Heute in den Feuilletons

Jetzt ist Früher heute

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2012. Vor siebzig Jahren fand die Wannseekonferenz statt. Die Welt interviewt dazu den Historiker Michael Wildt. Die Jüdische Allgemeine hält fest, dass der Holocaust nicht erst dort beschlossen wurde. Wir bringen zwei Videos zum amerikanischen Zensurgesetz SOPA. Unter anderem erklärt Clay Shirky, warum dieses Gesetz eine Katastrophe ist.

Welt, 19.01.2012

Vor siebzig Jahren fand die Wannseekonferenz statt. Morgen wird es einen deutsch-israelischen Staatsakt geben, um daran zu erinnern (Christian Wulff hält eine Rede). Sven Felix Kellerhoff unterhält sich im Feuilleton mit dem Historiker Michael Wildt, der beim begleitenden Symposion den Eröffnungsvortrag hält. Die Wannseekonferenz war nicht der einzige Anlass, bei dem der Holocaust beschlossen wurde, sondern Etappe in einem Radikaliserungsprozess, erläutert er und hält fest: "Diese Männer haben überhaupt keine moralischen Skrupel gehabt. Im Gegenteil, sie glaubten sich sogar moralisch im Recht, wenn sie den Massenmord befahlen." Kellerhoff schreibt auch einen Leitartikel zum Jahrestag.

Weitere Artikel: "mh" notiert, dass Jean-Luc Godard die Anfangsszenen seines letzten Film "Film socialisme" auf dem jetzt havarierten Touristendampfer gedreht hat: "In 'Weekend' und 'Le mepris' verwendete er viel Energie darauf, Autounfälle zu inszenieren. Diesmal vollendet die Dummheit eines Kapitäns, was er nur andeutet." Lucas Wiegelmann kritisiert die Griechen, die aus Geldnot die Akropolis an Werbefilmer vermieten wollen. Mateo Kries vom Vitra Designmuseum macht einen Vorschlag für das "ideale Museum für Gebrauchskunst". Und Manuel Brug unterhält sich mit den Stuttgarter Opernchefs Jossi Wieler und Sergio Morabito über ihr ungewöhnliches Konzept für einen Repertoirebetrieb (sie inszenieren alles selbst).

Besprochen werden die Filme der Woche, darunter Alexander Sokurows "Faust".

Im politischen Teil erzählt Wolf Lepenies von einem die notorische Ausstellung über "Kunst der Aufklärung" begleitenden Kongress zu Philosophie der Aufklärung in Peking, an dem er aus persönlichen Gründen im letzten Moment nicht teilnehmen konnte, nachdem er schon einen Vortrag eingereicht hatte. Hilflos musste dann konstatieren, dass sich chinesische Philosophen über Aufklärung mokierten und dass der Philosoph Gan Yang gar forderte, das sich die Chinesen in eienr dritten Aufklärung "vom Aberglauben der westlichen Aufklärung" befreien sollen.

TAZ, 19.01.2012

Cristina Nord unterhält sich mit dem letztjährigen Venedig-Gewinner Alexander Sokurow über seinen Siegerfilm "Faust", der darin erklärt, dass er Faust als Figur begreife, die über allen Nationen steht, und es vorstellbar findet, dass "einer von den deutschen Avantgardisten 'Faust? in China ansiedelt". Hier ihre Kurzbesprechung. Esther Slevogt berichtet über die massiven Proteste der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft gegen die Inszenierung "Golgota Picnic" des argentinischen Regisseurs Rodrigo Garcia, mit der dieser Gast bei den Lessing-Tagen im Thalia-Theater Hamburg ist; das Stück sei als radikal zeitgenössische Version der Ringparabel aus Lessings "Nathan, der Weise", zu lesen.

Besprochen werden die Ausstellung "I love Aldi" im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum über die Faszination der Discounterästhetik, Nuri Bilge Ceylans "epistemologisches? Roadmovie "Once Upon a Time in Anatolia?, das für Rezensent Simon Rothöhler "in kein Schema passt und nie zur Parabel vereindeutigt wird", Helene Cattets und Bruno Forzanis ästhetisch wie inhaltlich sperriger, trotzdem großartiger Film "Amer? und die DVD des Regiedebüts "Arrietty - Die wundersame Welt der Borger? von Hiromasa Yonebayashi, ein Anime nach Motiven der britischen Kinderbuchklassiker von Mary Norton.

