Heute in den Feuilletons

Im Aschram seiner Tante Alice

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2011. Die SZ  durchschreitet die drei Schluchten des Liao Yiwu und chilled out im Low Theory Club. Die taz interviewt den Historiker Christian Gerlach zu seinen Untersuchungen extrem gewalttätiger Gesellschaften. Und wenn wir schon unser Gedächtnis ans Internet ausliefern, so Frank Schirrmacher in der FAZ, dann sollten wir es wenigstens mit staatlich approbierten Maschinen durchsuchen. Peter Glaser ist aber in Spiegel Online ganz beschwingt von den mnemotechnischen Potenzialen des Netzes.

Spiegel Online, 19.07.2011

Das Internet als ausgelagertes Gedächtnis der Menschheit. Was Frank Schirrmacher in der FAZ am Sonntag (und der heutigen FAZ) Angst macht, scheint Peter Glaser in Spiegel Online zu beflügeln: "Wer heute aufwächst, hat die Chance, später nicht nur Momente seines Lebens memorieren zu können, sondern ganze Abläufe - wie man sich durch den Alltag bewegt hat, wem man begegnet ist, alles eingebettet in die zugehörigen Umgebungen, durch die man sich, wie in den Panoramen von Google Street View, nach Belieben bewegen kann. Da sie den gesamten Zeitstrom in immer höherer Auflösung nachvollziehbar macht, wird eine Art der Rückschau denkbar, die einer Zeitreise ähnelt."

FR, 19.07.2011

Katrin Hillgruber schreibt zum 75. Geburtstag von Norman Manea. Auf der Medienseite berichtet Stephan Hebel von einem Appell schwedischer Anwälte an Eritreas Obersten Gerichtshof, die Inhaftierung des seit 3.586 Tagen ohne Verhandlung einsitzenden Journalisten Dawit Isaak zu überprüfen.

Besprochen werden Ausstellungen von Arbeiten der Fotografin Sibylle Bergemann im Alten Postfuhramt in Berlin und im Leonhardi Museum in Dresden, eine CD-Box mit Countrymusik von Mickey Newbury und Bücher, darunter Uwe Kolbes Essayband "Vinetas Archive" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 19.07.2011

Gestern ist Londons Polizeichef zurückgetreten, heute nachmittag muss Rupert Murdoch vor dem britischen Parlament aussagen. Für Dominic Johnson geht es bei der Affäre längst nicht mehr nur um kriminelle Recherchetechniken der News of the World: "Es ist auch nicht mehr nur ein Skandal um die parteiübergreifende Nähe des britischen politischen Establishments zum Medientycoon Rupert Murdoch und seinem Zeitungs- und TV-Imperium. Es wird zu einem Imagekrieg und zu einer Affäre über mögliche Korruption auf höchster Ebene bei der Polizei. Der Rücktritt des Londoner Polizeichefs Paul Stephenson am späten Sonntagnachmittag war zeitlich kalkuliert, um Premierminister David Cameron in maximale Nöte zu bringen."

Klaus Hillenbrand interviewt den Historiker und Genozidforscher Christian Gerlach zu seinen Untersuchungen extrem gewalttätiger Gesellschaften. Bei den Massenmorden in Indonesien in den 1960er Jahren etwa habe sich gezeigt, dass der Staat nur einer von mehreren verantwortlichen Akteuren sei: "Da bildete sich etwas, was ich eine zwar kurzfristige, aber sehr mächtige und brutale Koalition für Gewalt nenne. Eine Koalition aus den Vertretern verschiedener Parteien und Massenorganisationen, vor allem mit Teilen der indonesischen Armee verbündet und zunehmend Teilen des Staatsapparats. Diese Koalition reichte von nationalistischen Militärs über Islamisten, moderate nationalistische Muslime bis hin zu Sozialdemokraten und Trotzkisten."

Weiteres: Julia Große begibt sich auf Londons Straßen der Verzweiflung. Sabine Leucht hat sich in Oberammergau Christian Stückls Inszenierung von Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" angesehen.

Und Tom.
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NZZ, 19.07.2011

Jürgen Ritte meldet schwere Schockwellen aus Frankreich: Der Politikwissenschafter Antoine Bueno hat die dort sehr populären Schlümpfe, les schtroumpfs, als frauenfeindliche, antiintellektuelle und antisemitische Bande entlarvt hat. Jenny Berg berichtet vom Menuhin-Festival in Gsaad.

Besprochen werden Robert Wilsons Stück "The Life and Death of Marina Abramovic", Martin Walsers Roman "Muttersohn", Peggy Mädlers Debütroman "Legende vom Glück des Menschen" und Gwendoline Rileys Erzählung "Joshua SpasskY" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 19.07.2011

Zum Glück arbeitet Stefan Niggemeier nicht nur bei der FAZ, sondern hat auch noch ein Blog. Und hierfür hat er, sehr kritisch, die Klageschrift der Zeitungsverlage (inklusive FAZ) in Sachen Tagesschau-App gelesen: "Die Klageschrift der Verlage hält sich nicht lange mit einer Diskussion auf, was genau unter dem Begriff 'presseähnlich' zu verstehen ist. Im Kern ist die Argumentation gegenüber dem Gericht schlicht: 'Presseähnlich' sei all das, was Presseverlage machen."

