Heute in den Feuilletons

Bis alles in Scherben liegt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2011. Sparen hat keinen Sinn, meint der amerikanische Autor Adam Haslett in der Welt mit Blick auf Griechenland und Irland. Ähnlich sieht es die SZ. In der NZZ macht sich der weißrussische Autor Artur Klinau Hoffnungen auf Risse im System. Im Guardian spricht Ai Weiwei über die chinesische Politik des Verschwindenlassens von Unliebsamen. Hugh Eakin bewundert im NYRblog das Nation Building in Qatar. Aber er war auch der einzige. Das Heddesheim-Blog berichtet über juristische Weiterungen in der "Fischfutter-Affäre" um Hans-Christian Ströbele.

Welt, 28.11.2011

Der amerikanische Autor Adam Haslett, derzeit in Berlin, hat von vielen Deutschen gehört, dass wenn Griechen und Italiener nur endlich so fleißig sparen wie die Deutschen, es ihnen auch besser gehen wird. Haslett glaubt nicht daran: "Nehmen wir zum Beispiel Irland. Es hat eben diese Bedingungen akzeptiert, um den hohen Zinsen auf die nationalen Schulden zu entgehen. Im Gegenzug durfte es unter den Rettungsschirm. Und eine Zeit lang sanken die Zinsen, die Irland zahlen musste, auch. Sobald die Investoren jedoch das Ausmaß der irischen Ausgabenkürzungen realisiert hatten, erklärten sie eine baldige Erholung des Landes für unwahrscheinlich. Und so, eben aufgrund seiner Sparsamkeit, muss Irland heute höhere Zinsen zahlen als vor der Entscheidung, unter den Rettungsschirm zu schlüpfen."

Wie schön sich Kunsthandel und -fälschung manchmal ineinanderfügen, beschreibt Stefan Koldehoff in der Glosse am Beispiel der Beltracchi-Bande. Der 1946 von Polen nach Westberlin ausgewanderte Filmproduzent Artur Brauner wurde jahrzehntelang von der polnischen Stasi observiert, berichtet Filip Ganczak, der die Geheimdienstakte in Warschau studiert hat.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Eva Besnyö, einer Vertreterin des Neuen Sehens, in der Berlinischen Galerie (links ihr Porträt "Narda" von 1937), Alvis Hermanis' Inszenierung von Puschkins "Eugen Onegin" an der Berliner Schaubühne ("An diesen schönen jungen Russen hängen die Fußnoten wie Stahlkugeln an Häftlinge", klagt Matthias Heine") und Christoph Marthalers Verdi-Collage in Basel.

Aus den Blogs, 28.11.2011

Hugh Eakin hat das gigantische vor ein paar Jahren aus dem Nichts gebaute Museum für Islamische Kunst in Qatar besucht und schildert im NYRblog Hintergründe zur Kulturpolitik der Scheichs, die mit dem Museum Identitätspolitik treiben: "All of which suggests a remarkably sophisticated exercise at nation building through art. Still, during my stay in Doha this summer, I often found myself alone, or nearly alone, at the museums I visited."

Google scheint den Krieg um Tablet-Computer gegen Apple und Amazon zu verlieren, schreibt Kit Eaton im Blog Fastcompany: "To blame are two tablets: the iPad, of course, and the new Kindle Fire. Changewave research has just published some statistics that underline how much of a hold these two devices have over the market. Among 3,000 interviewees of those who said they were planning to buy a tablet, 65% said they'd be buying an iPad, and 22% were plumping for the Fire--just 4% said they fancied a Galaxy Tab from Samsung, which is regarded as one of the most successful full-on Android tablets so far."

Neulich brachten auch wir ein Zitat des Heddesheim-Blogs zu einem Heddesheimer Vorfall um Hans-Christian Ströbele. Der hat nun juristische Weiterungen, berichtet Hardy Prothmann ebendort: "Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen) wirft uns vor, ungerechtfertigt seine 'Privatsphäre' verletzt und falsche Angaben gemacht zu haben. Bundesweit heißt der Vorgang mittlerweile in den Medien 'Fischfutter-Affäre' und meint doch nur ein reichlich absurdes Theater mit tatsächlich ernsten Folgen."

