Heute in den Feuilletons

Der Wille zum Winterschlaf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2010. Kurz vor Ostern und kurz nach den Missbrauchsfällen geht der Trend zum Atheismus. In der Welt empfiehlt der Philosoph Daniele Dell'Agli den Vorkämpfer Karlheinz Deschner. Dieser wiederum erläutert im Humanistischen Pressedienst die katholische Maxime "si non caste caute". In der Zeit erzählt Thomas Hürlimann, wie er nach frühkindlicher Indoktrination in kirchlichen Institutionen einen Club der Atheisten gründete. Christopher Hitchens empfiehlt in Slate eine Festnahme des Papstes.

Welt, 31.03.2010

In einer Meditation über Naturkatastrophen und ihre schamlose Ausbeutung durch die großen Menschheitsreligionen kommt Daniele Dell'Agli nicht umhin, den großen Atheisten Karlheinz Deschner zu empfehlen: "Seine beeindruckenden Bestandsaufnahmen christlicher Sexualpathologien beschämen alle Versuche, diese als Ausnahmen zu bagatellisieren, wo sie doch den Regelfall darstellen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher empfiehlt Andre Mielke einen Fernsehfilm über Scientology, der heute im Ersten läuft. Michael Pilz annonciert die Wiedervereinigung Pete Dohertys und seiner ehemaligen Band The Libertines zum Zweck eines hochdotierten Konzerts. Matthias Heine mokiert sich in der Leitglosse über halbgare, aber virtuos vermarktete archäologische Sensationen. Kai Luehrs-Kaiser porträtiert die Lautenistin Christina Pluhar, die es glatt schafft, Barockmusik jazzmäßig swingen zu lassen. Franziska Fiber liest einige als Buch veröffentlichte Bloggertexte. Michael Bee berichtet über neu aufgefundene Dokumente, die belegen, dass Franco über den Holocaust informiert war. Wieland Freund gratuliert dem Schauspieler Rolf Boysen zum Neunzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung der Sammlug Bührle in Zürich und das neue Album von Ry Cooder, der diesmal irische und mexikanische Folklore mit seiner Slide-Gitarrre verschmilzt.

Weitere Medien, 31.03.2010

A propos Karlheinz Deschner. Im Humanistischen Pressedienst entdecken wir ein Interview mit dem Autor der "Kriminalgeschichte des Christentums " zur Missbrauchsdebatte, das zwar für die dpa geführt, von dieser aber dann zurückgehalten wurde: "Die Heuchelei gehört bis heute zu den widerlichsten, doch wesentlichen Charakterzügen des Christentums. Gemäß der alten Devise 'si non caste caute', wenn schon nicht keusch, dann wenigstens vorsichtig, unterschieden viele Päpste zwischen einer heimlichen und einer bekannt gewordenen Sünde, bei der sie die Strafe verdoppelten, ja verdreifachten. Gegen das Sündigen im Allgemeinen hat man selbstverständlich nichts, im Gegenteil, es ist den Herren sehr willkommen; davon leben sie."

FR, 31.03.2010

Auch eine Woche später ist Peter Michalzik noch fassungslos über die Verteidigungsschrift, die Hartmut von Hentig, der "sozusagen für das Beste an der Nachkriegspädagogik" stand, in der letzten Zeit veröffentlichte: "Er fühlt sich missverstanden, dabei versteht er nicht, worum es geht. Der Vorwurf gegen ihn lautet, dass er schwerem Missbrauch zugesehen habe. Seine Antwort ist, dass die 'freundlichen Berührungen' nicht gegen den Willen der Kinder stattgefunden haben."

