Heute in den Feuilletons

Danke, dass es Sie gibt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2010. Ein deutsches Mafia-Buch sorgt in Italien für gewaltigen Ärger, berichtet die SZ. Henryk Broder hat eine Frage an Marcel Reich-Ranicki: Spiegel Online druckt Broders Rede aus Anlass des Börne-Ehrenpreises auf den Jubilar. Alle (oder fast) sind für Gauck: Bricht die Kanzlerinnendämmerung an, fragt Cora Stephan in ihrem Blog. Die taz bringt Angela Merkels Laudatio auf Gauck vom Januar dieses Jahres. Die NZZ macht sich Sorgen: Krisendiskurse sind zwischen Abwiegeln und Alarmismus in die Krise geraten.

Spiegel Online, 07.06.2010

Spiegel Online dokumentiert Henryk Broders Rede bei der Verleihung des Börne-Ehrenpreises an Marcel Reich-Ranicki. Er belässt es nicht bei Preisworten, sondern würde von Reich-Ranicki doch sehr gerne ein deutliches Wort zur gegenwärtigen deutschen Israelfeindlichkeit hören: "Noch immer vor Kühnheit zitternd, möchte ich Sie etwas fragen. Sie waren doch im Warschauer Getto... Bekommen Sie nicht eine Gänsehaut, wenn im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen in Gaza von 'Zuständen wie im Warschauer Getto' geredet wird? Packt Sie da nicht die Wut und das Verlangen, Ihr Zuhause in der deutschen Literatur für einen Moment zu verlassen und sich draußen auf der Straße umzusehen, wo nicht die Freunde von Heine und Hölderlin unter den Linden flanieren, sondern die Anhänger von Hamas und Hizbullah 'Zionisten raus aus Palästina!' rufen?"

Aus den Blogs, 07.06.2010

In der Schlange vor der Toilette der Frankfurter Buchmesse unterhält sich Katy Derbyshire mit der Übersetzerin Shelley Frisch (für ihre Übersetzung von Götz Alys und Michael Sontheimers Geschichte des Kondomfabrikanten Julius Fromms hat sie gerade die Goldmedaille der Independent Publishers' Book Awards gewonnen) übers Übersetzen, Verbessern und die Frage, ob Diskussionen mit dem Autor nützlich sind oder nicht. "Translators run hot and cold on the issue of whether to contact and bring the author into the translation process. I always seek out the author, especially if I think textual incursions might be advisable. Ideally - and typically - a productive symbiosis results, and several of my authors have become close friends. One of my translator friends holds the view that 'the only good author is a dead author.' Not me; I like mine alive!" Jetzt übersetzt sie Reiner Stachs monumentale Kafka-Biografie. "My identification with this project has already taken dramatic turns. A few weeks ago, I started sneezing and coughing uncontrollably. Hay fever, you say? No - it was because Kafka had just been diagnosed with tuberculosis!"

"Bricht die Kanzlerinnendämmerung an?", fragt die Publizistin Cora Stephan auf ihrem Blog. Auch sie ist selbstverständlich für Gauck: "Wenn ich das richtig sehe, hat Rotgrün mit seiner Kandidatur einen echten Coup gelandet: Gauck ist für alle wählbar, höchstens für die Knallroten nicht, die damit erfolgreich ausgegrenzt sind. Schon jetzt zeigen sich nicht wenige in FDP und CDU herzlich einverstanden mit ihm. Einverstanden mit ihm müsste auch Angela Merkel sein. Aber die wollte ja einen weiteren ambitionierten Mann entsorgen und auf einen anderen Posten wegloben. Nun hat sie den Salat."

TAZ, 07.06.2010

Am Wochenende haben sich so gut wie alle Medien auf die Seite von Joachim Gauck gestellt, die taz bringt auf der Seite eins eine Laudatio auf ihn - von Angela Merkel. Es ist ihre Geburtstagsrede auf seinen Siebzigsten vom Januar 2010: "Sie sind Mahner, Sie sind ein richtiger Demokratielehrer. Sie halten die Erinnerung an die DDR und ihr Unrechtssystem wach. Sie werben immer wieder für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit... Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind." Hier die Hymnen der FAS, der Spiegel titelte "Der bessere Präsident", die BamS ulkte "Yes, We Gauck".

Weiteres: Wiebke Porombka spaziert mit Autorin Katja Oskamp ("Hellersdorfer Perle") um den Berliner Schlachtensee: ""Das ist doch wirklich erstaunlich, dass die Leute so moralisch sind." Nina Apin berichtet von der Abschlussbilanz des Mammutprojekts "Social Capital - ÜberLeben im Umbruch".