NZZ, 28.11.2011

Hohen Unterhaltungswert bescheinigt Marion Löhndorf der "Postmodernism"-Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum, wundert sich aber, was hier alles unter dem Dach der Postmoderne funkelt: "Hinweise auf Thomas Pynchon und Martin Amis, Plattencover von Joy Division, Filmausschnitte mit Musikern wie Neneh Cherry, Kraftwerk und Devo, Fotos von Helmut Newton, Andreas Gursky und Cindy Sherman, Covers der Zeitschrift The Face und die 'Michael Jackson and Bubbles'-Keramik von Jeff Koons begegnen uns ebenso wie die spielzeugbunten Memphis-Möbel, die einmal als der letzte Schrei galten."

Achim Engelberg schildert Eindrücke von einer Reise ins gezeichnete Weißrussland, bei der er auch den Schriftsteller Artur Klinau getroffen hat: "'Ihr im Westen habt comicartige Vorstellungen von Weißrussland', meint Klinau. 'Es gibt vernünftige Leute nicht nur in der Opposition, sondern auch im Apparat. Zudem gibt es Risse im System. Die sind unsere Hoffnung. Wir werden keine Revolution machen.'"

Besprochen werden Christian Stückls Inszenierung von Tankred Dorsts "Merlin" in Zürich und ein Konzert von Nikolaus Harnoncourt ebenfalls in Zürich.
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Weitere Medien, 28.11.2011

(Via turi 2) Die Grünen wollen die Fristen für das Urheberrecht drastisch verkürzen, berichtet dpa nach dem Parteitag der Grünen: "Bislang endet der Schutz 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Nun wollen die Grünen verschiedene Modelle prüfen, etwa eine Begrenzung auf die Lebenszeit des Autors. Damit sollen Texte, Musik und Filme leichter benutzt und bearbeitet werden können."

Ai Weiwei war in diesem Jahr nicht der einzige "Verschwundene" der chinesischen Regierung, sagt er im Gespräch mit Tania Branigan im Guardian, und ihm erging's noch vergleichsweise gut - andere wurden geschlagen: "'I think I recovered the most. About 100 people were taken in. Only a few have spoken out. Most of them [seem] to be silenced for ever - some you can see are completely crushed,' Ai says. 'It's hard to recover. You become not so innocent. You become, in a way, more sophisticated, which I think you shouldn't. We should all have more simple happiness ... You become bitter.'"
Stichwörter: Ai Weiwei, Musik, Urheberrecht

Aus den Blogs, 28.11.2011

Auch sehr schön: Malaysischer Pop aus den 60ern (via):



Bei Swen finden wir zahlreiche interessante Radiofeatures der letzten Tage zusammengestellt.
Stichwörter: Pop

TAZ, 28.11.2011

Heute gehört die Kultur Gabriele Goettle. Sie besucht den Physiker, Bürgerrechtlicher und Atomkritiker Sebastian Pflugbeil, der nach dem Unglück von Fukushima wieder aktiv geworden ist. Er berichtet: "In Japan haben sie über 50 KKWs, viele davon sind schon älteren Datums. Fukushima I lief bereits 40 Jahre. So lange alles funktioniert, spielt so ein abgeschriebenes KKW pro Tag bis zu einer Million Euro ein. Das ist eine reine Geldmaschine. Und selbst wenn was passiert, dann haben die Betreiber ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht und die Bürger haben den Schaden; wie man an Japan sieht. Beim KKW springt, wie bei systemrelevanten Banken, im Krisenfall der Staat ein. Tepco bekam, um die Pleite abzuwenden und Entschädigungen zu zahlen, aus einem Regierungsfonds bereits 8,4 Milliarden Euro."

Und Tom.

Tagesspiegel, 28.11.2011

Kolja Reichert schickt Momentaufnahmen von der Architekturbiennale in Sao Paulo. Dort soll jetzt die Favela Paraisopolis renoviert werden. Bis es soweit ist, stehen Übergangshäuser bereit: "Die dunklen Plattenkasernen erinnern die deutschen Besucher mit Grausen an die Sackgassen der Moderne. Wirken die Siedlungen nicht kreativer und lebendiger? Mit Slumromantik muss man den Bewohnern aber nicht kommen. Bei einer Wohnungsbesichtigung überraschen Küchenzeile und Flachbildfernseher - wobei letzterer vor allem vom blühenden Kreditgeschäft der Banken zeugt."
Stichwörter: Siedlungen