Besprochen werden das neue Bluesalbum "Black Rock" des Gitarristen Joe Bonamassa, Calixto Bieitos' Inszenierung des "Parsifal" in Stuttgart und Michel Foucaults "Einführung in Kants Anthropologie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 31.03.2010

Im Blog der NYRB erzählt Margaret Atwood höchst amüsant, wie sie 2009 ihren Twitter-Account anlegte: "I was told I needed 'followers.' These were people who would sign on to receive my messages, or 'tweets,' whatever those might turn out to be. I hummed a few bars from 'Mockingbird Hill'-Tra-la-la, twittly-deedee-and sacrificed some of my hair at the crossroads, invoking Hermes the Communicator. He duly appeared in the form of media guru McLean Greaves, who loosed his carrier pigeons to four of his hundreds of Twitterbuddies; and with their aid, I soon had a few thousand people I didn?t know sending me messages like 'OMG! Is it really you?' 'I love it when old ladies blog,' one early follower remarked. One follower led to another, quite literally. The numbers snowballed in an alarming way, as I scrambled to keep up with the growing horde. Soon there were 32,000-no, wait, 33,000-no, 33,500? And before you could say LMAO ('Laughing My Ass Off,' as one Twitterpal informed me), I was sucked into the Twittersphere like Alice down the rabbit hole. And here I am."

Die Zeit stürmt voran mit Innovationen und wird von den verbleibenden Studienräten und Arztgattinnen mit immer neuen Auflagenhochs belohnt. Nun führt die Wochenzeitung eine wöchentliche Seite zum Thema "Glauben und Zweifeln" ein. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo erläutert im Interview mit Christine Lübbers und Oliver Scheiner von Meedia: "In einer Geschichte, die Ostern in der ersten Ausgabe von 'Glauben und Zweifeln' erscheinen wird und die auch ganz paradigmatisch ist für das, was wir wollen, unterhalten sich ein Pfarrer und eine Psychoanalytikerin. Ihr Thema: Was bringt den Menschen mehr Entlastung, Therapie oder Beichte?" (Also, uns reicht die Zeit!)

Robin Meyer-Lucht betreibt in Carta eine Psychoanalyse des Willens zur Netzsperre: "In der Debatte um Netzsperren geht es letztlich maßgeblich auch um einen symbolischen Akt gegen die Kränkung staatlicher Autorität im Internet. Es geht um den Unmut eines überforderten Politikbetriebs, dessen sanktionierenden und ordnenden Mechanismen aus einer anderen Zeit stammen und die im Netz entwertet scheinen, weil sie hier nicht mehr greifen."

Christopher Hitchens besteht in Slate darauf: Der Papst ist persönlich verantwortlich: "The secular authorities have been feeble for too long but now some lawyers and prosecutors are starting to bestir themselves. I know some serious men of law who are discussing what to do if Benedict tries to make his proposed visit to Britain in the fall. It's enough. There has to be a reckoning, and it should start now."

TAZ, 31.03.2010

"Verdruckst und selbstgerecht" findet Petra Schellen nicht nur den Umgang der Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck mit der alternativen Kulturszene, sondern auch mit der Hochkultur, speziell den Museen. "Vor wenigen Tagen nämlich hat die Senatorin neue Strafmaßnahmen für die Häuser beschlossen. Darunter die Einrichtung eines Fonds für Ausstellungen, um den sich die Museumsdirektoren wie Pennäler bewerben müssen. Entscheiden wird eine von der Kulturbehörde eingesetzte Jury."

Besprochen werden eine Werkschau des deutsch-jüdischen Südamerikaners Luis Camnitzer in der Züricher Kunstsammlung des Industriellen Stephan Schmidheiny und Lyrikbände von Steffen Jacobs und Hendrik Rost, aus denen die taz auch einige Gedichte abdruckt (hier, hier und hier).

Und Tom.
Stichwörter: Hendrik Rost, Taz

NZZ, 31.03.2010

Aldo Keel berichtet von dem sich unter arabischen Migranten Bahn brechenden Antisemitismus in Schweden und in Norwegen, wo zuletzt eine Fernsehreportage für Aufsehen sorgte, die einige Vorfälle zusammenfasste: "Da klagt ein Vater, halbwüchsige Muslime hätten seinen Sohn erhängen wollen, weil er Jude sei. Lehrer sprechen von 'notorischem Mobbing'. Hitler gelte als 'coole Nummer', der Westen als jüdisches Protektorat. Lektionen über den Holocaust würden mit Hohngelächter quittiert. Einen üblen Einfluss hätten Fernsehsendungen aus dem Nahen Osten, die per Satellit zu empfangen sind. Szenen einer palästinensischen Station zeigten Kinder im Primarschulalter, die sich bereit erklärten, Juden zu töten, falls es Allah wünsche."

