Heute in den Feuilletons

Noch immer herrscht Ausnahmezustand

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2010. Die NZZ würdigt die Anerkennung des dritten Geschlechts in Indien und Pakistan. In La regle du jeu schreibt Isabelle Adjani an Sakineh Ashtiani, die gesteinigt werden soll. Die Welt schickt eine Reportage aus Thailand, wo der Krieg der Roten und der Gelben nur oberflächlich befriedet ist. Die SZ beschreibt den Kampf des türkischen Pianisten Fazil Say gegen den Arabesk-Pop seines Landes. Die FAZ erstirbt mit Mahlers Neunter unter Abbado.

Welt, 24.08.2010

Marko Martin schickt eine Reportage aus dem einige Monate nach den Unruhen zwischen "Roten " und "Gelben" nur oberflächlich befriedeten Thailand: "Noch immer herrscht Ausnahmezustand, noch immer verhindert die Pressezensur auch nur den Beginn einer rationalen Debatte: Weshalb etwa gilt der vom exilierten Ex-Premier, dem Multimilliardär und kurzzeitigen 'Manchester United'-Besitzer Thaksin gesponserte Protest der größtenteils aus ärmeren Schichten stammenden 'Rothemden' als verwerflich, wenn doch in den letzen Jahren auch die königs- und militärnahen 'Gelben' auf die Straße gegangen waren, um gegen Thaksins immerhin demokratisch gewählte Leute zu protestieren?"

Weitere Artikel: Paul Jandl berichtet, dass der komplizierte Raubkunst-Clinch um Egon Schieles "Bildnis Wally" glücklich beendet ist. Hanns-Georg Rodek glossiert die Vermarktung des "Avatar"-Films, der sein Potenzial offenbar nicht ausgeschöpft hat und nochmals in die deutschen Kinos kommt. Besprochen wird der späte Stallone-Film "Expendables".

Aus den Blogs, 24.08.2010

Einen täglichen Brief an Sakineh Ashtiani, die gesteinigt werden soll, lässt Bernard-Henri Levy aus seinem Blog La regle du jeu veröffentlichen. Der erste ist von Isabelle Adjani und klingt, als sei er von Victor Hugo persönlich gedichtet: "Die Ihnen schreibt, ist eine französische Schauspielerin, deren künstlerische Aufgabe es ist, die Widersprüche und Leiden häufig tragischer Heldinnen auf sich zu nehmen. Sie ist nur das winzige Anhängsel jenes Schicksals der Frauen, das Sie verkörpern, und Ihrer Weigerung so sterben zu wollen, wie es ihre Scharfrichter im Namen einer kriminellen Ignoranz beabsichtigen. Sie wollen die Herrlichkeit ihrer Würde beschädigen. Die Idee der Liebe, die Sie in Ihrer Freiheit verkörpern, lässt sie vor Wut schäumen."

Auch in Deutschland lehren evangelikale Schulen angeblich (und mit Staatsgeldern) Kreationismus (mehr zum Beispiel hier und hier). Im multikulturellen Großbritannien ist das Problem noch schlimmer - Richard Dawkins hat hierüber einen Film gemacht. Paul Sims betont im Blog des New Humanist, dass naturwissenschaftliche Fakten entgegen der Meinung von Pastoren und islamischen Gelehrten nicht Auslegungssache sein können: "Of course, in some areas education is about coming to your own conclusions on subjective matters, but it is also, in many ways, about children learning objective facts from adults that know them. And yes, I'm aware that evolution by natural selection is not, strictly speaking, a fact. But for the purposes of schoolchildren asking the question 'Do humans really share a common ancestor with apes?', the answer is, to all intents and purposes, 'yes'."

Clemens Heni denkt in seinem Blog über den Gebrauch des Worts "Muselmane" bei dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben nach: "Dieses Wort bezeichnete diejenigen KZ-Häftlinge, die so abgemagert und körperlich wie psychisch am Ende waren, dass der Tod unmittelbar bevor stand. Agamben kommt zu dem unsagbaren Satz: 'Jedenfalls wissen die Juden in Auschwitz, und dies wirkt wie eine grausame Selbstiroinie, dass sie nicht als Juden sterben werden.' Agamben will sagen, dass die Juden als Muslime ermordet worden seien." Ähnliche Denkfiguren finden sich regelmäßig bei Jean-Luc Godard (mehr hier).

