Heute in den Feuilletons

Sie winseln dann nicht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.06.2010. Laut Techcrunch hatte auch hohe Politik ihre Hände im Spiel, bevor Facebook gegenüber Pakistan einknickte. In Ägypten foltert Polizei  Facebook-Nutzer, um an das Passwort zu kommen, meldet die NZZ. Facebook ist auch für Iphone-Besitzer gefährlich, berichtet Spiegel Online. Israel hat den Krieg der Bilder verloren, meint Bernard-Henri Levy in Ha'aretz. Gawker staunt über die Coolness der Marina Abramovic. In Srebrenica werden die Vereinten Nationen jetzt mit einer "Säule der Schande" geehrt, berichtet die FAZ.

Aus den Blogs, 01.06.2010

Marina Abramovics Performance im Moma machte auch hier viel von sich reden. Die Künstlerin saß bekanntlich regungslos auf einem Stuhl, und man konnte sie dabei betrachten. Wichtige Fragen warf diese Performance laut Adrian Chen in Gawker auf: "Above all, the piece asked, Where does one draw the line between audience and performer? Today, it provided an answer: In such a way that puts the performer out of reach of the audience's projectile vomit. A few hours ago, a man vomited on the floor of the room where Abramovic sat... A spy writes: 'He just ran up to the outer ropes stuck his fingers down his throat and threw up. He then stumbled back and tried to throw up again, but not much came out. The guards grabbed him and kicked him out. Marina didn't move the whole time.'"

Das Blog Lizas Welt gratuliert den Organisatoren des "Free Gaza"-Konvois, die laut Selbstauskunft eine echte Win-Win-Situation geschaffen haben: "Denn ihre Aktion, die mit viel Pathos als humanitäre Hilfe für den Gazastreifen deklariert worden war, wurde der von vornherein geplante Propagandacoup für die Hamas. Deren Führer Ismail Haniya hatte schon vor einigen Tagen frohlockt: 'Wenn die Schiffe Gaza erreichen, ist das ein Sieg - und wenn sie von den Zionisten terrorisiert werden, ist das ebenfalls ein Sieg.'"

Robin Wauters fasst in Techcrunch Informationen zu Facebook und Pakistan zusammen. Pakistan hat den Dienst wieder ans Netz gelassen, nachdem Facebook Karikaturen des "Everybody Draw Mohammed Day" entfernte und ferner gelobte, nie wieder blasphemisches Material zuzulassen sich (laut Medienberichten) entschuldigte. Hohe Politik hatte ihre Hand ebenfalls im Spiel: "According to Bloomberg / BusinessWeek, the ban was lifted after the court was told the company had exchanges with Richard Holbrooke, U.S. special envoy for Afghanistan and Pakistan. Chaudhry Zulfiqar, the lawyer who asked the court to block the popular social networking site on May 19, told a Bloomberg reporter by telephone: 'The counsel for the state provided documents showing correspondence between the Facebook management and Richard Holbrooke. According to those documents, Facebook assured the court no blasphemous material will be available to users in Pakistan.'"

In 3quarksdaily bespricht Sue Hubbard die Ausstellung "Exposed: Voyeurism, Surveillance and the Camera" in der Londoner Tate Modern: "Voyeurism and its cousin, surveillance, have been one of the unforeseen consequences of photography. We take it as a given of modern life that the celebrity is both hungry for photographic coverage, whilst feeling that the paparazzi (as in the case of the late Princess Diana) is constantly hounding them. One of the most complex questions raised by photography is what constitutes private space, provoking slippery questions about who is looking at whom and the degree of surreptitious pleasure and exploitation of power involved. Since its invention the camera has been used to make clandestine images and satisfy the desire to see what is normally hidden or taboo. No one knows exactly how many CCTV cameras are spying on us in the UK as we go about our day to day lives."

