Heute in den Feuilletons

Postsozialistisches Sinnvakuum

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2009. Die Buchmesse dominiert die Feuilletons noch. Die Chinesen sind sich laut Welt noch nicht ganz sicher, ob sie den Frankfurter "Krieg ohne Kugeln" gewonnen haben. Die FR berichtet über die angeblich vom Auswärtigen Amt betriebenene Ausladung der Dissidentin Dai Qing.  Der SZ gelang es trotz guten Zuredens sinophiler Experten nicht, Sympathie für die offizielle Delegation aus China aufzubringen. Carta erklärt, warum Libreka nicht funktioniert. 

Welt, 19.10.2009

In einem Essay auf der Forumsseite wehrt sich der Autor Reinhard K. Sprenger gegen den "sanften Terror" eines Staats, der immer besser weiß, was gut für uns ist: "Er hat eine Idee vom guten Leben und will sie durchsetzen. Der Mensch könne und müsse verändert werden, verbessert, veredelt. Sein Wollen wird durch das Sollen ersetzt. Er soll nicht rauchen, nicht trinken, nicht dick sein, nicht auf Konsum verzichten, nicht Autos fahren, die älter als neun Jahre sind, nicht kinderlos sein, nicht ins Rockkonzert gehen, sondern in die Oper (deshalb wird die Oper subventioniert, das Rockkonzert aber nicht), er darf nicht einmal sterben, wie er will."

Eine gemischte Bilanz ziehen die Chinesen von der Buchmesse, berichtet Johnny Erling im Feuilleton. Wie sich das liest, zeigt ein von Erling angeführtes Zitat aus der Global Times: "Es war nur ein kleiner Kulturkonflikt, mit dem wir es zu tun bekamen. Aber er dient uns als Warnung, dass Kulturdiplomatie ein Krieg ohne Kugeln ist, bei dem wir subtilere Wege als die der direkten Konfrontation gehen sollten. Wir müssen erst auf unsere Zivilisation stolz sein, bevor wir andere beeinflussen können."

Weiteres: Die Vandalen waren besser als ihr Ruf, versichert Berthold Seewald und stützt sich dabei auf eine Ausstellung in Karlsruhe. Hendrik Werner glossiert den Versuch des maroden Musicaltheaters von Bremen, sich mit einer Inszenierung voller nackter Menschen zu retten. Uwe Wittstock berichtet von der Verleihung des Friedenspreises an Claudio Magris. Hendrik Werner liest einige als Krimis erschienene Nachdichtungen von "Tatorten". Und Michael Pilz beobachtete Nick Cave bei der Vorstellung seines Romans "Der Tod des Bunny Munro" in Hamburg. Besprochen wird Rossinis "Tancredi" im Theater an der Wien.

Spiegel Online, 19.10.2009

Nachzutragen ist die Meldung aus Spiegel Online, dass Elke Heidenreich mit der Internetversion ihrer Sendung "Lesen!" aufhört: "Auf die Frage, ob sie unzufrieden sei mit der Zahl ihrer Internetnutzer, sagte Heidenreich dem br, das Netz sei einfach nicht jedermanns Ding. Die Leute, die ihre ZDF-Sendung gesehen hätten, seien älter gewesen als jene, die jetzt im Netz auf ihrer Internetseite surften."

Aus den Blogs, 19.10.2009

Jürgen Scheele und Robin Meyer-Lucht erklären in Carta die bisher offenbar extrem enttäuschenden Verkäufe der vom Börsenverein erstellten E-Book-Plattform Libreka so: "Herta Müllers 'Atemschaukel' kostet beispielsweise als E-Book bei Libreka! (und dank Online-Buchpreisbindung auch überall sonst) 16,90 Euro. Das gebundene Buch kostet 19,90 Euro. Das E-Book muss über einen technisch ungelenken Registrierprozess (Shop & DRM) heruntergeladen werden, kann nicht ausgedruckt, nicht verliehen und nicht weiterverkauft werden. Es fehlt der aufwändige physische Träger. Und trotzdem ist das E-Book gerade einmal 15 Prozent günstiger als das Hardcover. Das erinnert an die Musikindustrie, die es zu Beginn mit Single-Downloads zum Preis einer physischen Single versucht hat."

Der Medienpädagoge Stephan Ruß-Mohl wittert in einem Beitrag für die Medienzeitschrift Message Potenzial für seine Branche. "Die Generation 'Wikipedia' ist oftmals erstaunlich naiv, nicht nur im blinden Vertrauen auf ungeprüfte Quellen. Medienpädagogik - soll heißen Schulunterricht, um den Umgang mit Medien zu lernen - ist im Internet-Zeitalter wichtiger als je zuvor, setzt allerdings auch eine neue Generation medienkompetenter Lehrer und Lehrerinnen voraus." Ruß-Mohls Beitrag wendet sich gegen die 17 Thesen des "Internet-Manifests" und möchte die Notwendigkeit des traditionellen Journalismus unterstreichen..

Nach diesen Gegenthesen macht sich Stefan Winterbauer in seinem Blog für Meedia Sorgen um die "Zunft der Medien-Akademiker".