Und Tom.

NZZ, 19.01.2012

Bettina Spoerri blickt auf die Solothurner Filmtage, die heute erstmals unter der neuen Direktorin Seraina Rohrer eröffnen. Thomas Schacher schreibt den Nachruf auf den Cembalisten Gustav Leonhardt. Besprochen werden die Cartier-Bresson-Ausstellung "Geometrie des Augenblicks" im Kunstmuseum Wolfsburg, Andreas Dresens Film über das Sterben "Halt auf freier Strecke", der Film "Intouchables der Pariser Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano sowie Clayton Eshlemans Gedichte "Die Friedhöfe des Paradieses" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).
Anzeige

Weitere Medien, 19.01.2012

Vor siebzig Jahren fand in Berlin die Wannseekonferenz statt. In der Jüdischen Allgemeine stellt die Historikerin Bettina Stangneth klar, dass hier nicht die "Endlösung" beschlossen wurde: "Die Ministerialbeamten, Offiziere und SS-Generäle, die Heydrichs Einladung zur 'Besprechung mit anschließendem Frühstück' gefolgt waren, wussten längst, dass die Zeit der Vertreibung vorbei war. Deportation Jetzt erschossen Einsatzkommandos in Russland Zehntausende, im Herbst hatten die Deportationen begonnen, und im Osten baute man nicht nur riesige Lager, sondern experimentierte mit Gas. Das Ziel hieß Judenvernichtung. Worum es vor 70 Jahren im Gästehaus der SD ging, war also eine Machtdemonstration."

Außerdem ist die Rede zu lesen, in der György Konrad aus diesem Anlass an den Holocaust in Ungarn und die Deportation seiner Eltern erinnert: "Dem ersten Judengesetz folgte das zweite, das dritte, und dann prasselte in rasender Geschwindigkeit Verordnung auf Verordnung hernieder, wurde der Rückstand zum deutschen Vorbild wettgemacht."

Aus den Blogs, 19.01.2012

Hier erklärt der Journalismusprofessor und Internetvisionär Clay Shirky, warum das amerikanische Copyright-Gesetz SOPA eine Katastrophe ist:



(Via BoingBoing) Ein Erklärungsvideo zu SOPA stellt die auf Bildungsvideos spezialisierte Khan Academy (Website) bereit:


Stichwörter: Copyright, Clay Shirky

SZ, 19.01.2012

Bloß nicht Florian Vogel, ächzen Till Briegleb und Peter Laudenbach unisono bezüglich der Neubesetzung des vakanten Intendantenpostens am Maxim Gorki Theater in Berlin, denn dessen Qualifikation für diese Stelle bestehe, laut den beiden Theaterkritikern, "nur auf dem Papier" (sehr erwärmen können sich die beiden immerhin für Sebastian Hartmann, Herbert Fritsch und Adriana Altaras, die ebenfalls für den Posten im Gespräch sind). Burkhard Müller beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Mormonen, der "amerikanischsten aller Amerikaner", denen auch Mitt Romney, derzeit erfolgreichster Anwärter auf den Posten des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, angehört und warum man ihnen in den USA mit Misstrauen begegnet. Bernd Graff bringt einige Hintergründe zum Protest gegen die beiden US-Gesetzesvorhaben SOPA und PIPA, deretwegen gestern etwa die US-amerikanische Wikipedia demonstrativ schwarz trug (mehr dazu etwa hier). Jörg Häntzschel unterhält sich mit Clint Eastwood über dessen neuen Film "J. Edgar", den Susan Vahabzadeh bespricht. Dieselbe gratuliert Filmregisseur Richard Lester zum 80. Geburtstag. Reinhard Brembeck schreibt den umfangreichen Nachruf auf den Cembalisten Gustav Leonhardt.

