Heute in den Feuilletons

Etwas explodiert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2011. Der Guardian feiert das Ende einer "revolutionären Woche". In poynter.org scheut Guardian-Redakteur Ian Katz nicht den Vergleich mit der Watergate-Affäre. Auch in Deutschland wird gegen die Boulevardpresse gekämpft: Die Berliner Zeitung meldet, dass die ARD angeblich eine heimliche Equipe zusammenstellt, um auf eine kommende Bild-Serie über die Anstalten zu antworten. Hintergrund: der Streit um die Tagesschau-App.  Fast alle Zeitungen feiern Asghar Farhadis Berlinale-Sieger "Nader und Simin" als Meisterwerk - nur die FR findet den Film ein wenig regimefreundlich.

Weitere Medien, 14.07.2011

Rupert Murdoch musste sich zurückziehen und wird die restlichen Anteile an BSKyB vorerst nicht kaufen können. Hier die letzten Worte des Guardian-Editorials über eine "revolutionäre Woche": "The world is changing. Mr Murdoch's spell has been broken. The BSkyB deal is off. The inquiry can lead to a cleaner, more plural, future. Mr Cameron is trapped by his past."
Stichwörter: Rupert Murdoch

Berliner Zeitung, 14.07.2011

(Via turi2) Der Streit zwischen den Verlagen und der ARD scheint sich zuzuspitzen. Ein erstaunliches Gerücht verbreiten die Vermischten Seiten der Berliner Zeitung. Die Intendanten der ARD sollen beschlossen haben, eine "virtuelle Medienredaktion" einzurichten, die sich besonders auf die Bild-Zeitung einschießen soll: "Der Anlass für das plötzliche Interesse an Medienjournalismus bei der ARD ist eine geplante Bild-Serie über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, an der seit geraumer Zeit eine ganze Task Force aus Bild-Leuten arbeitet. Dazu muss man wissen, dass ein einziger Anruf aus der Bild-Redaktion bei einer ARD-Pressestelle genügen kann, um nahezu die gesamte ARD-Kommunikation lahmzulegen." Angeblich spekuliert man bei der ARD aber auch auf eine Art Burgfrieden: "Sollte das Blatt die Serie unter Verschluss halten, werde auch die virtuelle Medienredaktion wieder in der Versenkung verschwinden." Auch der Dumont-Konzern, zu dem die Berliner Zeitung gehört, macht mit bei der Klage gegen die App.
Stichwörter: ARD, Bild-Zeitung

Aus den Blogs, 14.07.2011

Mallary Jean Tenore unterhält sich auf poynter.org mit dem Guardian-Redakteur Ian Katz, der die Enthüllungen in der Affäre um die News of The World seit zwei Jahren maßgeblich vorangetrieben hat. Er scheut auch vor dem Watergate-Vergleich nicht zurück: "Once we were convinced that the police in particular had done their best to make the problem go away, rather than genuinely investigating it, you felt there was a really important story about the abuse of power through a whole range of different institutions. I absolutely think this is a parable about what happens when too much power is concentrated in the hands of one person in society. Institutions then get contaminated."
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Stichwörter: Tenor

Freitag, 14.07.2011

Alexander Schimmelbusch interviewt James Wood, den "Reich-Ranicki der amerikanischen Literturkritik". Das Lustigste ist eigentlich Schimmelbuschs Beschreibung des Zustands der deutschen Ltieraturkritik: "Der deutsche Literaturbetrieb ist klein und inzestuös, und alle treffen sich ständig auf Drinks, insbesondere in Berlin, und jeder verkneift sich seine Verrisse, um unangenehme Situationen auf Cocktailpartys zu vermeiden."

Spiegel Online, 14.07.2011

Alle sprechen von Google Plus. Aber das eigentliche große Ding ist doch Evernote, mit dem man sein gesamtes Leben protokollieren wird (und darum wird man auch eines Tages dafür zahlen). Konrad Lischka interviewt den Erfinder Phil Libin, der sein Konzept so erklärt: "Wenn Leute vor fünf Jahren im Cafe auf jemanden gewartet haben, saßen sie einfach da. Heute nimmt fast jeder sein Smartphone aus der Tasche und macht irgendetwas in diesen fünf Minuten. Wir sehen das so: Wenn jemand Ablenkung will, nutzt er in dieser Zeit Facebook. Wer sich produktiv fühlen, etwas erreichen will, soll in diesen fünf Minuten Evernote nutzen."