Tablet Computer werden den Magazinjournalismus retten, meint Erick Schonfeld in Techcrunch: "A tablet computer holds forth the promise of a high-resolution color screen that is big enough so you won?t have to squint at it. Tablets will be portable and comfortable enough to hold in your hands while you are sitting in an easy chair. And subscriptions can be delivered on an ongoing basis as quickly as an issue or an article can be published, without those pesky printing, paper, or shipping costs."
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NZZ, 19.10.2009

Ein zwiespältiges Resümee zieht Andreas Breitenstein aus dem Auftritt von China bei der Buchmesse. Hier die Offiziellen, die sich oft der Diskussion entzogen, dort die Dissidenten, die auf Dauer auch etwas eindimensional wirken können. "Dass sich intellektuelles Leben regt zwischen den erstarrten Fronten, wurde in Foren deutlich, die abseits der China-Halle lagen. (...) So sprach der Kunstkritiker Chen Danqing über das postsozialistische Sinnvakuum und die Wut der Jugend, die leicht nationalistisch auszubeuten sei. Der Kolumnist Xu Zhihuan analysierte die Legitimationskrise der Partei sowie deren Geschichtspolitik (im Gegensatz zur Mao-Zeit positioniere sich China heute als Opfer). Der Historiker Qin Hui und der Sozialwissenschafter Yu Jianring forderten die volle Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit. Vieles erinnert heute in China an die verspätete deutsche Nationswerdung, aber auch an die Situation nach dem Weltkrieg, als sich Wirtschaftswunder und Verdrängung bedingten."

Weitere Artikel: Maryam Schumacher begibt sich auf die Suche nach den heutigen Zoroastriern, den Anhängern einer der ältesten monotheistischen Religion. Joachim Güntner berichtet über die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Claudio Magris und sieht in dem Preis vor allem eine "identitätspolitische Geste" Deutschlands.

Besprochen werden die Neuinszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" am Opernhaus Zürich sowie ein Sinfoniekonzert des Züricher Tonhalle-Orchesters, bei dem unter anderem Stücke von Mozart und dem japanische Komponisten Toru Takemitsu aufgeführt wurden.

FR, 19.10.2009

Die Buchmesse geht zu Ende, wie sie angefangen hat: mit einem Skandal. Die chinesische Umweltaktivistin und Dissidentin Dai Qing durfte bei der Abschlussveranstaltung, die Buchmesse und Auswärtiges Amt gemeinsam ausgerichtet hatten, nicht reden, berichtet Natalie Soondrum (ob nur online oder auch im Print, bleibt unklar). Obwohl sie dazu eingeladen war. Peter Ripken von der Buchmesse sagte ihr eine Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung ab. "Als sie wissen wollte, weshalb sie nicht sprechen dürfe, habe ihr Ripken geantwortet, das Auswärtige Amt wünsche es nicht, und er stimme zu 100 Prozent mit dem Ko-Veranstalter überein. Dolmetscher Shi Ming sagt: 'Seine Argumentation änderte sich, er sagte auch einmal, er sei sowieso nie damit einverstanden gewesen, dass Dai Qing spricht. Später sagte er, das Auswärtige Amt wünsche ihre Ansprache nicht.'"

Weitere Artikel: Abgedruckt ist die Dankesrede von Claudio Magris zur Verleihung des Deutschen Buchpreises (nicht online). Arno Widmann würdigt ihn als "Dolmetscher der Kulturen". Franziska Schubert berichtet ziemlich kurz über den Besuch der Autoren Chen Guidi und Wu Chuntao in der Redaktion der FR. In Times mager findet Judith von Sternburg die Aufregung um die französische Vogue - dort wurde ein weißes Model mit schwarzer (und weißer) Farbe im Gesicht fotografiert - eher übertrieben. Besprochen wird Christoph Mehlers Inszenierung von Patrick Marbers Stück "Hautnah" am Schauspiel Frankfurt.

TAZ, 19.10.2009

Wie um Gottes Willen erzielt man auf einem so hysterischen Ereignis wie der Buchmesse Aufmerksamkeit?, fragt Dirk Knipphals in seinen Impressionen in Frankfurt. "Als großer Meister darin erwies sich in Frankfurt Frank Schätzing - nur ist man sich nicht sicher, ob das wirklich immer nur positive Aufmerksamkeit war. In immer anderen, allesamt aber sehr seltsam und irgendwie prollig aussehenden Jacken hielt er sein Gesicht betont professionell in die Kameras; klar muss man das machen, aber bei ihm hatte man als Zuschauer stets den Eindruck, er würde Harley Davidsons verkaufen, keine Bücher."

Weitere Artikel: In tazzwei glaubt Jutta Lietsch nicht recht, an die "Soft power", die das chinesische Regime aufbietet, um das Bild von sich zu verbessern: "Solange die KP-Propagandisten das letzte Wort haben und nicht die Journalisten, wird ihnen niemand glauben."

