Heute in den Feuilletons

Mürbe Büsten Wiener Damen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2011. Der Künstler Nikos Veliotis  erklärt in der taz, wie man in Griechenland einen Job im öffentlichen Dienst bekommt. In der NZZ staunt der Iranist Iranist Reza Hajatpour: Wer hätte je gedacht, dass Achmadinedschad antiklerikale Kräfte um sich schart? Netzwertig fragt: Gibt es Leben auf Google Plus? Der Guardian hat schon mal ein paar Fragen für die Anhörung der Murdochs und Rebekah Brooks' vorbereitet. Die FAZ plädiert für Hans Makarts prächtige Salonkunst.

TAZ, 18.07.2011

Allein 14.000 Menschen schulden dem griechischen Staat 36 Milliarden Euro an Steuern, erzählt der Künstler Nikos Veliotis im Interview mit Julian Weber. Hauptübel der griechischen Finanzen aber sei der alles durchdringende Nepotismus: "Viele Griechen haben stets nach Aussichten für ihre beruflichen Karrieren gewählt. Umgekehrt wurden, solange ich mich erinnern kann, Stimmen von Politikern gekauft. Das funktioniert, indem man bei einer Wahl Kandidat XY unterstützt, der dann für den Neffen einen Job klarmacht. Ich kenne ungezählte solcher Fälle. Ich meine, es ist nicht so, dass man nur durchs Leben kommt, wenn man dieser Logik folgt. Wenn es so wäre, hätte ich mein halbes Leben arbeitslos sein müssen. Aber es geht einfach leichter, wenn man vorhat, in den öffentlichen Dienst einzusteigen."

Ein wahres Kunstwunder hat Niklaus Hablützel bei dem von Jürgen Flimm initiierten Festival für Neues Musiktheater in Berlin erlebt: "Christine Schäfer mit Schönbergs 'Pierrot lunaire', gefolgt von elf Mitgliedern der Staatskapelle mit 'Derive 2' von Pierre Boulez: Kein Mensch versteht diese Musik beim bloßen Zuhören, aber unter Barenboims Leitung klang sie so leicht, selbstverständlich und unterhaltend wie eine Serenade von Mozart.

Weiteres: Dorothea Hahn besichtigt das neue African American Civil War Museum in Washington, das die schwarzen Soldaten im amerikanischen Bürgerkrieg würdigt. Klaus Engert besucht eine Ausstellung des Architekten Alvaro Sizas auf der Museumsinsel Hombroich.

Und Tom.

NZZ, 18.07.2011

Der in Bamberg lehrende Iranist Reza Hajatpour beschreibt die politische Lage im Iran, wo jetzt auch innerhalb des konservativen Lagers ein Machtkampf tobt. Offenbar versucht sich Ahmadinedschad gegen die Mullahs zu profilieren: "Dass es zwischen dem Präsidenten und dem geistlichen Führer Ali Khamenei zu Meinungsverschiedenheiten, gar zu offenen Machtstreitigkeiten kommen könnte, hatte niemand geahnt, und noch weniger, dass sich um Ahmadinedschad antiklerikale Kräfte scharen würden, die einen islamischen Staat mit einer nationalistischen Ideologie, notfalls ohne Geistlichkeit, anstreben. Der klassische Rahmen des islamischen Systems scheint die neokonservativen Revolutionäre nicht mehr anzusprechen."

Weiteres: Brigitte Kramer stellt die mexikanische Schriftstellerin Sabina Berman vor. Gesine Lübben berichtet, ohne auch nur ein Amerikaklischee auszulassen, von den "Showprozessen", die der Supreme Court einmal im Jahr in Washington gegen literarische Figuren führt. Zu lesen ist eine kurze Episode aus Navid Kermanis neuem Roman "Dein Name".