Weiteres: Marc Zitzmann feiert das Revival der Spitzen in Mode, Design und Architektur und besonders die Cite internationale de la dentelle et de la mode de Calais. Besprochen werden Francis Poulencs Oper "Dialogues des Carmelites" in München, Bruckner-Konzerte beim Lucerne Festival, Pablo De Santis' Roman "Das Rätsel von Paris", Jayne Anne Phillips' Roman "Glasmondmann", die Lebensgeschichte "Der Weg nach Mekka" des jüdischen Lawrence von Arabien Leopold Weiss alias Muhammad Asad (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Zeit, 31.03.2010

Ab heute gibt es in der Zeit ein neues Ressort, "Glauben und Zweifeln", an dessen Einführung Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nach eigenem Bekunden fünf Jahre lang laborierte. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, selbst Stiftszögling, geht der Frage nach, wann die Kirche ihren Zauber verloren hat: "Mit fünfzehn Jahren gehörte ich zu den Gründern eines Atheisten-Clubs. Wer Mitglied werden wollte, musste eine Prüfung ablegen. Während des sonntäglichen Pontifikalamtes hatte man in den Dachstuhl der Klosterkirche zu steigen und durch ein Loch in der Weihnachtskuppel einen Papierflieger hinuntersegeln zu lassen, mit einem atheistischen Satz beschriftet. Auf meinem Flieger stand: 'Religion ist der Wille zum Winterschlaf', Nietzsche."

Im Feuilleton versteht der Autor Zafer Senocak die Aufregung um die Forderung nach türkischen Gymnasien nicht: "Erdogan hat keine türkische Hauptschulen gefordert, sondern türkische Gymnasien und eine Universität." Außerdem gibt Senocak zu bedenken: "Der türkische Zivilisationsentwurf ist westlich und muslimisch zugleich. Und wären solche Schulen nicht genau jener Ort, an dem auch eine Reform des türkischen Schulwesens modellartig entwickelt werden könnte? Im Geschichtsunterricht würde dann nicht mehr nur behandelt werden, welcher Sultan wie viele Schlachten gewonnen hat. Zu behandeln wäre nämlich auch die Frage, wie man mit Minderheiten in der Türkei umgeht. Warum beispielsweise nur noch eine kleine Gruppe von Armeniern und Griechen in der Türkei von heute lebt."

Weiteres: Christof Siemes berichtet über den Kampf der Wuppertaler um ihr Theater: "Das Schauspielhaus, ein stilsicherer weißer Bau der Sechziger, Japan an der Wupper, ist bereits seit einem Jahr geschlossen und soll 2012 ganz aufgegeben werden. Noch wird gespielt, im notdürftig hergerichteten Foyer oder im Opernhaus." Der Soziologe Armin Nassehi denkt über den Tod und das Sterben nach. Tobias Timm war beim Richtfest von Jan Kleihues' BND-Neubau in Berlin. Und Jonathan Fischer trifft die famose Erykah Badu.

Besprochen werden Jessica Hausners Comedie humaine "Lourdes", die laut Katja Nicodemus ganz ohne Subtext, Psychologie, Botschaft und Agenda auskomme, Stephan Kimmigs Frankfurter Inszenierung der "Lulu" (die Peter Kümmel als "Überlebende der eigenen Lustkatastrophe" erlebt hat), Calixto Bieitos Fassung des "Parsifal" in Stuttgart sowie eine Ausstellung von Thomas Zipp im Kasseler Fridericianum. Und Bücher, darunter Dietmar Daths "Deutschland macht dicht" und die Hörbuch-Anthologie "Lyrikstimmen".

