Heute in den Feuilletons

Härte, Kälte und Gemeinheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2011. Der Tagesspiegel trifft den algerischen Friedenspreisträger Boualem Sansal. Die taz vermisst in der großen Ausstellung zu Polen und Deutschland die Putzfrauen und Händler vom Polenmarkt. In der NZZ setzt Island jetzt wieder auf echte Werte. Die FAZ berichtet von Komplikationen bei der Wiedergeburt des Dalai Lama. Und in der FR beschreibt Joseph Vogl die Fähigkeit des Kapitalismus, sich an seinen Krisen zu optimieren.

Tagesspiegel, 28.09.2011

Piet de Moor porträtiert den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal, der im Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten wird: "Sansal zögert nicht, Algerien ein Freiluftgefängnis zu nennen. Das Land, sagt er, sei isoliert und beherberge eine verlorene Generation junger Leute, von denen es heißt, dass ihre Rücken nur dazu dienen, die alten Mauern zu stützen. Ihre Hoffnung schöpfen sie allein aus dem Blick nach Europa. Diese Sehnsucht hat Boualem Sansal in seinem Roman 'Harraga' (2005) behandelt. Harragas sind illegale Migranten, die ihre Papiere verbrannt haben. Sie müssten, sagt Sansal, in Europa empfangen werden wie Menschen, die aus einem Lager geflohen sind, nicht wie halbe Verbrecher, die man mit einem Retourticket bestraft."

TAZ, 28.09.2011

Philipp Goll besucht die große "Polen - Deutschland"-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau. Vieles daran findet er gelungen, ein gewisses Unbehagen empfindet er dennoch: "Dass diese Ausstellung eben auch eine staatstragende Leistungsschau ist, zeigt sich an zwei weiteren Leerstellen. Warum finden die Händler vom 'Polenmarkt' keine Erwähnung, der Ende der 1980er Jahre auf dem Potsdamer Platz in Berlin zum Ort der intensiven Alltagsbegegnung wurde? Wo sind die sich in Deutschland unter widrigen Bedingungen verdingenden Polinnen und Polen? Sie sind moderne Helden der Arbeit an der Basis dieser Nachbarschaft."

Weitere Artikel: Rene Hamann liest in seiner Kolumne zum Buchmessen-Gastland Island diesmal - freilich nicht unbedingt literarisch bedeutende - Romane isländischer Autorinnen. In Mexiko wurde, wie Wolf-Dieter Vogel berichtet, eine kritische Bloggerin von den Drogenkartellen ermordet, die jede öffentliche Berichterstattung über ihre Verbrechen verhindern wollen.

Besprochen werden das neue Album "Monkeytown" der Berliner Band Modeselektor und Rolf Lamprechts Geschichte des Bundesverfassungsgerichts "Ich gehe bis nach Karlsruhe".

Lest Ayn Rand, ruft Kerstin Decker im Schlagloch, und ihr versteht das neue Amerika. Rand sei "Gewährsfrau des amerikanischen Selbstverständnisses" und "Schutzheilige der Tea-Party-Bewegung": "Die Gesellschaft zerfällt für Ayn Rand in die 'Prime Mover' und die 'Second Hander', in die Macher und die Schmarotzer."

Und Tom.

NZZ, 28.09.2011

Aldo Keel erzählt, wie sich Island, das als Finanzplatz nicht wirklich überzeugen konnte, bei der Frankfurter Buchmesse als Kulturnation empfehlen will: "Endlich biete sich die Gelegenheit, dem Publikum 'erhobenen Hauptes' echte Werte zu bieten. Um die Erinnerung an die Ära windiger Finanz-Wikinger zu verscheuchen und Island als traditionsbewusste Literaturnation zu zelebrieren, sollen Fotos von Hausbibliotheken dem isländischen Pavillon eine besondere Aura verleihen. 1500 Titel werden Jahr für Jahr auf den Markt gebracht. Die Durchschnittsauflage literarischer Werke beträgt 1000 Exemplare, was - gemessen an der Bevölkerungszahl - einer Million Exemplaren in den USA entspräche."

Weiteres: Roman Hollenstein inspiziert gewohnt kundig die Bauten internationaler Organisationen an der Place des Nations in Genf, bei dem am Montag eingeweihten neuen Gebäude der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo) von Stefan Behnisch vermisst er allerdings die "konstruktive Eleganz".

Besprochen werden eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus zur Malerin und Schriftstellerin Franziska zu Reventlow, die Uraufführung von Josef Mysliveceks Oper "Antigona" am Theater Biel Solothurn, Volker Reinhardts Geschichte der Schweiz und Marlene Streeruwitz' Roman "Die Schmerzmacherin".
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FR/Berliner, 28.09.2011

Piotr Buras unterhält sich mit dem Kulturwissenschaftler Joseph Vogl über die Vergangenheit und die Zukunft des Kapitalismus, den er für eine insgesamt so problematische wie erfolgreiche Veranstaltung hält: "Der Kapitalismus ist ein System, das sehr effizient darin ist, Widersprüche zu verwalten, Oppositionen zu absorbieren, sich an den eigenen Krisen zu optimieren. Es funktioniert, auch wenn dieses System überall knirscht oder leckt oder Elend produziert. Weder der Konflikt zwischen Arm und Reich, noch der zwischen Kapital und Arbeit führen zu seinem Untergang."

