Heute in den Feuilletons

Wo ist Stockhausen, wenn man ihn braucht?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2011. Morgen wird der Literaturnobelpreis verliehen. Die Chancen für Bob Dylan sind in den Wettbüros gestiegen, meldet der Guardian. Wollen die Zeitungen das Netz oder nicht?, fragt  die Berliner Gazette. Die FAZ sieht Lars von Triers neuen Film "Melancholia" auch als dialektische Reminiszenz an die heroisch gescheiterte Dogma-Episode. In der FR ruft Claus Leggewie nach Gegenmodellen zum Kapitalismus. Die SZ feiert Dea Lohers Stück "Unschuld" in der Regie von Michael Thalheimer.

Aus den Blogs, 05.10.2011

Wie verhalten sich die Zeitungen in der digitalen Revolution, fragt Krystian Woznicki in einem lesenswerten Essay für die Berliner Gazette: "Auch die Zeitungen rufen immer wieder: Wir erfinden uns neu! Und im Kleingedruckten steht: Aber wollen wir das auch? Diese Frage stellen sie sich in erster Linie selbst. Denn sie hadern mit der digitalen Revolution - spätestens seitdem sie weniger Gewinn machen. Sie wollen 'dagegen halten' (Schirrmacher). Doch sie machen ihre eigene Identitätskrise nicht transparent."

Dazu passt auch: "Deutsche Zeitungen stehen kaum mehr online" von Perlentaucher Thierry Chervel (hier).

Wird Google Plus ein Erfolg, mit dem Google wieder zu Facebook aufschließen kann? Ben Parr macht dazu in Mashable eine Anmerkung: "One of the most important rules in software is to eat your own dog food. The concept is simple: if you have confidence in your product, you should be using it. Perhaps somebody should tell that to Google's senior management, because they are failing to eat their own dog food when it comes to Google+."

Bestsellerautor Sam Harris denkt in The Daily Beast über den Medienwandel im Buchbereich nach - und er kritisiert seine Kollegen, die davor die Augen verschließen: "I only began blogging a few months ago. Clearly, I am a slow learner. But many other authors are still pretending that the Internet doesn't exist. Some will surely see their careers suffer as a result. One fact now seems undeniable: The future of the written word is (mostly or entirely) digital."

Welt, 05.10.2011

Zum Entsetzen evangelischer Lesben, die kein Fleisch essen, hält Alan Posener in seiner Kolumne "J'accuse" noch einmal fest: "Die Bibel - 'Altes' wie 'Neues" Testament'- ist von heterosexuellen, misogynen und homophoben Fleischessern geschrieben worden, die einen Gott nach ihrem Bilde schufen."

Weiteres: Im Aufmacher wirft Hans-Joachim Müller einen Blick auf Wien und sein Nachholbedürfnis als Stadt der neuen und neuesten Kunst. Besprochen werden eine Dramatisierung von Fellinis "E la nave va" an den Münchner Kammerspielen und Frank Millers Comic "Holy Terror".
Stichwörter: Testament, Wien

TAZ, 05.10.2011

Cristina Nord ist von Lars von Triers Film "Melancholia" genervt. Ursula Wöll besucht das 4. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg. In seiner Reihe "Islandsaga" erzählt Rene Hamann hauptsächlich von Büchern, die er nicht gelesen hat.

Und Tom.
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NZZ, 05.10.2011

Martin Brauen erzählt die Geschichte des koreanischen Haeinsa-Kloster, das die einmalige buddhistische Tripitaka-Lehrsammlung beherbergt und nun, um jeglichem Hinterwäldlertum vorzubeugen, das moderne Haein Kunstprojekt initiiert hat. Friedhelm Rathjen erklärt uns zum Hundertsten den irischen Schriftsteller Flann O'Brien alias Myles na gCopaleen alias Briain ONuallain: "O'Brien ist per se ein anderer, und alles in seinen Textwelten ist immer schon und immer nur Parallelwelt zu sich selbst."

Besprochen werden die Ausstellung der Wagener-Sammlung in der Berliner Nationalgalerie und Peter Englunds Geschichte des Ersten Weltkriegs "Schönheit und Schrecken"(siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 05.10.2011

Morgen wird der Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben. Alison Flood meldet im Guardian: "Nobel prize odds a-changin' for Bob Dylan - Late surge in betting sees singer-songwriter's price shorten from 100/1 to 10/1 to win literature's highest honour."

Online findet man bei Paul Rossen Pauline Kaels umwerfenden Essay aus dem New Yorker von 1971 "Raising Kane" über das Hollywood der 30er und 40er Jahre. Ausgedruckt sind das satte 62 Seiten, bei denen man sich keine Sekunde langweilt. Wie Schnellfeuergewehre redende Zeitungsreporter waren damals die neuen Filmhelden. Das Vorbild war Walter Howey, erst Redakteur bei der Chicago Tribune, dann Hearst-Mann: "He was the legend: the classic model of the amoral, irresponsible, irrepressible newsman who cares about nothing but scoops and circulation. He had lost an eye (supposedly in actual fighting of circulation wars), and Ben Hecht is quoted as saying you could tell which was the glass eye because it was the warmer one."

