Heute in den Feuilletons

Entbeinte Kostbarkeiten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2012. In Tagen politischer Mediokrität labt man sich an vergangener Größe - zum Beispiel im Film "The Iron Lady", konstatieren FAZ und Welt. Im Interview mit der Paris Review spricht Paul Murray über Alkohol in Irland.  In ihrem Blog besteht Caroline Fourest darauf, laizistisch, aber nicht rechts zu sein. In der taz meint der Soziologe Ali Aka: Im Osten geht die Sonne auf. Die NZZ feiert  A. F. Th. van der Heijden.

Welt, 10.01.2012

London-Korrespondent Thomas Kielinger findet eine Erklärung dafür, dass man sich so gerne einen Film wie "The Iron Lady" anguckt, auch wenn man die politischen Ansichten Thatchers gar nicht teilt: "Unsere Zeit leidet am Mangel politischer Größe, die sich nicht einstellen will inmitten der ökonomischen Malaise... Helden hätte man gerne, Drachentöter, die mit dem Schwert der Rechtschaffenheit den Monstern der Gegenwart entgegentreten und ihnen den Garaus machen. Es ist eine Zeit der Sehnsucht nach Vergangenheit, nach vergangenen Großtaten, nach Figuren, die unserem Bedürfnis nach Erlösung von kraftloser Mittelmäßigkeit entgegenkommen."

Im Interview mit Pinar Abut und Stefan Kirschner erzählt Daniel Kehlmann, dessen Stück "Die Geister in Princeton" heute in Berlin aufgeführt wird, wie schwer es heutzutage ist, sich aufs Schreiben zu konzentrieren: "Manche Autoren benutzen ja schon dieses Programm Freedom, wo man zehn Euro bezahlt und dann kann man eingeben, wie lange man vom Internet getrennt sein möchte."

Weitere Artikel: Hannes Stein liest einen Brief Kerouacs an Marlon Brando, der gerade versteigert wurde, und ist nicht gerade begeistert von dem Geschwätz des Schriftstellers. Manuel Brug schreibt zum Tod von Karajans Lieblingspianisten Alexis Weissenberg und erinnert sich an seinen "glanzlackversiegelten Chopin", aber auch an "kristallin auf ihre Struktur entbeinte Kostbarkeiten von Bach und Haydn".

Hier spielt er Chopin:



Besprochen werden Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" in Bochum und Florian F. Weyhs Thriller "Toggle".

Im politischen Teil denkt Thilo Sarrazin anderthalb Jahre nach dem Sturm um sein Buch im Gespräch mit Andrea Seibel und Henryk Broder über die Medienreaktion nach: "Die Medien funktionieren nach Pawlow'schen Reflexen. Ein Reizwort genügt und alle stürmen in die gleiche Richtung."

Weitere Medien, 10.01.2012

(via Bookslut) Im Interview mit der Paris Review wirft der irische Autor Paul Murray seinen Landsleuten ein etwas frömmlerisches Verhältnis zum Alkohol vor, besonders seit der Finanzkrise: "Dublin has always been a booze-intensive city. But for those ten years it was almost like people were literally afraid to stop partying because - this is obviously very pop psychology - they felt on some level like this was wrong. Just keep fucking doing it, keep the pedal absolutely to the floor, because we know when this stops it?s going to be horrible. Now people are complaining about the relentless austerity measures, but it?s not like Greece, where they are on the streets with petrol bombs. It?s just moaning on the radio and then people sort of roll over. So you wonder if there isn?t some Catholic sense that we deserve this, that we?ve been bad boys."
Stichwörter: Alkohol, Paris, Ten Years

NZZ, 10.01.2012

Im Aufmacher rühmt Roman Bucheli über A. F. Th. van der Heijdens Requiemroman auf seinen Sohn "Tonio", ein Buch voll "stummer, wütender, hadernder Trauer, Scham und Selbstanklagen". Heiko Hantscher besucht das bunte Kulturzentrum "El Mejunje" in der kubanischen Provinzstadt Santa Clara. Martin Meyer verabschiedet den Pianisten Alexis Weissenberg.

