Heute in den Feuilletons

Halbkriminell und verlogen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2011. Die FAZ erinnert an den Historikerstreit vor 25 Jahren und bringt eine wilde Polemik des Althistorikers Egon Flaig, der Habermas vorwirft, Zitate manipuliert zu haben, und überhaupt nicht einsieht, warum er den Holocaust "einzigartig" finden soll. Die New York Times bringt eine Verteidigung Rupert Murdochs und eine Verteidigung der Journalisten, die die Machenschaften seiner Medien bloßstellten. In der FR spricht Asghar Farhadi über Zensur im Iran und Wohlwollen im Westen.

FR, 13.07.2011

Patrick Heidmann interviewt Asghar Farhadi, dessen Berlinale-Gewinner "Nader und Simin" gerade ins Kino kommt und spricht mit ihm auch über Jafar Panahi, über den ein lebenslanges Berufsverbot verhängt wurde. Solche Strafen gab es in der Islamischen Republik von Anfang an, erläutert Farhadi, aber "anders als heute gab es damals leider kaum empörte Reaktionen aus dem Ausland, wohl weil viele Intellektuelle die Revolution zunächst unterstützten. Aber auch damals hätten Festivals wie die Berlinale oder Cannes die Aufmerksamkeit auf diese Kollegen richten können! Stattdessen hat man sie in Vergessenheit geraten lassen, wo viele von ihnen einsam gestorben sind."

Weitere Artikel: Niels Kadritzke und Michalis Psalidopoulos erzählen die Geschichte des ersten griechischen Staatsbankrotts am Ende des 19. Jahrhunderts - und auch damals, so die beiden Autoren, war das Land von einer "Diskrepanz zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum" geprägt. Auf der Medienseite ruft der ehemalige Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, seine Ex-Kollegen auf, auch mal Intendanten zu küren, die aus der Welt außerhalb der Anstalten kommen.

Besprochen wird ein Band mit Kriminalgeschichten G.K. Chestertons.

TAZ, 13.07.2011

Auf den vorderen Seiten beschreibt Dominic Johnson, wie das gesamte britische Politestablischment Rupert Murdochs News of the World und fragt mit Blick auf all die Pressesprecher, die sich Labour und die Tories vom Boulevard holten: "Wenn sich erst Labour und dann die Konservativen von der journalistischen Elite des Landes generalüberholen lassen und wenn diese Elite jetzt als halbkriminell und verlogen dasteht, gilt das Gleiche dann nicht auch für die Politik?"

In der Kultur unterhält sich Dagmar Leischwo mit Debbie Harry alias Blondie über ihr neues Album "Panic of Girls" und ihr nie endendes Dasein als Sexsymbol: "Meist finde ich es Wahnsinn, dass sich die Leute bei einer 66-Jährigen immer noch Gedanken über ihre erotische Ausstrahlung machen. Natürlich achte ich auf mich, ernähre mich vernünftig und bewege mich regelmäßig."

Außerdem: Peter Unfried unterhält sich mit Dirk C. Fleck über dessen Klimawandel-Roman "Maeva!". Besprochen werden der endlich letzte Harry-Potter-Film "Die Heiligtümer des Todes" und Ausstellungen zu Re Soupault.

Und Tom.

Weitere Medien, 13.07.2011

In der New York Times hat sich glatt einer gefunden, der Rupert Murdoch verteidigt, Englandkorrespondent Roger Cohen: "Why do I still admire the guy? The first reason is his evident loathing for elites, for cozy establishments, for cartels, for what he?s called 'strangulated English accents' - in fact for anything standing in the way of gutsy endeavor and churn. His love of no-holds-barred journalism is one reason Britain?s press is one of the most aggressive anywhere. That?s good for free societies." (Hier Cohens Murdoch-Porträt in der NYT aus dem Jahr 1990.)

David Carr sieht's in der selben Zeitung dann doch anders. Ohne Bezug zu nehmen auf Jeff Jarvis, der darauf hingewiesen hatte, dass der größte Datenschutzskandal der jüngsten Geschichte von einer Zeitung und nicht vom Netz ausging, schreibt er: "How did we find out that a British tabloid was hacking thousands of voice mails of private citizens? Not from the British government, with its wan, inconclusive investigations, but from other newspapers. Think of it. There was Mr. Murdoch, tying on a napkin and ready to dine on the other 60 percent of BSkyB that he did not already have. But just as he was about to swallow yet another tasty morsel, the hands at his throat belonged to, yes, newspaper journalists."

Spiegel Online meldet unterdes, dass Murdoch den Verkauf aller britischen Zeitungen erwägt. (Die Meldung kam ausgerechnet in Murdochs Wall Street Journal zuerst.)
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Welt, 13.07.2011

Uwe Schlötz berichtet über die geplante Neubebauung der Seine-Insel Ile Seguin durch Jean Nouvel, der dort Kommerz und Kultur "harmonisch vereinen" will. Die Kirche will Bibelgeschichten für Kinder als Pixi-Bücher veröffentlichen, meldet die darüber eher nicht erfreute Lisa Marleen Grenzebach. Elmar Krekeler besuchte eine Lesung Martin Walsers in Schussenried. Ekkehard Kern ist erfreut, dass der Südsudan jetzt - unterstützt von der Berliner Organisation "Media in Cooperation and Transition" - mit The Niles eine gedruckte Zeitung hat: so wichtig für die Demokratie! Auch wenn sie nur ein einziges Mal erscheint. Alan Posener lässt an John Mearsheimers jüngstem Buch "Why Leaders Lie" kein gutes Haar.

