Heute in den Feuilletons

Hier ist das Drama

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2012. Die Welt lernt bei Isaak Babel in der Inszenierung Andrea Breths: Im Sturz des Alten steckt der Terror des Neuen. In der SZ wendet sich Gustav Seibt gegen die "Pest historischer Analogien" in der Beschreibung der Eurokrise. Brauchen wir wirklich eine EU-weite Vorratsdatenspeicherung?, fragt Zeit online. In Meedia sieht Stephan Weichert die Affäre um Wulff als ein Symptom der bedenklichen Nähe zwischen Journalisten und Macht. In der FAZ empfindet Monika Maron den Sturm um Wulff dagegen als Quittung für seine "brachiale Inthronisation" durch Angela Merkel.

TAZ, 09.01.2012

Bild-Chef Kai Dieckmann als der "Stauffenberg der Pressefreiheit"? Friedrich Küppersbusch will daran nicht glauben: "Wenn es nicht legitim wäre, dass ein Politiker erbost einen Chefredakteur anruft, dann wären die Rundfunkräte der öffentlich-rechtlichen Sender organisierte Kriminalität. Da rufen Politiker die Chefredakteure nicht an, sondern heuern oder feuern sie."

Weiteres: Ziemlich beeindruckt ist Regine Müller von Andrea Breths Inszenierung des Babel-Revolutionsdramas "Marija" in Düsseldorf: "Das Grauen kriecht nicht leise heran, sondern bricht schockartig ein." Michael Sontheimer erinnert sich an den Schriftsteller und Anarchisten Klaus Schlesinger, der heut 75 Jahre alt geworden wäre. Alexandra Senfft liest Lutz Klevemans Reportagen "Kriegsgefangen". Und auch Christian Schneider kommentiert die Causa Wulff.

Zuletzt Tom.

Aus den Blogs, 09.01.2012

Sehr streng der Kommentar von Journalistik-Professor Stefan Weichert über das Bild der Journalisten in der Wulff-Affäre: "Was wir derzeit erleben, ist eine schlimme Ausgeburt des gehobenen Stimmungsjournalismus in Deutschland, der sich aus gefühlten Wahrheiten, Wichtigtuerei und Abfälligkeiten gegenüber Berufspolitikern speist. Der Fall Wulff offenbart aufs Neue, wie gefährlich nahe sich Politiker und politische Journalisten inzwischen im Treibhaus Berlin gekommen sind, und mit welchen Risiken diese unwirkliche Nähe behaftet ist."

Clay Shirky empfiehlt auf Twitter ein mehrteiliges Podcast Mike Daiseys über die Leute, die wirklich das Iphone machen. Es wird so eingeleitet: "Mike Daisey was a self-described 'worshipper in the cult of Mac.' Then he saw some photos from a new iPhone, taken by workers at the factory where it was made. Mike wondered: Who makes all my crap? He traveled to China to find out."

Welt, 09.01.2012

Kongenial findet Ulrich Weinzierl Andrea Breths Inszenierung des Babel-Stücks "Marija" in Düsseldorf: "Das Bemerkenswerte und Faszinierende an Babels 1935 veröffentlichtem Revolutionsdrama 'Marija', dessen Aufführung die stalinistischen Behörden sofort untersagten: In diesem gleichsam filmischen Bilderbogen aus dem Petrograd von anno 1920 ist all das schon enthalten, im Sturz des Alten steckt - nach dem Prinzip der Matroschka-Puppen - der Terror des Neuen in seinen unzähligen Varianten. Eben das packend und mit subtilsten Mitteln zu zeigen ist nicht der geringste Vorzug von Andrea Breths Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus. Nichts wurde hinzugefügt, die Geschichte völlig im historischen Kontext belassen."

Weiteres: In der Leitglosse überlegt Cora Stephan, ob man das Amt des Bundespräsidenten nicht einfach abschaffen sollte. Wie die Online-Kunstmesse VIP Art Fair im zweiten Anlauf alles besser machen will, berichtet Tim Ackermann. Besprochen wird eine Ausstellung von Gundula Schulze Eldowys Fotografien aus den letzten Jahren der DDR im C/O Berlin.
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NZZ, 09.01.2012

Mit einem Frösteln reagiert Barbara Villiger Heilig auf Andrea Breths Babel-Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf: "Kalt und kälter ist der Theaterabend geworden."

Weiteres: Marc Zitzmann hat sich in einer Ausstellung in der Fnac von Orleans den Entwurf der Architekten Gramazio und Kohler und Raffaello D'Andrea für eine vertikale Stadt angesehen: Sie soll mit sechshundert Metern Höhe und 180 Stockwerken 30.000 Bewohner beherbergen. Nach einer Stippvisite in den Vereinigten Arabischen Emirate erzählt Joachim Güntner die "Erfolgsgeschichte" dieses "Regimes autokratischer Menschenfreunde".