Besprochen werden das Stück "Political Mother" der Tanzcompagnie Hofesh Shechter Festival Movimentos in Wolfsburg, das Album "Later, Phoenix" von The Marble Man, Nouriel Roubinis und Stephen Mihms Analyse "Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft" (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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NZZ, 07.06.2010

Der Soziologe Gerhard Schulze nimmt heutige Krisendiskurse unter die Lupe, die sich zwischen Aufrütteln oder Abwiegeln einpendeln. Doch gibt es eine Gefahr! "Bedenklich stimmt, dass sich in einigen dieser Diskurse allmählich geistige Immunsysteme herausbilden. Kritische, relativierende Argumente werden angegriffen wie Bakterien durch Helferzellen. Selbst der nächstliegende Vorbehalt bekommt das Stigma der Ketzerei angeheftet. Für die Frage nach Inhalt und Qualität von Krisendiskursen gibt es einen einfachen Gradmesser: die stets gefährdete Selbstbeobachtung der Diskursteilnehmer. Prüfen sie ihre Argumente? Gehen sie auf Gegenargumente ein? Wie gewinnen sie ihr ewig vorläufiges Wissen? Kultivieren sie vernünftige Regeln, denen sich alle unterwerfen? Lassen sie zu, was sie am meisten ärgert und gleichzeitig am meisten voranbringt - die Skepsis?"

Weitere Artikel: Hubertus Adam wandert auf der Weltausstellung in Schanghai zwischen exzentrischen und eleganten Architekturen, die nicht immer zum Ausgestellten passen wollen. Marco Frei berichtet über den bevorstehenden Führungswechsel der Musica Viva in München: Winrich Hopp wird Udo Zimmermann als künstlerischen Leiter beerben.

Besprochen wird Horace Walpoles "faszinierende" Strawberry-Hill-Sammlung im Victoria & Albert Museum.

Weitere Medien, 07.06.2010

(Via Lizas Welt) Der israelische Dienst Memri übersetzt Berichte und Stimmen aus arabischen Medien über islamistische Teilnehmer an der Free-Gaza-Aktion: "Muhammad Al-Baltaji, of the Muslim Brotherhood faction in the Egyptian parliament, said: 'The flotilla participants have two aims: to reach Gaza and break the siege, and to denounce Israel if it prevents the flotilla from entering Gaza, even at the cost of martyrdom or imprisonment.'"
Stichwörter: Israel

Welt, 07.06.2010

Abgedruckt ist Eva Menasses Laudatio zur Verleihung des Hölderlin-Preises an Georg Kreisler, in der sie eingangs festhielt, dass Kreisler mit seinen fast 88 Jahren "bisher kaum nennenswerte Ehrungen bekommen [hat]. Das ist im Grunde ein riesiger Witz, so bittersüß, dass er von ihm selbst sein könnte. Man mag das auf den ersten Blick ungerecht und unfassbar finden, aber es scheint auch ein beinahe tröstliches Beispiel zu sein für die naturgegebene Unvereinbarkeit großer Kunst mit dem Zeitgeist. Die Kunst stört die Menschen und kommt deshalb immer zu früh, wenn die sich gerade erst an das gut Abgehangene gewöhnt haben."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock berichtet über die Frankfurter Feier zu Marcel Reich-Ranickis Neunzigstem. In der Glosse amüsiert sich Marko Martin über eine von allen Mohammed-kritischen Äußerungen gesäuberte pakistanische Konkurrenz zu Facebook: Millatfacebook. Hannes Stein schickt einen Brief aus New York. Michael Pilz war dabei, als die Chemical Brothers ihr neues Album in London vorstellten. Stefan Koldehoff berichtet von einer Kunstauktion in New York, deren Erlös dazu beitragen soll, die betrogenen Kunden des Kunsthändlers Lawrence B. Salander zufriedenzustellen.

Besprochen wird die Ausstellung "Who knows tomorrow" in mehreren Museen in Berlin.

