Heute in den Feuilletons

Ein gewisses Gefühl von Helligkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2009. In der FR erklärt die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozena den feinen Unterschied zwischen Romantik und Barock. Für die FAZ liest Viktor Jerofejew  einen Roman des hochrangigen Funktionärs Jurjewitsch Surkow. Die linke taz lässt sich von einem Theologen die Grenzen zulässiger Religionskritik ziehen.

FR, 29.12.2009

Jügen Otten unterhält sich mit der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kozena über den unterschätzten Vivaldi, den Humor in der Musik und die Ungezwungenheit des Barock: "Was ich eigentlich sagen will, ist, dass so viel Musik einfach vorhanden war. Komponisten schrieben beinahe täglich etwas Neues. Es hatte nicht diese aufgeladene Bedeutung. Man improvisierte, alles war sehr frisch. Und natürlich wussten die Komponisten, dass ihre Musik erklingt, während die feinen Leute dinieren. Musik war zu der Zeit kulinarische Begleiterscheinung. Das änderte sich erst, als die ersten Konzerthallen gebaut wurden, als Musik eine öffentliche Erscheinung wurde. Ab der Romantik wurde gewissermaßen jede Note bedeutsam. Das ist der feine Unterschied zum Barockzeitalter."



Weiteres: Der Soziologe Michael Hartmann schlüsselt die tatsächlich eher niedrigen Steuersätze der hohen Einkommen in Deutschland auf und sieht Peter Sloterdijks Angriff gegen den Steuerstaat an der Wirklichkeit vorbeigehen: "Die Feststellung der OECD, in keinem anderen OECD-Land hätten Einkommensungleichheit und Armut seit der Jahrtausendwende stärker zugenommen als in Deutschland, zeichnet ein realistisches Bild der Entwicklung."

Besprochen werden eine Ausstellung von Peter Feilers Höllenbilder in der Frankfurter Galerie Adler, Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman "Magdalenaberg" und ein Band mit Briefen, die der 17-jährige Philip Slier 1942 aus dem Zwangsarbeiterlager Molengoot an seine Eltern schrieb (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 29.12.2009

Jan Felix Engelhardt interviewt die iranische Menschenrechtlerin Shadi Sadr, die auch über die Rolle der Frauen in der Protestbewegung spricht: "Ich habe persönlich gesehen, wie Frauen Slogans bestimmen und Demonstranten dirigieren. Das Problem ist, dass diese mutigen Frauen keine dominante Rolle in der politischen Führung der Bewegung spielen. Auf der Straße sind sie Anführerinnen, aber in der Politik sind sie unsichtbar."

"Wo sind die Grenzen zulässiger Religionskritik?", fragt die linke taz den katholischen Theologen Heiner Bielefeldt, der ein Verbot der Burqa, aber nicht ein Verbot des Kopftuchs an Schulen nachvollziehen kann und Islamkritik als Islamophobie ablehnt: "Die Abneigung gegen Ausländer oder anders Aussehende wird jetzt gern als Religionskritik ausgegeben, weil man hier bis in bürgerliche und linksliberale Kreise anschlussfähig ist."

Besprochen werden die Ausstellung "Hast du meine Alpen gesehen?" über jüdischen Alpinismus in Wien, eine CD des Münchener Duos Schlachthofbronx, Ausstellungen des Filmemachers Abbas Kiarostami und des Bildhauers Parviz Tanavoli in Dubai und eine Ausstellung über die propagandistische Ausschlachtung des Weihnachtsfestes durch die Nazis in Köln.

Tom.

Welt, 29.12.2009

Einheitskleidung statt Nacktscanner für Flugpassagiere fordert Gerhard Charles Rump in der Glosse. Manuel Brug porträtiert den Regisseur Damiano Michieletto als Modernisierer des Musiktheaters. Rainer Haubrich freut sich, dass die Akropolis jetzt wieder ohne störende Gerüste bewundert werden kann. Michael Pilz schreibt zum Tod des Songwriters Vic Chesnutt.