Besprochen werden die Ausstellung "The Global Contemporary" im ZKM Karlsruhe und Amit Chaudhuris Roman "Mrs. Sengupta will hoch hinaus" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite wirft Philippe Kropf einen kritischen Blick auf das Modell der Fixer, mit denen Journalisten in Krisengebieten zusammenarbeiten.
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Stichwörter: Sohn, ZKM Karlsruhe

Aus den Blogs, 10.01.2012

Es ist ganz schön schwer, lesbisch zu sein, aber nicht kommunitaristisch, laizistisch, ohne mit Strömungen der extremen Rechten identifiziert zu werden, und gegen Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine, ohne Tariq Ramadan aus den Augen zu verlieren, schreibt Caroline Fourest in einem längeren Blogpost, der einen ganz guten Einblick in die Stimmung in Frankreich gibt. Sie hält folgende Überzeugung fest: "Ich bin gegen die Unklarheit des Begriffs 'Islamophobie' (der die Kritik an der Religion oder am Fundamentalismus mit Rassismus gleichsetzt), aber ich kämpfe auch gegen jede Art des Rassismus gegen Muslime. Und ich werde immer gegen jene kämpfen, die den Begriff der Laizität für fremdenfeindliche Zwecke kapern." Sehr sehenswert ist Fourests ausführliches Fernsehporträt über Marine Le Pen, das auf Youtube online steht.

TAZ, 10.01.2012

Im Interview mit Ingo Arend sieht der türkische Soziologe Ali Akay im Modell der AKP das Konzept der Zukunft, also die Verbindung von Religion und Wirtschaft (offenabr unter Ausschaltung der Politik): "Meiner Ansicht nach sind wir in einer Situation wie im 12. Jahrhundert, das einige Historiker als die Aufklärung des Mittelalters ansehen. Wie damals gehen heute Urbanisierung und Theologie Hand in Hand. Und der Geist des Arabischen Frühlings ist offen für diese Transformation des muslimischen Denkens. Die Dualität von Wirtschaft und Religion ist das große Thema des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, die neue Aufklärung kommt aus dem Osten, aus den muslimischen Staaten. Sie haben Geld, sie mögen Technologie, Luxus, Müßiggang und Religion, die Kunst wird interessant. In Qatar werden zehn neue Museen gebaut. Was dort entsteht, ist ein neues Bagdad."

Weiteres: Bei einer Reise nach Israel lernt Aram Lintzel den Nahost-Konflikt als "Fläche für maßlose Projektionen" zu begreifen, ist sich aber nicht sicher, ob das nun gut oder schlecht ist. Besprochen werden Sayed Kashuas Roman "Zweite Person Singular" und Jaques Tardis Comic-Adaption von Jean-Patrick Manchettes "Im Visier" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

FR/Berliner, 10.01.2012

Kathrin Hartmann hat in Gerhard Klas' Studie "Die Mikrofinanzindustrie" gelesen, dass die vielgelobten Mikrokredite, die in den Entwicklungsländern an Frauen vergeben werden, "kein Akt der Menschlichkeit" sind, "sondern das Konzentrat neoliberaler Entwicklungspolitik". Nachhaltigkeit wird sich nur durchsetzen, wenn wir dafür "marktkonforme Mittel" finden, meint Robert Kaltenbrunner. Arno Widmann berichtet über einen Streit um die möglicherweise "zu glanzvolle" Restaurierung von Leonardo da Vincis Gemälde "Heilige Anna Selbdritt" (mehr dazu im Telegraph).

Besprochen werden u.a. eine Ausstellung über Adorno in der Berliner Akademie der Künste und Bücher, darunter Friedemann Beyers Buch über den NS-Regisseur Herbert Selpin (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 10.01.2012

Laut Dirk von Gehlen bringt Apple mit seinem neuen MP3-Cloudservice iTunes Match die Musikindustrie dazu, ein Modell zu goutieren, das effektiv auf eine Kulturflatrate hinauslaufe. Hochgeladen werden könne auch illegal heruntergeladene Musik, schreibt Gehlen. Das müsste eigentlich Ärger geben. "Doch erstaunlicher Weise sieht man es beim Bundesverband Musikindustrie in Berlin ganz anders. Auf Anfrage bricht der Geschäftsführer förmlich in Jubel aus. Kein Wort von rechtlichen Schritten, die man gegen Apple anstrengen werde. Obwohl man das bei Privatpersonen, die illegale Musik im Netz anbieten (übrigens meist ohne damit Geld verdienen zu wollen), regelmäßig tut."