Weitere Artikel: In einer Times Mager kommentiert Sylvia Staude eine Studie, die zum Ergebnis kommt, dass Jugendliche Risiken sehr wohl richtig einschätzen, sich um diese Einschätzungen jedoch, sobald sie in Gesellschaft Gleichaltriger sind, kaum noch kümmern. 

Besprochen werden Thomas Bockelmanns Kasseler "Leonce und Lena"-Inszenierung, Ry Cooders neues Album "Pull Up Some Dust and Sit Down", der neue Robert-Redford-Film "Die Lincoln-Verschwörung" und Bücher, darunter Felix zu Löwensteins Analyse des "Food Crash" Jan Brandts großer Debütroman "Gegen die Welt".

Welt, 28.09.2011

Nicht so schlecht wie das Wiener Publikum fand Ulrich Weinzierl Alvis Hermanis' Inszenierung von Schnitzlers "Weitem Land" an der Burg: "Das Atout der Inszenierung ist Peter Simonischek, ein grandioser Hofreiter. Er als Einziger darf den weichen Schnitzler-Ton sprechen, der Härte, Kälte und Gemeinheit in Watte packt."

Weiteres: Alexander Kluge und Joseph Vogl unterhalten sich über Herman Melvilles "Moby Dick", über das Ungeheure, den Wal als Senkblei in der Zeitgeschichte und die Literatur als Alchimistenküche. Hanns George Rodek attestiert dem Kino, von Erwin Wagenhofers "Let's Make Money" bis jetzt zu J.C. Chanders "Der große Crash" in Sachen Wirtschaftskrise "exzellente Analysearbeit". In der Randglosse vermerkt Sascha Lehnartz mit Erleichterung, dass Albert Uderzo aufhören will, weitere "Asterix"-Bände zu produzieren, komme.

SZ, 28.09.2011

Antje Weber stellt die ecuadorianischen Forschungen an den archäologischen Überresten der Yumbo-Kultur vor. Catrin Lorch berichtet vom Stand der Dinge im Streit um die Lagerung von Beuys-Arbeiten im Museum Schloss Moyland zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Kuratorium der Museumsstiftung. Alexander Menden annonciert das Londoner Festival "Globe to Globe", das im kommenden Jahr alle 37 Stücke von Shakespeare in internationalen Inszenierungen zeigen wird.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Daniel Richter in der Hannoveraner Kestnergesellschaft, der Film "Whores' Glory" (mehr), die vom Film Noir inspirierte Interpretation von Schnitzlers "Das weite Land" am Burgtheater Wien, Henrik Ibsens "Volksfeind" am Theater Bonn, Museumsausstellungen zur Rhein-Romantik in Königswinter, Remagen und Koblenz, kurz und bündig neue Pop-CDs und Bücher, darunter Jan Kalman Stefanssons Roman "Der Schmerz der Engel" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 28.09.2011

Von einer kuriosen Kontroverse aus China berichtet Mark Siemons: Der Dalai Lama nämlich spielt öffentlich mit dem Gedanken, für eine Wiedergeburt nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Der chinesischen Obrigkeit passt dies indessen gar nicht, sie insistiert, "dass noch nie ein Dalai Lama seinen Nachfolger bestimmt habe und dass im Übrigen alle Fragen der Wiedergeburt in der Volksrepublik gesetzlich bestens geregelt seien." Ernster Hintergrund der Sache ist eine Verordnung aus dem Jahr 2007, die es den chinesischen Behörden gestattet, nicht genehme Wiedergeburten für illegal zu erklären, wodurch eine direkte Einflussnahme auf den Nachfolger des jetzigen Dalai Lamas möglich wäre.

Weitere Artikel: Mit ihrem Auftritt in der Titelrolle von Gaetano Donizettis "Anna Bolena" an der Metropolitan Opera hat Anna Netrebko New York im Sturm erobert, schreibt ein entzückter Jordan Mejias. Dieter Bartetzko erläutert den Begriff "Gentrifzierung" anhand der momentanen Bevölkerungsbewegungen in Frankfurt. Kerstin Holm berichtet vom Unbehagen im russischen Bürgertum nach der Medjedew/Putin-Rochade der vergangenen Tage. Walter Haubrich gratuliert Gaston Salvatore zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden neue DVDs, darunter eine Box zur "Geschichte des deutschen Animationsfilms" (mehr), die Oper "Street Scene" von Kurt Weill an der Theater an der Wien, der vom Zusammenbruch der Lehman Brothers inspirierte Film "Der große Crash" (mehr) und Bücher, darunter Jörg Dünnes Habilitationsschrift über Kartografien in der frühen Neuzeit (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).