Auf den vorderen Seiten beklagt Schriftstellerin Thea Dorn großen Unernst und Realitätsverlust allenthalben: "Während vorn im Rampenlicht hektisch auf- und abgewiegelt wird, schwelt die Frage, ob es nun tatsächlich brennt, eigentümlich unbeantwortet vor sich hin."

SZ, 31.03.2010

Jens-Christian Rabe ist nicht recht zufrieden mit dem Zustand des deutschen Indie-Pop, der ausschließlich aus Achtziger- und Neunziger-Jahre-Bands zu bestehen scheint, die einen Unterschlupf im bürgerlichen Theaterbetrieb suchen: "Bertolt Brecht mit ein paar Gitarren wieder und wieder auf eine Bühne zu helfen - ist es das, wozu eine Generation der besten Popmusiker des Landes nötig wäre?"

Weitere Artikel: Johan Schloemann greift in die vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan aufgeworfene Debatte über türkische Schulen in Deutschland ein, die er eher ablehnt. Till Briegleb resümiert einen kleinen Streit über die Ausstellung "Man Son 1969" in der Esslinger Villa Merkel, in der auch die Totenmasken einiger RAF-Terroristen zu sehen sind. Laura Weißmüller besucht das von den Architekten Fumihiko Maki and Associates entworfene MIT Media Lab in Cambridge (Bilder). Volker Breidecker verfolgte eine Tagung über Hans-Georg Gadamer und die Literaturwissenschaft in Marbach. Christine Dössel gratuliert dem Schauspieler Rolf Boysen zum Neunzigsten. Gottfried Knapp gratuliert dem Performance-Künstler Timm Ulrichs zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Alberto Giacometti: Die Frau auf dem Wagen - Triumph und Tod" im Lehmbruck-Museum, Duisburg, die von Peter Sellars "ritualisierte" Matthäus-Passion mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle in Salzburg, Jessica Hausners Film "Lourdes" (mehr hier) und Jan Seghers' vierter Kriminalroman "Die Akte Rosenherz" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 31.03.2010

Beginnt mit dem Urknallexperiment im Genfer Large-Hadron-Collider eine neue Zeit? Oder bleibt die alte doch einfach stehen? Der Schriftsteller Thomas Lehr ist sich in seinem Stunden vor der Teilchenbeschleunigung verfassten Artikel nicht ganz sicher, was er prophezeien soll und geht mit der Vorhersage einer unwahrscheinlichen und begrenzten Katastrophe spieltheoretisch auf Nummer sicher: "Im Falle der totalen Apokalypse könnte mich ohnehin niemand Lügen strafen. Wenn dagegen gar nichts geschieht (außer dem Auftauchen einiger putziger Higgs-Teilchen), hätte ich auf die geringe Wahrscheinlichkeit hingewiesen. Passierte aber doch etwas in einigermaßen überschaubaren Dimensionen, etwa das spontane Verschwinden der Schweiz mit sämtlichen weiteren Steuersünder-DVDs, dann hätte ich ja auf das Restrisiko hingewiesen."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube annonciert den Teilvorabdruck eines in den sechziger Jahren entstandenen und nun aus dem Nachlass veröffentlichten Textes von Niklas Luhmann zur "Politischen Soziologie" auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ. Lorenz Jäger konstatiert in einer Glosse zunehmende Gewalt gegen christliche Gotteshäuser in der deutschen Provinz, mag darin aber noch keinen Bildersturm in Folge der Missbrauchsfälle erkennen. Gina Thomas beglückwünscht das letzte noch lebende Mitford-Girl, Deborah Herzogin von Devonshire, die heute ebenfalls neunzig wird (und anders als ihre berüchtigteren Schwestern nie für Hitler schwärmte, aber für Elvis Presley). Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Schauspieler Rolf Boysen zum Neunzigsten.

Besprochen werden Jessica Hausners Pilgerfilm "Lourdes", Calixto Bieitos "Parsifal"-Inszenierung in Stuttgart, einige Filme auf DVD, darunter Volker Schlöndorffs "Der junge Törleß", und Bücher, darunter Walter Heinrichs Roman "Die Stunde des Pelikans" (mehr dazu ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).