Tagesspiegel, 01.06.2010

Marius Meller reagiert leicht entsetzt auf Stefan Weidners gestrigen Text in der SZ über einen vermeintlichen, auf Islamkritiker gemünzten Faschismus der Aufklärung. Abgesehen davon, dass Weidner Aufklärung und Säkularisierung verwechselt, stört er sich besonders an Weidners Bezug auf die "Dialektik der Aufklärung": "Auf diesem gleichsam epochalen Niveau der Debatte sollte man auch darauf verweisen, dass Weidners Rhetorik leider verrät, welches Verhältnis er zu den von ihm ins Spiel gebrachten Texten und Traditionen hat. Adorno und Horkheimer haben nichts 'skizziert'; wenn, dann könnte man sagen, dass sie das Gewicht der Welt ihrer Zeit getragen und daraus ihren Text geschmiedet haben. Was Weidner da so dunkel raunend suggeriert, dass es nämlich einen 'Aufklärungsfaschismus' gebe - das ist, mit Verlaub, das europäische Thema seit dem Terror der Französischen Revolution."

Gemeldet
wird der Tod der großen Louise Bourgeois: "Dass sie Bildhauerin wurde, erklärte sie mit ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Vater als Kind. Sie habe aus Brot kleine Skulpturen geformt, um seinem Reden zu entkommen. 'Destruction of the Father' sei das Motto, das ihre Arbeit nähre."

Hier sehen Sie Louise Bourgeois' "Maman" vor dem Guggenheim Museum in Bilbao. Foto: Topyti's Flickr


Spiegel Online, 01.06.2010

Iphone-Besitzer, die ihr Telefon mit Facebook synchronisieren wollen, sollten aufpassen, berichtet Konrad Lischka auf Spiegel Online: "Es gibt Kontaktdaten, die möchte man nur im Mobiltelefon haben - im eigenen. Die Auslandsnummer der Mailbox zum Beispiel. Oder die Geheimnummer eines Bekannten. Oder die private E-Mail-Adresse eines Prominenten. Solche Kontaktdaten saugt sich Facebook aus den iPhone-Telefonbüchern mancher Mitglieder."
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Welt, 01.06.2010

Laut moviefone.com (hier und hier) hat sich Regisseur Guillermo del Toro von der geplanten Verfilmung des "Hobbit" verabschiedet, weil das Studio MGM das Projekt finanziell nicht stemmen kann oder will, berichtet Wieland Freund. Matthias Heine erzählt von dem vor einem Monat aufgetauchten Foto auf dem in einer Gruppe von Männern und einer Frau der etwa 30-jährige Arthur Rimbaud sitzen soll.

Besprochen werden Daniel Alfredsons Verfilmung von Stieg Larssons "Vergebung" und Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Verdis "Othello" an der Deutschen Oper Berlin.

TAZ, 01.06.2010

Micha Brumlik macht launige Anmerkungen zum Phänomen Meyer-Landrut: "Festzustellen wäre also ein Formwandel des deutschen Nationalismus: Vom monokelbewehrten, schnarrenden und von Mensuren gezeichneten 'General Dr. Ritter von Staat' zur Hosenanzüge tragenden, betont unscharfen Angela Merkel und ihrem symbolpolitischen Pendant, dem unverbildeten Mädchen aus Hannover."

Außerdem weist Ekkehard Knörer auf die Filme Michael Mrakitschs hin, die beim beginnenden Berlin Documentary Forum (mehr hier) zu sehen sind. Besprochen werden die Bruce-Nauman-Schau im Hamburger Bahnhof Berlin und eine Ausstellung mit Propagandakunst aus Nordkorea in Wien.

Tom.

Weitere Medien, 01.06.2010

Just am Montag hielten die französische Botschaft in Israel ud die Zeitung Ha'aretz eine Tagung über "Demokratie und ihre Herausforderungen" ab. Auf einem der Podien saß Bernard-Henri Levy mit dem israelischen Minister Limor Livnat. Levy kritisierte die Aktion und sagte laut Ha'aretz zu Livnat : "Im Krieg der Bilder und der Propaganda scheint mir die israelische Regierung, die Sie repräsentieren, diesen Krieg zu verlieren... Diese Bilder sind nicht nur für die Regierung Israels zerstörerisch - das ist nicht wichtig. Demokratische Regierungen werden ersetzt, wenn sie fallen. Der Hauptschaden betrifft das Land, dem ich mich so bedingungslos verbunden fühle. Dies scheint mir wichtiger als eine militärische Niederlage."

