Heute in den Feuilletons

Dimettiti!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.02.2011. Die SZ fragt: Wer hat Cyril Tuschis Film über Michail Chodorkowskij geklaut, der in fünf Tagen auf der Berlinale laufen soll? Alle sind begeistert von der tiefernsten und hochkomischen Szenencollage "Zwischenfälle" am Burgtheater und feiern Andrea Breth und ihre Schauspieler. Die taz fordert zusammen mit vielen anderen Medien die Freilassung der iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof. Die NZZ erklärt den Unterschied zwischen den ägyptischen Muslimbrüdern und ihrem Ableger im Gaza-Streifen, der Hamas. Und zwei Meldungen aus den Blogs: Rivva verabschiedet sich. Aol kauft die Huffington Post.

TAZ, 07.02.2011

Die taz schließt sich einem Appell an, der gegen die Inhaftierung der iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof protestiert: "Auch wir Kulturschaffende und Medienvertreter protestieren aufs Schärfste gegen das Vorgehen der iranischen Justiz und der iranischen Regierung und fordern die sofortige Rücknahme des Urteils. In Solidarität mit den Filmemachern und allen anderen kritischen Geistern im Iran werden wir unsere Webseiten am 11. Februar grün einfärben und unser Publikum über die aktuelle Situation im Iran informieren. Machen Sie mit! Färben Sie Ihre Website ein und informieren Sie Ihr Publikum über die Situation im Iran."

Auf den Tagesthemen-Seiten beschreibt Bahman Nirumand, welch verhärteten Kurs das iranische Regime nach den Protesten 2009 gegen Künstler und Wissenschaftler eingeschlagen hat: "Es gibt kaum noch kritische Autoren, die durch Schreiben ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Kritische Filme wurden verboten, Galerien geschlossen. Neu sind auch die Verbote von Auslandsreisen für Kulturschaffende und Wissenschaftler. Sie sollen so weit wie möglich isoliert werden. Demselben Zweck dienen auch die langjährigen Berufsverbote."

Außerdem: Amin Farzanefar porträtiert den Regisseur Jafar Panahi. Bert Rebhandl stellt den hierzulande etwas unbekannteren Mohammad Rasoulof als bedeutenden Filmemacher und Produzenten eigenen Rechts vor.

Im Kulturteil bilanziert Esther Boldt nach fünf Jahren recht positiv den Tanzplan Deutschland der Bundeskulturstiftung. Dominik Kamalzadeh berichtet vom Rotterdamer Filmfest, das sich in diesem Jahr dem katalanischen Kino verschrieb. Rudolf Walther war bei einem Vortrag Axel Honneths über Freundschaft. Alexander Haas meldet heftige Verhandlungen um Kölns Theaterindentantin Karin Beier.

Und Tom.

NZZ, 07.02.2011

Joseph Croitoru erklärt den Schlingerkurs, den die ägyptischen Muslimbrüder derzeit fahren, mit ihrer eigenen Ratlosigkeit: "Es würde nicht überraschen, wenn für die Islamisten schon die Suche nach einer einheitlichen und verpflichtenden Formulierung ihres Verhältnisses zum Westen oder zu Israel zu einer Zerreißprobe würde. In Ägypten wird derzeit jedenfalls für mehr Demokratie demonstriert, und entsprechend wird sich künftig auch die Muslimbruderschaft positionieren müssen, will auch sie in der Politik eine Rolle spielen. Ihre Situation mit der ihres militanten palästinensischen Ablegers Hamas zu vergleichen, der kraft einer eigenen Miliz 2007 die Macht im Gazastreifen an sich riss, wäre momentan fehl am Platz. Hassan al-Bannas Erben in Ägypten sind nicht nur unbewaffnet, sondern müssen nach wie vor den langen Arm des mächtigen ägyptischen Sicherheitsapparats fürchten.

Weiteres: Caspar Hirschi geht den Gründen für die Flucht deutscher Akademiker in die Schweiz nach. Besprochen werden Andrea Breths Theaterabend "Zwischenfälle", für den sie Georges Courteline, Pierre Henri Cami und Daniil Charms - laut Barbara Viller Heiliger ingeniös - miteinander kombiniert hat, Bernard Haitink Mozart-Konzert in Zürich.

Welt, 07.02.2011

Auch Ulrich Weinzierl ist begeistert von Andrea Breths Szenencollage "Zwischenfälle" am Burgtheater, wo Kurzdramolette von Cami, Courteline und Charms von hochvirtuosen Schauspielern mit tiefem Ernst vorgetragen werden: "Signum ihrer Inszenierung ist das Gesetz des Pokerface: Noch in Aberwitz und szenischem Nonsens wird keine Miene verzogen, damit die monströsen Miniaturen ihre volle Kraft entfalten können."