FR, 07.06.2010

Arno Widmann unterhält sich mit dem Drucker, Gestalter und Verleger Gerhard Steidl über die Zukunft der Verlage. So schlimm findet er die digitale Zukunft des Buchmarkts überhaupt nicht, die meisten Bücher seien eh so billig produziert, dass sie jedes Leben verloren hätten: "Eine Leiche, eine schön aufgemotzte Leiche. Man kann aber durch handwerkliches Geschick dem Buch wieder Leben geben. Dann haben Sie etwas, das die digitalen Medien nicht bieten können. Aber natürlich ist es ein Spagat. Man greift zurück auf die alten Handwerkstraditionen. Aber ich halte zum Beispiel nichts davon, den Bleisatz wiederzubeleben. Bücher sind industrielle Produkte. Sie müssen einen entsprechend niedrigen Preis haben, damit sie demokratische Objekte bleiben. Boutique-Bücher interessieren mich nicht."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg berichtet von der Verleihung der Börne-Medaille an Marcel Reich-Ranicki, deren Reigen an Artigkeiten Henryk Broder mit seiner Rede in Sachen Israel unterbrach. Harry Nutt war auf dem Poesiefestival in Berlin. In Times mager denkt Natalie Soondrum über die Nicht-Anhaftung nach.

Besprochen werden eine Inszenierung von Händels "Orlando" in Halle, eine Aufführung von Shakespeares "Romeo und Julia" am Schauspiel Frankfurt und Gershom Scholems Geschichte des "Davidschilds" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 07.06.2010

Noch mal ganz großer Bahnhof für Marcel Reich-Ranicki. Zur Verleihung der Börne-Medaille wurde von mehreren Seiten auf ihn einlaudatiert. Abgedruckt werden die Lobreden von Frank Schirrmacher (gekürzt), Thomas Gottschalk (sic) und Henryk M. Broder (siehe oben).

Weitere Artikel: Hans-Christian Rössler schildert die medialen Nachwirkungen und Folgeerscheinungen des Kampfs um die Gaza-Flotille. In der Glosse beschäftigt sich Michael Hanfeld in der Bandbreite von Bundeswehr über Stadtschloss bis N 24 mit nichts als dem Sparen. Beim Bericht über die Wiedereröffnung des Kolonnadenhofs der Museumsinsel kommt auch Andreas Kilb, wie Cato auf Karthago (nur genau andersrum, sozusagen), doch wieder auf Humboldt-Forum und Stadtschloss.

Besprochen werden die Aufführung von Hofesh Shechters Tanzstück "Political Mother" beim Movimentos-Festival in Wolfsburg, Bettina Bruiniers Frankfurter "Romeo und Julia"-Inszenierung, ein Kölner Jamie-Cullum-Konzert und Bücher, darunter Stephenie Meyers "Twilight"-Seitenstück "Biss zum ersten Sonnenstrahl" und Karin Anderts Biografie der "Monika Mann" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 07.06.2010

Ein in Deutschland herausgegebener Fotoband Alberto Giulianis ist in Italien sehr in Verruf geraten, berichtet Maike Albath. Dieser Band bietet einerseits Fotos Giulanos von Mafia-Tatorten, die als Anklage gedacht sind, aber andererseits sind ihm auch CDs mit Mafiagesängen beigegeben, die in Italien äußerst umstritten sind: "Die Helden-Gesänge leisten einer Ästhetisierung der Mafia Vorschub. Vor diesem Hintergrund scheint auch die Opulenz des Bandes mit knallrot eingefärbten Satellitenbildern von Palermo und unkommentierten Zitaten aus Abhörprotokollen in einer überdimensionierten Schrifttype von einer eigentümlichen Faszination zu zeugen."

Weitere Artikel: Johan Schloemann gratuliert Tom Jones zum Siebzigsten. Alex Rühle schreibt über die Kraft der Bilder von ölverschmierten Vögeln im Golf von Mexiko. Johannes Willms liest die Äußerungen Bernard-Henri Levys zum Mavi Marmara-Vorfall und findet seine Kritik an Israel nicht scharf genug. Christoph Haas besuchte den Erlanger Comic-Salon. Michael Moorstedt nimmt Bezug auf den New Yorker-Artikel über Wikileaks und zitiert kritische Stimmen über die Recherchepolitik des Dienstes.

Auf der Medienseite berichtet Marc Felix Serrao von der Verleihung des Ehrenpreises der Ludwig-Börne-Stiftung an Marcel Reich-Ranicki.

Besprochen werden eine "Nora" in der Regie von Elmar Goerden in Bochum, eine Oper Michael Jarrells nach Heiner Müllers Text 'Der Vater" in Schwetzingen, die Ausstellung "De Chirico, Max Ernst, Magritte, Balthus - Einblicke ins Unsichtbare" in Florenz und Bücher, darunter Wolfram Siemanns Studie "Metternich - Staatsmann zwischen Restauration und Moderne" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).