Heute in den Feuilletons

Große Kaliber

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2009. In der NZZ beschreibt Najem Wali den jüngsten Skandal um den arabischen Booker-Preis. In der SZ sieht sich Richard Powers nach Entschlüsselung seines Genoms zum Risikomanagement verpflichtet. Die FAZ fragt sich, warum der Bürgerrechtler Liu Xiaobo so still und heimlich verurteilt wurde. In der taz besucht Gabriele Goettle die Erfurter Tiertafel, und Ma Jian sieht seine Regierung einen gefährlichen Tiger reiten.

NZZ, 28.12.2009

Najem Wali sieht den Traum vom arabischen Booker-Preis wie eine schöne Seifenblase zerplatzen. Schon jetzt ist seine kurze Geschichte eine Abfolge von Skandalen und Absprachen: "Der jüngste Skandal allerdings, der die dritte, derzeit laufende Vergabe des Preises betrifft, ist sicherlich der aufsehenerregendste, denn die Verdächtigen sind in diesem Fall große Kaliber. Zwei Wochen vor der Bekanntgabe der Longlist ließen gut unterrichtete Kreise nicht nur die zum damaligen Zeitpunkt noch geheim gehaltenen Namen der Jurymitglieder durchsickern, sondern auch den Titel des Romans, der schon im Vorhinein für den Preis vorgemerkt war. Es hieß, einer geheimen Übereinkunft zwischen vier wichtigen Beteiligten zufolge solle der Preis in diesem Jahr der libanesischen Schriftstellerin Alawiya Sobh verliehen werden."

Weitere Artikel: Urs Schoettli fordert eine Rückbesinnung der Schweiz auf helvetische Tugenden: "Es genügt, Japan zu besuchen, um zu realisieren, was alles an öffentlicher Sauberkeit, Ordentlichkeit und Höflichkeit in unserem Land leichtfertig aus dem Fenster geworfen worden ist." Brigitte Kramer blickt auf den lateinamerikanischen Befreiungskampf zurück, der vor zweihundert Jahren begann und dem Kontinent Unabhängigkeit und Caudillismo brachten.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Inszenierungen von Brechts "Heiliger Johanna" und Lessings "Nathan der Weise" in Berlin und Hamburg.

FR, 28.12.2009

Hans-Jürgen Linke erinnert - quasi in letzter Sekunde - daran, dass 2009 Miles-Davis-Jubiläums-Jahr war. Wer bis 17. Januar nach Paris kommt, kann sich dort noch in der Cite de la musique eine Ausstellung zu Davis ansehen und -hören: "Sie ist voller Klangkabinen und Videoschirmen für Bild- und Musik-Aufnahmen aus verschiedenen Stilperioden; Notenblätter, handschriftlicher Notizen und Arrangements, Lebenszeugnisse, Original-Instrumente, Filme. Weil Miles Davis zu Paris eine enge Beziehung hatte (und umgekehrt), kann die Schau auch mit intensiven atmosphärischen Valeurs aufwarten."

Nach dem Tod von Hussein Ali Montaseri könnte der Ajatollah Yussef Sanei die neue Lichtgestalt der iranischen Opposition werden, hofft Katajun Amirpur: "Montaseri ganz ähnlich wandelte sich auch Sanei vom Revolutionär zum Dissidenten: Der aus Isfahan stammende Sanei gehörte seit den vierziger Jahren zum Kreis um den späteren Revolutionsführer Khomeini, beteiligte sich aktiv an der Revolution und wurde später Vorsitzender des einflussreichen konservativen Wächterrates. Zudem war Sanei in den achtziger Jahren Irans Oberster Richter. Doch 1988 zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Seither gilt er so genannter nouandish unter den Geistlichen, als 'Neudenker' - beispielsweise in Sachen Frauenrechte."

Weitere Artikel: Ulrike Rechel schreibt den Nachruf auf den amerikanischen Songwriter Vic Chestnutt. Franziska Schubert referiert einen Essay David Kaczynskis, dem 1995 dämmerte, dass sein Bruder Theodore der Unabomber ist.