Jeremy Bernstein liefert im Blog der New York Review of Books Hintergrundinformationen zu dem Atomreaktor in Bushehr, den Iran demnächst mit russischer Hilfe demnächst in Betrieb setzen wird, den Bernstein aber nicht als die eigentliche Gegfahr ansieht: "While I have warned about other aspects of Iran's nuclear program in recent months, this reactor should not be the casus belli that provokes military actions by the Israelis, as some have suggested. The real concerns about Iran's nuclear ambitions lie elsewhere: in the possibility that, from its various nuclear facilities, it may produce enough highly-enriched uranium to make a bomb. If Tehran chooses to do so, this bomb fuel will not come from Bushehr. Far more concerning are the uranium enrichment facility at Natanz, and the heavy water reactor at Arak, which is suitable for making plutonium."

NZZ, 24.08.2010

Die Indologin Renate Syed berichtet, dass Indien und Pakistan die Transgender, die sogenannten "Hijras", juristisch als drittes Geschlecht anerkennen. "Im Gegensatz zu westlichen Gesellschaften kennt die Kultur des Subkontinents seit Jahrtausenden drei Geschlechter. Quellentexte in Sanskrit belegen dies zweifelsfrei; unter den islamischen Herrschern Indiens dienten Hijras an Höfen und in Harems. Erst die Verfassungen, die zu Ende der Kolonialzeit unter dem Einfluss britischer Gesetzgebung entstanden, übernahmen das westliche 'Zwei-Geschlechter-Modell', und Hijras, die nach ihrer eigenen Definition 'weder Mann noch Frau', sondern 'von dritter Art' sind, wurden - weil als Knaben geboren - juristisch als männlich betrachtet."

Die Ressourcen von anderthalb Erden verbrauche die Menschheit nach den Berechnungen des Global Footprint Network mittlerweile, erklärt Uwe Justus Wenzel und weist darauf hin, dass vor drei Tagen Overshoot Day war, der Tag, an dem das "Jahresbudget" der Menschheit theoretisch aufgebraucht war.

Weiteres: Besprochen werden die Ausstellungen "Alltagsklassiker" im Buckminster Fuller Dome am Vitra Campus in Weil am Rhein, die Aussstellung "Fakes, Mistakes and Discoveries" in der National Gallery London sowie die Eröffnung des Kurt Vonnegut Memorial Library in Indianapolis. Und Bücher, darunter Michael G. Fritz' Miniaturen "La Vita e bella", die politischen Schriften vom Marquis de Condorcet, "Freiheit, Revolution, Verfassung" und der Briefwechsel zwischen Albert Camus und Rene Char "Correspondance 1946-1959" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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FR, 24.08.2010

Im Interview erklärt der Architekt Jo Franzke, wie er sich die Rekonstruktion eines Altstadtensembles in Frankfurt vorstellt: "Eine gewisse Anzahl von Häusern soll 1:1 rekonstruiert werden, obwohl es meiner Meinung nach absoluter Unsinn ist, das, was überhaupt nicht mehr vorhanden ist, zum Leben erwecken zu wollen, das ist ähnlicher Unsinn wie in Berlin, mit dem Schloss. ... Konkret sähe das bei unserem Entwurf so aus: ein Gebäude, bei dem die Quellenlage keine seriöse Rekonstruktion zulässt, würden wir auf dem entsprechenden historischen Parzellenzuschnitt in seinen alten Proportionen aufbauen, aber die Fassade sehr viel freier gestalten, als es eine Fachwerkarchitektur erlaubte."