Besprochen werden die Ausstellung über "Deutschen Impressionismus" in der Kunsthalle Bielefeld, einige DVDs - darunter Filme mit Sybille Schmitz - und einige CDs.
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NZZ, 29.12.2009

Brigitte Kramer berichtet, dass das katalonische Parlament darüber debattiert, zumindest die spanischen Arten der Stierquälerei zu verbieten, katalanische sollen als identitätsstiftend beibehalten werden. Besprochen werden Cesare Lievis Inszenierung von Rossinis "Barbier von Sevilla" in Zürich, eine Ausstellung mit Möbeln des Hof-Ebenisten Andre Charles Boulle im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, Botho Strauß' Prosaband "Vom Aufenthalt", Dagmar Leupolds Roman "Die Helligkeit der Nacht" sowie Briefe von und an Erich Fried (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 29.12.2009

Die SZ widmet noch einmal eine ganze Seite dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen. Alex Rühle mag den Aufrufen grüner Politiker, nun müsse jeder selbst handeln, und Analysen von Peter Sloterdijk, Harald Welzer und Claus Leggewie, die eine neue Revolution ansagen, nicht recht folgen. Und Kathrin Hartmann kommt nach messerscharfer Analyse zu dem Ergebnis, dass selbst die ökologischsten Kaufentscheidungen "letztlich affirmativ und systemkonform" sind.

Weitere Artikel: Henning Klüver besucht die den angewandten Künsten gewidmete Mailänder Triennale, deren Star in diesem Jahr Frank O. Gehry ist.

Besprochen werden eine Ausstellung mit antiken Malereien in Rom, einige neue Rock-CDs von alten Helden, einige Frankfurter Ausstellungen, die in den Tagen des Suhrkamp-Exodus an die großen Tage und Helden des freien Geisteslebens in der Stadt erinnern (hier, hier und hier), und Bücher, darunter Jacob Burckhardts "Geschichte des Revolutionszeitalters" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 29.12.2009

Der russische Autor Viktor Jerofejew hat den unter Pseudonym geschriebenen Roman "Nahenull" des bei der Intelligenzja höchst unbeliebten hochrangigen Funktionärs Jurjewitsch Surkow - "Schöpfer der politischen Philosophie der 'gelenkten Demokratie'"- gelesen und zeigt etwas wie Respekt vor der tief empfundenen Verzweiflung, die aus dem Werk spricht. Selbst literarisch kann er dem Werk einiges abgewinnen: "Ich kann meinerseits sagen, dass ein gewisses Gefühl von Helligkeit, das auch ich empfand, bestimmt nicht durch den unschönen moralistischen Epilog entsteht (bei Romanen ist der Schluss nicht selten konventionell und unschön), der das Leben und die Liebe in den höchsten Tönen lobt (hier macht sich wohl des Autors Angst vor der eigenen Courage bemerkbar, denn er hat sich, ebenfalls ohne Rücksicht auf seinen Ruf, in seinem Buch einiges zu viel herausgenommen), sondern weil man spürt, wie grausam das Buch in tiefere Schichten der Wahrheit über unser Leben eindringt. Da wurde voll ins Schwarze getroffen - und alles hell beleuchtet vom unheimlichen Widerschein eines traurigen Wissens."

Weitere Artikel: Helge Buttkereit schildert aus eigener Anschauung, wie sich die Stadt Kaltenkirchen spät, aber doch der eigenen NS-Geschichte zu stellen begann. Vom bislang erfolglosen Versuch, das Stadttheater von Florenz zu verkaufen, berichtet Jörg Bremer. In der Glosse hat Edo Reents Probleme mit dem Wort "spannend". Marcus Weisbeck hat zum Abschied von der Dresdner Bank eine Hommage an das vom legendären Otl Aicher entworfene Corporate Design des Unternehmens verfasst. Hannes Hintermeier schreibt einen kurzen Nachruf auf den Theaterautor Kurt Wilhelm.

Besprochen werden die Pariser "Hommage a Merce Cunningham", die Ausstellung "Franz West, Autotheater" im Kölner Museum Ludwig und Bücher, darunter Michael Niehaus' literaturwissenschaftliche Studien "Das Buch der wandernden Dinge" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).