Aus den Blogs, 18.07.2011

Martin Weigert resümiert auf Netzwertig seine ersten Erfahrungen mit Google Plus, die auch schon ein Opfer haben: "Woher also nahm ich die Minuten, die ich mich bei Googles neuem Hoffnungsträger aufhielt? Von diaspora. Leider. Meine Google+-Probierphase ging eindeutig auf Kosten des dezentralen sozialen Netzwerks aus New York. Am gestrigen Sonntag fiel mir auf, dass ich mich dort seit dem Startschuss für Google+ nicht mehr habe blicken lassen - obwohl ich mir eigentlich fest vorgenommen hatte, mich über einen längeren Zeitraum zu einer Nutzung von diaspora zu zwingen. Doch dann kam Google."
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Weitere Medien, 18.07.2011

Der Guardian hat schon mal ein paar Fragen an die Murdochs und Rebekah Brooks für die morgige Anhörung vor dem britischen Parlament vorbereitet, zum Beispiel diese an Brooks: "When you were editor of the News of the World, were you aware that more than half of your news and feature reporters were paying (private detective Steve) Whittamore to use his network of blaggers to obtain confidential information?"

Das Wall Street Journal verteidigt in einem viel diskutierten Editorial neben Angriffen auf die übrige Presse die Übernahme durch Rupert Murdoch: "Our readers can decide if we are a better publication than we were four years ago, but there is no denying that News Corp. has invested in the product. The news hole is larger. Our foreign coverage in particular is more robust, our weekend edition more substantial." Das Wall Street Journal attackiert in diesem Artikel auch den Guardian, woraufhin sich der Guardian zur Wehr setzt.

Jeff Jarvis kommentiert das Editorial des Wall Street Journal auf Google Plus wie folgt: "Un-fucking-believable Wall Street Journal editorial blames competitors and pols for threatening press freedom (not Murdoch); calls paying sources (including, presumably, corrupt police) standard journalism; robs the Journal of its last shred of self-respect and makes clear it is a mouthpiece for Murdoch."

(via bookslut) Hingewiesen sei auch noch auf ein Porträt Rupert Murdochs, das John Lanchaster nach Lektüre einiger Biografien 2004 für die LRB verfasste. Darin vergleicht er ihn mit einem anderen Mogul, Bill Gates: "Gates?s monomaniac focus and obsessive determination to win - to see the world in terms of winning - are indelibly stamped on Microsoft. Gates is not just in Microsoft?s dna: he is Microsoft?s dna. When we turn to Murdoch, however, there is no equivalent focus or consistency. If News Corp is a portrait, it is a picture of someone with an attention deficit disorder; a man who needs to be in constant motion, who can?t be in one place."

Und in Slate meint Jack Schafer: "Don't feel bad for Rupert Murdoch. He's having a splendid time with the phone-hacking scandal."

Video am Montag: Auch für Atheisten gibt es Trost in diesen Zeiten, zum Beispiel diese geistvolle zweistündige Debatte der Four Horsmen of Disbelief, Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris and Christopher Hitchens aus dem Jahr 2007, jetzt online.


Welt, 18.07.2011

Thomas Schmid bringt nach der prächtigen Trauerfeier in Wien dem letzten virtuellen k.u.k.-Thronfolger Otto von Habsburg eine letzte Hommage dar. Manuel Brug mokiert sich freundlich über Nike Wagner, die wie stets vorm Festival den in Bayreuth regierenden Cousinen einen Rüffel zusendet - diesmal in Form eines Spiegel-Artikels, in dem sie Bayreuth dafür kritisierte, in diesem Jubiläumsjahr nicht Liszts, ihres gemeinsamen UrUrUrgroßvaters, gedacht zu haben. Marc Reichwein verfolgte eine akademische Tagung zum Thema Integration in Konstanz - "Diversitätsmanagement" ist die Parole der Stunde. Eva Lindner besucht das Gefängnis Ulucanlar in Ankara, das zu einer etwas wachsfigurenkabinetthaften Stätte des Gedenken an Folter unter dem ehemaligen Militärregime umgewidmet wurde.

Besprochen werden Ereignisse des Festivals von Aix und eine Ausstellung mit architektonischen Variationen über den Container in Düsseldorf.

FR, 18.07.2011

Das indische Chennai boomt, erzählt Harald Jähner, seit BMW, Mercedes, Ford, Hyundai und Honda hier produzieren: "So recht mag man der Produktivität dieser peinlich aufgeräumten Sonderwirtschaftszone nicht trauen, in der Investoren zehn Jahre keine Steuern zahlen müssen und Ausländer Unternehmen zu 100 Prozent besitzen dürfen. Die Inder selbst können mit der Existenz verschiedener Welten an einem Ort versierter umgehen."