TAZ, 14.07.2011

Die Titelseite der taz knallt einem heute morgen die Schlagzeile "Verdacht auf Missbrauch in zwei Dritteln aller Kinderheime" entgegen. Das habe eine Studie des Deutschen Jugendinstituts DjI ergeben, berichtet Paul Wrusch. Bei weiterer Lektüre des Artikels stellt sich dann heraus, dass sich "rund 60 Prozent" der befragten 1525 Schul- und Heimleiter gar nicht beteiligt haben. "'Die Zahlen sind also mit Vorsicht zu genießen", sagte selbst DjI-Direktor Rauschenbach." Ach so.

Im Kulturteil wundert sich Rudolf Walther mit Blick auf den gestrigen Artikel von Egon Flaig (mehr hier), dass der FAZ "in Sachen Habermas noch das abgeschmackteste Meinen eine Breitseite wert ist". Auf der Meinungsseite verteidigt die Product Managerin Franziska Heine die politische Partizipation im Internet.

Besprochen werden Asghar Farhadis Film "Nader und Simin - Eine Trennung" (dazu gibts ein flaues Interview mit dem Regisseur), Hugo Vieira da Silvas Spielfilm "Swans" über die Krise eines Heranwachsenden, Richard J. Lewis' Verfilmung des Romans "Barney's Version" von Mordecai Richlers und ein Konzert von Snoop Dogg in der Berliner Columbiahalle.

Und Tom.

NZZ, 14.07.2011

Christine Wolter reist durch die beneidenswerten Kulturlandschaften des Piemont. Besprochen werden das wirklich finale Ende von "Harry Potter and the Deathly Hallows", die Tragikomödie "Lo mas importante de la vida es no haber muerto", eine Schau von Kurt Schwitters Zeichnungen im Sprengel-Museum in Hannover und Bücher: Karl Jaspers' neuaufgelegte Abschiedsvorlesung "Die Chiffern der Transzendenz" und Klas Östergrens Roman "Porträt eines Dandys" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 14.07.2011

Werner Bloch besucht einige Künstler in Tunis, die zwischen Euphorie und Sorge schwanken, darunter den "Fotografen der Revolution", Hamideddine Bouali: "Eines seiner Bilder ist zur Ikone geworden: eine schöne, wilde, zu allem entschlossene junge Frau, die ihre Wut wild herausschreit und eine große rote tunesische Fahne über die ausgebreiteten Arme hält. Bouali erinnert sich: 'Ich wusste gleich, dass dort etwas passiert. Es war auf einer Demonstration gegen die Islamisten, für ein säkulares Tunesien. Ich fühlte, dass dort etwas explodiert.'"

Weitere Artikel im sommerlich knappen Feuileton: Jenny Hoch feiert Asghar Farhadis Berlinale-Sieger "Nader und Simin" als subtiles Meisterwerk ("Wer behauptet, Farhadi zeige nicht genügend Haltung, übersieht, dass der Film gerade deswegen subversiv wirkt, weil man zwischen den Zeilen lesen muss"). Sarah Elsing begeht Tobias Rehbergers Brücke in form einer Metallspirale über den Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen. Johannes Wetzel besucht das Theaterfestival von Avignon. Und Manuel Brug ist durchaus erfreut über die Leistung des Harry-Potter-Darstellers Daniel Radcliffe in dem Musical "How to Succeed in Business without Really Trying" am Broadway.

FR, 14.07.2011

Im Interview mit Peter Michalzik erklärt der Hamburger Regisseur Nicolaus Stemann, wie er seine Schauspieler in den Wahnsinn treibt: "Bei mir wissen sie lange nicht, welchen Text sie sprechen, welche Figuren sie spielen, ob es überhaupt Figuren gibt, ob die Szene, die wir gerade proben, so bleibt oder noch hundert mal geändert wird... Ich mache auch vorher keine Fassung, die entsteht während der Proben. Das ist sicher oft nervig, andererseits ist man als Schauspieler dadurch aber auch mehr als nur Darstellungs-Beamter."

