Heute in den Feuilletons

Die ganze Welt inventarisieren

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe.

NZZ, 04.02.2012

Literatur und Kunst ist Charles Dickens zu dessen zweihundertstem Geburtstag gewidmet. Der Schriftsteller Graham Swift schlüsselt Dickens Londoner Geografie auf: "Den Namen Bleeding Heart Yard etwa, über dem nun wirklich der Ruch des Erfundenen hängt, liest man nicht nur auf den Seiten von 'Little Dorrit', sondern auch - gut versteckt in Holborn auf einem modernen Straßenschild - in der realen Topografie der Stadt. Das im selben Roman vorkommende Schuldgefängnis Marshalsea (wie bizarr heute nur schon der Gedanke an ein Schuldgefängnis anmutet) existiert noch immer, eine Ruine von - das Wort kommt unweigerlich - wahrhaft dickensscher Atmosphäre, die sich etwas südlich der London Bridge befindet."

Außerdem huldigt auch Susanne Ostwald Dickens. Von Hans Ulrich Gumbrecht ist ein Text über politische Nachwirkungen im 20. Jahrhundert zu lesen, der offenbar dem Band "Nach 1945 - Latenz als Ursprung der Gegenwart" entstammt. Der Historiker Georg Kreis plädiert für eine europäische Geschichtsschreibung, die mehr ist als die Summe der Nationalgeschichten.

Im Feuilleton feiert Andrea Köhler die Ausstellung "The Greatest Grid" zum New Yorker Straßennetz, das vor 200 in einem Masterplan entworfen wurde und zum Symbol "amerikanischen Draufgängertums" wurde: "The Grid war der große Gleichmacher. Indem seine Gründerväter, John Rutherford, Gouverneur Morris und Simeon de Witt, der Insel das egalitäre Schema der cartesianischen Geometrie aufzwangen, schienen sie auch so etwas wie eine soziale Symmetrie zu installieren. Was sich indessen durchsetzte, war das Prinzip der größtmöglichen Konkurrenz und Diversität auf kleinstmöglichem Raum."

Weiteres: Marcus Bauer berichtet von einer zunehmenden Unzufriedenheit in Rumänien mit der Regierung. Amin Farzanefar meldet, dass das iranische Filmzentrum "Khaneh Cinema" geschlossen wird. Uwe Justus Wenzel erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Philosophen und Zeitkritiker Ulrich Sonnemann. Besprochen werden eine Ausstellung über den heilige Gallus in der Stiftsbibliothek von St. Gallen, Andreas Maiers Roman "Das Haus" und Christian Loidls Gesammelte Gedichte "(mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR/Berliner, 04.02.2012

Sebastian Moll spricht mit dem Schauspieler und Journalist Mike Daisey, der seine Recherchen über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Apple-Produktionsstätten in China (siehe dazu kürzlich auch hier in der New York Times) in einem Einmann-Stück auf die Theaterbühne bringt: "Die Tatsache, dass wir immer noch darüber sprechen, anstatt endlich auch praktische Konsequenzen zu ziehen, sagt viel darüber, ob wir wirklich glauben, dass diese Arbeiter überhaupt Menschen sind. Ich habe sie getroffen und ich kann ihnen versichern, dass sie so einzigartig und individuell sind, wie jeder andere von uns."

Weitere Artikel: Dirk Pilz schreibt über die Personalnöte am Berliner Maxim-Gorki-Theater und am Leipziger Centraltheater, deren beider Direktorenposten 2013 frühzeitig vakant werden (nebenbei erfährt man, dass die Süddeutsche wegen ihres Artikels vom 19.01. zum selben Thema eine Unterlassungsklage kassiert hat).