(Via @Oslo Freedom Forum) Kein Zeitungszitat, aber eine interessante Meldung über ein Seminar in Oslo: "Five years after Anna Politkovskaya's death: The legacy of Anna."

FR/Berliner, 05.10.2011

In der Serie zur Kapitalismuskrise ruft Claus Leggewie dessen Kritiker auf, sich nicht mit dem Rechthaben zu begnügen und lieber einige weniger militante, dafür praktikable Gegenmodelle zu entwickeln: "Wenn diese Kritik nicht praktisch wird und durch Experimente einer alternativen Ökonomie und Lebenswelt überzeugt, dürfte der 'kommende Aufstand' steckenbleiben in Theoriezirkeln und populistischer Wut. Was am akademischen Neokommunismus der Alten Welt vor allem verblüfft, ist seine Provinzialität."

Besprochen werden Stefan Bachmanns Dramatisierung von Harry Mulischs "Das steinerne Brautbett" in Dresden, die Uraufführung von Rebecca Saunders' "Still" in Bonn und Bücher, darunter Marlene Streeruwitz' Roman "Schmerzmacherin" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

FAZ, 05.10.2011

Andreas Kilb sieht in Lars von Triers neuem Film "Melancholia" vor allem melancholische Bezüge zur heroisch gescheiterten Dogma-Episode: "Damals ging es darum, dem Kino die Kunstfaxen auszutreiben, um zu einer neuen Wahrheit des Erzählens zu gelangen. Jetzt, so scheint es, treibt von Trier die Künstlichkeit der Bilder auf die Spitze."

Im Aufmacher bekennt sich Lorenz Jäger als Konservativer zu allem, was auch heutigen Linken lieb ist: "Ich verstehe nicht, warum der Konservative, zum Beispiel, den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss." Und wie heutigen Linke liegt ihm die Gleichsetzung von Religionskritik mit Rechtspopulismus am Herzen: "Vor allem will ich nicht verstehen, dass 'Islamkritik' in allen Spielarten, bis hinunter zur offenen Demagogie, fast das einzige Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden ist."

Auf der Medienseite wirft Nina Rehfeld einen Blick auf die diesmal nicht so glanzvolle Fernsehserien-Saison in Amerika. Besprochen werden unter anderem zwei Janacek-Inszenierungen an der Staatsoper und der Komischen Oper Berlin.

SZ, 05.10.2011

Gutes Schauspielertheater und eine Inszenierung, die den großen Worten keine Vorfahrt vor den kleinen gibt, hat Lothar Müller am Deutschen Theater in Berlin gesehen, wo Michael Thalheimer Dea Lohers Stück "Unschuld" inszeniert hat: "Die Figuren kokettieren nicht damit, dass sie aus der Leere kommen. Sie tauchen einfach auf, sind da, und im Hintergrund, von dem sie sich lösen, spukt kein ominöses Nichts. Es gibt da nur eine sehr alte Kraftquelle des Theaters: den Chor, der früher die Tragödien kommentierte. Jede Figur wirkt, als sei sie aus dem Chor hervorgetreten, keine ist mit sich allein, und den Dialogen gibt nicht wie im Kammerspiel die Psychologie den Ton vor, sondern die Choreographie."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld überlegt, warum Fortschrittsglaube heute nur noch bei Thilo Sarrazin und der Piratenpartei zu finden ist. Max Fellmann verdreht angesichts des großspurigen Pressetexts zur neuen Björk-CD verzweifelt die Augen: "Wo ist Stockhausen, wenn man ihn braucht?" Jörg Häntzschel ist begeistert von dem monumentalen und multimedialen Kunstausstellungsprojekt "Pacific Stand Time", das über ganze die Stadt verteilt Kunst aus Los Angeles zeigt. Susanne Gmür berichtet vom 3. Dreiländerkongress der Soziologie, auf dem sich 700 Sozialwissenschaftler über Öffentlichkeit austauschten. Alex Rühle besucht den isländischen Dichter und Aktivisten Andri Snaer Magnason, dessen Bestseller "Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist" jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Auf der Medienseite berichtet Klaus Brill über ein slowakisches Bezahlmodell für Medien, das zu funktionieren scheint: Man zahlt ein Abo und kann dann online verschiedene Medien nach Lust und Laune konsumieren, genau wie beim Kabelfernsehen.

Besprochen werden Lars von Triers neuem Weltuntergangsfilm "Melancholia" ("Geil, wie hier die Erde verschwindet, in einem Super-Orgasmus!", befindet Martina Knoben), die Ausstellung "Orient" mit Arbeiten von Markus Schinwald im Kunstverein Hannover, Calixto Bieitos Inszenierung von Hosokawas Oper "Hanjo" bei der Ruhrtriennale und Bücher, darunter eine Anthologie mit literarischen Beispielen zur Kulturgeschichte der Innenraumgestaltung (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).