Aus der Bach-Kantate "Nach Dir Herr verlanget mich":



Besprochen werden der neue Muppets-Film, eine Ausstellung mit Arbeiten von Susan Hiller im Kunsthaus Nürnberg, Roger Vontobels laut Till Briegleb "überraschend biedere" Inszenierung von "Der zerbrochne Krug" am Staatsschauspiel Dresden und Bücher, darunter Peter Trawnys Essay über "Medium und Revolution" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 19.01.2012

Selbst die Bild ist mittlerweile zum Tagesgeschäft zurückgekehrt, doch die FAZ bleibt hartnäckig: Gerade die moralischen Aufgaben, die das Amt des Bundespräsidenten seinem Inhaber aufbürdet, wird Christian Wulff in Zukunft kaum mehr erfüllen können, "ohne dass sich die Finger sofort auf ihn richten", befürchtet Ex-Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm, weshalb er Wulff ganzseitig zur Einsicht rät, "dass ein zeitiger Rücktritt dem Verbleib in einem halbierten Amt vorzuziehen ist, im eigenen Interesse und im Interesse des Ganzen."

Swantje Karich trifft sich mit Artur Zmijewski, dem umstrittenen Kurator der kommenden Berlin Biennale, auf einen Kaffee und hört dabei von vielen guten Absichten, traut ihm am Ende aber doch nicht recht. Dazu passend porträtiert Kerstin Holm die russischen Kunstaktivisten Voina, die Zmijewski als Co-Kuratoren ins Team geholt hat und von denen man erfährt, "dass sie prinzipiell kein Geld in die Hand nehmen", von Ladendiebstahl und Unterstützungen von Banksy leben, Polizeiautos in Brand setzen und auch sonst ein abenteuerliches Leben führen.

Weiteres: Rüdiger Suchsland unterhält sich mit dem Regisseur Nuri Bilge Ceylan, dessen neuer Film "Once Upon a Time in Anatolia" diese Woche anläuft. Bert Rebhandl gratuliert der französischen Filmzeitschrift "Trafic", das sich in bislang 80 Heften zum "wichtigsten Organ der sogenannten Cinephilie entwickelt" hat, zum zwanzigjährigen Bestehen. Andrea Diener war dabei, wie sich Blixa Bargeld in der Frankfurter Schirn Beat-Literatur vorlesend betrank. Gerhard R. Koch schreibt den Nachruf auf Gustav Leonhardt, Jürgen Kocka den auf den Soziologen Willfried Spohn.

Besprochen werden Alexander Sokurows "Faust"-Film, neue Schallplatten und Bücher, darunter neue Veröffentlichungen über die arabische Revolution (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 19.01.2012

Im Interview mit Thomas E. Schmidt spricht der russische Regisseur Alexander Sokurow über seinen "Faust"-Film, die Energie des Bösen, die Kräfte der Moderne und die tollen deutschen Schauspieler: "Die Deutschen leben in einem gemeinsamen Europa ohne Grenzen - trotzdem werden deutsche Filme und deutsche Schauspieler in Europa nicht so angenommen. Deutschland ist in der europäische Kulturgemeinschaft zwar da, wird aber wenig geschätzt. Mein Eindruck ist, die deutsche Kultur wird immer enger, unbemerkbarer."

Im Aufmacher bespricht Peter Kümmel Sokurows Film, der ihm sehr alt vorkommt: "Seine Bilder sind so ausgewaschen, als stammten sie aus einer Zeit, da Film noch gar nicht möglich war - unerklärliches Teufelswerk, Filmrollen, die man im Schlamm gefunden und mühsam gereinigt hat."

Weiteres: Ijoma Mangold versucht den Filmproduzenten, Schauspieler und jetzt auch Autobiografen Peter Berling zu fassen zu bekommen. "Jetzt ist Früher heute", kommentiert Hanno Rauterberg den historistischen Wahn in der Architektur. Christiane Grefe und Elisabeth von Thadden interviewen Harald Welzer zu der von ihm initiierten Stiftung Futurzwei. Franziska Bulban und Kilian Trotier fürchten, dass wir selbst dran schuld sind, wenn Google zu einer Suchmaschine wird, die nur noch um unser eigenes Ich kreist.

Besprochen werden eine Retrospektive des Fotografen Andreas Gursky im Kopenhagener Louisiana Museum, Lana Del Reys Debütalbum "Born To Die", Glenn Goulds gesammelte TV-Auftritte auf DVD und Bücher, darunter Marlene Streeruwitz' Roman "Die Schmerzmacherin" und Andreas Maiers "Das Haus" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).