Heute in den Feuilletons

Extreme Grausamkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2011. War es die Tat eines Wahnsinnigen oder gerade nicht? SZ und FAZ sind sich in ihren ersten Kommentaren uneins. In der Welt bekennt der norwegische Dramatiker Jon Fosse seine Fassungslosigkeit. Berliner Zeitung und Spiegel Online haben das 1500-seitige Manifest Anders Breiviks gelesen. Alle Zeitungen bringen Nachrufe auf Amy Winehouse, die im Alter von 27 Jahren gestorben ist.

FR/Berliner, 25.07.2011

Mehrere Artikel sind dem Attentat in Norwegen gewidmet. Der Politologe Fabian Virchow versucht im Interview, den Attentäter Anders Breivik ideologisch zu verorten: "Europaweit zu beobachten ist der anti-islamische Rassismus, der sich bei ihm stark wiederfindet. Er hat aber auch auf Webseiten geschrieben, die Israel-freundlich waren. Der für Deutschland typische Antisemitismus ist bei ihm nicht ausgeprägt, das grenzt ihn von der deutschen Neonazi-Szene ab."

Außerdem: Andreas Förster beschreibt die wachsende Vernetzung der rechtsextremen Szene in Europa. Thomas Spang sucht nach Verbindungen zu den Attentaten von Einzelgängern wie Timothy McVeigh und dem "Unabomber" Theodore Kaczynski, aus dessen Manifest Breivik ganze Absätze kopierte.

Im Feuilleton ist Hans-Klaus Jungheinrich etwas verärgert, wie "westliche" Kuratoren (die Anführungszeichen sind von ihm) sich jetzt auf Ai Weiwei stürzen, aber die Ai-Weiwei-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz findet er doch sehr gut. Ursula Rüssmann berichtet begeistert von einer Ringvorlesung in Frankfurt "über zeitgemäße Koranauslegung, europäische Wurzeln des Koran und Ansätze, wie der Islam die christliche Theologie voranbringen kann". Auf der Medienseite erklärt WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz im Interview, wie man Vorwürfe der Bild-Zeitung gegen die Öffentlich-Rechtlichen abwehren will: "gelassen und selbstbewusst".

Welt, 25.07.2011

Florian Flade liest das über 1500-seitige, teilweise aus fremden Blogbeiträgen zusammengestückelte, und im Internet zirkulierende Manifest Anders Behring Breiviks: "Offenbar lebte er seit Jahren in einer ganz eigenen Welt. Es ist eine Fantasiewelt, in der er ein Tempelritter ist, also einer jener mittelalterlichen Kriegermönche, die das Abendland vor der islamischen Bedrohung retten wollten. Es ist eine Welt, die aus abstrusen Vorstellungen, eiferndem Fanatismus und unbändigem Hass auf die multikulturelle Gesellschaft und den "Kulturmarxismus" besteht."

Im Feuilleton interviewt Jan Küveler den norwegischen Dramatiker Jon Fosse zu Breiviks Tat, der vor allem seine Fassungslosigkeit bekennt: "Schockierend aber finde ich die extreme Grausamkeit, die sich in Norwegen ereignet hat. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Doch es ist sehr schwer, darüber nachzudenken oder es zu analysieren. Es ist einfach schrecklich."

Harald Peters schreibt den Nachruf auf Amy Winehouse. Lisa Marleen Grenzebach stellt nach einem Graffiti-Attentat auf einen Poussin in London die Frage nach der Sicherheit in Museen. Brigit Güll berichtet, dass die Wiener Werkbundsiedlung renoviert werden soll. Und Kai Luehrs-Kaiser stellt den Pianisten Ingolf Wunder vor.

NZZ, 25.07.2011

Ueli Bernays blickt trauernd auf das kurze und heftige Leben der Amy Winehouse zurück, und auf ihr letztes Konzert in Belgrad, bei dem die von Drogen gezeichnete Souldiva nur noch torkelnd und lallend auf der Bühne zu sehen war: "Es war, als hätte der Teufel des Rock'n'Rolls der Welt noch einmal sein Opfer präsentieren wollen."

