den Erhalt ihrer Wichtigkeit zu sichern. Henryk M. verdient sein Geld als freier Mann. In seinem Buch lernt man viel über modernen deutschen Antisemitismus."

Im Streit um den Sinn von Kultursubventionen schildert Christoph Hochhäusler die Lage aus der Sicht eines Filmemachers: "Wir haben in Deutschland eine gebührenfinanzierte und milliardenschwere Fernsehbürokratie, die im Zusammenspiel mit hoffnungslos abhängigen Kleinunternehmern Kinofilme produziert. Dazu haben wir eine Filmförderung, die von eben jener Fernsehbürokratie kontrolliert wird, so dass Filme, die man einmal senden möchte, zweimal öffentliches Geld bekommen, aber deshalb noch lange keinen guten TV-Sendeplatz - und ins Kino geht ihretwegen auch niemand."

Welt, 20.03.2012

Michael Pilz schreibt anlässlich ihres neuesten Albums einen Nachruf auf Madonna: "Das Sich-ständig-neu-Erfinden ist zur Selbstverständlichkeit verblasst. Jeder macht es jetzt. Man arbeitet sich ab an Lady Gaga, die auf einem einzigen Album gleichzeitig in alle Rollen schlüpft und dabei auch noch twittert. Sie wird studiert in Seminaren wie Madonna früher. Madonna dagegen ist Weltkulturerbe. Eine historische Figur der Postmoderne, einer Ära, über die man nur noch in Gänsefüßchen spricht."

Außerdem: Eckhard Fuhr lobt Norbert Lammert, der bei der Eröffnungsrede der Bundesversammlung die "frühproletarischen Helden des Märzaufstandes fest an die breite Brust der Berliner Republik" drückte. Damien Hirst hat der Kunstzeitschrift Monopol verboten, seine Bilder abzudrucken, berichtet Kolja Reichert.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Regen" ("La pluie") im Musée du Quai Branly, Nicolas Stemanns Revue "Demografischer Faktor" in Köln und ein Tanzmusikabend von Alain Platel in Madrid.

Tagesspiegel, 20.03.2012

Die New Yorker Guggenheim-Stiftung hat ein in Kreuzberg geplantes "Lab", bei dem über die Zukunft der Städte diskutiert werden sollte, aus Angst vor den Autonomen abgesagt, berichten Jörn Hasselmann und Tanja Buntrock: "Ob das Projekt in Berlin komplett scheitert oder ob ein Standort in Prenzlauer Berg gefunden wird, ist noch unklar."
Anzeige
Stichwörter: Berlin, Zukunft, Autonome

Aus den Blogs, 20.03.2012

Konrad Lischka hat mal nachgerechnet: "Im Jahr 2011 gingen etwa 50 Prozent aller Online- und 8 Prozent aller Werbeumsätze überhaupt weltweit 2011 an Google."
Stichwörter: Konrad Lischka

TAZ, 20.03.2012

Vor zwei Wochen warf der syrische Schriftsteller Rafik Schami prominenten Publizisten vor, auf die Propaganda Assads hereinzufallen. Heute kontert der frühere CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, der den Rebellen Desinformation vorwirft. Bei einer Reise durch Syrien will er auf eine Reihe von Merkwürdigkeiten gestoßen sein: "Kurz darauf wurde in der Nähe von Homs ein Kleinbus mit dreizehn Alawiten von Rebellen gestoppt. Sie wurden einzeln durch Kopfschuss hingerichtet. Nur einer überlebte und konnte den Angriff schildern. Da die Rebellen die getöteten Alawiten sorgfältig gefilmt hatten, konnte man das Massaker am Abend im Fernsehen sehen - aber als Mordtat nicht der Rebellen, sondern der Assad-Truppen."

In der Kultur: Marcus Woeller berichtet von der Ausstellung "Animismus" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die noch einmal prüfen will, ob der Grundantagonimus der Moderne, die Trennung von Kultur und Natur, von Leben und Nichtleben, wirklich eine gute Idee war. In ihrer London-Kolumne ärgert sich Julia Große schwarz über den auftrumpfenden Besuch eines saudischen Prinzen, der sich nachts Museen, Restaurants und Geschäfte öffnen ließ.

Besprochen werden außerdem Julia Holters neues Album "Ekstasis" und David Mamets Drama "Race" am Staatsschauspiel Dresden.

Und Tom.

NZZ, 20.03.2012

Marc Zitzmann berichtet vom Pariser Salon du livre unter anderem, dass der Flammarion Verlag zum Verkauf steht. Marion Löhndorf versucht zu verkraften, dass es die Encyclopaedia Britannica künftig nur noch online geben wird. Mario Schärli besuchte die Derrida-Konferenz in Frankfurt. Auf der Medienseite begrüßt Christophe Büchi die Website "Les observateurs" des Genfer Soziologen Uli Windisch, der ein "liberales" Gegengewicht zum linken Mainstream schaffen will.