SZ, 28.11.2011

Kopfgesteuert, risikoscheu, blass und plump: Ordentlich Prügel bezieht Angela Merkel gerade in der internationalen Presse (z.B. hier im Economist) wegen ihres Kurses in der Eurokrise. Zwar findet Thomas Kirchner das "nicht ganz fair", muss den bangenden Kritikern bei genauerem Hinsehen dann aber doch schon auch recht geben: "Mit seiner schieren Macht wird das größte Land der EU seinen Willen durchsetzen und recht behalten wollen - bis alles in Scherben liegt. So hart es klingen mag: Die Deutschen sind auf dem besten Wege, Europa in ein Desaster zu führen. Obwohl sie nur das Beste wollen."

Dokumentiert ist ein Auszug von Martin Mosebachs Laudatio auf Sibylle Lewitscharoff, die kürzlich mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde: "Die Realität ist unvollständig gesehen, wenn sie sich nicht in den Traum öffnet: und deshalb ist die Erzählerin Lewitscharoff, die so kühn und verwegen, wie kein Erzähler der Gegenwart sonst in ihren Romanen die Grenzen zwischen Traum, Wachtraum, Vision und der trivialen materiellen Faktenfülle der sogenannten Wirklichkeit überschreitet und überschreitend aufhebt, gerade deswegen Erzrealistin".

Weitere Artikel: Ein halbes Jahr vor der 13. Documenta spekuliert ein besorgter Till Briegleb, was von deren neuen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zu erwarten ist, deren Äußerungen Briegleb bislang diffus bis esoterisch findet. Steve-Jobs-Biograf Walter Isaacson attestiert (hier im englischen Original) Steve Jobs eine geistige Nähe zu Albert Einstein, zumindest was geniale Intuition betrifft. Viel "Getümmel, Gepurzel und Geschrei" und Schauspieler, die sich "schon auch mal zum Affen machen" musste Christine Dösel bei Christian Stückls Züricher Gastinszenierung von Tankred Dorsts "Merlin" aushalten. In den "Nachrichten aus dem Netz" macht Michael Moorstedt nach der Lektüre dieses Beitrags im Techland-Blog des Time Magazine einen Trend zur Dezentralisierung im Netz aus. Den Befürchtungen des Bibliothekars Uwe Jochums, die Virtualisierung von Kulturgütern durch Google und Co. beraube diese um ihren Gehalt, kann sich Franz Himpsl nicht recht anschließen.

Besprochen werden die von Da Danh Vo zerlegte Freiheitsstatue im Fridericianum Kassel, ein Mozart- und Mansurian-Konzert des Münchner Kammerorchesters, eine laut Rudolf Neumaier sehr aufschlussreiche Ausstellung über die NS-Vergangenheit des Kölner Karnevals im dortigen NS-DokumentationszentrumElfriede Jelineks Oscar-Wilde-Bearbeitung "Der ideale Mann" am Wiener Burgtheater, deren Regisseurin Barbara Frey Helmut Schödel arg schilt, und Douglas Couplands nerdiger Roman "JPod" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 28.11.2011

Kenntnisreich erzählt Joseph Croitoru die Geschichte der libyschen Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg in mehreren Pogromen vertrieben wurden und deren Kontaktaufnahme mit dem neuen Regime sich recht schwierig gestaltet. Im Aufmacher beklagt Stefan Schulz, dass neue Kommunikationstechnologien den "Augenblick" zerstören. In der Leitglosse erzählt Kerstin Holm von gewaltigen Pilgerscharen vor der Erlöserkathedrale in Moskau, die einen Blick auf eine Marien-Reliquie werfen wollen. Paul Ingendaay erzählt, dass die spanische Literaturagentin Carmen Balcells ihre schon verkauften und freigegebenen Archive wieder sperren ließ, nachdem El Pais einige Schriftstellerbriefe daraus veröffentlichte. Und Andreas Platthaus gratuliert Tomi Ungerer zum Achtzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung, in der sich Künstler mit Aldi auseinandersetzen, in der Arbeiterstadt Ludwigshafen, Puschkins "Eugen Onegin" an der Berliner Schaubühne, ein Auftritt der mormonischen Band Low in Frankfurt (der Patrick Bahners fromme Schauder über den Rücken jagte), die "Verkaufte Braut" an der Berliner Staatsoper und Tankred Dorsts "Merlin" in Zürich.