Besprochen werden Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Lukas Bärfuss' Stück "Zwanzigtausend Seiten" in Zürich und Stewart O'Nans Roman "Emily, allein" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Welt, 04.02.2012

In der Literarischen Welt wühlen sich Julia Heilmann und Thomas Lindemann durch Elternratgeber, die "alle eines gemeinsam [haben]: Ihre Lektüre macht schlechte Laune. So deprimierend und kulturkonservativ ist das Bild, das die Autoren von unserer Zeit zeichnen." Ausnahmen sind - natürlich keine Deutschen - Tom Hodgkinson und Jesper Juul.

Die deutsche Literatur "kapituliert vor einer Gegenwart, die mittlerweile fantastischer geworden ist als die meisten Romanhandlungen", klagt Thomas von Steinaecker.

Besprochen werden Walter Kappachers Roman "Land der roten Steine", Michael Ondaatjes autobiografischer Roman "Katzentisch", Nicholas Shakespeares Roman "Die Erbschaft", Gerhard Schulz' Novalis-Biografie, Ulrike Draesners Erzählband "Richtig liegen", eine Studie über Berlin im Nationalsozialismus, Sabine Bodes Buch "Nachkriegskinder" und Deborah Dixons Band über den "Mona Lisa Schwindel".

Im Feuilleton plaudert Martin Scorsese über seinen neuen Film "Hugo". Manuel Brug stellt in der Leitglosse den neuen Bad Boy of Ballet vor: Sergej Polunin. Hanns-Georg Rodek bittet Mario Adorf zu Tisch. Besprochen werden eine Ausstellung mit Frühwerken von Baselitz in der Villa Schöningen in Potsdam, Kornel Mundruczos Theaterbearbeitung seines Films "Schöne Tage" in Oberhausen und eine Auff�hrung von Lars Norens "Liebesspiel in Frankfurt.
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TAZ, 04.02.2012

Nazis, Wirtschaftshaie, Ahnungslose: Eigentlich haben wir es mit Christian Wulff ganz gut getroffen, möchte man nach Deniz Yücels launiger Aufrechnung der Verfehlungen von Wulffs Amtsvorgängern meinen. Tim Caspar Boehme lauschte beim CTM-Festival im Berliner Berghain gespenstischer Musik. Waltraud Schwab stellt die Lyrikerin Aldona Gustas vor. Anke Leweke unterhält sich mit den Gebrüdern Dardenne über deren neuen Film "Der Junge mit dem Fahrrad", den sie nur lose in der Nähe von De Sicas Neorealismus-Klassiker "Fahrradiebe" verorten. Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens ist der erstmals ins Deutsche übersetzte Text "Nächtliche Straßenszene in London" abgedruckt.

Besprochen werden das neue Album von Die Türen, die Julian Weber damit als in Berlin angekommen begrüßt, eine Ausstellung in Wien mit frühen Fotografien von Cindy Sherman und Bücher, darunter Raul Zibechis Studie der urbanen Peripherien Lateinamerikas (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Tagesspiegel, 04.02.2012

Im Interview mit Caroline Fetscher spricht Christoph Bartmann über sein Buch "Leben im Büro" und den neuen Managerismus als Herrschaftsform. Opposition zwecklos: "Eine Revolution gegen die neue Bürokratie wäre so sinn- und wirkungsvoll wie eine Revolution gegen Facebook. Aber man kann an Bewegungen wie Occupy sehen, dass man auch gegenüber anonymen Mächten Wut und Empörung artikulieren kann. Die neue Bürokratie, und damit meine ich die Herrschaft des IT-gestützten Managements, hat die Machtverhältnisse im Büro fundamental verschoben. Regiert wird nicht mehr von polternden Chefs, sondern von blinkenden und piepsenden Instrumenten, die angeblich das Arbeitsleben erleichtern."
Stichwörter: Arbeitsleben, Bürokratie

FAZ, 04.02.2012

Bilder und Zeiten stimmen schon auf die am Donnerstag beginnende Berlinale ein. Im Aufmacher huldigt Dietmar Dath dem Ton: "In letzter Zeit bekommt man leider häufig den medienblinden und geschichtsvergessenen Unfug zu hören und zu lesen, erst die 3D-Optik hätte dem Kino die Tiefe erschlossen. In Wirklichkeit wohnt sie längst im Klang, selbst beim Stummfilm."