Besprochen werden Aravind Adigas Erzählband "Zwischen den Attentaten" und Ulrich Thielemanns Band "Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 28.12.2009

Der in Göttingen lebende Politologe Behrouz Khosrozadeh beschreibt die Stimmung im revolutionären Iran und warnt den Westen, sich einen schmiegsameren iranischen Atomkurs zu erkaufen: "Eine Konsequenz könnte schon sehr kurzfristig eintreten: Aufgrund der inneren Krise könnte Ahmadinedschad seinen aggressiven Nuklearkurs ändern. Jedenfalls hat Irans Außenminister Manutschehr Mottaki bereits entsprechende Signale gegeben. Von den westlichen Regierungen ist jetzt diplomatisches Geschick gefordert: Sie müssen wissen, dass ein Arrangement mit Teheran in der Atomfrage ohne Rücksichtnahme auf die legitimen demokratischen Forderungen der Iraner nur einen Sieger hat: Ahmadinedschad."

Und noch zwei interessante kleine Meldungen: Amazon hat am ersten Weihnachtstag erstmals mehr digitale als gedruckte Bücher verkauft. Und die deutsche Musikindustrie wird 2009 zum ersten Mal mehr als zehn Prozent des gesamten Umsatzes mit dem Onlinegeschäft erzielen.
Anzeige
Stichwörter: Amazon, Iran, Musikindustrie

Welt, 28.12.2009

Die Redaktion blickt - hier und hier - zurück auf Kulturtrends 2009. Hannes Stein guckt sich oscarverdächtige Filme an. Kai Luehrs-Kaiser stellt die Klavierschwestern Katia und Marielle Labeque vor.

Besprochen werden eine Retrospektive von Katharina Fritsch in den Hamburger Deichtorhallen, Claus Peymanns Inszenierung von Goldonis Trilogie der schönen Ferienzeit", Georg Kaisers Stück "Von morgens bis mitternacht" in der Inszenierung von Tina Lanik am Münchner Residenztheater und einige CDs.

TAZ, 28.12.2009

Gabriele Goettle besucht (in diesem Monat auf knappen 684 Zeilen) die Erfurter Tiertafel, einen Verein, der Rentnern und Arbeitslosen bei der Versorgung ihrer Haustiere hilft und im Viertel am Berliner Platz beheimatet ist: "Ein heller Raum, sparsam möbliert mit Topfpflanzen und Tierpostern an der Wand. In halbhohen Holzregalen warten die Vorräte auf Verteilung. Aus großen blauen Plastiktonnen verteilen zwei ehrenamtliche Helferinnen Trockenfutter und Katzenstreu. Neben der Eingangstür sitzt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin am Tisch, vor sich ein Kästchen mit Karteikarten, eine Blattpflanze und eine Spendenbüchse."

Ines Kappert unterhält sich mit dem im Londoner Exil lebenden chinesischen Schriftsteller Ma Jian über seinen Roman "Peking Koma". Chinas Oberschicht, glaubt er, reitet mit ihrem unsozialen Kapitalismus einen gefährlichen Tiger: "Im Moment drängen zigtausend Bauern vom Land in die Stadt, um dort als Wanderarbeiter Geld zu verdienen. Finden sie keine Jobs, können sie meist nicht mehr zurückkehren, denn sie haben ihr Land aufgegeben. Die reichen Städte werden so von armen Wanderarbeitern umzingelt, die alles verloren haben."

Auf der Meinungsseite kommentiert Jutta Lietsch das Urteil gegen den Dissidenten Liu Xiaobo, den Peking für elf Jahre ins Gefängnis stecken will: "Das Urteil sollte alle aufrütteln, die so naiv sind, den Versicherungen hoher KP-Funktionäre zu glauben, die Partei wolle China langsam, aber sicher in einen Rechtsstaat verwandeln. Das immer wieder vorgebrachte Argument, China sei zu groß und zu kompliziert und könne deshalb nicht mehr Bürgerrechte verkraften, ist Augenwischerei. Die Repressionen werden nicht schwächer, wie Funktionäre gern behaupten."

Und Tom.