Weitere Medien, 09.01.2012

Brauchen wir wirklich eine EU-weite Vorratsdatenspeicherung? Patrick Beuth bezweifelt das auf Zeit-online, und er steht nicht allein: "Bei der Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung in Europa gibt es schwerwiegende technische und rechtliche Probleme. Nachweise dafür, dass sie unerlässlich ist, sind offenbar schwer zu finden. Dennoch wünschen sich verschiedene Interessengruppen eine Ausweitung auf weitere Straftatbestände wie Urheberrechtsverletzungen und Hacking. Das ist das beunruhigende Ergebnis eines Zwischenberichts der EU-Kommission, der nun von der Bürgerrechtsorganisation Quintessenz geleakt wurde."

Es kursieren Ideen, dass die Konzerne Google, Twitter und Facebook neben Wikipedia und anderen gleichzeitig ihre Dienste abstellen, um gegen den amerikanischen "Stop Online Piracy Act" (SOPA) zu protestieren, berichteten Welt (hier) und Standard (hier) vor einigen Tagen. Es handle sich dabei um die "'nuclear option' of protesting", meint Graeme McMillan jetzt in Time, und sie könnte nach hinten losgehen: "the lack of availability for social media on the proposed blackout day feels like it?s giving up the best chance to harness the frustration and energy people will feel about the temporary loss of the Internet as they know it, and a great possibility to focus and direct that energy into productive activism against SOPA."

FAZ, 09.01.2012

Mit Gauck wäre das nicht passiert, meint eine entgeisterte Monika Maron und sieht den jetzigen Sturm auch als Quittung für die "brachiale Inthronisation" Wulffs durch Merkel aus plattem politischem Kalkül: "Ihr ging es nicht um den besten, gar parteiunabhängigen Kandidaten, sondern um innerparteiliche Machtkonstellationen und, so muss man annehmen, um einen Bundespräsidenten, dessen schwacher Ausstrahlung und Loyalität sie gewiss sein konnte."

Abgedruckt wird außerdem eine Passage aus den von Wulff zitierten "Stahlgewittern", in dem Ernst Jünger über einen Frontabschnitt namens Bellevue spricht.

Weitere Artikel: Kerstin Holm wirft einen weiteren Blick auf die neue russische Demokratiebewegung und liest mit leichter Irritation ein Interview, das der Schriftsteller Boris Akunin auf seinem Blog mit dem charismatischen Blogger Alexej Nawalnyj führte, der den russischen Imperialismus mit Nationalismus heilen will. In der Leitglosse attackiert Andreas Kilb das Bundesamt für Bauwesen, das durch Bürokratie und eine "byzantinische Vergabepraxis" die Restaurierung des Altbaus der Berliner Staatsbibliothek ad infinitum verzögere. Peter Schilder betrachtet die Siegerentwürfe für die neue Propsteikirche in Leipzig. Ingeborg Harms liest deutsche Zeitschriften.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Isaak Babels Stück "Marija" in Düsseldorf und ein Pariser Gastspiel des Königlich Dänischen Balletts.

Online zu lesen ist jetzt Jo Lendles Artikel über Alfred Wegener.

SZ, 09.01.2012

Gustav Seibt bemängelt die "Pest historischer Analogien", die sich im Reden über die Eurokrise allenthalben Bahn schlagen: Diese seien, "weil sie sich an Äußerlichkeiten heften, eine Form des magischen Denkens, das sehr leicht zwanghafte Formen annehmen kann. ... [W]er die heutige Krise mit dem Muster von 1929 beurteilt, kann leicht jenen Anteil Katastrophengeist hinzutun, der ein prekäres Gleichgewicht kippen lässt. Bangemachen gilt nicht."

Weitere Artikel: "Vergesst das behagliche postdramatische Erzähltheater des frühen 21. Jahrhunderts! Hier ist das Drama", ruft uns ein restlos begeisterter Martin Krumbholz nach dem Besuch von Andrea Breths Inszenierung des seit knapp 40 Jahren nicht mehr aufgeführten Stücks "Marija" von Isaak Babel am Düsseldorfer Schauspielhaus zu. Der Bundesverfassungsrichter Johannes Masing warnt davor, dass mit einer EU-weiten "Vollharmonisierung" des Datenschutzes das Grundgesetz - und damit auch die Kontrollfunktion des Bundesverfassungsgerichts - ausgehebelt würde. Georg Imdahl annonciert die Groß-Kunstausstellungen des neuen Jahrs. Joseph Hanimann kommentiert Sarkozys Reise zum Geburtsort der Jeanne d'Arc als Startschuss des französischen Präsidentschaftswahlkampfs.

Im Medienteil würdigt Claudia Tieschky ausführlich die 88-jährige "Theaterdiva" Inge Keller. Auf Seite 3 porträtiert Peter Burghardt den mexikanischen Schriftsteller Javier Sicilia, der sich seit dem Mafiamord an seinem Sohn in der Protestbewegung gegen die mexikanischen Drogenkartelle engagiert.

Besprochen werden neue DVDs, die französische Kinokomödie "Ziemlich beste Freunde", die Ausstellung "Kibbuz und Bauhaus - Pioniere des Kollektivs" im Bauhaus Dessau und Bücher, darunter zwei neu in der Doris-Lessing-Werkausgabe aufgelegte Romane (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).