Weitere Artikel: Timo Feldhaus feiert das Debüt-Album des DJ und Pianisten James Blake, der für die Länge seiner Pausen jetzt schon berühmt ist. Jan Küveler hat eine Lesung von Dietmar Daths Bühnenwerk "Annika" in Frankfurt beigewohnt und scheint einigermaßen gelitten zu haben ("Daths Echolot zielt auf das Unterbewusstsein unserer Gegenwart, durchdringt aber kaum die eigene Text-Oberfläche.") Hannes Stein folgte einer Vorlesung Nuruddin Farahs am Bard College und empfiehlt eine Erzählung des Autors im New Yorker. Jörg Taszman berichtet über die traurige Lage des ungarischen Kinos.

Besprochen wird die Ausstellung "Elfenbein - Barocke Pracht am Wiener Hof" in Frankfurt.

Aus der Welt am Sonntag: Das Tagebuch von Hamed Abdel-Samad vom Tahrir-Platz. Hier der Eintrag vom 1. Februar: "Heute ist mein Geburtstag, ich werde 39 Jahre alt. Und ich habe das Gefühl, dass mir zwei Millionen Menschen gratulieren. So viele sind heute beim Protest mit dabei."
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Aus den Blogs, 07.02.2011

(via Gawker) AOL hat die Huffington Post gekauft, meldete gestern Kara Swisher bei All Things Digital. Für 315 Millionen Dollar in cash. Gründerin Ariana Huffington wird Chefredakteurin aller AOL-Seiten, also auch von TechCrunch und Engadget. Zu dem Deal meint Swisher: "For AOL, the deal gives them a site that is very good at generating lots page views and impressions very efficiently - which is the company's whole thrust these days. That means lots more ad inventory to sell and an injection of content talent, giving AOL more scale it desperately needs. The move also obviously gives AOL a much-needed editorial identity and cohesion, which it doesn't really have."

Das deutsche Internet wird wieder ein bisschen ärmer. Rivva, die unverzichtbare und inspirierende Blogrundschau, verabschiedet sich:



Wie jede Woche verlinkt Ulrike Langer auf lesenswerte Artikel über Internet und Medienwandel.

FR, 07.02.2011

Renate Wiggershaus liest einige Neuerscheinungen zu Freya von Moltke und ist wie alle Rezensenten ergriffen von ihrem Briefwechsel mit ihrem Mann Helmuth James, der im Gefängnis Tegel auf Prozess und Hinrichtung wartete: "Ihr Mut und ihre selbstverständliche klare Präsenz verschaffen ihr Respekt. Nie beugt sie sich. Und auch von Helmuth erwartet sie kühnes und würdiges Verhalten. 'Wenn Freisler brüllt, dann brülle wieder!'"

Weiteres: Peter Michalzik feiert Philip Roth' neuen Roman "Nemesis" als Meisterwerk. Mario Scalla verfolgte die Tagung "Gemeinsam im Niemandsland" am Frankfurter Institut für Sozialforschungt, wo einige Experten nach einer neuen Sozialordnung suchten. Besprochen werden Friederike Hellers Inszenierung der "Antigone" an der Berliner Schaubühne und Jan-Peter Wagemanns erste Oper "Legende in Amsterdam.

SZ, 07.02.2011

Auf Seite 1 erzählt Thorsten Schmitz, was dem deutschen Regisseur Cyril Tuschi passiert ist, der gerade einen Dokumentarfilm über Michail Chodorkowskij gedreht hat: sehr professionelle Einbrecher haben sein Büro verwüstet und seine Computer gestohlen. Die Endfassung des Films lag zum Glück schon bei der Berlinale: "Tuschi sagt, er glaube nicht, dass der russische Geheimdienst hinter den Diebstählen stehe. 'Das wäre zu stillos.' Seine russischen Gesprächspartner hätten ihm allerdings geraten, er müsse jetzt in Deutschland um Personenschutz bitten. Sie meinen es ernst. Sie selbst haben sich inzwischen entschieden, nicht zur Weltpremiere nach Berlin zu kommen."

Werner Bloch unterhält sich per Mobiltelefon mit dem ägyptischen Autor Alaa al-Aswani auf dem Tahrir-Platz: "Dies ist die Wiedergeburt Ägyptens. Das sei wie in Deutschland, beim Fall der Mauer. Nur sei die ägyptische Mauer noch sturer: 'Unsere Mauer will einfach nicht gehen.'" Auch in Italien wird der Regierungschef zum Rücktritt eingeladen, meldet Henning Klüver: "Am Samstag drängten sich 12.000 Menschen bei einer Veranstaltung der Intellektuellenvereinigung Liberta e Giustizia (Freiheit und Gerechtigkeit) in den überfüllten Mailänder Sportpalast unter dem Motto 'Dimettiti!' (Tritt zurück!)."

