Heute in den Feuilletons

Man konnte mit dem Mauspfeil darauf klicken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.11.2010. Die SZ meldet, dass Dominik Grafs TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" von ARD-Programmchef Volker Herres in den Quotenorkus verbannt wird - in der FR schwärmt Herres noch von der tollen Qualität der Serie. Das Blog The Daily Beast meldet, dass es mit Newsweek fusioniert - und Tina Brown wird Chefredakteurin von beiden. In der taz erklärt Jeremie Zimmermann von der französischen Netzbürgerrechtsgruppe La Quadrature du Net, warum das Acta-Abkommen gekippt werden sollte. Die FAZ staunt über die unnatürlich gestapelte Bauchmuskulatur in den Zeichnungen Michelangelos

NZZ, 12.11.2010

Jetzt hat die Unesco also doch noch dem in Teheran geplanten Philosophiekongress ihren Segen entzogen, berichtet Alessandro Topa, der im Iran geradezu eine zweite Kulturrevolution gegen die Philosophie im Gange sieht. "Das spiegelt sich nicht nur in vermehrten Treffen der Kongressleitung mit Klerikern aus Ghom wider, sondern auch in der verblüffend hohen Anzahl angekündigter iranischer Vorträge, deren Begutachtung kurz vor Kongressbeginn noch ausstehen soll. Politischer Druck und der Verdacht, dass der wahre Grund der schleppenden Begutachtung die Verschleierung einer Usurpation des Philosophie-Kongresses durch radikalislamische Theologen ist, haben die Unesco nun offenbar in vorletzter Sekunde dazu bewogen, sich aus Teheran zurückzuziehen."

Jeannette Villachica ist in Hamburg Claude Lanzmann begegnet. Etwas unwirsch war er: "Ob er derzeit Projekte habe? Ja, er plane ein Buch mit Texten, die er im Laufe seines Lebens geschrieben habe, und er wolle noch mindestens zwei Filme über die Shoah drehen. 'Und dann mache ich einen Sexfilm.'"

Besprochen werden New Yorker Ausstellungen über "Schönheit und Rebellion" im Moma, im Guggenheim, im Metropolitan Museum of Art, Richard Strauss' Oper "Elektra" im Grand Theatre in Genf und das Album "Everybody Knows" der Young Gods.

TAZ, 12.11.2010

Jeremie Zimmermann, Mitgründer und Sprecher der französischen Netzbürgerrechtsgruppe La Quadrature du Net, erklärt seine Kritik am geplanten Anti-Counterfeiting Trade Agreement, dem so genannten Acta-Abkommen, das geheim verhandelt wird und als "Allzweckwaffe" gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen von gefälschten Markenshirts über Gourmetprodukte bis zu Filesharing via Internet eingesetzt werden soll: weil es völlig neue strafrechtliche Sanktionen einführe. "Das allein würde schon rechtfertigen, das gesamte Abkommen zu kippen - denn solche Zwangsmaßnahmen sollten nicht geheim verhandelt, sondern öffentlich und demokratisch debattiert werden."

Auf der Meinungsseite kommentiert der Schriftsteller Ralf Bönt giftig den offenen Brief von Alice Schwarzer an Familienministerin Kristina Schröder, die ein eigenes Referat für Jungs gründete: "Jungenreservate, Männerhäuser: Alice Schwarzer ist am Ziel. Aber sie sieht es leider nicht ein."

Im Kulturteil Besprechungen. Vorgestellt wird das geniale Münchner Ukulelenduo Coconami, das bayrisches und fernöstliches Liedgut gleichermaßen respektvoll wie schräg aufmöbelt, Guy Maddins filmische Hommage an seine Heimatstadt "My Winnipeg", Tony Scotts Actionthriller "Unstoppable - Außer Kontrolle" und Alben von Robert Owens, dOP und Bozzwell.

Außerdem würdigt Diana Aust in einem Nachruf Dino De Laurentiis, Produzent von Filmklassikern wie "La Strada" und "King Kong".

Und Tom.