Besprochen werden Katja Kullmanns Buch "Echtleben" und der 1930 gedrehte, anlässlich des 300. Geburtstages von Friedrich II. wieder aufgeführte Film "Das Flötenkonzert von Sanssouci".
Stichwörter: Jean Nouvel, Südsudan

NZZ, 13.07.2011

Stefan Rebenich erinnert noch einmal an den Philhellenismus Europas im 19. Jahrhundert. Marion Löhndorf berichtet vom giftigen Streit um A.C. Graylings Privatcollege, das sich eine illustre linke Professorenschaft mit wahnwitzig hohen Studiengebühren finanzieren lässt. Olga Martynova führt durch die wild wuchernde Landschaft russischer Literaturpreise.

Besprochen werden Claus Leggewies und Anne Langs Schrift "Der Kampf um die europäische Erinnerung", die Brautbriefe von Sigmund Freud und Martha Bernays sowie Karin Richners Roman "Sieben Jahre Schlaf" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 13.07.2011

Andreas Zielcke schreibt nochmal über über den "unbeirrbaren Bestrafungswunsch" im Fall DSK und ähnlich gelagerten Fällen, dem man zur Not auch die Unschuldsvermutung opfert. Jan Füchtjohann verfolgte ein Münchner Symposion zur originellen Frage, ob der Kapitalismus Unternehmer brauche und lässt sich die deutsche Angestelltenmoral von der Wissenschaft bestätigen, "die die Bedeutung einzelner Personen seit langem relativiert".

Auf der Medienseite schreibt Alexander Gorkow einen Nachruf auf den Fernsehfilmregisseur Oliver Storz. Und auch Martin Walser widmet seinem Freund Storz eine kleine Erinnerung.

Besprochen werden Asghar Farhadis Berlinale-Siegerfilm "Nader und Simin - Eine Trennung" (mehr hier), eine Max-Slevogt-Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, ein Theaterabend nach David Foster Wallace an der Ludwigsburger Akademie der darstellenden Künste, israelische Choreografien beim Tanzfestival von Montpellier, Hans Thomallas Medea-Spektakel an der Stuttgarter Oper, und Bücher, darunter Robert Louis Stevensons neu übersetzter Roman "St. Ives".

FAZ, 13.07.2011

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten wird ein Auszug aus einem Sammelband "Singuläres Auschwitz?" (mehr hier) zum Rückblick auf den Historikerstreit vor 25 Jahren abgedruckt. Der Althistoriker Egon Flaig fordert darin in starken Worten die endliche Normalisierung der deutschen Nation und wettert gegen Jürgen Habermas, dem er vorwirft, Zitate gefälscht zu haben. Die Rede von der Einzigartigkeit des Holocaust geht ihm ganz besonders auf die Nerven: "Jeder Mensch hat das Recht, einer Sache Bedeutung zu geben. Es gibt keinen semantischen Gerichtshof, welcher verbieten würde, einem Geschehnis Bedeutung zu verleihen, und der anordnen könnte, einem anderen Geschehnis Bedeutung zu entziehen. Und wenn ich behaupte, die athenische Demokratie sei ebenso einzigartig wie die Schoa, dann kann ich dafür einen guten Grund nennen: Sie ist nämlich für mich bedeutsamer als die Schoa." (Nachtrag: Der Text ist jetzt online)

Ebenfalls vorabgedruckt werden Texte aus dem demnächst erscheinenden Band der Siegfried-Kracauer-Ausgabe mit "Essays, Feuilletons, Rezensionen".

Im Feuilleton freut sich Tomas Kurianowicz über die Eröffnung des Krakauer Museums für Gegenwartskunst MOCAK (Website). Nach dem Beschluss zur Teilzulassung der PID macht sich Oliver Tolmein Gedanken zur Besetzung des vom Gesetz geforderten Ethikrats und zu Ethikkommissionen überhaupt. Die Reste britischer Architektur in Falmouth auf Jamaika begutachtet Arnold Bartetzky. In der Glosse schreibt Hannes Hintermeier über die zwanzig Jahr zurückliegenden Ereignisse, die die Tagesschau von einst jeden Abend wie von heute erscheinen lässt. Gina Thomas schreibt zum Tod von Lord Harewood, einem Vetter der Königin, der im Musikleben Großbritanniens eine wichtige Rolle gespielt hat. Den Nachruf auf den Maler Norbert Tadeusz hat Swantje Karich verfasst. 

Besprochen werden die Uraufführung neuer Kompositionen von Thomas Kessler und Peter Ruzicka bei einem Konzert des Westdeutschen Rundfunks in der Kölner Philharmonie, ein Konzert von Chick Corea und Band beim Ruhr-Klavierfestival, die Ausstellung "Erhalt uns Herr pei Deinem Wort" im Residenzschloss Dresden, der finale Potter-Film "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes II" und Bücher, darunter Nina Jäckles Roman "Zielinski" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).