Welt, 19.07.2011

Wenn er sich entscheiden müsste zwischen dem allgemein wie ein Guru angestaunten Helmut Schmidt und dem seiner Meinung nach bis heute verkannten Helmut Kohl, so Ulf Poschardt, na, dann würde er sich für Kohl entscheiden - und legt im Aufmacher dar, warum. Eckhard Fuhr empfiehlt den von den britischen Kriegsberichterstattern 1916 gedrehten Dokumentarfilm über die Schlacht an der Somme, der gerade als DVD erscheint und trotz seiner patriotischen Mission ein realistisches Bild vom grauenhaften Geschehen gibt. Jan Küveler porträtiert den amerikanischen Großkritiker James Wood.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Thomas Manns Josefsroman in Oberammergau und eine von Wayne McGregor choreografierte Hommage an Francis Bacon in Paris und Ereignisse der Ludwigsburger Festspiele.

FAZ, 19.07.2011

Aus der jüngst veröffentlichten Studie dazu, dass Suchmaschinennutzer unwichtige Fakten lieber vergessen, wenn sie wissen, wie sie am Rechner an sie gelangen (Abstract), zieht Frank Schirrmacher den maximal weitreichenden Schluss, wir gäben nicht nur unser Gedächtnis für banale Fakten, sondern gleich unser ganzes Erinnerungsleben in die Hände von Google: "Die Auslagerung des Gedächtnisses der Menschheit an einen amerikanischen Privatkonzern betrifft nicht nur das, was man schwarz auf weiß besitzt, sondern auch alles das, was durch das Ineinander von Erinnerung und Erfahrung die Identität von Menschen überhaupt erst schafft." Schirrmachers Schluss: "Eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart." Sehr gut, lasst uns eine Kommission bilden!

Weitere Artikel: Über den heftigen Streit um das von der Simon-Wiesenthal-Stiftung geplante "Toleranz-Museum" in Jerusalem, das auf einem ehemaligen Parkplatz gebaut werden soll, der aber an Stelle eines davor dort befindlichen muslimischen Friedhofs lag, berichtet Hans-Christian Rössler. Maria Frise hat sich mit Antje Vollmer getroffen und über ihr Buch "Doppelleben" gesprochen, das das Schicksal des Widerstandskämpfers Heinrich Graf Lehndorff und seiner Frau schildert. Jan Brachmann kommentiert die Übersetzung des Vaterunser, die kein Geringerer als Bundestagspräsident Norbert Lammert für eine Vertonung durch Stefan Heucke angefertigt hat. Von einer Tagung in Münster zur Frage der Straßenumbenennung berichtet Martin Otto. In Sangershausen gibt es, wie Arnold Bartetzky hoch erfreut feststellt, in einer modellhaft sanierten Siedlung die "Versöhnung von energetischer Ertüchtigung und Denkmalschutz" zu bewundern. Nach Pfusch am Bau steht der von Herzog & De Meuron entworfene Erweiterungsbau des Museums Küppersmühle in Duisburg vor dem Scheitern - ein großer Verlust, findet in der Glosse Andreas Rossman, wäre es nicht. 

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des Caspar-David-Friedrich-Schülers Johann Gustav Grunewald im Vineta-Museum Barth und Bücher, darunter Maja Haderlaps beim auszugsweisen Bachmann-Vorlesen preisgekrönter Debütroman "Engel des Vergessens" (Wiebke Porombka ist nicht restlos überzeugt, mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 19.07.2011

Geradezu feierlich bespricht der Adorno-Biograf Detlev Claussen Liao Yiwus gerade bei Fischer erscheinenden "Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen": "Seine 'drei Schluchten' sind das Untersuchungsgefängnis, das Gerichtsgefängnis und das Arbeitslager." Und: "Alles, was Liao durch einen qualvollen Schreibprozess für sich selbst leistet, tut er auch für andere: Liao stellt die menschliche Würde der Erniedrigten und Beleidigten wieder her. Doch große Kunst wie diese ist nicht versöhnlich, sondern sehr schmerzhaft. Der Leser sollte gewarnt sein."

Jonathan Fischer ist nach hundert Meter Schlangestehen in den "Vatikan aller Laptop-Tüftler", den "Low End Theory Club" (Website), gelangt, den angesagtesten Club der Welt, der aber nicht in Berlin, sondern in Los Angeles ist. Seele des Clubs ist der Musiker Steve Ellison alias Flying Lotus: "Die Überschneidung verschiedener Musikuniversen ist schon in seiner Biographie angelegt: Der Neffe von John Coltrane wuchs im Aschram seiner Tante Alice Coltrane mit Meditations-Chören auf, kiffte später mit den Hip-Hop-Veteranen Dr. Dre und Snoop Dogg..."

Weitere Artikel: Rudolf Neumaier ist nicht einverstanden mit dem von kircheninternen Kritikern herausgegebenen Band "Hände weg! - Sexuelle Gewalt in der Kirche". Alexander Menden begutachtet den von Eric Parry verantworteten Anbau des Holburne Museums in Bath, Abgedruckt wird die Rede Martin Mosebuchs zur Wiedereröffnung des Museums Kunst Palast in Düsseldorf. Jörg Häntzschel unterhält sich mit Gary Shteyngart über dessenneuen Roman "Super Sad True Love Story".

Besprochen wird ein "Baumeister Solness" in der Regie von Marcus Lobbes in Wuppertal.