Marc Zitzmann berichtet vom Theaterfestival in Avignon, wo ihn besonders das Tanzstück "Yahia Yaich - Amnesia" des tunesischen Ensembles von Jalila Baccar und Fadhel Jaibi beeindruckte (hier ein Video). Roman Bucheli besucht eine Ausstellung zu den Schriften Heinrich von Kleists in der Heiliggeistkirche in Heidelberg. Andreas Klaeui stellt das Robert Wilsons Watermill Center auf Long Island vor, das das ganze Jahr über Artists in Residence beherbergt.
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Spiegel Online, 25.07.2011

Frank Patalong hat das Manifest Anders Breiviks gelesen und schildert die antiislamische Szene, aus der es seine Ideen schöpft, als "tatsächlich pro-westlich und ausgesprochen pro-amerikanisch, Israel freundlich zugetan, dagegen aber deutlich anti-muslimisch, aggressiv christlich und 'wehrhaft', 'mono-kultistisch' und offen feindlich gegen alles, das liberal, links, 'Multi-Kulti' und 'internationalistisch' ist. Nazis verabscheut diese 'patriotisch-nationalistische' Szene dabei, Sympathien und informelle Kontakte pflegt man hingegen mit der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung, zur FPÖ, aber auch in die rechte Fußball-Fan-Kultur der 'Casuals' - und zur britischen 'English Defence League' (EDL)."
Stichwörter: Anders Breivik, FPÖ, Israel

TAZ, 25.07.2011

Die Tagesthemen befassen sich auf drei Seiten mit dem Massaker in Norwegen. Im Interview mit Andreas Speit ordnet der norwegische Historiker Terje Emberland den Täter Anders Behring Breivik in einem extremistischen, aber nicht nazistischen Umfeld ein: "Allgemein gesprochen, werden die norwegischen Nazis von ihren deutschen und schwedischen 'Kameraden' nicht sehr ernst genommen. Die populistische Rechte und die antiislamistische Szene sind aktiver und stärker. Dieser Szene gehörte Breivik hauptsächlich an. Vor ein paar Jahren versuchte er in Norwegen sogar ein Pendant zu der englischen Defence League zu organisieren; die 2009 gegründete Organisation will die 'Islamisierung' Englands verhindern."

"Wieder ein Rock'n'Roll Victim", seufzt Jenni Zylka im Kulturteil über Amy Winehouses Tod, wieder hat sich jemand in den "Club 27 hineingesoffen". Aber: Sie war kein Produkt eines Managements, sondern eine echte Exzentrikerin mit der nonchalanten Fuck-off-Haltung eines smarten Londoner Vorstadtmods. Keine der anderen Retrodamen mit toupiertem Hinterkopf, weder Adele, noch Duffy, noch Rumer, hat so viel guts. Und keine zeigt auf der Bühne so schonungslos ihr Bestes und ihr Schlimmstes."

Tim Caspar Boehme hält fest: "Amy Winehouse war der erste Retro-Star des Jahrtausends." Und Detlef Kuhlbrodt kann es gar nicht glauben: "Dass niemand da war, der auf sie aufgepasst hat."

Trotz allem ist heute der letzte Montag im Monat und damit der Tag von Gabriele Goettle. Sie stellt das Geldprojekt in Stralsund vor, das vom Förderverein Jugendkunst im alten Speicher am Katharinenberg initiiert wurde. Julia Nieman war außerdem beim Konzert der wiedervereinigten Boygroup Take That in Hamburg. Marion von Zieglauer berichtet von Streit in Italien um einen Film über den G8-Gipfel von Genua.

Und Tom.

SZ, 25.07.2011

"Dies war nicht die Tat eines Verwirrten", schreibt Thomas Steinfeld auf der Meinungsseite: "Bislang konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, dass - im Unterschied zu den Fundamentalisten des Islam - im Westen ein christlicher Fundamentalist den Willen, die Konzentration und die Disziplin aufbrächte, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Terrorismus und Islamismus schienen fest zusammenzugehören. Anders Behring Breivik aber ist diesen Weg gegangen." Auf Seite 3 versuchen Hans Leyendecker und Nicolas Richter ein erstes Profil Breiviks zu zeichnen.