Weitere Artikel: In den Nachrichten aus dem Netz stellt Franziska Schwarz das "Singleformat" für das Kindle vor, Texte mit etwa 50 Seiten, die für 4,99 Dollar angeboten werden, was man sowohl als Sieg des kurzen Formats (für Bücherleser) als auch des langen Formats (für Zeitungsleser) ansehen kann - und nebenbei verweist Schwarz auf zwei höchst interessante Websites longform.org und longreads.com, die ausschließlich auf lange Texte verlinken. Kristina Maidt-Zinke berichtet über Streit zwischen Finnen und Finnlandschweden (nur noch knapp 5,4 Prozent der Bevölkerung) um den obligatorischen Schwedischunterricht und kulturelle Fragen. Michael Stallknecht stellt den extremst virtuosen Pianisten Marc-Andre Hamelin vor, der heute Abend in München seine selbst komponierten Etüden darbringen wird.

Aufwachen, es ist Montag! Hamelin spielt seine Etüde Nummer 3:



Besprochen werden ein offenbar höchst amüsanter Abend mit Minidramen der Franzosen Pierre Henri Cami, Georges Courteline und des russischen Autors Daniil Charms unter Andrea Breth am Burgtheater, Til Schweigers neuer Film "Kokowääh", eine Ausstellung über Andy Warhols slowakische Ursprünge in der Prager Galerie Dvorak Sec (Warhol hat mit seine Mutter tatsächlich bis ins Erwachsenenalter Russinisch gesprochen, berichtet Klaus Brill), Jewgenij Kissins Interpretation der h-Moll-Sonate von Franz Liszt in München (Wolfgang Scheiber ist nicht hundertprozentig überzeugt) und eine Ausstellung des Salonmalers Alexandre Cabanel im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

FAZ, 07.02.2011

In Übersetzung nachgedruckt wird ein zuerst bei www.jadaliyya.com erschienener, äußerst erhellender Text des US-Politologen Paul Amar über die Kräfteverhältnisse, Fraktionen und Friktionen der ägyptischen Institutionen im Angesicht des Aufstands - Titel: "Warum Mubarak am Ende ist". Amar schließt durchaus optimistisch: "Ja, das ist ein Kabinettsumbau - aber einer, der einen bedeutsamen politischen Richtungswechsel erkennen lässt. Nichts von alledem kann jedoch als Übergang zur Demokratie gelten, solange die riesige neue Koalition der lokalen sozialen Bewegungen und der internationalistisch ausgerichteten Ägypter nicht in diesen Zirkel eindringt und darauf besteht, die Bedingungen und die Tagesordnung des Übergangs zu bestimmen. Ich möchte wetten, selbst die Hardliner des neuen Kabinetts werden sich der Willenskraft der Volksaufstände von hundert Millionen Ägyptern nicht widersetzen können."

Einfach überwältigt ist Gerhard Stadelmaier von Andrea Breths Inszenierung von 53 Minidramen von Cami, Charms und Courteline unter dem Übertitel "Zwischenfälle" im Wiener Akademietheater: "Was hier zu sehen ist, ist das ganz begreifliche, wiewohl unglaubliche Glück der Katastrophen: in Zwischensphären, Lach- und Schmerzräumen, die wir Alltag oder auch manchmal 'Leben' nennen. Aber sehr gut wissen, dass dies nur ein Synonym für Wahn, Trug und Lug und Witz - und deshalb ein Trost ist. Kein Theaterabend der letzten Jahrzehnte hat dies so schlagend, so komisch, so gelächtersatt, leichterhand intelligent und wunderreich bewiesen."

Weitere Artikel: Die Universität Princeton hat die Originalbänder der Gruppe-47-Tagung, die 1966 vor Ort stattfand, ins Netz gestellt: Oliver Jungen hört sich das an und geht hart mit der selbsternannten deutschen Literaturelite ins Gericht. Über mangelnde intellektuelle Stringenz im Reformpapier der 144 Theologen ärgert sich Christian Geyer. Edo Reents lernt aus Thomas Manns Josephsroman etwas über Ägypten. In deutschen Zeitschriften liest Ingeborg Harms unter anderem etwas über die Einsamkeit im Merkur. Immer noch klarer denken kann Rolf Dobelli, der diesmal erklärt, dass uns die Dinge wertvoller vorkommen, wenn wir sie besitzen ("Endowment-Effekt").

Besprochen werden Bücher, darunter Oliver Sacks' neue Fallgeschichten "Das innere Auge" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).