Arno Widmann hat gestern in acht Büchern geblättert um zu entscheiden, welche er lesen wird. Ein "Morden in aller Stille", das ihn nicht glücklich macht: "Je länger man blättert, desto schneller möchte man aufhören damit. Desto schwieriger ist es für ein Buch, wahrgenommen, für interessant befunden zu werden. Manchmal kippt es aber auch und man kann nicht mehr nein sagen. Weil man spürt, wie ungerecht man wird. Vor allem aber weiß man ja auch, dass es nicht nur ungerecht, sondern auch dumm ist. Denn es gibt nichts, das nicht - unter diesem oder jenem Gesichtspunkt - interessant sein könnte. Was uns auf Anhieb gefällt, ist ja gerade nicht das Neue, sondern das, was uns entspricht."

Weiteres: Auf dem Land sterben die Kinos, berichtet Thomas Wüpper. Besprochen werden Willy Deckers Inszenierung der theatralischen Erzählung "Leila und Madschnun" in Bochum zur Eröffnung der Ruhrtriennale und Günter Grass' Buch "Grimms Wörter" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 24.08.2010

Die schon weidlich "ausgelutschte" FR soll noch einmal Redakteursstellen abbauen, berichtet Steffen Grimberg auf der Medienseite. Er will diese Sparrunde allerdings nicht DuMont-Schauberg in die Schuhe schieben: "Dem Konzern gehört zwar die Mehrheit an der FR, doch mit 40 Anteilsprozenten ist auch die SPD-eigene Presseholding DDVG mit an Bord. Und die hatte just vergangene Woche an ihre Titel appelliert, die 'Personalkosten in Verlagen strukturell auf den Prüfstand zu stellen'."

In Österreich wird über die Sinnlosigkeit der langen Sommerferien diskutiert, berichtet im Kulturteil Isolde Charim. Sie selbst hat damit kein Problem: "Kinder und junge Leute haben ein Recht darauf, ihre Zeit auch sinnlos zu verbringen." Isabel Metzger stellt Jan Burdinski vor, der mit seiner Vagantenbühne durch die fränkische Provinz tourt. Auf der Meinungsseite erzählt die Nation-Kolumnistin Katha Pollitt vom Kulturkampf um die Moschee nahe Ground Zero.

Besprochen werden das Album "Ufo" der Hamburger Band 1000 Robota, Dorothee Elmigers Debüt "Einladung an die Waghalsigen" sowie der Comic "Jakob" von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).


Und Tom.

Tagesspiegel, 24.08.2010

In Schweden wurde gegen Wikileaksgründer Julian Assange wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung ermittelt. Der Vorwurf der Vergewaltigung wurde am nächsten Tag fallengelassen. Christoph von Marschall meint, dass amerikanische Zeitungen weitaus distanzierter über die Vorwürfe berichten als deutsche. "Bei Spiegel Online dominiert Assanges Behauptung, die Vorwürfe seien 'ein schmutziger Trick' der US-Geheimdienste. Man habe ihn 'vor Sexfallen gewarnt'. Die New York Times berichtet Aspekte, die Spiegel Online auslässt: Es wird weiter wegen sexueller Nötigung ermittelt, nur der Haftbefehl wegen Vergewaltigung ist aufgehoben. Eine der beiden Frauen kommt zu Wort: 'Unsere Anschuldigungen sind natürlich weder vom Pentagon noch von jemand anderem inszeniert worden. Die Verantwortung liegt allein bei einem Mann mit einem schiefen Frauenbild und einem Problem, dass er ein Nein nicht akzeptieren kann.' Bei den Frauen soll es sich um Mitarbeiterinnen von Wikileaks handeln. Wie passt das zum Vorwurf eines Komplotts der USA, für das Assange im Übrigen keine Indizien nennt?" Noch etwas differenzierter als der Tagesspiegel berichtet der Guardian über den Fall.