Besprochen werden ein Album des Songwriters Paddy McAloon und das das über den Woyzeck und die Leiziger Demonstrationen von 1989 reflektierende Spektakel "Büchner/Leipzig/Revolte" des Schauspielers Thomas Thieme in Leipzig.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 19.10.2009

Bernhard Bartsch fasst chinesische Reaktionen auf die Buchmesse zusammen. "So wirft ein Artikel auf der Website der parteinahen Volkszeitung deutschen Medien vor, 'China boshaft kritisiert' zu haben. Diese seien 'von allen europäischen die arrogantesten und sarkastischsten', sagt der Politologe Zhao Guojun von der Akademie für Sozialwissenschaften in Shanghai." Ein Internetnutzer dagegen "vermerkte lakonisch: 'Der Ehrengast ist nicht China, sondern Chinas Kommunistische Partei.'"
Stichwörter: Sozialwissenschaft

SZ, 19.10.2009

Drei Artikel gelten der Buchmesse: Alex Rühle hat trotz Aufforderung durch sinophile Experten nach der Buchmesse nicht mehr Sympathie für die offizielle chinesische Delegation als vorher - aber immerhin gratuliert er uns zu den vielen interessanten Übersetzungen, die der China-Schwerpunkt gebracht hat. Eine offizielle PK schildert Rühle so: "Dann gibt es eine Fragenrunde. Es werden sieben Fragen von chinesischen Journalisten zugelassen, die inbrünstig darum bitten, dass noch mal die langweiligsten Zahlen wiederholt werden. Dann ist die Redezeit um. Nein, stimmt nicht, das ist polemisch. Zwei Westler durften auch etwas fragen: Was wird dem verschleppten Pen-Präsident Liu Xiaobo vorgeworfen? 'Woher sollen wir das wissen?'" Außerdem verfolgte Franziska Augstein die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Claudio Magris. Und Jens-Christian Rabe zeichnet in den "Nachrichten aus dem Netz" die Buchmessendebatten über das Ebook nach. Auf der Literaturseite wird außerdem Claudio Magris' Friedenspreisrede dokumentiert.

Weitere Artikel: Neben einem "Dirigenten-ABC" mit sämtlichen angesagteren Orchesterleitern rät Reinhard J. Brembeck davon ab, nach dem bevorstehenden Abschied Christian Thielemanns von den Münchner Philharmonikern "den unseligen Titel 'Generalmusikdirektor' überhaupt noch einmal zu vergeben. Nicht nur, weil das eine Berliner Erfindung ist mit militärischem Beigeschmack. Sondern weil kaum zu erwarten ist, dass ein Dirigent noch jahrzehntelang bei einem Orchester bleibt." Rudolf Chimelli rät zu einem milden Umgang mit dem Iran. Und Sonja Zekri hat die Moskauer Biennale unter dem Motto "Against Exclusion" besucht.

Besprochen werden Gioacchino Rossinis "Tancredi" unter Rene Jacobs in Wien und neue DVDs.

FAZ, 19.10.2009

Der (demnächst Ex-)Verleger Egon Ammann erklärt, warum diese Buchmesse für ihn die letzte war: "Die leidenschaftlichen Debatten um politisches Engagement wie um literarische Formen fehlen; auf dem Feld der Literatur fehlt auffallend das historische Gedächtnis; aus den Wilden von einst sind Direktoren geworden, zumindest ihrem Auftreten nach, und es dreht sich, wie das unter Direktoren so üblich ist, fast alles nur noch um Bestseller, Verkaufszahlen, um Strukturbereinigungen und getätigte Abschlüsse."

Weitere Artikel: Wu Shulin, Vizeminister im chinesischen "Amt für Presse und Publikationen", erklärt im Interview, dass er "ganz zufrieden mit dem Verlauf der Buchmesse" sei. In seinem Bericht von der Verleihung des Friedenspreises staunt Richard Kämmerlings nicht zuletzt über die Eleganz und Gelassenheit mit der Preisträger Claudio Magris recht vernichtende Urteile über die Weltlage fällt. In der Glosse hört Jürg Altwegg das mediale Echo des Muezzins der Moschee im deutschen Rheinfelden bis hinüber in die Schweiz, wo es eine Initiative zum Verbot des Minarettbaus gibt. Gina Thomas berichtet von einer Londoner Tagung zur Wiedervereinigung, die sich auf die nun geöffneten Akten des britischen Außenministeriums stützen konnte. Aus den USA kann Katja Gelinsky vermelden, dass nun auch die Juristen über Barack Obamas Gesundheitsreform streiten. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an den Komponisten Manfred Trojahn (60), den Musiker George Crumb (80), die Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. LeGuin (80) und die Schriftstellerin Doris Lessing (90).

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Franz Grillparzers "Goldenem Vließ" in Berlin ("szenischer Leerlauf zwischen Unfug und Einfalt", schimpft Irene Bazinger), ein Konzert der Band Die Sterne in Köln, Martin Schläpfers erster Ballettabend in der Deutschen Oper am Rhein, die Ausstellung "Seized. Kunst und Recht III" im Art Laboratory Berlin und Bücher, darunter Günter Wallraffs neuer Undercover-Bericht "Aus der schönen neuen Welt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).