SZ, 28.12.2009

Der amerikanische Schriftsteller Richard Powers hat sein Genom entschlüsseln und sich erklären lassen. Auf der Rückreise sieht er in der Flughafenhalle plötzlich nur noch Gene: "Das Neugiergen, das Unzufriedenheitsgen, das Problemlösungsgen, die Gene für nervöse Beine, nervösen Magen, nervösen Verstand, in ihrer endlosen Rekombination schon an der Schwelle zur nächsten Inkarnation. Wir haben lange gebraucht, uns von bloßen Figuren im Buch unseres Lebens zu Mitautoren zu entwickeln. Das individuelle Genom ist ein weiterer zaghafter Schritt vom Schicksal zur Selbstbestimmtheit, vom Fatalismus zum Risikomanagement. Wir legen uns fest darauf, dass wir nicht festgelegt sind." (Hier der englische Text.)

Abgedruckt sind kurze Auszüge aus den Essays des gerade zu 11 Jahren Haft verurteilten chinesischen Regimekritikers Liu Xiaobo: "Unterstützt die freien und demokratischen Kräfte in der Bevölkerung, stützt nicht die Erneuerung der Gesellschaft durch einen radikalen Regimewechsel, sondern nutzt kleine soziale Veränderungen, um den Wechsel des Regimes zu erzwingen, das keine Legitimation hat."

Weitere Artikel: Der Anwalt Wolfgang Kaleck beschreibt aus Buenos Aires den ersten Tag im Prozess gegen Militärs aus der Marineschule ESMA, die während der Militärdiktatur 1976 bis 1983 viertausend Oppositionelle gefoltert und ermordet haben (mehr hier). Nicht Flashgeflacker, sondern gute Nutzerführung ist im Webdesign gefragt, stellt Markus Zehentbauer fest. Die Kulturwissenschaftlerin Sibylle Peters verteidigt die Power-Point-Präsentation gegen "die Verfechter klassisch-elitärer Vortragskultur". Karl Bruckmaier schreibt zum Tod des amerikanischen Songwriters Vic Chesnutt.

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Antonius und Cleopatra" an der Wiener Burg, eine Choreografie von Nacho Duato zu Musik von Bach in München und Bücher, darunter eine französische Geschichte Münchens von Jean-Paul Bled und Matthias Horx' "Buch des Wandels" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 28.12.2009

Sehr bezeichnend findet es Mark Siemons, dass das offizielle Peking mit den Forderungen des Dissidenten Liu Xiaobo - und seiner Verurteilung zu zwölf Jahren Haft - so still und so heimlich verfährt wie in früheren Zeiten: "Denn die Art und Weise, wie der Staat da auf die Forderung nach Gewaltenteilung reagiert, die der Kern der von Liu mitverfassten Charta 08 war, verweist auf eine sonst peinlichst verdeckte wunde Stelle der chinesischen Entwicklung: Die Widersprüche zwischen der von der Kommunistischen Partei heute beanspruchten Modernisierung und ihrer nach wie vor leninistischen Struktur brechen offen auf."

Weitere Artikel: Lena Bopp geht der Frage nach, wie es um den deutsch-französischen Kulturaustausch steht. Tobias Rüther findet ein an den historischen Geschehnissen seltsam desinteressiertes Tagebuch aus dem Jahr 1989 in seinem Redaktionsbüro - aber keinen, der es verfasst haben will. Jordan Mejias referiert ausführlich einen Artikel des Juristen Jeffrey Toobin, der im New Yorker abwägt, inwiefern sein Celebrity-Status dem Regisseur Roman Polanski in seinem nach der Inhaftierung wieder aktuellen Fall genutzt und geschadet hat. Sehr kurz schreibt Edo Reents zum Tod des Musikers Vic Chesnutt.

Besprochen werden die erste Fotobiennale im Russischen Museum in Sankt Petersburg, eine Baseler Ausstellung mit Werken des flämischen Maler Frans II. Francken, eine Frank-Lloyd-Wright-Ausstellung im Guggenheim Bilbao, die Filme "Wenn Ärzte töten" und "Albert Schweitzer" in Kürze und Bücher, darunter Veronique Witzigmanns Aufruf "Rettet die Tafelrunde!" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).