Besprochen werden Aufführungen von Arnold Schönbergs "Glücklicher Hand" und Leos Janáceks "Osud" in Stuttgart, eine DVD-Reihe mit Porträts türkischer Literaten, Dieter Richters Buch über "Goethe in Neapel" und Jehoschua Kenaz' Erzählungen "Die Nachmittagsvorstellung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 20.03.2012

Bei seiner Dankesrede für den Alfred-Kerr-Preis denkt Helmut Böttiger über das deutsche Phänomen des Literaturkritikers nach, der sich mittlerweile zum Literaturjournalisten gewandelt hat und dafür vom Betrieb mit Journalistenliteratur bestraft wird: "Gerade, wenn die Konjunktur gut läuft und Programme gefüllt werden müssen, sind landauf, landab die Podien voll besetzt. Die Diskursmaschine wartet nur darauf, angeheizt zu werden. Es gibt eine ausgesprochene Journalistenliteratur, man kann sie schnell verfeuern, sie ruft das bereits vorhandene Wissen und die Debatten-Parameter funktionsgerecht ab. Jeder Kulturveranstalter wird hellhörig, wenn es von einer Autorin heißt: die ist politisch, die kann gut reden. Oder: Dieser Autor hat verstanden, dass wir in der Globalisierung leben. Und immer wieder gut ist: Dieser Autor kennt keine Tabus. Verrisse gibt es dabei eher selten, denn jeder kann jedem nützen, und wenn es welche gibt, werden sie strategisch eingesetzt. Es geht nicht um ästhetische Auseinandersetzungen, sondern um die Positionierung im Literaturbetrieb."

SZ, 20.03.2012

Jürgen Ziemer hat sich bei Musikern und Musikverwertern umgesehen und dabei erkannt, dass sich von Musik allein heute schlechterdings kaum leben lässt, zumal die Verwerter den großen Kuchen, der mittlerweile durch Abmahnungen erwirtschaftet wird, den Künstlern offenbar weitgehend vorenthalten. "Urheber und Verwerter", dämmert es Ziemer spätestens, nachdem er sich "Illegale Fans" von Deichkind (siehe unten) angehört hat, "haben mitnichten die gleichen Interessen und selten verhandeln sie auf Augenhöhe. ... Man lädt herunter und spricht nicht drüber. Nur das mit den Künstlern, die nichts verdienen, das macht vermutlich sogar hartnäckigen Piraten zu schaffen. Diesen Effekt nutzt die Unterhaltungsindustrie aus: Die Künstler sind ihr Schutzschild."



Weitere Artikel: Felix Stephan sieht nach dem Besuch einer Konferenz zum Thema "Animismus" die "westliche Denktradition" womöglich in Gefahr. Bernd Graff fasst die kulturoptimistischen und -pessimistischen Positionen in der Debatte, ob die vernetzte Kommunikation aufmerksamkeitsökonomisch einen Segen oder einen Fluch darstellt, zusammen. Viktoria Großmann besucht den Thomanerchor in Leipzig, der dieser Tage sein 800-jähriges Bestehen feiert. Gottfried Knapp führt durch die Sammlungen des Schmuckmuseums in Pforzheim. Karl Bruckmaier hört sich durch diverse CD-Veröffentlichungen von übriggebliebenen Aufnahmen aus Proberaum-Sessions und empfiehlt am Ende dann die ganz gegenwärtigen afro-futuristischen Sounds auf der Compilation "Shangaan Shake" (Hörproben hier).

Besprochen werden Burkhard C. Kominskis Inszenierung von David Mamets "Race" am Staatsschauspiel Dresden und Bücher, darunter Ralf Bönts Streitschrift wider den Feminismus (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 20.03.2012

Jürg Altwegg zitiert aus einem Artikel Albert Camus" über die Pressefreiheit, den er 1939, nach der Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland, für den Soir républicain in Algier schrieb und der nach dem Verbot erst heute wieder aufgefunden wurde. Le Monde hat ihn veröffentlicht. Ein Absatz daraus: "Ein guter Grundsätze einer Philosophie, die ihres Namens würdig ist, besteht darin, niemals in Klagen über eine Tatsache auszubrechen, die ohnehin nicht mehr zu verrücken ist. Die Frage ist in Frankreich heute nicht mehr, wie die Freiheiten der Presse zu erhalten sind. Sie besteht darin herauszufinden, wie ein Journalist angesichts der Unterdrückung frei bleiben kann. Es ist nicht mehr ein Problem der Gemeinschaft. Es betrifft den Einzelnen."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru berichtet, dass sich Frauen in Ägypten und Tunesien nun das Recht erkämpfen, auch als Fernsehmoderatorin oder Polizistin Kopftuch zu tragen. Edo Reents macht sich Sorgen um das öffentlich-rechtliche Talkshow-Wesen, das nun vorerst mal ohne Gesprächsrunden über Gauck auskommen muss. Regina Mönch liest einen Gesprächsband mit Margot Honecker, aus dem ihr der ganze abgestandene DDR-Mief entgegenschlägt. Auf der Medienseite unterhält sich Daniel Haas mit Kiefer Sutherland, der in seiner neuen Fernsehserie "Touch" den Vater eines behinderten Jungen spielt.

Besprochen werden eine Tizian-Ausstellung in Mailand, eine Ausstellung über Gerhard Polt in München und Bücher, darunter Donald Ray Pollocks Roman "Das Handwerk des Teufels" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).