FR, 12.11.2010

Peter Glaser erinnert auf der Medienseite daran, dass vor zwanzig Jahren eine Website mit folgendem Text online ging: "'A link is the connection between one piece of hypertext and another'. Das Wort 'hypertext' war blau hervorgehoben. Man konnte mit dem Mauspfeil darauf klicken und bekam ein weiteres Dokument angezeigt. Diese Seite veränderte die Welt."

Während die SZ bereits meldet, dass die ARD Dominik Grafs Serie "Im Angesicht des Verbrechens" so schnell wie möglich wegsenden will, darf Programmchef Volker Herres im Interview mit Björn Wirth Krokodilstränen über die niedrige Quote vergießen: "Ich bedauere sehr, dass die Serie bisher nicht mehr Zuschauer in ihren Bann gezogen hat."

Im Kulturteil unterhält sich Arno Widmann mit dem Frankfurter Museumsleiter Vinzenz Brinkmann über die knallige Farbigkeit der Antike. Tom Mustroph interviewt die Initiatorinnen des Kunstprojekts systemfehler_neustart über die Programmierfehler der Berliner Demokratie. Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod des italienischen Filmproduzenten Dino de Laurentiis.

Besprochen werden Johann Kresniks Stück "Fürst Pücklers Utopia" am Theater Cottbus, ein von Walter Homolkas Band über die türkische Bildungsbewegung Gülen "Muslime zwischen Tradition und Moderne" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 12.11.2010

Erinnert man sich eigentlich noch an die DDR, fragt Dirk Pilz 21 Jahre und zwei Tage nach dem 9. November 1989: "Merkwürdig, diese Stille im Land, nicht nur im Osten. Merkwürdig, dass die Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen von ihren Eltern, Freunden und Nachbarn nicht wissen will, warum sie damals dies oder das getan, gedacht und gehofft - oder eben nicht getan, gedacht und gehofft haben. Wenn man durchs Land fährt und den Leuten zuhört, erlebt man vornehmlich Depression - oder Desinteresse."
Stichwörter: 9. November

Welt, 12.11.2010

Heimo Schwilk besucht den Regisseur Hans-Jürgen Syberberg auf dem Gutshof seiner Eltern in Nossendorf, in der verlorensten Ecke Mecklenburg-Vorpommerns - Syberberg rekonstruiert das Haus und hält das geneigte Publikum darüber auf einer Internetseite und einer heute eröffnenden Ausstellung in Berlin auf dem laufenden. In der Leitglosse informiert Harald Peters, dass die Unesco nun auch noch eine Liste des immateriellen Kulturerbes anfertigen will und zur Bewerbung aufruft ("Luxemburg geht mit der Echternacher Springprozession ins Rennen, Belgien mit dem Karneval in Aalst...") Laura Ewert besucht eine vom Deutschen Musikrat ausgerichtete Meisterklasse für Nachwuchspopkräfte in Niedersachsen. Gerhard Midding schreibt zum Tod des großen Kinoproduzenten Dino De Laurentiis.

Besprochen wird eine Ausstellung über die Malerei des Naturalismus im Amsterdamer Van-Gogh-Museum.

Weitere Medien, 12.11.2010

Ingo Way berichtet in der Jüdischen Allgemeinen, dass einige Dutzend Nobelpreisträger einen Aufruf unterzeichnet haben, der gegen die in der akademischen Welt so modischen Forderungen nach Israelboykott eintritt. Anlass war ein Boykottaufruf der Uni Johannesburg. Und dann noch dies: "Derweil gibt es aus Südafrika Erfreuliches zu berichten: Die Kapstädter Oper hört nicht auf Bischof Tutu. Dieser hatte das Ensemble aufgefordert, ein für diesen Monat geplantes Gastspiel in Tel Aviv abzusagen, denn, so Tutu laut Radio Vatikan: 'Die Oper von Tel Aviv wird vom israelischen Staat subventioniert. Sie zieht internationale Künstler an und will damit den trügerischen Eindruck erwecken, dass Israel eine zivilisierte Demokratie wäre.'"