Auf der Medienseite erklärt der Medienforscher Lutz Hachmeister im Interview, warum deutsche Medienkonzerne etwas weniger reguliert werden sollten: "Sie können im globalen Wettbewerb einfach nicht mithalten (mehr hier), werden irgendwann filetiert oder von anderen gekauft. Gerade deutsche Medienunternehmen sehe ich in dieser Gefahr."

Weitere Artikel: Robert Kaltenbrunner stellt die - etwas unklare - Wohnungsfrage. Sylvia Staude schreibt zum 200. Geburtstag von Thackeray.

Besprochen werden Christian Stückls Thomas-Mann-Adaption "Joseph und sein Brüder" in Oberammergau ("Die mittlerweile fast schon zum Markenzeichen gewordenen Neu-Oberammergauer Qualitätsmerkmale Aufrichtig- und Stimmigkeit der Inszenierung werden an zahlreichen Stellen durch Humor ergänzt, indem die Laiendarsteller mit keckem, ironischem Spiel hervortreten", lobt K. Erik Franzen)und Bücher, darunter Viola Roggenkamps Roman "Tochter und Vater" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 18.07.2011

Ronen Steinke schreibt etwas skeptisch über den Plan des CSU-Politikers Oscar Schneider, in Nürnberg, am Ort der Nürnberger Prozesse ein internationales völkerrechtliches Institut anzusiedeln, das über die "Nürnberger Prinzipien" forschen und wachen soll. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Michael Moorstedt die von Kevin Kelly mit ins Leben gerufene "Quantified-Self-Bewegung" vor. Christopher Schmidt gratuliert dem Schauspieler Heinz Bennent zum Neunzigsten.

Besprochen werden ein Konzert Martha Argerichs und ihrer Klavier-Kollegin Lilya Zilberstein beim Klavierfestival Ruhr, neue DVDs, Konzerte des Festivals auf dem Chiemsee, eine Ausstellung mit achthundert Jahren indischer Malerei im Zürcher Museum Rietberg und Bücher, darunter Hanif Kureishis Erinnerungen an seinen Vater.

FAZ, 18.07.2011

Die Moderne hat Maler wie Hans Makart belächelt, wenn nicht verhöhnt. Eine große Ausstellung im Wien Museum gibt nun, wie Dirk Schümer entschieden versichert, Gelegenheit zur Neuentdeckung: "Makarts sinfonisches Arrangement von durchaus impressionistischen Rot- und Blautönen, seine locker unfertig belassenen Partien von Deckweiß, welches die mürben Büsten Wiener Damen wie Spitze und Musselin umfloss, seine grandiose Personenregie, sein Instinkt für den morbiden Charme des Manierismus, dem er zuletzt mit irren Architekturphantasien im Gigantismus eines Palladio huldigte - all diese Qualitätsmarken rehabilitieren Makart als Epochenkünstler."

Weitere Artikel: Sandra Kegel glossiert das neue Geschäftsmodell der "Leih-Omas". Über jüngste Angriffe französischer Frauen auf männliche Bastionen bzw. die Forderung der grünen Präsidentschaftskandidatin Eva Joly, fortan auf den militärischen Umzug am Nationalfeiertag zu verzichten, schreibt Jürg Altwegg. Swantje Karich meldet, dass im Iran zwar die Sportfotografin Maryam Majd freigelassen, dafür aber die Schauspielerin und Vorkämpferin der "grünen Revolution" Pegah Ahangarani wieder verhaftet worden ist (mehr bei Spiegel online). Ums Materielle, Ideelle und Okkulte geht es in Texten, die Ingeborg Harms in deutschen Zeitschriften liest. In seiner "Klarer Denken"-Kolumne schreibt Rolf Dobelli über unser aller Tendenz zur Überschätzung der eigenen Rolle.

Besprochen werden Konzerte, darunter ein Duo-Abend mit Martha Argerich und Lilya Zilberstein, beim Klavier-Festival Ruhr, ein Brian-Setzer-Konzert in Köln, Christian Stückls Inszenierung von Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" in Oberammergau und in Laien-Passionsspielmanier sowie Bücher, darunter Wolfgang Schlüters Roman "Gruß, Greenaway!" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Frank Schirrmachrs Artikel über den Angriff des Internets auf die übrige Zeit aus der FAZ am Sonntag steht jetzt auch online.