Bert Rebhandl befasst sich mit dem frühen sowjetischen Kino, dem die Retrospektive "Die rote Traumfabrik" gewidmet ist.

Im Feuilleton kommt der Amerikanist Frank Kelleter dem Erfolg amerikanischer Fernsehserien auf die neoliberale Schliche, vor allem bei den "Mad Men": "Die Versöhnung von Wareneleganz und psychoanalytischer Kulturkritik, in schön anzuschauender Selbstironie. 'The Wire' liefert gewissermaßen die linkspopulistische Variante hierzu."

Weiteres: Nicht selbstbewusst, sondern verdruckst findet Mark Siemons die Reaktionen chinesischer Zeitungen auf Fragen zu ökonomischen und politischen Werten. Jürgen Dollase testet die neue Interregio-Küche bei Robert Stolz im schleswig-holsteinischen Plön. Und Marcus Jauer gibt des Gestrauchelten des Medienbetriebs Tipps für das Comeback: "Das Gefühl, irgendwie weg vom Fenster zu sein, ist noch keine Voraussetzung für ein Comeback."

Besprochen werden eine Ausstellung des zeichnenden Literaten Yüksel Arslan in der Kunsthalle Zürich, Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Lukas Bärfuss' Stück "20 000 Seiten" in der Zürcher Box und Bücher, darunter Michael Ondaatjes Roman "Katzentisch", Stewart O'Nans Roman "Emily, allein" sowie große Hörspieleditionen zu Dürrenmatt und Dickens (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter Härtling ein Gedicht von Max Herrmann-Neiße vor:

"Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!
?"

SZ, 04.02.2012

In der SZ am Wochenende verdreht Jeanne Rubner genervt die Augen über die neuen, engagierten Väter. Rosig sieht die Aufteilung der elterlichen Pflichten unter den Geschlechtern nämlich noch immer nicht aus, wie sie mit vielen Zahlen aus der Sozialforschung belegt. Ihr Fazit: "Die neuen Väter nerven, weil sie eine Selbstverständlichkeit als Heldentat inszenieren und sicherstellen, dass auch jeder weiß, was für moderne Väter sie sind."

Weiteres: Katharina Mütter fliegt mit ihrem Star-Wars-begeisterten Sohn zur Skywalker Ranch in den USA. Silke Bigalke blickt in die Geschichte der Lebensmitteldiscounter in Deutschland. Dorion Weickmann unterhält sich mit Ivan Liska, dem Direktor des Bayerischen Staatsballetts. Außerdem ist Jehoschua Kenaz' Erzählung "Der Mann mit der Tasche" abgedruckt.

Im Feuilleton erklärt Reinhold Brembeck, warum Wagners "Ring" an jeden Regisseur größte Anforderungen stellt: "Der disparate Reichtum an Gestalten und Episoden möchte nicht nur die ganze Welt inventarisieren und umfassen, er stellt den 'Ring' vielmehr als das ultimative Welterklärungsstück hin." Dem zur Seite gestellt ist ein von Egbert Tholl geführtes Gespräch mit Regisseur Andreas Kriegenburg über dessen Arbeit am "Ring".

Weitere Artikel: Robert Huschke plaudert mit Martin Scorsese über dessen neuen Film "Hugo". Matthias Waha berichtet über eine Tagung in Tutzing, die sich mit der Aktualität von Machiavellis Staatsdenken befasste. Sonja Zekri meldet, dass der ägyptische Komiker Adel Imam wegen Verächtlichmachung des Islams in Abwesenheit zu drei Monaten Haft und einer Geldstrafe von 100 Euro verurteilt wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung im Leipziger Schulmuseum über widerständige Straßengangs unter dem NS-Regime und viele Dickens-Neuerscheinungen zum 200. Geburtstag des Autors (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).