Der bekannte israelische Reporter Ron Ben-Yishai schreibt auf Ynetnews, dass die israelische Armee von Gegenwehr auf dem türkischen Boot überrascht wurde: "It appears that the error in planning the operation was the estimate that passengers were indeed political activists and members of humanitarian groups who seek a political provocation, but would not resort to brutal violence."
Stichwörter: Israel, Bernard-Henri Levy

NZZ, 01.06.2010

Auf der Medienseite entkräftet Mona Sarkis die Hoffnung vieler politischer Aktivisten, Facebook könne in der arabischen Welt eine "neue öffentliche Sphäre der Redefreiheit" schaffen. Denn auch der Cyberspace unterliegt der Kontrolle der Staatspolizei. Das zeigt der Fall Esraa Abdel Fattah Ahmed Raschid, die zu einem Streik gegen die Privatisierungspolitik Mubaraks aufrief: "Als es tatsächlich zu Massenprotesten kam, wurde Raschid inhaftiert. Bei ihrer Freilassung 17 Tage später brach sie vor laufenden Kameras in Tränen aus und gestand, sie hätte nie zum Streik aufgerufen, wenn sie mit einer Verhaftung gerechnet hätte. Ihren Mitstreiter Maher folterten die Polizisten zwölf Stunden lang, um an das Passwort zur Verwaltung der Facebook-Seite zu gelangen. Ein Bild seines von Striemen gezeichneten Rückens publizierte der renommierte Aktivist Wael Abbas auf seinem Blog. Er, wie viele andere auch, zeigte sich empört über Raschids Tränenausbruch. 'Sie hat uns alle vor dem Regime lächerlich gemacht. Viele von uns, auch Frauen, werden inhaftiert, doch sie winseln dann nicht, noch entschuldigen sie sich.'"

Im Feuilleton werden besprochen die Ausstellung "Christen Kobke: Danish Master of Light" in der National Gallery London, eine unterkühlte, aber musikalisch gelungene Einstudierung von Antonin Dvoraks "Rusalka" im Opernhaus Zürich, das von bildenden Künstlern, Theaterschaffenden und Musikern initiierte Autorenspektakel "Meiler, Hauben und Globen" in Bern und Bücher, darunter Ulrike Draesners Roman "Vorliebe" (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 01.06.2010

Die Architektin Ingeborg Flagge erinnert daran, wie großartig das bürgerkriegsgebeutelte Sri Lanka eigentlich ist: "Äußerlich ist Sri Lanka in seinem engen Beieinander aus Ozean, weißen Stränden, Dschungel, Lagunen, Teeplantagen, hohen und heiligen Bergen eine der schönsten Inseln weltweit. Gänzlich unbekannt aber ist, dass Sri Lanka das faszinierendste Kleinod moderner Architektur in Südostasien ist, das seinen Nachbarn Indien, der 50 Mal mal so groß ist und eine entsprechend riesige Bevölkerung zählt, in den Schatten stellt."

Weiteres: In der Times mager gibt Harry Nutt seiner Verehrung für Marina Abramovic Ausdruck, die gestern ihre Wahnsinnsaktion für die Ausstellung "Die Künstlerin ist anwesend" beendete: Sie saß die ganze Zeit über auf einem Stuhl und beobachtete die Besucher. Nutt liefert auch eine kleine Typologie politischer Rücktritte, bei denen sei aber seiner Darstellung zufolge Willy Brandts Rücktritt der "eruptivste und emotionalste" gewesen. Christian Schlüter liest mit Unbehagen Bettina Röhls Bericht über die generelle Rücksichtslosigkeit ihrer beiden Eltern, Klaus Röhl und Ulrike Meinhof, sowie die "ansexualisierten Übergriffe" ihres Vaters.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Julian Schnabels Polaroids in Düsseldorf, Tilmann Köhlers "Kirschgarten"-Inszenierung in Dresden, Felix Mertikats und Benjamin Schreuders Comic-Debüt "Jakob" sowie Jean-Claude Kaufmanns Studie "Wenn ICH ein anderer ist" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 01.06.2010