Als überaus formbewusstes Gesellschaftsdrama lobt Daniel Kothenschulte Asghar Farhadis Film "Nader und Simin", als "Parabel über ethisches Handeln im Alltag und die vielen Fallstricke, die eine Gesellschaft auch dem Gerechtesten legt." Aber staatskritisch sei der Film nicht gerade: "Ein kluger Richter und geduldige Polizisten, die nicht den leisesten Druck ausüben, stehen einer Diktatur nicht schlecht. Nicht den leisesten Zweifel weckt der Film am Rechtssystem eines Staates, der immerhin seine Kritiker einkerkert."

Auf der Medienseite berichtet Ulrike Simon, dass die ARD auf eine geplante Serie der Bildzeitung über die Öffentlich-rechtlichen mit einer Reihe über Boulevardjournalismus antworten will.

Besprochen werden Pauls Simons Auftritt in Mainz, ein Konzert der australischen Band Architecture in Helsinki in Frankfurt, eine Schau von Alfred Neven DuMonts Kunstsammlung im Kunstverein Talstraße in Halle.

Zeit, 14.07.2011

Auf einen neuen Pamela-Feminismus erkennt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken in der Affäre um Dominique Strauss-Kahn. In Samuel Richardsons Roman "Pamela und die belohnte Tugend" von 1740 versucht ein lüsterner Adeliger ein armes Hausmädchen zu verführen, wird aber durch ihre Tugendhaftigkeit geläutert und heiratet sie: "Letzten Endes ging es in der bürgerlichen Revolution auch um das Aufräumen mit einem Frauentypus, der sich nicht zur Ehefrau und Mutter reformieren ließ: dem der französischen adeligen Frau... Dagegen steht nun das Bollwerk der bürgerlichen, unverführbaren Tugend auf. Für sie gehören in der neuen Rolle der Ehefrau und Mutter Sex und Ehe untrennbar zusammen. Adelige Weiblichkeit wird durch bürgerliche Mütterlichkeit aus dem Feld geschlagen, adelige Männlichkeit dagegen gründlich reformiert zum treuen Ehemann und sorgenden Vater."

Das Blut gefror dem Osteuropahistoriker Jörg Baberowski beim Lesen von Timothy Snyders "Bloodlands". Rein erzählerisch hält er es für ein Meisterwerk. Aber er sieht den amerikanischen Historiker auch an seinem Ziel scheitern, nämlich die nationalsozialistischen und stalinistischen Verbrechen in der Ukraine und Weißrussland in einen Zusammenhang zu bringen: "Auf die eigentliche Frage bleibt Snyder die Antwort schuldig: wie nämlich die Verbrechen der einen die Verbrechen der anderen radikalisierten und legitimierten und warum sich die diese Radikalisierung in den Bloodlands im Osten Europas vollzog. Denn die Bloodlands waren natürlich nicht einfach da." (Hier unser Vorgeblättert)

Weiteres: Der Dramatiker Moritz Rinke kommt den Nachrichten nicht mehr hinterher und auf den Grund und stemmt sich gegen die "Tyrannei des Augenblicks": "Erst die Ereignisse ohne Nachklang, dann die Entscheidungen ohne Gedächtnis." Katja Nicodemus unterhält sich im Aufmacher mit der wunderbaren Geraldine Chaplin über ihren Vater Charlie Chaplin, dem das Berliner Babylon gerade eine große Retrospektive widmet. Kilian Trotier schreibt über das bereits hoch und runter gefeierte "postmigrantische Theater" des Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße. Thomas Schmidt besucht die Goethe-Institute in New York und Kalkutta. Abgedruckt wird ein Auszug aus dem Buch "Für ein Lied und hundert Lieder", in dem der gerade aus China nach Berlin geflüchtete Liao Yiwu von seinen Jahren im Gefängnis erzählt.

Besprochen werden eine Ausstellung über den guten Geschmack in der Kunsthalle Baden-Baden, Martin Walsers Roman "Muttersohn" und W.M. Thackerays "Buch der Snobs" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

SZ, 14.07.2011

Asghar Farhadi, Regisseur des in diesem Jahren mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten iranischen Films "Nader und Simin - eine Trennung", lüftet den Schleier der Frauen im Iran: "Wenn man von außen, vom Westen her, auf die iranische Gesellschaft schaut, trennt man wohl Männer und Frauen stärker, als das in Iran tatsächlich der Fall ist. In den intellektuellen Bewegungen halten Männer und Frauen zusammen."