Aus den Blogs, 12.11.2010

(Via paidcontent.org) Eine seltsame Medienfusion annonciert Tina Brown vom Blog Daily Beast, das von nun an mit dem notleidenden Printmagazin Newsweek zusammengeht: "What does this exciting new media marriage mean? It means that The Daily Beast's animal high spirits will now be teamed with a legendary, weekly print magazine in a joint venture, named The Newsweek Daily Beast Company, owned equally by Barry Diller?s IAC and Sidney Harman, owner (and savior) of Newsweek. As for me, I shall now be in the editor-in-chief?s chair at both The Daily Beast and Newsweek..."

SZ, 12.11.2010

In ihrer gekürzt abgedruckten Marbacher Schillerrede erinnert sich die Schriftstellerin Brigitte Kronauer an die mündliche Erzählkunst ihrer Mutter - und erklärt zugleich, warum gekonntes Erzählen eine alles andere als naturwüchsige Sache ist: "Wer glaubt zu reden, wie ihm 'der Schnabel gewachsen ist', bewegt sich umso ahnungsloser in den vorfabrizierten Gleisen von Sprache und Sound. Das Gespinst literarischer Kolportage will uns mit den ersten Sätzen unseres Lebens einhüllen, und die Gerüchte über Art, zeitliche Abfolge, Dramatik unseres Erlebens sind zäh. Wenn es aber heißt, da könne 'endlich jemand wieder oder noch erzählen', meint man wohl das gelungene, meinetwegen auch einfallsreiche Erfüllen jener überlieferten Normen, denen andere Schriftsteller wohl gerade nicht in ungebrochenem Schwelgen folgen wollen, auch, was nicht sicher ist, wenn sie es könnten."

Online erklärt uns Christian Krauß, Geschäftsführer der VG Musikedition, warum Kinder Raubkopierer sind, wenn sie im Kindergarten einfach "Laterne, Laterne" singen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen: "Künstlerische Werke sind bis 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten urheberrechtlich geschützt. Traditionelle Martinslieder wie 'Sonne, Mond und Sterne' sind längst frei von Rechten. Aber es gibt viele wirklich neue Kinderlieder und gerade von 'Laterne, Laterne' auch neue Textbearbeitungen. Dabei handelt es sich um geistiges Eigentum, und das müssen wir schützen."

Weiteres: Den fahrlässigen Umgang der italienischen Regierung mit nationalem Kulturgut kritisiert anlässlich des Zusammenbruchs des "Hauses der Gladiatoren" in Pompeji Henning Klüver (mehr dazu in der FAZ). Was Hubert Burda bei der Vorstellung des von ihm herausgegebenen Bandes zum "Iconic Turn" im großen wie im kleinen Kreis sagte, weiß Volker Breidecker zu berichten. Andreas Zielcke sieht in den unterschiedlichen Reaktionen auf die gegenwärtige Krise in Frankreich, Großbritannien, USA und Deutschland bei aller Globalisierung die typischen nationalen Prägungen voll in Kraft. Ein Gespräch des Kulturwissenschaftlers Joseph Vogl mit Karin Harrasser zum Thema Zombies und Untote, das sich im Magazin der Kulturstiftung des Bundes abgedruckt findet, referiert Fritz Göttler. (Warum kann man das Magazin kostenlos bestellen, aber nicht kostenlos im Netz lesen?) Jürgen Berger gratuliert dem Freiburger Theater zum Hundertsten und berichtet über mehr oder weniger gelungene aktuelle Aktionen zum Thema Integration. In einer dpa-Meldung ist zu erfahren, dass Mario Vargas Llosa die Entscheidung seiner Agentin, den jüngsten Roman an den Höchstbieter Rowohlt zu verkaufen, in einem Brief an Ulla Berkewicz bedauert: "Du bist meine Verlegerin jetzt wie zuvor, und ich hoffe, dass Du es auch in der Zukunft sein wirst." Zum Tod des legendären Filmproduzenten Dino de Laurentiis schreibt Susan Vahabzadeh.