In Srebrenica, wo 1995 unter den Augen der untätigen Uno fast 8000 bosnische Muslime von Serben umgebracht wurden, wird jetzt, wie Michael Martens berichtet, zur Erinnerung ans Versagen der Vereinten Nationen, eine gewaltige "Säule der Schande" errichtet: "Von weitem sichtbar, sollen zwei mehr als acht Meter hohe Buchstaben, ein 'U' und ein 'N', über den Hügeln von Srebrenica thronen. 'Gebrochen werden die Buchstaben von drei monumentalen Einschusslöchern, in denen Schuhe aus Massengräbern fest verankert sind. Die Säule der Schande wird eine Metapher für den gigantischen Verrat der Vereinten Nationen an Bosnien und eine Mahnung für alle zukünftigen Mitarbeiter der UN sein', heißt es in der Projektbeschreibung. Über den genauen Aufstellungsort sowie die Namen westlicher Politiker und Generäle, die auf dem Monument zu lesen sein werden, sollen die Witwen von Srebrenica entscheiden." (Mehr dazu im Blog der Gesellschaft für bedrohte Völker)

Weitere Artikel: Milos Vec beklagt den Verlust der "Leitidee" Bildung an den Bologna-Universitäten. In der Glosse geht es um die Ballerina Margot Fonteyn und darum, wie sie in Panama Revolution mitmachen wollte. Für Nils Minkmar, der offenkundig nie ein besonderer Freund des Bundespräsidenten Horst Köhler war, "ist dieser Rücktritt zum Heulen vor Wut und in jeder Hinsicht eine Katastrophe", "illoyal" und "feige". Michael Hanfeld liefert die Medienchronologie vom auslösenden Interview bis zur Berichterstattung von Köhlers "Fahnenflucht nach vorn".

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Verdis "Otello" an der Deutschen Oper Berlin (mit Ausnahme des Orchesters gefällt Julia Spinola alles daran), Armin Holz' Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" mit Darstellern über sechzig in Marl (Andreas Rossmann bedauert, dass Altsein leider noch kein Konzept ist und wähnt sich eher im "Seniorenheim"), ein Hamburger Konzert der Dum Dum Girls, die Ausstellung nordkoreanischer Propagandakunst "Blumen für Kim Il Sung" im Wiener Museum für Angewandte Kunst, die Ausstellung "Für Marcel Reich-Ranicki" im Museum Judengasse in Frankfurt und Bücher, darunter Elliot Perlmans Roman "Drei Dollar" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 01.06.2010

Kia Vahland macht kulturkritische Anmerkungen aus Anlass des von Craig Venter geschaffenen künstlichen Lebens. Vor einer Zypern-Reise des Papstes erläutert Alexander Kissler das schwierige Verhältnis von orthodoxer und katholischer Kirche. Manfred Schwarz verfolgte ein Symposium zur Geschichte des Informel in Düsseldorf (mehr hier). Volker Breidecker berichtet vom Frankfurter Literaturfestival "Literaturm". Felix Denk unterhält sich mit dem DJ Matthew Herbert, der im Auftrag der Deutschen Grammophon Mahlers Zehnte elektronisch interpretierte.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Giuseppe Verdis "Otello" an der Deutschen Oper Berlin, Shakespeares "Was ihr Wollt" in der Regie von Armin Holz bei den Ruhrfestspielen, die Ausstellung "Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, Ereignisse des Salzburger "Aspekte"-Festivals und Bücher, darunter ein Band mit Romandeutungen von Zeithistorikern (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).