Weitere Artikel: Andrian Kreye berichtet von der Ted-Konferenz in Edinburgh, bei der die Vortragenden zu Optimismus, Hoffnung und Utopie neigten. Vom Theaterfestival in Neapel berichtet Henning Klüver. Wie ausgerechnet Kunsträuber die Archäologen zu einem spektakulären Nymphäum im italienischen Nemisee führten, schildert Gottfried Knapp. Einen Münchner kunsthistorischen Kongress zu Körperbildern der Frühen Neuzeit hat Susanne Gmür besucht. Catrin Lorch schreibt zum Tod des Künstlers Norbert Tadeusz.

Besprochen werden die Münchner Ausstellung "Die Weisheit baut sich ein Haus" zur Geschichte der Bibliotheksarchitektur im Architekturmuseum der TU München, neue anlaufende Filme, darunter der neue und letzte Potter und Guillaume Canets in Frankreich so überaus erfolgreiche Komödie "Wahre kleine Lügen" und Bücher, darunter Martin Walsers neuer Roman "Muttersohn" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 14.07.2011

Zwar sieht Frank Rieger das von Google finanziell unterstützte Berliner Forschungsinstitut für "Internet und Gesellschaft" so wenig wie den Konzern selbst ausschließlich negativ. Aber zuletzt werde sich Google damit durchaus und bei aller ostentativ erklärten Unabhängigkeit selber helfen wollen: "Es scheint, als hätte das Unternehmen ... eine gewisse aspergerartige Betriebsblindheit entwickelt, eine Unfähigkeit, die oftmals unlogisch erscheinenden Gefühle seiner Nutzer zu erkennen und vorherzusehen. Ein externes Forschungsinstitut als sozialer Blindenhund kann hier sicher nützlich sein, um nicht zu schnell voranzupreschen."

Weitere Artikel: Rose-Maria Gropp preist den Unternehmer Reinhold Würth, der die Holbein-Madonna - "eines der schönsten und bedeutendsten Altmeistergemälde der Welt" - gekauft hat und sie wohl der Öffentlichkeit weiter zugänglich halten wird. Die Verleihung des Quadriga-Preises für die Stärkung europäischer Werte an Wladimir Putin glossiert Kerstin Holm. Sie informiert außerdem über eine von Putin unterstützte "philanthropische neue Geldwaschanlage" in Moskau namens "Federazia", die auf durch und durch undurchsichtige Weise mit Prominenten (Dustin Hoffman, Woody Allen) wirbt, die nichts von ihr wissen und Gelder sammelt, von denen keiner so genau weiß, wo sie landen. Bert Rebhandl resümiert eine Berliner Filmreihe zum arabischen Kino, die sich als außerordentlich aktuell erwies.

Über den finanzbedingten Niedergang der New York City Opera, die nach dem Auszug aus dem Lincoln Center heimatlos durch die Stadt zieht, berichtet Jordan Mejias. Bei einer festlichen musikalischen Zusammenkunft ehemaliger und aktueller Mitglieder des Arditti-Quartetts in Edenkoben war auch Gerhard Rohde zugegen. Jan Wilm referiert eine New Yorker Konferenz, bei der es um den Nachlass von Samuel Beckett ging. Hans-Peter Riese schreibt zum Tod des Künstlers Zdenek Sykora. Gemeldet wird, dass ausgerechnet FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners als erster auf eine neue Ralf-Dahrendorf-Gastprofessur an der Universität Konstanz berufen wurde (und über Integration dozieren darf) und dass FAZ-Mitarbeiter Joseph Hanimann den Berliner Preis der Literaturkritik erhält.

Besprochen werden die Ausstellung mit Werken von Charley Harper im Hamburger Kunstverein, die bisher erschienenen Teile einer Gesamtaufnahme des Klavierwerks von Amy Beach, eine Einspielung von Louis Spohrs Komposition "Der Alchymist", Asghar Farhadis Berlinale-Gewinner "Nader und Simin - eine Trennung" (auf der Kinoseite gibt es auch ein Interview mit dem Regisseur) und Bücher, darunter Silvia Avallones Roman "Sommer aus Stahl" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).