Christopher Keil kritisiert auf der Medienseite die Entscheidung der ARD, die nicht als Quotenerfolg betrachtete Serie "Im Angesicht des Verbrechens" überhastet zuende zu senden: "Dominik Graf, der 'Im Angesicht des Verbrechens' als Regisseur schuf, erkennt darin 'das Einknicken vor der Quote' und empfindet das wie 'eine Ohrfeige für den treuen Zuschauer'." Außerdem erklärt Frank Nienhuysen, warum in Russland kaum jemand Präsident Medwedjews Versicherung glauben mag, der brutale Gewaltakt gegen den Journalisten Oleg Kaschin werde schnellstmöglich und ohne Rücksicht auf die Herkunft der Täter aufgeklärt. (Hier ein Video von dem Überfall, der von einer Überwachungskamera aufgenommen wurde)

Besprochen werden ein Konzert der Geigerin Julia Fischer und des London Philharmonic Orchestra unter Vladimir Jurowski in München und eine Ausstellung mit Werken des Fotografen Roger Ballen im Münchner Stadtmuseum.

FAZ, 12.11.2010

Voller Bewunderung steht Dirk Schümer vor den Zeichnungen Michelangelos, die in der Wiener Albertina zu einer großen Schau versammelt sind. Besonders beeindruckend scheinen Schümer die Körperstudien: "Ein halbes Dutzend muskulöser Beine, wellige Fußsohlen, ein gelassen gelagerter Torso mit unnatürlich gestapelter Bauchmuskulatur, wie Michelangelo diese heikle Körperpartie zeitlebens lieben sollte. Seine Kämpfer dreht Michelangelo wie Korkenzieher, er schraffiert serielle Muskelmassen ins Palimpsest und setzt mit Weißhöhungen Bodybuilder-Akzente, als wolle er bereits das nackte, absurde Getümmel seines Weltgerichtes in der Sixtinischen Kapelle auftürmen." 

In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne beschäftigt sich Constanze Kurz mit der Frage nach dem dauerhaften Überleben elektronischer Daten: "Das Problem der digitalen Langzeitarchivierung ist also ähnlich ungelöst wie die Endlagerung von Atommüll. Was aber die Menschheit nicht daran hindert, immer mehr davon zu produzieren. Vielleicht schreiben Sie doch mal wieder einen handgeschriebenen Brief. Die Chancen, dass er in hundert Jahren noch lesbar ist, liegen weit höher als bei einer E-Mail."

Weitere Artikel: Andrea Diener testet die jüngste Generation der E-Book-Reader von "Oyo" bis "Kindle" und findet sie alles in allem vielleicht doch noch nicht ganz "ausgereift". Die Hintergründe der wütenden Studierendenproteste in Großbritannien erläutert Gina Thomas. Die massive Erhöhung der Studiengebühren findet sie dabei nicht so problematisch wie die für die Geisteswissenschaften äußerst bedrohliche Ideologie, dass das Studium nichts weiter als eine zu leistende "Investition" sei. In der Glosse fände es Marcus Jauer erfreulich, wenn aus dem Berliner Schloss kein Stuttgart 21 würde. Ulrich Olshausen resümiert das Berliner Jazzfest, das ihn vor allem in seinem "jazzigsten Nicht-Jazz"-Moment überzeugte. Andreas Kilb schreibt zum Tod des Filmproduzenten Dino de Laurentiis.

Besprochen werden Musiktheater mit Texten von Tomasz Man in Aachen, Ralf Westhoffs Beziehungskomödie "Der letzte schöne Herbsttag" (mehr) und Bücher, darunter der dritte Band von Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma "Künstler der Schaufel" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Auch in der FAZ am Sonntag wurde im Rahmen der Berichte über die Historikerstudie zum Auswärtigen Amt die Entdeckung einiger Dokumente groß herausgestrichen - aber diese Dokumente waren zum Teil längst bekannt, berichtet Rainer Blasius im politischen Teil. Wie neu ist etwa die Reisekostenabrechnung des "Judenreferenten" Franz Rademacher, die überall zitiert wurde? Überhaupt nicht neu, schreibt Blasius: In der FAZ wurde schon 1952 darüber berichtet. In diesem Jahr wurde Rademacher ein Prozess gemacht. Einige Jahre später berichtete auch der Spiegel: "In der Nürnberger Schwurgerichtsverhandlung 1952 leugnete der Angeklagte Rademacher so lange, bis der Staatsanwalt Reisekostenabrechnungen aus den Akten verlas."