Aufmacher des Feuilletons ist Jens-Christian Rabes Nachruf auf Amy Winehouse: "Die bittere Pointe ihrer Karriere wird also doch bleiben, dass ihre berühmteste Songzeile der Wahrheit viel mehr entsprach, als man es einem Künstler mit ihrem Suchtpotenzial wünschen kann: 'They tried to make me go to rehab / But I said no, no, no.'"

Weitere Artikel: Alex Rühle lässt den zornigen alten Mann und Gaddafi-Preisträger (mehr hier) Jean Ziegler zu Wort kommen, der sagt, was er in Salzburg gesagt hätte, wenn er nicht ausgeladen worden wäre: "Wenn ich ein Somali wäre, dessen Kinder gerade verhungern, weil aus der EU nur ein Sonderkredit von 30 Millionen kommt, und gleichzeitig hören würde, dass die EU soeben 162 Milliarden Dollar freigesetzt hat, um die Gläubigerbanken der Griechen zu retten, weiß ich nicht, wie groß mein Glaube an Europa noch wäre." Reinhard Brembeck besucht den Grünen Hügel, wo heute Abend die Premiere des "Tannhäuser" in der Regie Sebastian Baumgartens angesetzt ist. Auf der Literaturseite erzählt der (noch unbekannte) Autor Arne Ulbricht von seinen Erfahrungen bei Schreibwerkstätten. Auf der Medienseite porträtiert Johannes Boie die Journalistin Güner Balci, die mit Thilo Sarrazin durch Kreuzberg und Neukölln spazierte.

Besprochen werden Christian Gerhahers Gustav-Mahler-Liederabend bei den Münchner Opernfestspielen, Inszenierungen in Avignon und neue DVDs.

FAZ, 25.07.2011

Für Georg Paul Hefty ist "Wahnsinn" die einzige passende Kategorie für den norwegischen Attentäter: "Dies hat die Tat des Norwegers B. allerdings mit den Taten vieler anderer einzelner oder gemeinschaftlicher Täter gemein. Denn die Erklärungen, die in den letzten Jahrzehnten für viele Geschehnisse niedergeschrieben wurden, seien es die Morde der RAF, zahlreiche Anschläge in Israel, die Attentate in Oklahoma 1995 sowie New York und Washington 2001 und danach in Madrid und London oder die ungezählten Selbstmordattentate in Afghanistan und anderswo, sind doch nur scheinvernünftige Begründungen für den Irrsinn, der nur den Tätern selbst vernünftig erscheint."

Matthias Hannemann sieht Norwegen für immer verändert, warnt jedoch vor einfachen Antworten und stellt erst einmal Fragen nach den Motiven des Attentäters: "Was außer übersteigertem Islam-Hass ist es, was ihn so abstieß, dass er, der in recht durchschnittlichen Verhältnissen aufwuchs, zu einem Massenmörder wurde, zu einem paranoiden Killer, der nächtelang Chemikalien für Bomben braut, sich mit Steroiden vollpumpt und Jubelschreie ausstößt, während er junge Menschen der (wie er sagt) 'Stoltenberg-Jugend' förmlich hinrichtet, in falscher Polizeiuniform?"

Weitere Artikel: Über die israelischen Pläne für ein "Museum zum Gedenken an die jüdischen Kämpfer des Zweiten Weltkriegs" informiert Joseph Croitoru. Von den ehrgeizigen Plänen des Brukenthal-Museums (Website) im rumänischen Sibiu/Hermannstadt berichtet Thomas Trappe. In seiner "Klarer Denken"-Kolumne erklärt Rolf Dobelli die Effekte des "Zufriedenheits-Hamsterrads", die dazu führen, dass uns Erfolge nicht dauerhaft glücklicher machen. Die wütende Besprühung eines Phallus von Franz West glossiert Dirk Schümer. Edo Reents schreibt zum Tod der Sängerin Amy Winehouse.

Besprochen werden die Inszenierung von Umberto Giordanos Oper "Andrea Chenier" und die Uraufführung von Judith Weirs Oper "Achterbahn" in Bregenz, eine Baseler Ausstellung, die Richard Serra mit Constantin Brancusi konfrontiert und Bücher, darunter die beiden Bände mit Interviews mit und Blogtexten von Ai Weiwei (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).