Weitere Artikel: Peter Laudenbach berichtet von Rassismusvorwürfen (zum Beispiel hier) gegen Thomas Schendels Aufführung von "Ich bin nicht Rappaport" am Berliner Schloßparktheater, weil dort Joachim Bliese neben Dieter Hallervorden einen geschminkten Schwarzen spielt. Harald Eggebrecht besucht den frisch von einer Japantour heimgekehrten "Geiger, Gaukler, Philosoph und Lebenskünstler" Ivry Gitlis in Paris. Michael Diers skizziert den historischen Skandal um Max Beckmanns verschollenes Bild "Der Strand" von 1927 nach. In der vorsichtig sich abzeichnenden Debatte über das gegenwärtige Potenzial von Jazz schlägt Andrian Kreye vor, heutigen Jazz nicht an Maßstäben der 60er und 70er zu messen, und stellt als positives Beispiel das Projekt Badbadnotgood vor, das sich maßgeblich über Web 2.0 präsentiert. Hier ein Video:



Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung der "Kameliendame" am Odeon-Theater in Paris und Bücher, darunter Sam Wassons Buch über Audrey Hepburn und "Frühstück bei Tiffany" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 10.01.2012

Der Margaret-Thatcher-Film mit Meryl Streep scheint das Bild der Eisernen Lady von Grund auf zu verändern und findet in London begeisterte Aufnahme, berichtet Gina Thomas nach dem Filmstart: "Meryl Streeps trotz mancher Vorbehalte über Regie und Drehbuch nahezu einhellig gelobte Darstellung ist in sich schon ein Beweis für die Bereitschaft weniger verbohrter Linksliberaler, den Versuch einer nüchternen Betrachtung zu unternehmen."

Weitere Artikel: Was macht eigentlich Familienministerin Kristina Schröder?, fragt Melanie Mühl in Erwartung einer Key Note Speech, die die Ministerin heute auf einem Demografiekongress halten soll. Dieter Bartetzko kolportiert versöhnliche Äußerungen des Architekten Christoph Ingenhoven, der sich freut, dass sein Entwurf für Stuttgart 21 nun realisiert wird (hier ein neues Werbevideo seines Büros für den Entwurf). Fridtjof Küchemann zeichnet den Streit zwischen der amerikanischen Verwerterindustrie und Internetkonzernen um den Stop Online Piracy Act (SOPA) nach (Links dazu hier). Lorenz Jäger inspiziert die Architektur mormonischer Tempel, die das Biotop des möglicherweise nächsten Präsidenten der USA, Mitt Romney, sind. Gina Thomas erhofft sich Rettung für das Museum des insolventen Porzellan-Konzerns Wedgwood. Timo John besucht das neue Museum des Karavan-Herstellers Hymer im schwäbischen Bad Waldsee. Andreas Groth fragt, was in einer ausschließlich aus Freiwilligen bestehenden Bundeswehr aus der "Inneren Führung" wird.

Auf der Medienseite erinnert Detlef Borchers an den Commodore C64, der vor dreißig Jahren auf den Markt kam. Und Nina Rehfeld stellt das von Medien und Nachrichtenkonzernen gegründet ameikanische Unternehmen News Right vor, das Nachrichten im Internet mit einer Signatur versieht, so dass sie ihre Verbreitung überwachen können.

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Falladas "Kleiner Mann - Was nun?" vierzig Jahre nach Zadek in Bochum, Oliver Klucks Stück "Leben und Erben" im Hamburger Schauspielhaus und Mahlers Dritte mit dem Konzerthaus unter dem designierten neuen Chef Ivan Fischer in Berlin.