Im Interview mit Al Jazeera kann die Pressesprecherin der schwedischen Staatsanwaltschaft auch nicht erklären, warum die ermittelnden Beamten nicht erst mit Assange gesprochen haben, bevor sie die Vorwürfe an die Öffentlichkeit brachten:


SZ, 24.08.2010

Auf Seite 3 schildert Kai Strittmatter die türkische Erschütterung über den Pianisten Fazil Say, dem zum sentimentalen Arabesk-Pop seines Landes nur ein "Ich schäme mich, schäme mich, schäme mich" einfällt. "Dem bloggenden Pianisten Fazil Say war seine Volksbeschimpfung ein Bedürfnis: Arabeskmusik sei 'eine Bürde auf den Schultern der Aufklärung und der Moderne'. Sie sei 'reaktionär', 'verlogen', 'unmoralisch' - die Musik eines faulen, korrupten, in Selbstmitleid versinkenden Menschenschlages. Bumm." (Mehr dazu im Tagesspiegel)

Im Aufmacher erzählt der Kunsthistoriker Michael Diers aus Anlass der Debatte um Google Street View eine Kulturgeschichte der Stadtansicht und kommt zu dem Schluss, dass "Google mit seinem globalen Anspruch tatsächlich ohne Beispiel und ohne kunsthistorische Tradition dasteht". Fritz Göttler argumentiert gegen den 3D-Hype im Kino, der unter anderem aus technischen Gründen zu einer Verdunkelung der Bilder führt. Im Interview mit Peter Laudenbach erklärt Matthias Lilienthal, Intendant des HAU-Theaters in Berlin, warum er seinen Vertrag zum Jahr 2012 auslaufen lässt - und warum er danach auf keinen Fall Intendant der Volksbühne werden will. Burkhard Müller erinnert an das Ende Roms heute vor 1.600 Jahren. Und Claus Leggewie liest auf der Literaturseite vier neue Bücher zur Vergangenheitsbewältigung.

Besprochen werden Salzburger Konzerte Maurizio Pollinis und Ian Bostridges und Angelika Kirchschlagers.

FAZ, 24.08.2010

Als Ereignis von "beglückender Tiefe und Perfektion" empfand Christian Wildhagen die von Claudio Abbado dirigierte Aufführung von Gustav Mahlers neunter Sinfonie beim Lucerne Festival: "Das größte Wunder dieser Aufführung vollzieht sich am Schluss, in jener einzigartigen Adagissimo-Passage, von Mahler mit so vielsagenden Vortragsanweisungen wie 'ersterbend' versehen, in der die Musik ihr eigenes Verstummen auskomponiert. Abbado lässt hier den Streicherklang gleichsam stufenweise denaturieren, die Töne entrücken wundersam in die Ferne, entmaterialisieren sich bis an die Hörschwelle, ohne im Mindesten an Intensität einzubüßen."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru porträtiert den israelischen Verein "Zochrot", der sich zur Aufgabe gesetzt hat, gegen die Verdrängung des palästinensischen Traumas von 1948 in Israel anzuarbeiten. Von neuem Kulturstreit in Köln, diesmal um die Sanierung des Opernquartiers (mehr hier), berichtet Andreas Rossmann. Ein jetzt aufgefundenes Konvolut mit bislang unbekannten Briefen Felix Mendelssohn Bartholdys (mehr hier und hier)stellt Jan Brachmann vor. Beim Blick in französische Zeitschriften liest Jürg Altwegg unter anderem Aufsätze von Patrick Modiano über Julien Gracq und von Michel Tournier über seine Reisen, insbesondere nach Deutschland. Martin Otto kommentiert noch einmal ausführlich das nun schriftlich vorliegende Urteil zur Umbenennung der Münchner Meiserstraße (mehr hier und hier). In der Glosse berichtet Jürg Altwegg, dass der wegen rassistischer Sprüche bei den Sozialisten ausgeschlossene französische Provinz-Politiker George Freche jetzt eine Runde teurer Steinskulpturen "Großer Männer" mit einem Lenin-Kopf bestückt hat und mit einem Mao- sowie einem Stalin-Kopf auch noch bestücken will. Viel zu abstrakt findet Jürgen Kaube die politische Diskussion über Bildungschipkarten: "Vordergründig wird behauptet, es gehe um Teilhabe der ökonomisch Schlechtgestellten an Bildung. Tatsächlich aber geht es nur um ihre Teilhabe an irgendetwas." Zum Tod des argentinischen Schriftstellers Fogwill schreibt Paul Ingendaay.

Besprochen werden die Ausstellung "Lebenslust & Totentanz" in der Kunsthalle Krems und Bücher, darunter Douglas Couplands neuer Roman "Generation A" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).